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09.09.2016

Snare Geheimtipp #5 - Pearl Custom Classic Snare

Solid Shell Snare

Solide Alternative aus den 80ern

Slingerland, Noble & Cooley, Craviotto. Diese drei Markennamen haben eines gemeinsam: hinter ihnen verbergen sich amerikanische Firmen, deren einteilige Holzkessel-Snaredrums den Puls vieler Trommler nach oben schnellen lassen. Die Liste jener Musiker, die solche Instrumente verwenden, ist lang, fast jedes ernst zu nehmende Studio besitzt ein entsprechendes Modell.

Im Gegensatz zur Standardbauweise, bei der viele dünne Furnierlagen miteinander zu einem Kessel verklebt werden, entstehen die sogenannten Solid Shells aus einem - unter Dampf gebogenen - Holzbrett. Das dauert nicht nur länger, es erfordert auch viel Erfahrung sowie sorgfältig ausgewählte Rohstoffe. Ein tiefer Griff in die Tasche ist nötig, soll es sich so ein exklusives Instrument auf dem eigenen Snare-Stativ bequem machen. Wer beispielsweise eine gut erhaltene Slingerland Radio King kaufen möchte, muss Geduld und mindestens 700 Euro aufbringen, zwischen 800 und 2000 Euro verlangen andere Hersteller für ladenneue Modelle. Aber es gibt Alternativen, zum Beispiel eine gebrauchte Pearl Custom Classic, damals übrigens gern gespielt von Jeff Porcaro und Dennis Chambers.

„Pearl hat mal Solid Snares gebaut?“, fragt mich ein Kollege ungläubig, als ich ihm von meinem Neu-, beziehungsweise Alterwerb berichte. Tatsächlich, und sie tun es noch heute. Sowohl in der Philharmonic Reihe, im Masterworks-Programm, als auch als limitierte Auflage mit Masters Badge. Nicht zu vergessen, dass man auf dem japanischen Heimatmarkt die Custom Classic Snares immer noch anbietet. All diese Alternativen haben aber einen Nachteil: sie kosten kaum weniger als ein amerikanisches Modell. Alte Custom Classic Modelle sind für deutlich weniger Geld zu bekommen, man muss allerdings ein bisschen suchen.

Besonderheit: Dampfgebogener Kessel, aber ohne Verstärkungsringe

Pearl hatte die Custom Classic Snares als Topmodelle ab Ende der Achtziger Jahre nur für kurze Zeit im Programm. Es gab sie in den Maßen 14x5,5 und 14x6,5, jeweils in deckend schwarz (Piano Black), weiß (Arctic White), oder in Amber Lacquer, mit durchscheinender Maserung, lackiert. Beim tiefen Modell wurden zehn, beim 5,5er nur acht Spannböckchen verbaut, die Abhebung ist als einfache, einseitig einstellbare Version (Modell SR-012) ausgelegt. Während die schwarzen und weißen Exemplare mit verchromter Hardware und 2,0 Millimeter starken Stahlspannreifen ausgeliefert wurden, durfte die Amber-Version mit massiven Messingspannreifen und vergoldeter Hardware zeigen, was sie gekostet hat. Das Herzstück der Trommel ist allerdings der Kessel aus einem 7,5 Millimeter starken Ahornbrett. Seine Besonderheit sind die fehlenden Verstärkungsringe, eine zehn Zentimeter breite Überlappung sorgt für die nötige Stabilität. Die Verarbeitung der Custom Classic Trommeln kann als sehr gut bezeichnet werden. Ich habe euch ein kleines Soundvideo aufgenommen, einmal in höherer, einmal in mittlerer Stimmung.

Um es kurz zu machen: die Pearl Custom Classic Snares klingen ziemlich spektakulär. Sie gehören zu jenen Instrumenten, bei denen man das Gefühl hat, sie würden beim Spielen „mitmachen“. Dazu trägt die extrem sensible Ansprache bei, welche sich sowohl auf den Teppich als auch den Kesselton bezieht. Die Trommel ist sofort da, mit einem voluminösen, lebendig singenden Grund-Sound, der bei kräftigen Rimshots beeindruckende Lautstärken erreicht. Der Vergleich mit meinen Noble & Cooley und Craviotto Snaredrums macht deutlich, dass diese schlicht wirkende Trommel sich in keinster Weise verstecken muss, im Gegenteil. Sie besitzt die typischen Solid-Eigenschaften, wozu der erweiterte Frequenzumfang ebenso gehört, wie die Tendenz, später zu komprimieren als Schichtkessel. Durch die fehlenden Verstärkungsringe wirkt die Pearl noch etwas offener und tonal klarer als die Vergleichs-Snaresdrums. Wer den trockenen Ton eines Stave- oder eines dicken Schichtholzkessels gerne mag, wird hier möglicherweise nicht glücklich. 

Die alten Pearl Custom Classic Modelle sind toll klingende Instrumente, die für all diejenigen Drummer interessant sein können, die die Eigenschaften moderner Solid Shell Snaredrums mögen, aber nicht bereit sind, dafür mindestens einen knappen Tausender auszugeben. Für schwarz oder weiß lackierte Exemplare müsst ihr -  je nach Zustand – zwischen 280 und 400 Euro ausgeben, die gesuchteren Amber Modelle mit Messingspannreifen können im Topzustand schonmal 450 bis 550 Euro kosten. Dafür gibt es dann gut abgelagerte High End Trommeln mit großem Sound und funktionaler Hardware, die den bekannten Amerikanern mindestens ebenbürtig sind. Die Suche lohnt sich!

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