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Test
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25.12.2018

Sugar Bytes Aparillo iOS Test

Komplexer FM-Synthesizer für das iPad

Die Filmsound-Maschine?!

Die in Berlin ansässige Softwarefirma „Sugar Bytes“ ist für Audio Plug-Ins bekannt, die oft einen innovativen Ansatz in Bezug auf das Benutzerinterface und die Klangarchitektur verfolgen. Die beliebte Multi-Effekt-Schleuder „Effektrix“ zählt da – obwohl sie schon tausenden von EDM-Tracks zu mehr Komplexität verholfen hat - noch zu den zahmeren Varianten. So richtig in Fahrt scheint das Team um Rico Baade und Robert Fehse aber erst zu kommen, wenn eine gewisse Manie in Bezug auf die Funktionstiefe erkennbar wird. Das Generative Synthese-Tool „Obscurium“, der geradezu wahnwitzige Mono-Synthesizer „Cyclop“ oder der detailverliebte Sequenzer „Consequence“ mögen hier als Beispiele genannt sein. Ihr neuester Streich, der „Aparillo“, ein komplexer FM-Synthesizer macht da keine Ausnahme – im Gegenteil.

Details

Bereits zum Jahresanfang ist Aparillo als Plug-In (AU, VST, AAX, 32/64Bit) erschienen und kostet vertretbare 99 EUR. Es ist eine gute Routine bei Sugar Bytes, das fast alle Plug-Ins danach ihren Weg auch auf das iPad finden – sprich auf iOS portiert werden. So auch Aparillo, das nun im App-Store kostenlos (!) erhältlich ist. Die Free-Version erlaubt kein Speichern und hat in jeder Klangkategorie nur 2 Presets freigeschaltet. Erst nach dem In-App-Kauf der Vollversion wird die gesamte 500 Sounds große Library freigegeben - inklusive Session-Restore, was besonders bei der Nutzung als AU Plug-In wichtig ist. Denn Aparillo kann auch als AU Plug-In in iOS-DAWs (z. B. Cubasis) genutzt werden.

Konzept

Grundsätzlich handelt es sich beim „Aparillo“ um einen sechzehn stimmigen FM-Synthesizer mit zwei getrennt regelbaren Oszillatoren. Beide können mit drei Algorithmen (free, quantize, harmonic) gegeneinander geschaltet und in zwei Modi moduliert werden (Formant, Shaper). Zusätzliche Spektral-Parameter wie Shift, Form, Jitter und Bright sind in der Lage die Ausgangsfrequenzen bis zur Unkenntlichkeit zu verbiegen. Apropos Modulation: Unter jedem der oben genannten Klangparameter sitzt ein Pop-Up-Feld in welchem sich aus dreizehn Quellen wählen lässt.

Die Auffälligste davon sind sicherlich die beiden LFOs im Zentrum des Plug-In, visualisiert durch sechzehn Bälle, die mit einstellbaren Parametern (u. a. Gravitation, Kollision, Abfolge, Streuung) vor sich hin titschen. Die Besonderheit: Jeder der Bälle steuert den LFO für eine der sechzehn Stimmen – man beginnt zu ahnen, was für komplexe Klanggebilde hier möglich sind. Zudem – und hier wird es nun richtig abenteuerlich – kann die Modulation nur auf bestimmte Stimmen adressiert werden. Zur Auswahl stehen: „Ungerade, Gerade, Jede dritte Stimme, Untere, Obere“. Einem formal ähnlichen Aufbau folgen die beiden ADSR-Hüllkurven: Auch bei ihnen kann jede Stufe über die Modulationsmatrix beeinflusst werden. Zudem ist die Steilheit des Stufenverlaufs für jede (!) Stufe anpassbar.

Die dann folgende Effektsektion ist sogar noch ausgefuchster. Natürlich ist auch sie, wie die vorgenannten Einheiten, vollständig modulierbar. Als mögliche Ziele stehen hier die Module: Multimode-Filter, Stereo-Verbreiterer, Panner, Delay und Hall bereit. Das Filter ist mit nicht weniger als zwölf verschiedenen Modellen ausgestattet, die ein weites Feld zwischen Low-, Band-, High-pass, sowie Vowel-, Comb- und Peak in unterschiedlichen Variationen abdecken. Filter und Spacializer können auf Fingerdruck auch die Plätze im Signalfluss tauschen. Selbiger leistet klanglich eher die Arbeit eines Federhalls und weniger die eines Stereo-Verbreiterers. 

Fast schon esoterisch mutet dann der „Orbiter“ an: Alle Parameter der Klangerzeugung liegen hier in Form von Symbolen mit einstellbarem Wirkradius vor. Dazwischen bewegt man dann - wahlweise manuell, via MIDI oder automatisierter Wegstrecke - einen roten Kontrollpunkt, der bei Annäherung auf die Werte der Symbole zu wirken beginnt. Man kann auch den gesamten Orbit um den Referenzpunkt herum kippen und drehen. Das klingt in Schriftform tatsächlich nur halb so „far out“, wie es sich in der Praxis darstellt. Denn die Komplexität, die sich hier in der Klangbewegung erzielen lässt, ist schlicht unendlich und man muss dazu sagen: Oft auch ein bisschen unberechenbar. Denn schon mit einer Handvoll aktiver Symbole weiß man schnell nicht mehr, was denn jetzt auf was wirkt. Das ist dann zwar nicht besonders strategisch, macht aber umso mehr Spaß. Und damit kommen wir dann auch zur Praxis.

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