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10.09.2013

Workshop Kreatives Rhythmus Gitarrenspiel #6 - Cluster und Quartvoicings

Gitarren Akkorde online lernen - Kreatives Rhythmus Gitarrenspiel

Akkordwissen für Gitarristen

Hallo, verehrte Leser meiner Akkordworkshopreihe. In der letzten Folge haben wir uns vornehmlich mit einem Akkordtyp beschäftigt, dem Slashchord, den wir nicht mit unserer herkömmlichen Akkordkonstruktion durch Terzenschichtung herleiten können. Doch das war nur eine von vielen Möglichkeiten, denn in der Tat gibt es eine Vielzahl von Akkordstrukturen, die auch auf anderem Wege zu sehr interessanten Gebilden führen.

Einer weiteren, nicht terzengeschichteten Akkordform wollen wir uns heute widmen. Dabei geht es um sogenannte Cluster und Quartvoicings und generell solche Akkorde, die wir durch das Aufeinanderstapeln von bestimmten Intervallen erhalten.

Gehen wir in der Zeit ein wenig zurück, und zwar ins Jahr 1959, als Miles Davis das stilprägende Album "Kind of Blue" veröffentlichte. Eine Platte, die ich übrigens jedem auch nicht-jazzaffinen Musiker wärmstens ans Herz legen möchte, denn erstens ist sie wunderschön und zweitens voller Ideen und Inspirationen. Kind of Blue markiert im Jazz eine Epoche, die auch gerne als "modaler Jazz" bezeichnet wird, denn bei einer Vielzahl der Stücke geht es nicht um komplexe Akkordchanges, sondern vielmehr steht ein Modus (eine Kirchentonleiter) im Zentrum der Komposition und die Improvisationen bewegen sich "unimodal" innerhalb dieser einen Kirchentonleiter. Betrachten wir gleich das erste Stück "So what" - eine 32 taktige AABA Form, bestehend aus den A-Teilen mit 16 Takten Dm7, 8 Takten Ebm7 im B-Teil und dann wieder ein A-Teil mit 8 Takten Dm7.

Das Eingangsmotiv des Stückes ist Folgendes:

Muss man über einen so langen Zeitraum lediglich über einen Akkord spielen, so trifft der Solist natürlich auf die schwierige Aufgabe, sein Solo über die wenigen Harmoniewechsel interessant zu gestalten. Der Begleiter hat es allerdings mindestens ebenso schwierig, denn lediglich einen Dm7 bzw. Ebm7 Akkordgriff über diese Länge zu spielen, kann ja nicht die Lösung sein.

Gott sei Dank liefert uns der damalige Pianist Bill Evans gleich im Intromotiv eine tolle Idee, wie wir diesem Problem entgegenwirken können:

Was ihr hier seht, sind zwei Akkorde, die lediglich mit Quarten gebildet werden, das heißt, wir schichten nicht wie bei unseren Septvierklängen Terzen-, sondern vielmehr Quartentürme, und wie ihr gleich sehen werdet, verwenden wir diese nun als Keimzelle für alle anderen Akkorde, die wir zum Begleiten einsetzen.

So what, so gut - aber was können wir für uns als Rock/Pop-Musiker daraus lernen?

Nun, die Situation in den modalen Jazzkompositionen der frühen 60er Jahre ist gar nicht so weit von den lang angelegten Improvisationen in Blues oder Funksessions entfernt. Vielleicht kennt ihr solche Gelegenheiten: Der Bassist spielt einen funky Slapgroove in Em (welche Tonart sonst?), der Drummer steigt ein, die fünf Saxofonisten im Club drücken drüber ab, und du sollst sie alle begleiten, und zwar am besten gut, interessant und abwechslungsreich. Da ist es auf jeden Fall hilfreich, wenn man mehr als nur einen Griff für Em7 parat hat.

Versuchen wir diese kleine "So what"-Akkordidee doch einmal weiterzuspinnen. Nehmen wir einmal an, wir müssten über einen Dm-Groove eine längere Zeit begleiten. Betrachten wir den ersten Quartenakkord (im folgenden "Quak" genannt) und hören uns an, was passiert, wenn wir ihn durch die Tonleiter D-dorisch schieben. Aber warum eigentlich dorisch? Nun, zum einen ist in der Melodie von "So what" ein b zu hören, also die große Sexte, zum anderen bewegen sich viele steady Grooves, wenn sie in Moll sind, eher im dorischen Modus, da dieser keine Avoid-Note besitzt:

Wie ihr seht, erhalten wir logischerweise sieben Stufenquaks, wobei es sich allerdings nur um drei verschiedene Griffbilder handelt. All diese Voicings dürfen wir D-dorische Quaks nennen und auch alle gleichberechtigt über einen Groove in Dm einsetzen. Dann klingen sie so:

Spielen wir das Ganze jetzt mit etwas mehr Variation, kann das so klingen:

Hier könnt ihr euch austoben:

Wir müssen diese Akkorde allerdings nicht vierstimmig spielen, der Effekt ist ebenso wirksam, wenn wir die Quaks zu dreistimmigen Voicings reduzieren, hier als Beispiel die B-, G- und D-Saite.

Im Falle D-dorisch sähe das dann so aus:

Treiben wir doch unsere Idee der Akkordgewinnung noch etwas weiter:

Bei unseren terzengeschichteten Dreiklängen (Dur, Moll, vermindert und übermäßig) sind wir durch das Umschichten der Akkordtöne auf eine Grundstellung, eine erste Umkehrung und eine zweite Umkehrung gekommen. Warum sollte das nicht auch bei den Quaks funktionieren?

Die Grundstellung besteht aus zwei Quarten, die erste Umkehrung aus Quarte und Sekunde, die zweite Umkehrung aus Sekunde und Quarte. Beginnen wir nun, jedes dieser Konstrukte in der tiefstmöglichen Lage (auf dem Saitenset BGD) der Tonleiter und schieben sie durch die D-dorische Tonleiter, so erhalten wir:

1. Umkehrung

2. Umkehrung

Hier eine kleine Aufgabe für euch: Wie sähen diese Akkorde auf den anderen Saitensets aus?

Und hier die Lösung (die tiefsten drei Saiten habe ich ausgelassen, da dort die Voicings möglicherweise ohnehin zu tief klingen. Diesmal als PDF zum downloaden. 

Ich gebe zu, dass wir es hier mit einer Fülle von Akkorden zu tun haben: 7 Akkorde multipliziert mit 3 Positionen (Grundstellung, 1.UK, 2.Uk) und das auf 4 möglichen Saitensets (EBG, BGD, GDA und DAE) ergibt 84 verschiedene Voicings!

Aber ich kann euch beruhigen, denn zum einen denke ich, dass für den Beginn die ersten beiden Saitensets, also EBG- und BGD-Saiten ausreichen dürften. Zum anderen gibt es keine bessere Übung, eure Tonleitern zu erlernen, denn ihr seid gezwungen, die jeweilige Scale horizontal auf dem Griffbrett zu erkennen, was euch von der typischen "Skalenpattern- Denke" wegbringt.

Der entscheidende Punkt ist aber, dass ihr diese Akkorde nicht für jeden Modus einzeln lernen müsst, denn alle obigen Voicings können wir auch in allen anderen Modi anwenden, also C ionisch, D dorisch, E phrygisch, F lydisch, G mixolydisch, A aeolisch und B lokrisch teilen sich die gleichen Quaks. Allerdings werdet ihr merken, dass in verschiedenen Modi auf die Avoid-Notes, die sich in den Quaks verstecken (s. Voicings Teil 3), Rücksicht genommen werden sollte. Das heißt nicht, dass ihr diese Akkorde nicht spielen dürft, ihr solltet jedoch nicht auf ihnen stehen bleiben und sie möglichst zügig in einen anderen Akkord führen. So solltet ihr beispielsweise über einem Cmaj7 Akkord nicht zu lange einen Quak mit einem f liegen lassen, sondern diesen Akkord entweder einen Quak nach oben oder nach unten auflösen.

Lasst uns doch mal probieren, wie das so klingen kann!

Hier ein Beispiel in G-mixolydisch: Ich vermische in meinem Beispiel willkürlich die drei möglichen Positionen:

Und für euch zum Austoben:

Lasst uns einmal die Tonart wechseln - das folgende Beispiel ist in A-lydisch (also im E- Dur Vorzeichenbereich) - diesmal in einem etwas sphärischen Mood:

Und für euch zum jammen:

Wie übt man das nun am Besten? Natürlich können wir auch hier unsere chromatischen Zwölftonreihen aus den vergangenen Folgen zu Rate ziehen, aber ich denke, dass wir diese Akkorde auch einfach direkt bei der Anwendung erlernen. Nehmt euch einen simplen Groove in verschiedenen Tonarten auf und improvisiert mit den Akkordmöglichkeiten. Unter Umständen kristallisieren sich ein paar Voicings heraus, die ihr besonders favorisiert.

Eine zweite Möglichkeit wäre, sich einen Groove mit einem einzelnen Basston aufzunehmen (ich weiß, da kann das Playback etwas dröge klingen, aber zu Übungszwecken sollten wir das mal hinnehmen), und dann durch die Modi zu gehen, z.B. folgendermaßen:

Der Basston ist ein G, das heißt, Ihr könnt selbst bestimmen, ob ihr nun ionisch, dorisch, phrygisch etc. darüber begleiten wollt.

Das waren im Prinzip die Quartenakkorde und ihre Umkehrungen. Wollt ihr das ganze Ausmaß der Möglichkeiten dieser Quaks ergründen, rate ich euch, auch bei Harmonisch und vor allem Melodisch Moll nach ähnlichem Muster vorzugehen. Wie gesagt, ihr lernt eure Tonleiter vollkommen neu kennen und bekommt ganz nebenbei ein Riesenarsenal an brauchbaren Akkorden.

Treiben wir die Idee der Quartenakkorde noch ein Stück weiter, kommen wir zu einem weiteren Begriff aus der Akkordwelt, nämlich den "Clustern". Unter einem Cluster versteht man strenggenommen einen Akkord, der mindestens eine Sekunde beinhaltet. Durch den hohen Dissonanzgrad dieses Intervalls bekommt dieser Akkordtyp einen sehr eigenen, modernen Sound - das ist euch vielleicht bereits bei der 1. und 2. Umkehrung unserer Quaks aufgefallen, denn das sind per Definition sogenannte Cluster. Nun sind eure Ideen gefragt, denn ihr könnt euch eure Clusterakkorde im Prinzip selbst zusammenbauen - Hauptsache, eine Sekunde ist darin enthalten - und durch die Tonleiter schieben.

Ein Vorschlag von mir wäre z.B. die Tonkombination Sekunde + Sexte: Durch das Tonfeld der C-Durtonleiter geschoben, erhalten wir folgende Voicings auf den höchsten drei Saiten:

Die klingen dann so:

Hier ein Praxisbeispiel in A-dorisch:

Und das Playback für euch zum jammen:

Probiert auf eigenen Faust irgendeine Intervallkombination mit Sekunde aus: Sekunde + Quinte, Sexte + Sekunde, oder auch gerne dreistimmig z.B. Quarte + Sekunde + Terz - eurer Fantasie sind wirklich keine Grenzen gesetzt, was gut klingt, ist erlaubt.

Wichtig bei diesem Konzept ist primär, dass ihr in eurer Tonleiter denkt und nicht in Akkordbildern. Die Philosophie hinter diesen Clustern und Quartvoicings: Das Stück ist in D-dorisch, also gibt auch jede Tonkombination aus der Tonleiter D-dorisch den Sound der Tonart wieder. Z

um Abschluss möchte ich noch ein paar Tipps zur praktischen Anwendung dieses neuen Akkordgenres geben.

Ein toller Anwendungsbereich der Quart- und Clustervoicings sind natürlich Stücke, die weitgehend modal gehalten sind. Und es funktionieren auch solche Tunes, die eine Vielzahl an Akkordwechsel haben, allerdings müsste man dort wohl häufiger den Ursprungsmodus verlassen.

Gute Beispieltunes wären:

1. Steady Grooves auf einem Akkord, wie man sie gerne im Funk/Soul findet.

2. Blues und Mollblues, bzw. bluesähnliche Formen wie z.B. Watermelon Man (Herbie Hancock), Summertime (George Gershwin ), C-Jam Blues (Duke Ellington), Footprints (Wayne Shorter), All Blues und Freddie Freeloader (Miles Davis).

3. Modale Jazzstandards, z.B. Cantaloupe Island und Maiden Voyage (Herbie Hancock), Impressions (John Coltrane), Song for my father (Horace Silver).

Eines dieser Beispielstücke, das sich mehrerer Modi bedient, möchte ich euch hier vorstellen:

" Ken, the Loopisland "

Hier die Noten als PDF-Download:

Betrachten wir die Akkordchanges, so haben wir drei verschiedene Tonalitäten:

  • Fm7 mit F-dorisch
  • Db7 mit Db mixolydisch oder für die ganz Mutigen Db mixo #11 (4. Modus von Ab Melodisch Moll)
  • Dm7 mit D-dorisch

 

Ich gebe euch hier ein Beispiel, wie so eine Begleitung klingen kann:

Und euer Beispiel zum Jammen

So viel zum heutigen Thema. Ich hoffe, ich konnte euch ein paar neue Sichtweisen und Inspirationen zum Begleiten geben. In der nächsten Folge gehen wir wieder einen Schritt zu unseren Vierklängen zurück und schauen uns an, was uns dort noch so alles erwartet.

Bis dahin viel Spaß und Erfolg,

Haiko

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