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Test
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19.04.2018

Schoeps CMC 54 für 999 Euro Praxistest

CMC 5 Refurbished mit neuer MK-4-Nierenkapsel

Schoeps-Kleinmembraner unter tausend Euro

Es ist kein Geheimnis, dass Kleinmembraner aus Schoeps' Colette-Serie zum Besten gehören, was man für Geld kaufen kann. Die Kehrseite der Medaille ist genau jenes: das Geld. Ein Nierenmikrofon namens CMC 64, bestehend aus der Cardioid-Kapsel MK 4 und dem passenden Impedanzwandler CMC 6 schlagen aktuell mit 1500 Euro zu Buche. Das ist eine sinnvolle Investition und auch absolut gerechtfertigt, so viel steht außer Frage, aber man muss das Geld auch erst einmal haben.

Bei Schoeps in Karlsruhe-Durlach ist man sich sicher bewusst, dass man zwar hochwertigste Technik herstellt, aber mit dem Preis eine deutliche Einstiegshürde für viele nicht-professionelle User hat. Es ist nur verständlich und sicher auch richtig, dass man nicht versucht, auf Teufel komm raus den Preis für ein Mikrofon zu drücken, das das bekannte T-Logo trägt. An Materialien, Konzeption oder der Qualitätskontrolle sparen oder gar die Produktion aus der Hand geben oder einfach Mikrofone zukaufen und umlabeln? Das wäre wohl so, als würden AC/DC ein Hip-Hop-Album herausbringen (und darin exzessive Autotune-Effekte verwenden).

Details und Praxis

Man hat aber dennoch eine Lösung gefunden: Gerade bei Rundfunkanstalten sind noch viele CMC-5-Impedanzwandler im Einsatz. Der wesentliche Nachteil im Vergleich zum aktuellen CMC 6 besteht in erster Linie darin, dass diese nicht gegen Einstreuungen durch Mobilfunk geschützt sind. Das liegt schlicht und einfach daran, dass es zum Zeitpunkt der Konzeption Mobiltelefon noch nicht gab. Schoeps hat also seinen Großkunden das Angebot gemacht, CMC 5 gegen CMC 6 zu einem fairen Preis auszutauschen. Die zurückgenommenen CMC 5 wurden daraufhin in Karlsruhe überprüft und – vorausgesetzt, dass sie die strengen Anforderungen erfüllen – in ein neues Gehäuse gesetzt. Gemeinsam mit einer fabrikneuen MK-4-Nierenkapsel ergibt das dann ein Mikrofon, das zum kleineren Preis verkauft werden kann. Dieses Set besitzt dann die sprichwörtliche Schoeps-Qualität, ist komplett mit Garantie versehen, der Kunde hoffentlich glücklich und bei Schoeps muss niemand die Zähne zusammenbeißen oder seine Seele an den Teufel verkaufen. Allerdings: Das Kleinmembranmikrofon ist nun gewissen Einstreuungen gegenüber nicht so unempfindlich wie ein CMC-64-Set. Im Studiobetrieb sollte das zu verschmerzen sein, dass man für die Einsparung von 1000 Euro pro Stereoset sein Handy beim Aufnehmen im Studio ein paar Meter weiter weg legen oder in den Flugmodus versetzen muss.

Wie „schlimm“ diese Auswirkungen sind, zeigt das folgende Video, das ich mit einem derartigen „Budget“-Schoeps und meinem Kleinmembran aus Durlach gemacht habe, welches aus einem CMC 6 xt und einer Achterkapsel MK 8 aufgebaut ist:

Hier erkennt man, dass die beiden Versuchstelefone, ein Mobiltelefon (LTE, GSM/Edge, WLAN, Bluetooth) und ein Handteil einer DECT-Anlage es nicht schaffen, in die Verbindung der Schoeps-Mikrofone mit einer Premium-AD-Karte eines Merging Technology HAPI einzustreuen. Sitze ich vor meiner alten Philips-Transistororgel Philicorda, klackt und knattert es bei beiden Telefonen jedoch so erheblich, dass ich sie zum Spielen weglegen oder ausmachen beziehungsweise in den Flugmodus versetzen muss. Und generell hatte ich keinerlei Einschränkungen, wenn ich statt des CMC 6 den CMC 5 benutzt habe – in verschiedenen Räumen, mit unterschiedlichen Kabeln und direkt am Interface, am Röhrenpreamp oder einem Neve-Design-Amp.

Ein starker Magnet eines Lautsprecherchassis zeigt sogar, dass zumindest bei den magnetischen Störungen das CMC 6 xt mit der MK 8 stärker reagiert, allerdings nur im praxisfernen Nahbereich bei entsprechender Bewegung. Eine Leuchtstoffröhre oder ein Funkgerät hatte ich nicht zur Hand. Aber auch gegenüber Netzteilen und -kabeln zeigten sich in meinem kurzen Check beide Speiseteile gleich empfindlich. Das Oktava MK012 war in der getesteten Konstellation übrigens auch unauffällig, wie man teilweise dem Video entnehmen kann. Ich kann übrigens den Vortrag eines Schoeps-Mitarbeiters auf dem 1. Mikroforum empfehlen, der unter anderem HF-Störungen beleuchtet:

Die Klangqualität ist maßgeblich von der Kapsel abhängig. Mit dem getesteten Setup konnte ich so gut wie keine Unterschiede feststellen. Lediglich mein CMC 6 xt wirkte ein wenig höhenlastiger als das CMC 5. Das liegt aber in erster Linie daran, dass die „xt“-Version mit ihrem erweiterten Frequenzgang bis 40 kHz schon im Hörbereich leicht anhebt. Ich habe das Merging-System mit 384 kHz wandeln lassen und dann heruntergepitcht, um den Ultraschall im Hörbereich anhören zu können. Vielleicht finden dort ja Einstreuungen statt, die sich im Zweifel bemerkbar machen durch Modulationen oder Spiegelungen? Nein, nichts dergleichen. Allerdings zeigt sich, dass das Rauschen des CMC 5 deutlich angenehmer und „analoger“ klingt als das des CMC 6 xt – wohlgemerkt eigentlich im Ultraschallbereich! Die untere Grenzfrequenz liegt beim CMC 5 mit 30 Hz höher als beim CMC 6 (20 Hz), das ist jedoch nur bei der Arbeit mit Druckempfängern relevant (und selbst da musikalisch eher unwichtig).

Wer genauer wissen will, was die Kombination eines Schoeps-Speiseteils mit einer Nierenkapsel zu leisten vermag, der sollte sich den Testbericht der Schoeps-Colette-Mikrofone CMC 62 und CMC 64 ansehen und anhören. Das Nierenmikrofon wurde im umfangreichen Praxistest von 42 Mikrofonpärchen als klarer Sieger betitelt – hier findet man unter anderem das zugehörige Video zur Luxusklasse des Kleinmembrantests. So auch das CMC 54: Die Natürlichkeit, ja geradezu „anstrengungslose Leichtigkeit“, mit der Signale aufgezeichnet werden, ist genau so, wie man es von Schoeps-Mikrofonen her kennt. Der Frequenzgang und vor allem seine Stabilität und die Berechenbarkeit der Dämpfungen sind schlichtweg meisterlich. Das sage ich nicht als eine Art Fanboy, das ist schlichtweg die Faktenlage.

Im Vergleich zum CMC-6-Body erkennt man von außen nur einen Unterschied in der Art und Weise, wie die XLR-Buchse beim CMC 5 gestaltet ist. Auch die Kontaktringe am Kopf, mit denen die Colette-Kapseln verbunden werden, sehen etwas anders aus. Das neue Gehäuse mit der Nextel-Oberfläche sieht nicht nur wie neu aus, sondern ist es schließlich auch. Wo man hinguckt, erkennt man die hohe Herstellungsqualität, für die Schoeps seit Jahrzehnten das Vertrauen vieler Tonschaffender besitzt. Wermutstropfen: Dadurch, dass Schoeps Großkunden ein Angebot zum kostengünstigen Upgrade von CMC 5 auf CMC 6 gemacht hat, kann eine hohe Zahl CMC 5 refurbished werden. Allerdings ist dadurch die Anzahl an CMC 54 natürlich begrenzt!

Fazit

Für unter tausend Euro bekommt man eine nigelnagelneue Schoeps MK 4 und ein zugehöriges Speiseteil für kleines Geld dazu. Dass CMC 54 entspricht in jeder Hinsicht der bekannten Schoeps-Qualität, lediglich bei der Empfindlichkeit gegenüber manchen Einstreuungen im Mobilfunkband kann es in speziellen Situationen zu Einschränkungen kommen. Entsprechende Geräte sollte man sicherheitshalber auf Abstand halten – auch wenn hier im Praxisbetrieb keine Probleme auftraten. Somit ist die Kombination aus fabrikneuer MK 4 und refurbished CMC 5 ein sinnvoller Einstieg in die Welt der Colette-Serie – denn sowohl Speiseteile als auch die mittlerweile 21 Kapseln sind seit Einführung der Modulserie 1973 voll miteinander kombinierbar. Mehr Schoeps fürs Geld geht nicht: Das Angebot ist tatsächlich ein Schnapp. Und ein schöner Gedanke: Vielleicht holt man sich ein wenig Schoeps-Elektronik ins Haus, die schon bei einem großen Konzerthaus im Einsatz war…

  • Pro
  • deutlich preiswerter als CMC 64
  • klanglich und qualitativ so gut wie identisch mit CMC 64
  • volle Garantie auch auf den refurbishten CMC 5
  • neues Gehäuse für den CMC 5
  • kaum Nachteile in der Praxis gegenüber dem CMC 6
  • Contra
  • Features und Spezifikationen
  • Kleinmembranmikrofon: Kombination aus Impedanzwandler CMC 5 (refurbished, mit neuem Gehäuse) und fabrikneuer Nierenkapsel MK 4
  • Empfängerprinzip: Druckgradientenempfänger
  • Richtcharakteristik: Niere
  • Wandlerprinzip: Kondensator
  • Betriebsspannung: 48 V Phantomspeisung
  • Frequenzgang: 30 Hz - 20 kHz
  • Übertragungsfaktor: 15 mV/Pa
  • THD+N: 13 dB(A-bewertet)
  • maximaler Schalldruckpegel: 132 dB SPL (0,5% THD+N)
  • Vordämpfung: als separates Bauteil einschraubbar
  • Hochpass: als separates Bauteil einschraubbar
  • mit allen Bestsandteilen der Colette-Serie kombinierbar
  • volle Garantie auch auf CMC 5
  • Preis: € 999,- (Straßenpreis am 19.04.2018, limitiertes Angebot)
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