Bass
Test
7
18.05.2017

Sire Marcus Miller V7 Vintage 5 WB Test

Fünfsaitiger E-Bass

Darf's ein bisschen mehr sein?

Es war schon eine kleine Sensation, als Superstar Marcus Miller und die Firma Fender vor wenigen Jahren die Scheidung einreichten. Gleichzeitig war jedermann gespannt, ob (und wenn ja: welchem) neuen Hersteller sich Herr Miller zuwenden würde. Zu aller Überraschung war dies dann kein Premium-Bassbauer, sondern die koreanische Company Sire, die industriell in großen Stückzahlen zu niedrigen Preisen in Indonesien fertigt. Aber vermutlich wird einer der berühmtesten Bassisten der Welt nicht seinen Namen auf ein Produkt schreiben, mit dessen Qualität oder Philosophie er nicht zufrieden ist. Daher überraschten auch die Marcus-Miller-Instrumente aus dem Hause Sire von Beginn an mit "viel Bass für wenig Geld". Die günstigen Preise kommen übrigens laut Sire durch Prozessoptimierung, geringe Werbungskosten etc. und nicht durch Lohndumping und gierige Gewinnmaximierung zustande. Somit soll es keinen Anlass zu schlechtem Gewissen für den preisbewussten Käufer geben. Die interessanten Details zu dieser Philosophie, die ganz bescheiden "Revolution" genannt wird, kann man in einem persönlichen Statement des Firmenchefs auf der Sire-Webseite nachlesen. Bei den Marcus-Miller-Bässen gibt es nun eine Erweiterung der bisherigen Modellreihe um die sogenannte Vintage-Serie, wovon mir die fünfsaitige Version mit dem eindrucksvollen Namen "MM V7 Vintage 5 WB" vorliegt.

Details

"White Blonde" nennt sich die Farbe meines Testbasses. Das ist ein helles Weiß, welches die Maserung des Sumpfesche-Bodies (Erle ist ebenfalls erhältlich!) noch dezent durchscheinen lässt. Ansonsten sieht man das, was man von einem aktivem Jazz Bass kennt: ein schwarzes Schlagbrett als Kontrast zum weißen Korpus, eine Control Plate mit den Reglern für die Dreiband-Elektronik, und auf der Rückseite zwei Batteriefächer, welche es ohne Werkzeug ermöglichen, die zwei Saftspender der 18-Volt-Elektronik im Handumdrehen zu wechseln.

Die Shapings des Korpus wurden eher dezent ausgeführt. Dies gilt sowohl für die Kante, die als Auflagefläche für die Anschlagshand dient, als auch für die Aussparung auf der Rückseite, welche der Brust (im Sitzen) oder dem Bauch (im Stehen) des Spielers Platz machen soll.

Hals und Griffbrett bestehen aus Ahorn und wurden angenehm dünn lackiert. Das Griffbrett wird, ganz 70er-like, von einem schwarzem Binding eingefasst. Die farblich passenden Block Inlays bestehen aus schwarzem Kunststoff ohne Muster. Das verbreitet schon etwas Isolierband-Flair, aber logischerweise muss an bestimmten Stellen gespart werden. Dies ist auch der richtige Platz dafür, denn solche Faktoren haben lediglich mit der Optik und nicht mit der Substanz des Instruments als solches zu tun.

"Typisch Jazz Bass" wurde der Hals mit dem Korpus vierfach verschraubt. Wie sämtliche Hardware inklusive der Pickups und der Elektronik stammen auch die Stimmmechaniken aus eigenem Hause - sie hören auf den Namen Sire Premium Open Gear. Auf dem Headstock haben sie eine 4:1-Aufteilung und arbeiten einwandfrei. Vorbildlich in dieser Preisklasse ist der Saiten-Niederhalter, der kurz nach dem Knochensattel alle Saiten nach unten drückt. Der dadurch erreichte steilere Winkel der Saiten erhöht den Druck auf den Sattel und fördert die Schwingungsübertragung. Ebenso werden auf diese Weise Schnarr-Geräusche in den ersten Bünden verhindert.

Aber was ist den nun wirklich neu bzw. anders an der Vintage-Serie? Im Großen und Ganzen hat Sire versucht, noch authentischer Marcus Millers Arbeitsgerät nachzubilden. Ein sichtbares Merkmal ist der größere Abstand der beiden Pickups zueinander. Dies entspricht den Spezifikationen, welche Fender Jazz-Bässe in den 70er-Jahren hatten (Marcus Millers Bass ist bekanntlich Baujahr 1977). Der Bridge-Pickup ist um ein halbes Zoll (ca. 12,5 mm) weiter zur Brücke gewandert.

Dies hat natürlich auch klanglich Auswirkungen, zu denen wir später noch kommen. Auch die Brücke ist im Vergleich zur bisherigen Modellpalette im sprichwörtlichen Sinn "vintage". Sie ähnelt dem klassischen Blechwinkel, den man von älteren Fender-Instrumenten kennt. Allerdings lassen sich beim Sire alle Saiten auch durch den Korpus einfädeln (String Through Body), um mehr Anpressdruck auf die Brücke zu erhalten.

Der dritte Vintage-Faktor ist der Enamel-Draht, der für das Wickeln des Hals-Pickups verwendet wird. Dies ist nämlich ebenfalls eine Besonderheit der 70er-Jahre und eine weitere Komponente für den authentischen Sound. Die Tonabnehmer hören daher auch auf den Namen "Marcus Vintage Jazz Pickups".

Die Elektronik hält eine Vielzahl von Möglichkeiten bereit. Zum einen kann man den Bass natürlich ganz klassisch passiv betreiben. In diesem Modus stehen ein Volumen-, ein Balance-Regler und eine passive Tonblende zur Gestaltung des Sounds parat.

Per Kippschalter kann man die Elektronik "aktivieren". Sie umfasst Regler für Bässe Höhen und parametrische Mitten. Mit einem Doppelstock-Poti lässt sich stufenlos die Mittenfrequenz wählen, welche man dann anheben oder absenken kann. Eine kleine Besonderheit: die passive Tonblende funktioniert auch im Aktiv-Modus.

Das sind unterm Strich nicht wenige Optionen, die viel klangliche Flexibilität mit sich bringen. Für meinen persönlichen Geschmack wäre etwas weniger "mehr" gewesen. Fünf Potis und zwei davon sogar doppelt belegt zzgl. Kippschalter sind - gerade am Anfang - dann doch etwas unübersichtlich und in der Praxis etwas fummelig zu bedienen, da kaum Platz für die Finger zwischen den Reglern ist. Zudem neigt der untere Ring des Doppelstock-Potis dazu, sich schnell einmal mitzudrehen, wenn man den oberen Regler bewegt.

Wer wahre Flexibilität sucht, der wird hier natürlich bestens bedient. Wer es gerne einfach hat, muss sich wohl oder übel erst etwas einarbeiten. Ein angenehmes Feature: die Elektronik arbeitet mit 18 Volt und neigt daher nicht so schnell zu Verzerrungen, falls man es mal mit dem Bass-Boost übertreibt!

Bevor es im Praxisteil ausführlich weitergeht, schauen wir uns den Sire MM V7 Vintage 5 für einen ersten Eindruck im folgenden Video an: 

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