Software
Test
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19.11.2015

Propellerhead Figure Test

Freeware-Groovebox für iOS

3.., 2.., 1.., Groove!

Nach der Wiedergeburt des Sequenzer-Klassikers „Rebirth“ für iOS gibt es nun weitere Musik-Apps des schwedischen Software-Herstellers Propellerhead. Neben der iOS-Implementierung ihres Synthesizer-Flaggschiffs „Thor“ bieten die Propellerköpfe nun eine kostenlose App, die es auch Einsteigern ermöglicht, die ersten eigenen Beats zu schrauben.

Im Gegensatz zu den fotorealistischen Programmen, die man sonst von Propellerhead gewohnt ist, wurde „Figure“ scheinbar voll und ganz auf Usability für iOS-User gedrillt. Die App vereint dabei eine Drum-Maschine und zwei auf „Thor“ basierende Synthesizer, die sich kinderleicht bedienen lassen. Taktgefühl oder Kenntnisse der Harmonielehre sind für die Benutzung dieser App nicht zwingend notwendig, um eigene Grooves zu „touchen“. Lest im Test unsere Erfahrung mit dem einzigartigen Bedienkonzept von Propellerhead Figure.

Details + Praxis

Installation

Ein Klick auf den App Store, das Wort „Figure“ eingeben, auf „laden“ tippen, kurz warten, fertig! Mit nur 45 Megabyte sollte diese App ganz sicher auf jedem iPad noch ihren Platz finden. Wer bis hierhin mitgekommen ist, wird in Kürze seinen ersten Figure-Beat produziert – sorry – „getippt“ und „gewischt“ haben.

Aufbau

Die Einfachheit von iOS und dessen App-Installation spiegelt sich auch in Figure wider: Nach erfolgreichem Download und dem Start der App werden die wichtigsten allgemeinen Fakten kurz erklärt. Oder um es so auszudrücken, wie es beim ersten Start von Figure angezeigt wird: „swipe and tap to make music“. Im Grunde erklärt dieser Satz das Prinzip der App. 

Beats müssen hier nämlich nicht live eingespielt oder mit einem typischen Step-Sequenzer programmiert werden. Tippen und halten ist die Devise, denn Figure bietet für jeden der Klangerzeuger vorgegebene Patterns, die sich von 1 bis 16 auswählen lassen und daraufhin in diesem Muster durch Tippen und Halten abgefeuert werden. Dieses Prinzip gilt für jeden der drei Klangerzeuger in Figure, die sich immer griffbereit im oberen Teil der App befinden.

Drum

Der Drum-Klangerzeuger ist mit den vier Drum-Slots „Kicks“, „Snareclaps“, „Hats“ und „Tools“ ausgestattet und basiert auf dem NN-Nano-Sampler von Reasons „Kong Drum Designer“. (Warum eigentlich immer Plural und was sind Snareclaps?) 

Um die Einfachheit der App trotzdem etwas vielseitiger zu gestalten, erhält jeder Drum-Slot mehrere Sounds, die zwischen linker, mittlerer und rechter Position eines Drum-Slots verschiedene Drums triggern. So kann sich unter dem Drum-Slot „Snareclaps“ beispielsweise auf der linken Seite ein Snare-Sample befinden und auf der rechten Seite ein Clap-Sample.

Bass & Lead

Die Klangerzeuger Bass und Lead basieren auf der Engine des polyphonen Synthesizers „Thor“ von Propellerhead. In jedem der beiden Klangerzeuger stehen viele Presets dieses Synthesizers bereit, die nicht mit einer Klaviatur oder einem Step-Sequenzer eingespielt werden, sondern ebenso wie die Drums durch Tippen und Halten aufgenommen werden. Das Prinzip der Beatproduktion wird hierbei durch „Rhythm“, „Range“ und „Scale Steps“ ermöglicht. Dabei ist „Rhythm“ genau wie im Drum-Modul eine Auswahl vorgegebener Patterns, die zwischen 1-16 Steps verschiedene Patterns abspielen, sobald man die Touchpads berührt. Schaltet man Rhythm in den OFF-Modus, lassen sich die Melodien auch live, also ohne vorgegebenes Pattern, einspielen. Eine Möglichkeit zur Quantisierung gibt es allerdings nicht. Der Parameter „Range“ verkleinert oder vergrößert die Key-Range des spielbaren Bereiches, die unter „Scale Steps“ in mehr oder weniger viele Skalen-Schritte von 1 bis 7 ausgewählt werden kann.

Presets öffnen durch Swipe

Jeder der Klangerzeuger kann verschiedene Presets mit einem einfachen „Wisch“ nach rechts oder links abrufen – und zwar on-the-fly. Das hat zwar den Vorteil, sich nicht in Menüführungen zu verlaufen zu können, jedoch sind somit keine großen Sprünge möglich, da man immer nur zum nächstgelegenen Preset (links oder rechts) gelangt. Ein schneller Wechsel zwischen weit auseinander liegenden Presets ist also demnach nicht möglich.

Sequencing

Im oberen Bereich der App wird der Play- und Record-Modus gestartet. Durchlaufen werden hierbei die im Global-Fenster eingestellten ein bis maximal acht Takte. Im unteren Teil von Figure ist standardmäßig der Pattern-Mode ausgewählt, um die Noten der Klangerzeuger einzuspielen. Der interne Sequenzer hat drei Spuren: Drum, Bass und Lead. Um eine Fehlaufnahme zu löschen, gibt es im Record-Modus eines jeden Klangerzeugers den „Erase Mode“. Aktiviert man diesen, können ganze Patterns oder auch Teile davon gelöscht werden. Um eine Löschung rückgängig zu machen, dient der Button „Revert“.

Tweaks

Jeder Sound in Figure lässt sich mit verschiedenen Parametern anpassen. Diese sind jedoch von Preset zu Preset unterschiedlich. So können die Tweak-Parameter eines Sounds „Dubness“ und „Deepness“ lauten und beim nächsten Preset „Reverb“ und „Delay“. Die Tweaking-Parameter sind also speziell an jedes Preset angepasst. Jeder Tweaking-Parameter lässt sich im Record-Modus aufzeichnen, was sehr praktisch ist. Einmal aufgezeichnet, wird die Automation des Tweaks immer wiederholt. 

Global

Im Global-View finden sich wichtige Eigenschaften des Songs, wie die Tonart, ein zusätzlicher Arpeggiator, das Tempo, die Grundtonart und eine Shuffle-Funktion, um dem Beat den nötigen Swing zu verschaffen. 

Mix

Ein eher rudimentärer Mixer bietet Volume-Regler und Mute-Buttons für die drei Klangerzeuger. Mit dem zusätzlichen „Pump“-Regler lässt sich ein Sidechain-Effekt erzeugen, der von der Kickdrum getriggert wird. 

Song

Die eigenen Kreationen lassen sich natürlich auch abspeichern und praktischerweise in einem Song-Browser nach Name und Datum sortieren. So findet man die gespeicherten Grooves schneller wieder. Mit der Funktion „Tap here to be inspired...“ öffnet sich die Propellerhead-Website mit einer Download-Möglichkeit von Songs anderer Figure-User, um diese weiterzuentwickeln – krasse Connection. Genauso können die selbst erstellen Beats mit weiteren Usern geteilt werden. Ein Facebook-Account wird genutzt, um sich in Figure anzumelden. Wer auf das Facebook-Sharing verzichten möchte, klickt ganz einfach auf „I‘ll sign up later“. Mit „Enable Wist“ wird eine Bluetooth-Verbindung zu anderen Figure-Nutzern in der Nähe zum „Jammen“ hergestellt. Das Miteinander steht in Figure also ganz oben!

Öffnet man hier die „Options“, können innerhalb Figure „Help-Bubbles“ eingeblendet werden, oder auch ganz einfach das Manual geöffnet werden. Das Hilfe-Center kann ebenfalls von hier aus geöffnet werden.

Export

Als Export-Optionen stehen zur Verfügung: der klassische Weg über die iTunes-Synchronisation zum PC oder Mac, der Export zu Soundcloud und die Zwischenspeicher-Möglichkeit „Audiocopy“. Durch letztere wird der Song in die Zwischenablage kopiert und kann daraufhin in einer anderen Audiocopy-kompatiblen App eingefügt und weiter genutzt werden. Mit Audiocopy kann ein Figure-Beat dann beispielsweise in der ebenfalls kostenlosen Propellerhead-App „Take Creative Vocal Recorder“ geöffnet werden, um darauf Vocals aufzunehmen.

Klang

In den folgenden Klangbeispielen habe ich kurzerhand mit den Touchpads Patterns programmiert und on-the-fly einige Presets durchgeblättert und bin dabei auf erstaunlich gute Sounds gestoßen. Hört selbst:

Obwohl die App wohl eher an Einsteiger gerichtet ist, bietet sie dennoch einen qualitativ hochwertigen Sound, der durch die drei Klangerzeuger natürlich sehr stark an Reason erinnert. Alle Presets bringen eine ordentliche Portion Durchsetzungskraft mit und lassen noch genug Spielraum für die weitere Bearbeitung. Die vielen Presets bedienen zudem auch ein weites Klangspektrum und lassen sich praktischerweise auch sehr einfach „tweaken“.

Angeschlossen an die DAW des Vertrauens, lässt sich Figure auch sehr gut ins Studio-Setup einbinden. Mal eben das Tempo und die Tonart eingestellt, kann es durchaus als inspirierendes Werkzeug verwendet werden, das sich soundtechnisch zum Glück auch nicht verstecken muss, sondern ganz sicher als virtuelle Touchpad-Groovebox genutzt werden kann. Somit erhält man einen kleinen Auszug des Reason-Sounds kostenlos in seine DAW.

Workflow

Wie ein Groove in Figure mit den Patterns geschraubt werden kann und wie das Ganze im Workflow abläuft, seht ihr in folgendem kurzen Video.

Fazit

Propellerhead Figure ist ein inspirierendes Tool, das als Stand-Alone genutzt werden kann, um Grooves zu schrauben oder aber als virtuelle Groovebox den Sound von Reason in die DAW zaubern kann. Durch das Pattern-basierte Arbeiten und die Verwendung von Skalen kann so oder so nichts falsch gemacht werden. Und eines ist mit dieser kostenlosen App garantiert: ein hoher Spaßfaktor! Insgesamt ist Figure eine App, die auf dem iPad eines jeden musikschaffenden iOS-Nutzers ihren Platz finden sollte!

  • Pro
  • handliches Interface
  • guter Sound durch Thor- und NN-Nano-Sampler-Engine
  • Grooves im Handumdrehen
  • hoher Spaßfaktor
  • Contra
  • kein Contra
  • Preis
  • kostenlos im App Store

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