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27.08.2013

Querschläge: Ist das Kunst oder legt da einer auf?

No Risk, No Art: Landessozialgericht definiert DJs als Handwerker.

In der Regel lautet die Frage ja, ob einem der DJ in der letzten Nacht das Leben gerettet hat oder nicht. Nicht so vor dem Landessozialgericht Stuttgart. Bei dem Prozess, der derzeit zwischen der Künstlersozialkasse (KSK) und den Betreibern einer Diskothek in Karlsruhe verhandelt wird, geht es um die vielleicht nicht minder lebenswichtige Frage, ob DJs noch Künstler oder schon Handwerker sind. „Wie müßig!“ oder „Haben die nichts Besseres zu tun?!“ mögen einige unken. Tatsächlich hängt vom Ausgang des Prozesses einiges mehr ab als nur das Selbstbild eines Plattenauflegers. Konkret geht es um eine Nachforderung in Höhe von 5.000,- Euro, die die KSK von der Diskothek fordert, weil der engagierte Künstler bei der deutschen Rentenversicherung als „Künstler“ geführt wird. 

Endlich – Landessozialgericht überrascht die Welt mit einer Kunst-Definition
!
In erster Instanz hat das Gericht bereits entschieden und festgestellt: „Nein, die betroffenen DJs sind keine Künstler“. Wer sich an dieser Stelle schon wundert, warum Gericht und Rentenkasse zu dermaßen unterschiedlichen Bewertungen kommen, muss sich die sinngemäße Begründung des Gerichts auf der Zunge zergehen lassen: Musikalische Experimente könnten die Tanzfläche verwaisen lassen und gelten deshalb als unerwünscht. Das ist natürlich allerhand. Denn praktisch ist dem Landessozialgericht mit dem Urteil gelungen, woran die klügsten Menschen seit Jahrhunderten verzweifeln – die Definition von Kunst. Hie und da ließe sich an den Definitions-Details noch etwas drehen, aber im Grunde läuft es auf folgendes hinaus: die Ausübung nicht-experimenteller Tätigkeiten ist keine Kunst. Der kreative Maulkorb soll sein, was höhere Kunst vom prosaischen Handwerk unterscheidet.

Hauptsache Schocken – das Wort Unterhaltungskünstler als Widerspruch in sich
.
Dass das Gericht wenig anderes getan hat, als schmutziges Geschirr mit dreckigem Wasser zu waschen, ist gerade noch zu verkraften. Denn die Frage, woran sich der Faktor „experimentell“ bemisst, bleibt weiterhin offen. Aber: Wenn es außerhalb des Kreissaals je ein Dammbruchargument gegeben haben sollte, dann wohl dieses. Mit einem Schlag werden 10.000e Kreative vom Künstler zum Handwerker. Wer nicht riskieren will, sein Publikum zu verlieren, kann sich per Definition zu keinem Zeitpunkt auf künstlerische Freiheit berufen. Nach dieser Logik erscheint es immer verständlicher, warum auf-Bühnen-Kacken Kunst sein darf. Interessant ist auch die Umkehrung dieser Argumentation: Denn dann wäre, wer als Architekt, Dachdecker oder Fliesenleger bei der Ausübung seiner Arbeit ein experimentelles Risiko eingeht (indem er dreieckige Türen, Loch-Dächer oder Aquarium-Fliesen oder so anfertigt), ein Kandidat für die Künstlersozialkasse und mithin Künstler. Also bitte nicht wundern, wenn die Bonedo-Kolumne in der nächsten Woche ausschaut wie ein Lautgedicht von Kurt Schwitters. Und etwas später erscheint – muss erst noch die KSK-Unterlagen ausfüllen. 

Querschläge: Ist das Kunst oder legt da einer auf?

Unser neuer Kolumnist Thomas Kühnrich ist seit 2011 Redaktionsleiter bei Joinmusic.com. Dieses Online-Magazin und Label-Portal will getreu des Mottos "Good Music Only" eine Anlaufstelle für Labels und Musikinteressierte abseits der Top 20 Playlists sein. Und weil Justizia zwar blind, nicht aber taub ist, gibt sich Joinmusic subjektiv, voreingenommen und parteiisch. Mit News, Track-Tweets, Reviews und Hintergrund-Geschichten informiert das Magazin über Künstler, die den Unterschied machen. Das einzige Genre, das für sie wirklich zählt, heißt „großartige Musik“. Mit diesem Hintergrundwissen gewappnet, wird uns Thomas ab sofort mit seinen "Querschlägen" ein wenig Pfeffer in den Alltag bringen...

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