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15.06.2019

Vintage Drumsets von Ludwig, Sonor, Slingerland und Swingstar im Vergleich

Sechs absolute Vintage Drums Klassiker im Detail

Schon seit vielen Jahren gibt es einen anhaltenden Hype um Vintage Drums. Offenbar besitzen alte Trommeln von Ludwig, Slingerland, Gretsch, Sonor, Camco, Rogers und Co. eine gewisse Aura, die die offenkundigen Vorteile der neuzeitlichen Drums wie Fertigungsqualität und Hardware-Technologie in den Schatten stellt. Aus diesem Grund gibt es eine mittlerweile beachtliche Anzahl an Trommlern, die (fast) ausschließlich Vintage Drums spielen. Wir haben uns für diesen Artikel sechs verschiedene Modelle aus dem Zeitraum der Vierziger- bis Siebzigerjahre zur Brust genommen. Viel Spaß dabei.

Was sind Vintage Drums?

Der Begriff "Vintage" wurde ursprünglich im Zusammenhang mit alten Weinen verwendet und bedeutet "erlesen", "klassisch" oder "altehrwürdig". Mittlerweile begegnet einem das Wort in allen möglichen Bereichen, vor allem im Bereich der Musikinstrumente. Nun ist es aber nicht so, dass jedes alte Drumset automatisch das Etikett "Vintage" verdient. Es gilt nur für Hersteller, die erstens hochwertige Instrumente gefertigt haben und zweitens in enger Verbindung mit der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts stehen, wie unter Gitarren beispielsweise die Fender Stratocaster oder Gibson Les Paul.

Welches sind die bekanntesten Hersteller von Vintage Drums?

Zu den bekanntesten Herstellern von Vintage Drums zählen – Ringo sei Dank – in erster Linie die amerikanische Firma Ludwig sowie weitere US-Hersteller wie Rogers und Slingerland und die vor allem in Jazz-Kreisen sehr geschätzten Gretsch Drums. Aber auch europäische Firmen wie Premier (England) und das deutsche Traditionsunternehmen Sonor stehen bei Vintage-Sammlern hoch im Kurs.

Klingen Vintage Drums besser?

Über diese Frage streiten sich die Gelehrten seit Ewigkeiten, und das wird wohl auch immer so bleiben. Vintage-Fans loben den warmen, runden, charaktervollen Sound der alten Trommeln, während die Kritiker unrunde Kessel und ungleichmäßige Gratungen monieren. Fakt ist, dass viele alte Trommeln trotz einer Verarbeitung, die heutigen Ansprüchen nicht genügt, hervorragend klingen, vorausgesetzt allerdings, man beschäftigt sich in puncto Stimmung und Fellauswahl intensiv mit ihnen. Vermutlich spielt der natürliche Alterungsprozesses des Holzes auch eine wichtige Rolle. Das soll aber nicht darüber hinweg täuschen, dass es unter Vintage Drums auch "dogs" gibt, also Trommeln, die – egal, wie viel Zeit und Mühe man investiert – einfach nicht klingen wollen. 

Warum sind Vintage Drums begehrt? 

Ähnlich wie bei Vintage Guitars, kann man auch bei Vintage Drums davon ausgehen, dass ihr Wert im Laufe der Zeit steigt, wenn auch nicht in denselben Dimensionen wie bei den Gitarren. Somit sind sie natürlich für Sammler besonders interessant. Aber auch vor dem Hintergrund der deutlich spürbaren Retro-Welle in der Musik macht es Sinn, sich ein Vintage Drumset zuzulegen, um einerseits den originalen Sound und – mindestens ebenso wichtig – den authentischen Look auf der Bühne zu haben. Viele Musiker schätzen auch die inspirierende Atmosphäre, die entsteht, wenn man bei der Aufnahme-Session umgeben von alten Amps und Instrumenten ist.

In unserem Video seht ihr alle Drumsets und könnt euch die Details aus nächster Nähe angucken.

Ludwig Drums

Die Ludwig Drum Company wurde 1909 von William F. & Theobald Ludwig gegründet. Sie eröffneten einen Drum Shop mit dem Namen Ludwig & Ludwig in ihrer Heimatstadt Chicago. In den späten 1920er Jahren wurde das Unternehmen an C.G. Conn Instruments verkauft. William Ludwig führte die Firma weiterhin für Conn, denen zu dieser Zeit auch die Leedy Drum Co. gehörte. Nach einiger Zeit beschloss William F. Ludwig, Conn zu verlassen und eine eigene Firma zu gründen. Er konnte den Namen Ludwig jedoch nicht verwenden, da diese Marke nun Conn gehörte, die weiterhin Ludwig & Ludwig-Trommeln vermarktete. 1937 kaufte William ein Fabrikgebäude und gründete die WFL Drum Company. Ironischerweise war WFL nun Konkurrent von Ludwig & Ludwig. Conn Instruments begann Anfang der 1950er Jahre, die beiden Schlagzeugmarken Leedy und Ludwig zu einer Marke zusammenzufassen, entschied sich jedoch später, das Schlagzeuggeschäft ganz aufzugeben. Im Jahr 1955 konnten William und sein Sohn Bill Jr. die Marke Ludwig von Conn zurückkaufen. In den nächsten Jahren wechselte ihre Firma den Namen von WFL zu "Ludwig". Durch die „British Invasion“, vor allem nach dem Auftritt der Beatles in der Ed Sullivan Show - Ringo Starr saß dort hinter einem Ludwig Drumset - , wurde Ludwigs Produktion enorm angeheizt. Endorser wie eben jener Beatles-Drummer, Led Zeppelins John Bonham oder später Alex van Halen machten die Marke so populär, dass teilweise rund um die Uhr produziert wurde. Noch heute sind Ludwig Drumsets aus den 60er Jahren ein Standard in Tonstudios und sicherlich die meist aufgenommenen Drumsets der Welt. Das schlägt sich natürlich auch im Preis nieder, der im Vergleich zu den meisten anderen Marken grundsätzlich etwas höher ist.

1967 Ludwig Super Classic 22“ x 14“, 13“ x 9“, 16“ x 16“ in Blue Oyster Pearl

Dieses Mahagoni-Set wurde 1967 gebaut, im letzten Jahr vor der Umstellung der Kessel auf Ahorn. Die dreilagigen Kessel bestanden aus Mahagoni-Pappel-Mahagoni, ähnlich den Slingerland Radio King Drums, mit abgerundeter Fellauflagekante und Verstärkungsringen. Ab 1968 begann Ludwig, auf dreilagige Ahorn-Pappel-Ahorn-Kessel umzusteigen, die immer noch eine sehr abgerundete Fellauflage hatten, wodurch die Obertöne und das Sustain gedämpft wurden. Ahorn klingt etwas heller als Mahagoni, der Sound lässt sich aber, insbesondere im Vergleich zu modernen Trommeln, als warm und voll bezeichnen. Hier hört ihr aber nun den Mahagoni-Pappel-Mahagoni Kessel, der, wie zu dieser Zeit typisch, von innen weiß lackiert wurde.

1976 Ludwig Vistalite 22“ x 14“, 13“ x 9“, 16“ x 16“ in Clear

Vistalite Drums wurden 1972 von Ludwig eingeführt. Der Name Vistalite bezieht sich auf den durchsichtigen Acryl-Kunststoff, aus dem die Kessel hergestellt wurden, die eine synthetische Alternative zu Holzkesseln boten und vor allem von John Bonham populär gemacht wurden. Die Trommeln waren in verschiedenen Farben erhältlich, wobei Clear und Blue die größten Verkaufsschlager waren. 1976 erweiterte Ludwig sein Sortiment um "Rainbow"-Vistalites mit mehrfarbigen Kesseln, wobei "Tequila Sunrise" eine der beliebtesten Kombinationen war.

Im Jahr 2001 brachte Ludwig neue Vistalite-Trommeln auf den Markt, die vor allem mit einer Nachbildung des von John Bonham gespielten fünfteiligen Amber-Kits beworben wurden. Die Re-Issue Shells sind etwas dicker und werden, im Vergleich zu den Originalen, als wärmer und resonanter klingend beschrieben. Vistalites sind im Allgemeinen wesentlich lauter als herkömmliche Trommeln und haben weniger Obertöne. Der Klang kann als trocken, aber druckvoll und hervorstechend beschrieben werden. Für die Sound-Beispiele haben wir das Vistalite mit Remo CS Black Dot Fellen versehen, um den klassischen Vistalite-Sound zu erzielen.

Slingerland Drums
1948 Slingerland Radio King 24“ x 14“, 13“ x 9“, 16“ x 16“ in White Marine Pearl

Die Slingerland Banjo Company wurde 1923 von Mitgliedern der Familie Slingerland, wie auch Ludwig, in Chicago gegründet. Der erste Katalog erschien 1928 mit Tube-Lug Snare Drums sowie großen Bass Drums in verschiedenen Pearl- und Sparkle-Ausführungen. Die berühmten Radio King Drums erschienen erstmals im Jahr 1936. Auf diesen Schlagzeugen war der markante „Slingerland Radio King“ Schriftzug in die Metallreifen eingeprägt oder eingraviert. Gene Krupa, der "King of Swing", wurde Slingerlands erster und berühmtester Endorser. Er ist auch verantwortlich für die Einführung der voll stimmbaren Tom Toms. Vor 1936 konnten Tom Toms nur von oben gestimmt werden, was den Stimmbereich deutlich einschränkte. Krupa ermutigte Slingerland, nun auch auf der Unterseite der Toms Böckchen mit Stimmschrauben zu montieren, damit die Trommeln ihre gesamte tonale Qualität entfalten konnten. 

Das hier angespielte Set stammt aus dem späten Vierzigerjahren und ist mit einem sogenannten Cloud Badge versehen. An den dreilagigen Mahagoni-Pappel-Mahagoni-Kesseln mit Ahorn-Verstärkungsringen sind mithilfe der formschönen Beavertail-Böckchen einfach geflanschte Spannreifen montiert, die eben jener Schriftzug schmückt. Das alte Mahagoniholz verleiht den Trommeln einen sehr warmen Klang.

1972 Slingerland Sound King  22“ x 14“, 13“ x 9“, 16“ x 16“ in Black Diamond Pearl

Slingerland veränderte 1955 mit der Einführung der neuen Sound King-Hardware grundlegend das Aussehen seiner Drums. Das für damalige Verhältnisse futuristische Design verlieh den Sound King Drums ein einzigartiges und modernes Aussehen und bedeutete gleichzeitig den Schritt von der großen Jazz- und Big Band Ära in das neue Zeitalter des Rock & Roll. Die neue Hardware enthielt „Stick Saver“ Messingreifen, die zur Innenseite der Trommel geflanscht sind. Anfangs war die Kesselkonstruktion genau wie beim Radio King, später wurden jedoch dreilagige Ahorn-Pappel-Ahorn-Kessel mit Verstärkungsringen verwendet. Diese Trommeln klingen etwas heller und fokussierter. Die Konstruktion der Sound King Drums ähnelt der der Super Classic Serie von Ludwig, und auch klanglich liegen die Sets nah beieinander, wie man in den folgenden Beispielen hört.

Japan Import Drumsets
1960’s Swingstar 20“ x 14“, 12“ x 8“, 14“ x 14“ in Fantasia Pearl

Die großen US-Firmen Ludwig, Gretsch, Slingerland, Rogers und Camco bauten in den Sechzigerjahren unglaublich viele Trommeln, die damals den qualitativ höchsten Standard boten. Da dies auch seinen Preis hatte, überfluteten japanische Firmen mit billigeren Kopien dieser gefragten Drumsets den amerikanischen Markt. Während der British Invasion suchten Eltern nach erschwinglichen Student-Drumsets, um ihren Kindern den Einstieg in die Welt der Rock- und Popmusik möglich zu machen. Eine Handvoll Fabriken in Asien stellte die Kessel her, die unter verschiedenen Markennamen importiert wurden. US-Mercury, Stewart, Apollo oder Majestic sind nur einige Namen einer endlosen Liste. 

Die Qualität vieler Sets, insbesondere der Hardware, war ziemlich miserabel, aber einige klingen wirklich gut. Später verschwand ein Großteil der Marken, die Qualität der Trommeln verbesserte sich und Firmen wie Tama, Pearl und Yamaha blieben im Geschäft. Dieses Drumset ist von Swingstar, einer Firma, die schließlich zu Tama wurde. Die Kessel sind aus dünnem Luan-Holz, der philippinischen Version des Mahagoni, gefertigt, und das Fantasia Pearl Finish ist ein echter Blickfang. Die Qualität der Hardware ist nicht besonders gut, die Spannreifen der Bass Drum bestehen gar aus Plastik, aber für seinen Preis von unter 300€ ist das Kit klanglich wirklich hervorragend.

Sonor
1970’s Sonor Champion 22“ x 14“, 13“ x 9“, 16“ x 16“ rewrapped in Scandi Birch Grain

Johannes Link, der Gründer von Sonor, wurde 1848 in Forheim, einem kleinen bayerischen Dorf in der Nähe von Augsburg, geboren. Er begann seine Karriere als gelernter Drechslergeselle und Ledergerber. 1875 eröffnete er die Trommelfabrik Weißenfels, in der er einfache militärische Trommeln und Pergamente fertigte. Bis 1888 erweiterte Johannes Link das Sortiment um Schlaginstrumente wie Pauken, Tamburine und Spielzeug für Kinder. Um die Jahrhundertwende beschäftigte man bereits mehr als 50 Arbeiter und war damals der größte Hersteller von Trommeln und Zubehör in Europa. Zur selben Zeit stellte die Firma auch ihre Version des Bassdrum-Pedals vor. Ein Vierteljahrhundert später, im Jahre 1925, feierte Sonor sein fünfzigjähriges Bestehen und war damals mit 145 Arbeitgebern eines der größten Unternehmen seiner Art. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete Sonor 1950 im nordrhein-westfälischen Bad Berleburg eine Fabrik in der Bundesrepublik Deutschland, was den Beginn einer neuen Ära markierte. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren wurden die Drums immer besser und erreichten eine Qualität, die denen der gefragten amerikanischen Drums ähnelte. Zu dieser Zeit spielten Jazzstars wie Kenny Clarke, Connie Kay oder Lionel Hampton Sonor Drums, und die berühmten Teardrop- und Champion- sowie ab den 1970er Jahren die Swinger- und Phonic Drums traten ihren Siegeszug an. Natürlich darf auch in unserem Artikel kein deutsches Drumset fehlen. Dieses Champion-Set in 22, 12 und 16 Zoll mit sechslagigen Buchenkesseln und abgerundeten Fellauflagekanten wurde aufwändig restauriert und mit einem Birkenfurnier neu umhüllt.

Kauftipps für Vintage Drums

Wenn auch ihr Lust auf Vintage Drums bekommen habt, fragt ihr euch sicherlich, wie ihr an qualitativ hochwertige und gut erhaltene Instrumente kommt. Natürlich gibt es mittlerweile einige Händler, die sich auf Vintage Drums spezialisiert haben. In Deutschland ist das zum Beispiel die Drumstation Maintal, besonders „Hellstone Music“ in Stockholm hat eine unglaubliche, wenn auch sehr teure Auswahl an teilweise sehr seltenen Sammlerstücken. Natürlich sind auch Online-Marktplätze wie ebay oder reverb.com immer eine gute Adresse für Vintage Drums. Ihr solltet dort aber unbedingt auf gute und aussagekräftige Fotos achten und bei internationalen Angeboten bedenken, dass bei einem Versand von außerhalb der Europäischen Union noch Einfuhrabgaben zum Preis dazukommen. Besonders ans Herz gelegt sei euch das Vintage Drum Meeting oder die CrashIt Messe in Mannheim, über die wir auch immer wieder berichtet haben. Dort könnt ihr mit privaten und gewerblichen Händlern ins Gespräch kommen, die Instrumente genau begutachten, anspielen und erwerben.

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