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12.01.2016

Studiostandards: Kompressoren und Limiter

Die beliebtesten Dynamikgeräte

Kompressoren und Limiter sind nicht nur als rein technische Hilfsmittel, die die Dynamik eines Signals einschränken, sondern auch als Soundmaker zu verstehen.

Die Art und Weise des Aufbaus, die Verwendung bestimmter Übertrager und Röhren, manchmal natürlich der Verzicht darauf, die unterschiedlichen Parameter und Eigenheiten sorgen dafür, dass die vorgestellten Kompressoren deutliche Unterschiede aufweisen.

Ein kleine Warnung vorweg: Die Klassiker sind fast ausschließlich alles andere als preiswert, das gilt selbst für die Re-Issues und Nachbauten. Budget-Alternativen sind daher meistens "nicht stofflich" - also Plug-Ins.

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Urei 1176

In fast keinem (etablierten) Musikstudio der Welt fehlt ein 1176. Dieser Mono-Kompressor/Limiter ist alleine optisch unverkennbar und nutzt einen Feldeffekttransistor ("FET") für die Pegelreduktion. Der Klassiker kommt ohne Threshold aus, die Levels werden mit Input- und Output-Gain gesetzt, wobei Input bestimmt, wie stark verdichtet wird. Ratio wird geschaltet, die Auswahl besteht in Kompressionsverhältnissen von 2:1, 4:1, 8:1 und 20:1. Die letztgenannten sind schon Limitierungen, der 1176 heißt schließlich auch "Peak Limiter". Typisch für Limiter ist auch die enorme Geschwindigkeit von 50 Millisekunden im Release und 20 Mikrosekunden für die Attack-Zeit. Schräg: Die geringen Zeiten sind auf Rechtsanschlag. Dreht man Attack über Maximum nach links, aktiviert man Bypass (Fragt nicht...).

Mit seiner Schnelligkeit eignet sich der 1176 hervorragend, um Spitzen abzufangen und schnell auf Signale zu reagieren, daher wird er gerne beispielsweise für die Kontrolle von Snare und Bassdrum eingesetzt, besonders aber zum Abfangen und Andicken schneller Konsonanten der menschlichen Stimme. Zudem färbt der Urei 1176 bei höheren Levels ordentlich, was auf seine Übertrager zurückzuführen ist. Und es gibt noch eine Art "Easter Egg", allerdings unbeabsichtigt: Drückt man alle Ratio-Buttons gleichzeitig, aktiviert man den "All-Buttons-Mode", welcher Ratio, Attack und Release auf etwas verrückte Weise variiert und deutlich angereicherter klingt als der Normalbetrieb.

Verschiedene 1176 unterscheiden sich nach ihrer "Revision", also der jeweiligen Version. Heute ist der 1176 von Universal Audio als Re-Issue 1176 LN für € 2441,- (UVP) erhältlich, es gibt aber auch zahlreiche Nachbauten (z.B. Warm Audio für € 722,- UVP) und Plug-Ins, etwa für die UAD, von Softube, ja sogar als Freeware.

Es gab übrigens auch einen Urei 1178, der als Stereoversion des 1176 angepriesen wurde. Dieser ist etwas verhaltener als der 76, hat jedoch auch seine eingeschworene Fangemeinde, vor allem für Drum-Overheads und Stereo-Gitarrenbusse.

Teletronix LA-2A und LA-3A

"Wenn der 1176 die Fender Stratocaster unter den Kompressoren ist, dann ist der LA-2A die Gibson Les Paul." An diesem Spruch ist etwas dran, denn der 1176 ist eher zackig und hell, während der LA-2A tendenziell bauchiger, wärmer und behäbiger daherkommt. Und im Prinzip ist der LA-2A ganz deutlich anders als der 1176. Zunächst: Der LA-2A ist ein Röhrenkompressor, außerdem nutzt er keine FET-Schaltung, sondern einen Optokoppler - die berühmte T4-Zelle. Außerdem gibt es keine einstellbaren Zeitparameter und auch keine Ratio-Umschaltung (nur "Compress/Limit"), was ihn zu einem sehr einfach bedienbaren Studiogerät macht: Gain und Gain-Reduction sind die wesentlichen Parameter, mit denen der Röhrenkompressor bedient wird.

Heute gibt es mit dem Universal Audio Teletronix LA-2A ein Re-Issue-Modell für deutlich über € 4000,- (UVP), aber auch Plug-Ins aus gleichem Hause. Einen Vergleich der beiden gibt es hier. Und es gibt einige Hardware-Kompressoren, die auf dem LA-2A aufbauen. Ein von mir sehr geliebtes Gerät ist der Anthony DeMaria ADL1000, der für etwa € 1500,- den Besitzer wechselt.

Als eine Variante des 2A lässt sich der deutlich kleinere (und mit einer UVP von € 2411,- deutlich preiswertere) LA-3A verstehen, der ähnlich aufgebaut ist und bedient wird, aber statt Röhren- Transistortechnik nutzt.

Fairchild 660 und 670

Während man selbst manche originale 1176 und LA-2A noch halbwegs bezahlen kann, sind Fairchilds in Sphären, die für Normaluser absolut illusorisch erscheinen. Fairchild 660 und die Stereoversion 670 sind enorm aufwändige Röhrenkompressoren mit einer unvergleichlichen Färbung (und einer unvergleichlich hohen Zahl an Röhren und Transformern). Nicht selten werden sie als die besten Röhrenkompressoren bezeichnet, die jemals gebaut wurden, und tatsächlich ist ihr Sound magisch. Allerdings kosten selbst Hardware-Klone oder Neuinterpretationen gerne einmal fünfstellige Summen, sodass man sich eher mit Plug-Ins wie dem für die UAD-Plattform begnügen wird. Und ob Drums (wie bei den Beatles), Vocals, Bässe... die Fairchilds können alles unnachahmlich andicken und bereichern. Magisch!

dbx 160

Eine ganz andere Richtung schlägt der dbx 160 ein. Dies ist ein VCA-Kompressor, der eher clean und unauffällig arbeitet, aber dennoch einfach parametrisiert ist. Im Laufe der Zeit zum heute verfügbaren dbx 160A evolviert, ist der Kompressor gerne auf Bässen im Einsatz (und nicht nur im Studio, sondern auch im Livebetrieb). Genial ist die "Over-Easy"-Schaltung, die bei höheren Ratios eine Soft-Knee-Charakteristik bewirkt und somit eine unbemerktere Verdichtung ermöglicht. Der 160 besitzt allerdings keine Zeitparameter. Toll: Der dbx 160A kostet nicht die Welt, sondern nur € 599,- (UVP).

SSL G-Series Bus-Comp

Threshold, Ratio, Attack, Release, Make-Up-Gain: Der Bus-Compressor aus SSLs Konsolen der G-Serie ist ein klassischer VCA-Kompressor. Und er ist so beliebt, dass er auch heute noch in zahlreichen SSL-Mischpulten zum Einsatz kommt und auch separat erhältlich ist: Als 19"-/1HE-Version (€ 3599,-) wie als API-500-Einschub SSL G Comp (€ 2099,-). Und natürlich gibt es auch Plug-Ins, wie von Solid State Logic selbst für das Duende-System. Der G-Kompressor zeichnet sich durch seine Zurückhaltung aus, ist aber ein wenig bissig und knackig, was ihn für schärfere, kantigere Mischungen, etwa in der Popmusik, zu einem wichtigen und beliebten Tool macht. Außerdem ist er sehr flexibel.

API 2500

Zwar nur eine Höheneinheit messend, ist der API-Buskompressor einer der verbreitetsten Verdichter für den Drumbus. Neben schnell, bei Bedarf knallig, energiereich und technisch einwandfrei ist der API 2500 vor allem eines: flexibel! Nicht nur die Pegel- und Zeitparameter, sondern vor allem die Tone-Sektion mit der Thrust-Schaltung sind absolute Killerfeatures. Noch dazu erfolgt das Linking nach unterschiedlichen Kriterien. Und wie es sich für ein flexibles Gerät gehört, ist auch die Arbeit mit externen Sidechain-Signalen möglich. Mit einer UVP von € 3289,- kann ich aber denjenigen den Wind aus den Segeln nehmen, die auf einen günstigen Preis spekuliert haben. Billiger wird es beispielsweise mit Plug-Ins, etwa von Waves.

Neve 2254, 2264 und 33609

Typische Neve-Sämigkeit liefert auch der 2254 des Meisters Sir Rupert Neve, genau wie seine Nachfolger/Weiterentwicklungen 2264 und 33609. Als Besonderheit kommen hier Diodenbrücken zum Einsatz, die dafür sorgen, dass Material jeglicher Art eine Beruhigungspille verschrieben wird. Das klappt ganz hervorragend bei Vocals, Gitarren oder auf Bussen. Der flexible Neve 33609, ein Stereogerät in 19"/2HE, liegt leider bei heftigen € 4369,- (UVP), selbst für den API-500-Einschub AMS Neve 2264ALB muss man € 1399,- aus dem Portemonnaie kramen. Da ist der spanische Hersteller Heritage Audio mit dem 2264 Jr. doch sicher billiger, oder...? Nein: € 1564,-! Allerdings gibt es quasi eine Preamp-Funktion gratis dazu. Wirklich preiswert ist der Golden Age Project Comp 54 mkII, den man für die Überweisung von € 772,- (UVP) sein Eigen nennen darf.

Es gibt noch viele weitere Dynamikgeräte, die genannt werden könnten. Spontan würde ich die genialen TG-Geräte und deren Nachbauten von Chandler Ltd. nennen, aber auch Altec, UA 175/176 und natürlich einige jüngere Vertreter, etwa den Tube-Tech CL 1B, Chandlers Germanium Compressor, George Massenburgs GML 8900, den Xpressor 500 von Elysia - ja sogar diverse Software-Kompressoren wie Waves' alten RCL. Aber ihr wisst ja sicherlich: Es geht bei allem, was diese Werkzeuge für uns tun können, darum, was wir mit ihnen anstellen.

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