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Interview mit Carl Carlton

Bonedo: Was mir bei der neuen CD „Songs for the lost and brave“ sofort aufgefallen ist: Auf dem Cover ist der Gitarrist Carl Carlton mit einer Mandoline zu sehen. Hast du einen besonderen Bezug zu diesem Instrument?

Vor eineinhalb Jahren habe ich zum Geburtstag von meinem Sohn eine Mandoline geschenkt bekommen. Die stand zunächst nur in der Ecke rum, obwohl es ein antikes Stück war und er – genau wie sein Vater – nicht auf den Preis geschaut hat. Ich habe den Sound der Mandoline eigentlich immer bei Gruppen wie The Band und anderen bewundert und hätte schon gerne gelernt, wie man sie spielt. Im letzten Jahr habe ich mir dann das Spielen beigebracht. Ich denke ich spiele inzwischen recht passabel. Sie ist auch immer dabei, wenn ich unterwegs bin. Ich geh laufend allen möglichen Leuten auf den Sack mit der Mandoline (lacht). Es macht Spaß, so typische Mandolinensongs wie etwa „Maggie Mae“ zu spielen.

B: Kommt die Mandoline dann auch häufig auf der CD vor?

Nein, es ist eigentlich nur ein Song drauf: „Shadow of the wind“. Und da spielt Larry Campbell von Bob Dylans Band die Mandoline. Ich selbst war damals noch nicht so weit, um sie im Studio zu bedienen.

B: Wie siehst du selbst die neue Scheibe?

Ich denke, wir haben uns ein gutes Stück weiterentwickelt, denn das Leben hat quasi diese Songs geschrieben. Zuerst waren die Songs und dann kam erst der Deal, es war völlig ungezwungen. Wir sind auch handwerklich besser geworden und haben für uns einen Meilenstein hingelegt.

B: Die Songdogs sind ja in aller Welt verstreut. Hast du einmal zusammengezählt, wie viele Kilometer du im Jahr unterwegs bist, wie viele Stunden im Flugzeug oder am Telefon?

Ich habe nicht Buch geführt, aber die Logistik ist wirklich grauenhaft (lacht). Zumal wir ja auch nicht soviel Geld mit den Songdogs verdienen. Aber wir sind eine eingeschworene Band; wenn ich die Leute anrufe, weil es etwas mit den Songdogs zu tun gibt, dann kommen auch alle. Das ist toll. Aber das ist vielleicht auch der Grund, warum die Konzerte jetzt zur CD-Veröffentlichung so gut waren. Wir haben sogar von eher kritischen Leuten sehr gutes Feedback bekommen. Es war selten so gut!

B: Wie muss man dein Verhältnis zwischen der Arbeit mit Leuten wie Peter Maffay und der Arbeit mit den Songdogs sehen? Ist das eine eher ein Job, wobei ich das Wort jetzt keinesfalls negativ meine, und das andere deine pure Passion?

Die Songsdogs sind einfach ohne Kompromisse, auch weil wir nicht auf die Charts oder so schielen. Wir machen halt konsequent unsere Musik, und ich denke, das zahlt sich jetzt auch aus. Was die anderen Arbeiten betrifft, da ist es unterschiedlich. Die Sachen mit Robert Palmer etwa habe ich auch überhaupt nicht als Job gesehen, das war das reine Vergnügen. Aber die Songsdogs, das ist die Bibel, mein Herz.

B: Im Info zur CD steht ein Satz, dass in Woodstock, wo ihr aufgenommen habt, die Zeit stehen geblieben ist. War das wichtig für die Aufnahmen, klingt das Album deshalb auch zeitlos?

Ich denke schon, dass es wichtig war, in Woodstock aufzunehmen. Ich weiß aber nicht, von wem der Satz ist. Vielleicht hätte man das anders besser ausdrücken können. Woodstock hat einfach eine ganze eigene Vibration, weil dort eben sehr viele Künstler leben. Die Leute dort sind unheimlich gastfreundlich und großzügig. Levon Helm kenne ich ja schon länger und er hat mich schon oft eingeladen, in seinem Studio zu arbeiten, wo auch The Band aufgenommen hat. Und die Scheune, in der wir gespielt haben, hat soviel Charakter, dass es gar nicht ausbleibt, dass das Einfluss auf die Musik hat. Ich suche mir ja immer solche speziellen Orte. Für die Songsdogs gäbe es nichts Schlimmeres als ein Neon beleuchtetes Hightech-Industriestudio. Das würde nicht funktionieren. Gebt uns eine alte Scheune, ein altes Haus in den Swamps oder so, das haut hin! Das gemeinsame Essen und das Abschalten sind dabei genauso wichtig, wie nicht im Hinterkopf zu haben, dass da jetzt eine Studiouhr läuft. Wenn wir zusammen sind, dann ist es schon so ein bisschen wie ein Familiencamp, und man macht halt auch noch Musik.

B: Deshalb klingt das Album wahrscheinlich auch so entspannt …

… dazu kommt aber auch noch, dass Levon gesagt hat: „Ich weiß, dass ihr ein kleines Budget habt, also vergesst erstmal die Kohle und macht so lange Musik, bis ihr fertig seid“. Das war natürlich auch eine große Hilfe.

B: Der erste Song von „Songs for the lost and brave“, beziehungsweise das Riff von „Spoke on the wheel“ klingt so, als hättest du es bei einem Bierchen zusammen mit Ronnie Wood geschrieben. Lebt er noch in Dublin?

Er lebt etwas außerhalb von Dublin, aber ich habe ihn im letzten halben Jahr nur zwei Mal am Telefon erlebt. Ich denke aber, die Stones hätten diesen typischen Sound nicht, wenn sie so um 1968 nicht Leute wie Ry Cooder oder Gram Parsons um sich gehabt und das Open-Tuning entdeckt hätten. Sie haben ihren Sound so ab Beggars Banquet richtig entwickelt, als die Einflüsse aus Louisina kamen. Ich denke, „Spoke on the wheel“ ist so eine Mischung aus Musik, mit der ich aufgewachsen bin: Countryblues, Opentunings – und wenn du dann ein bisschen Groove hast, und dann in Open-D oder D-Flat mit Capo spielst, dann entwickelt sich automatisch dieser Sound. Auch bei vielen Little Feat Sachen sagt man ja, dass die früher wie die Stones klangen. Was Ronnie betrifft: Er hat uns beim ersten Album sehr geholfen.

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B: Bei „For what it’s worth“ singt dein Sohn Max Buskohl mit. Eure erste öffentliche Zusammenarbeit?

Ja, es ist das erste Mal, dass wir zusammen aufgenommen haben. Und es war toll. Ich beobachte natürlich, wie er sich mit seiner Band entwickelt. Die Idee, dass er gerade bei dieser Nummer mitmacht, kam aber von Eric Burdon. Er kennt Max auch schon seit vielen Jahren und die Idee hinter diesem Stephen-Stills-Song war, dass Eric die Zeit von etwa 1966 bis Mitte der Siebziger präsentiert, ich die Zeit bis zu den Neunzigern und Max dann von den Neunzigern bis heute.

B: Auf der CD hast du auch deine schlechten und schlimmen Zeiten verarbeitet, etwa in „King of Nothing“. Wie stehst du zu der Theorie, dass man als Musiker zwar klasse Songs schreibt, wenn es einem gut geht, aber die besten Sachen immer dann entstehen, wenn es einem richtig dreckig geht?

Mmmh …(lange Pause) … ich muss sagen, wenn mein Herz mal wieder so richtig tickt, wenn ich verknallt bin, was auch nicht alle Tage vorkommt, oder wenn ich sonst irgendwelche Hochs habe, dann kann ich das auch gut verarbeiten. Es ist ein Song auf dem Album, der vielleicht nicht so auffällig ist, „High in a sweet release“, den hab ich geschrieben, als ich Naomi West in Los Angeles kennengelernt habe, und die ganze Sache mit meiner kaputten Ehe verarbeitet hatte. (Pause) Obwohl, wenn ich mehr darüber nachdenke, fällt es mir schon ein bisschen einfacher zu schreiben, wenn es etwas dunkler ist in der Seele (lacht).

B: Du hast ja praktisch mit fast allen Musikern und Größen verschiedenster Stilrichtungen zusammengearbeitet, die in den Rocklexika auftauchen. Was ist das Geheimnis, dass ausgerechnet Du derjenige bist, mit dem alle arbeiten?

Ich weiß es nicht. Da meine Eltern sehr früh verstorben sind, bin ich auch früh auf die Straße gesetzt worden. Ich bin auch bald schon losgefahren, nach Holland zum Beispiel, und habe da mit verschiedenen Bands gespielt. Und vielleicht hat auch meine Happy-go-lucky-Art dazu beigetragen, dass mich die Leute gerne um sich hatten. Ich habe mich in Songs oder Produktionen auch immer gleich mit eingebracht. Und dann geht halt so eine Spirale los. Der kennt den, empfiehlt dich dort, der wiederum kennt wieder jemand – und irgendwie geht dann so eine Reise los. Aber natürlich unterscheide ich auch und mache nicht alles. Deshalb bin ich auch kein Studiomusiker geworden. Bei all den Projekten, bei denen ich auftauche, habe ich auch eine Tour mitgespielt oder an dem Album mitgearbeitet, als Songwriter oder Coproduzent. Ich würde ungeduldig werden, wenn ich Studiomusiker wäre, der gebucht wird und dann vom Produzenten gesagt bekommt „Jetzt spiel mal wie …“. Ich hatte das Glück, dass ich immer gebucht wurde, weil die Leute mich wollten und nicht jemanden, der spielen kann wie zum Beispiel George Harrison. Das macht das Leben schon etwas einfacher.

B: Es gibt ja auch diese Anekdote mit dem Engagement bei Bruce Springsteen, das du abgelehnt hast, weil du mit deinen Kindern auf den Weg in den Urlaub warst. Hast du es jemals bereut?

Nein, das kann man nicht bereuen, zumal ich ja danach auch persönlichen Kontakt mit ihm hatte. Ich schicke ihm auch meine Alben und vielleicht arbeiten wir wieder zusammen, wenn die E-Street-Geschichte etwas abgeklungen ist. Wenn Bruce in Deutschland auf Tour ist, dann ruft er öfter mal an. Auch zu Clearence Clemmons habe ich noch Kontakt. Wirklich ein guter Mann, ein guter Kumpel, der auf der Erde geblieben ist. Aber ich konnte das damals meinen Kids wirklich nicht antun. Wir standen fertig gepackt im Innenhof und wollten gerade los auf diesen Abenteuerurlaub, als der Anruf kam. Ich hätte das einfach nicht machen können – die Kinder wussten ja auch nicht, wer Springsteen ist. Was hätte ich ihnen sagen sollen?

B: Es gibt ja auch diese Anekdote mit dem Engagement bei Bruce Springsteen, das du abgelehnt hast, weil du mit deinen Kindern auf den Weg in den Urlaub warst. Hast du es jemals bereut?

Nein, das kann man nicht bereuen, zumal ich ja danach auch persönlichen Kontakt mit ihm hatte. Ich schicke ihm auch meine Alben und vielleicht arbeiten wir wieder zusammen, wenn die E-Street-Geschichte etwas abgeklungen ist. Wenn Bruce in Deutschland auf Tour ist, dann ruft er öfter mal an. Auch zu Clearence Clemmons habe ich noch Kontakt. Wirklich ein guter Mann, ein guter Kumpel, der auf der Erde geblieben ist. Aber ich konnte das damals meinen Kids wirklich nicht antun. Wir standen fertig gepackt im Innenhof und wollten gerade los auf diesen Abenteuerurlaub, als der Anruf kam. Ich hätte das einfach nicht machen können – die Kinder wussten ja auch nicht, wer Springsteen ist. Was hätte ich ihnen sagen sollen?

B: Inzwischen lebst du seit 15 Jahren in Dublin. Warum bist du dahin gezogen?

Das hat mit meiner Bekanntschaft mit Ronnie zu tun. Nach einem Konzert, das ich mit Robert Palmer in London gespielt hatte, lernte ich ihn kennen. Er hat an diesem Abend als Gast bei Little Richard mitgemacht. Es gibt Leute, die trifft man und man muss nicht viel sagen, man meint, man kennt sich schon ewig. Da ist einfach ein gemeinsamer Draht. Das hast du sicher auch schon erlebt. Damals hatte ich gerade „Das Irische Tagebuch“ von Heinrich Böll gelesen. Ronnie hat mir erzählt, dass er in Irland lebt und als ich sagte, dass ich da auch gerne mal hin will, hat er mich eingeladen. Wir sind dann gleich nach der Show hingeflogen. Meine Freundin kam nach und wir waren dann dort: eine Woche, zwei Wochen, drei Wochen … Und dann haben wir uns entschieden da zu bleiben. Die Iren sind etwas Besonderes. Ich sage Irland ist das Jamaika des Nordens! Jeder kennt jeden, die Leute sind unheimlich aufgeschlossen und locker. Nicht so wie bei uns, wo viele einen Stock im Arsch haben. Es geht in Irland viel um Kultur, Familie, Feiern, Musik und Theater. Und irgendwie haben die Iren viel Zeit. Jeder kommt zu spät, aber keiner macht einen Stress daraus. Sogar ein Gerichtstermin kann sich mal locker um eine Stunde verschieben – und keiner stört sich dran. Das ganze Lebensgefühl dort hat mir unheimlich gefallen. Man hat wirklich mehr Zeit, obwohl der Tag auch nur 24 Stunden hat.

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von alois.c. braun

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