Hersteller_Pioneer
Test
5
12.05.2015

Praxis

Out-of-the-Box ... ohne Rekordbox

Mein Flashdrive, auf dem einige Dutzend mit BPM-Tags und Cover-Art versehenen MP3-Dateien liegen, steckt im USB-Slot und nach einem sehr kurzen Ladevorgang habe ich Zugriff auf den Datenbestand. Prima, dass Pioneer hier zwei Einschübe zur Verfügung stellt und nicht nur einen, denn so kommt zu Beginn bereits ein authentischeres Dual-Deck-Gefühl beim Einstöpseln der Datenträger rüber.

„Laptop like“

... mutet dann auch zunächst das Browsing an, unterstützt vom ordentlich großen Screen, der mit acht Titeln und Infofenster nebst Cover-Anzeige ziemlich übersichtlich ausfällt. Jedoch: Ich kann hier nur die einzelnen Ordner durchfahren, in denen mir die Musikstücke alphabetisch geordnet (Artist-Title) angezeigt werden und das ohne eine Möglichkeit der Filterung. Lade ich ein Musikstück in ein Deck und starte die Wiedergabe, weist der XDJ-RX im unteren Teil des Bildschirms die Laufzeiten, Tempo-, Pitch- und Titel-Infos aus und baut einen kleinen Wellenformausschnitt auf, lässt aber Grids und Stacked Waveforms, die man beispielsweise von Serato kennt, im oberen Teil des Bildschirms erwartungsgemäß vermissen. Für das Browsing wäre es nicht schlecht, könnte ich nun noch die Titelinfos im unteren Screen-Bereich komplett ausblenden und stattdessen weitere sechs Zeilen Tracks bekommen.

Dann erhalte ich auf dem Screen die Nachricht, dass die Quantize-Funktion ohne Rekordbox deaktiviert wurde und bei einem Tastenhieb auf Master und Sync erfolgt ein ähnlicher Hinweis. Damit hatte ich gerechnet. Klar kann man jetzt „rein nach Gehör“ schubsen, bremsen, schieben und pitchen – und das ist hier wirklich kein Problem, aber wir wollen ja den Features auf den Zahn fühlen, beispielsweise dem Zählwerk. 

Beatmatching V/S Cheatmatching

Der Beatcounter ist innerhalb von 6 Sekunden mit einer ziemlich treffsicheren Meinung am Start. Seine Einschätzung weicht bei meinen House Music Songs höchstens mal um ein, zwei Zehntel vom ID3-Tag ab. Die BPM-Werte werden im Display angezeigt und ruckzuck mit dem zehntelgenauen Pitch auf Gleichstand gebracht. Dann noch einen Cue-Punkt auf den Downbeat gesetzt und diesen eingetriggert oder mit dem Jogwheel die Kickdrum im Vinylmode abgeworfen und kurz mit dem Teller nachreguliert: Hörprobe, Mix, Bingo. Nächster Titel, noch ein Titel, es läuft wie geschmiert! Zwei, drei weitere Cues werden platziert – okay, sie sitzen mitunter aufgrund der fehlenden Quantisierungsfunktion nicht passgenau auf dem Beat, aber das kann je nach Auflösung des Beatgrids durchaus auch von Vorteil sein (dazu später mehr). Die Autoloops mit dem Cutter im Mix zweier Titel zu verwenden, ist allerdings von Fall zu Fall ein Glücksspiel. Besonders beim „Upscaling“, wenn man aus einem Mikroloop kleiner als 1/4 wird, kann man eigentlich drauf wetten, dass es ohne aktiven Sync oftmals rumpelt. Dazu gleich noch mal ein „Kritikpunkt“.

Die Autoloop-Funktion reicht zwar nominal von der Sechzehntelnote bis acht Beats, jedoch sind Werte unter 1 nur mit gehaltener Shift-Taste auszuwählen, sprich: Man benötigt beide Hände dafür, da kein Shift-Lock möglich ist, was umso nachteiliger ist, möchte man kurze Loop-Roll-Stakkatos abfeuern. Sicher fühlen sich die Hartplastiktaster nicht so gut beim Spielen an, wie MPC-Pads. Aber Anschlagdynamik ist hier ohnehin nicht gefragt, daher geht das in Ordnung. Schön, dass aber auch die manuellen Loop-Vertreter in Form der drei Tasten mit den selbsterklärenden Bezeichnungen IN, OUT und RELOOP den Weg ins Gerät gefunden haben (nebst Double/Half-Tasten). Gerade wenn man Acapella oder Solo-Instrumente einfangen möchte, die nicht auf eine ganzzahlige Zählzeit platziert sind, benötigt man diese Funktion unbedingt. Schön, dass sich die Loop-Flanken via Jogwheel feinjustieren lassen, falls der DJ mal leicht daneben gelegen hat.

Wer „Out-of-the-Box“ spielt, muss also mit dem manuellen Beatmatching Vorlieb nehmen, doch wer darin geübt ist, findet in den zusätzlich angezeigten Informationen wie BPM und Pitch den Turbo-Boost und profitiert bei der Musikauswahl vom Screen, jedoch ohne Filtertags oder Suchfunktionen nutzen zu können. Manuelle und automatische Loops, Hotcues, Slicing, Reverse und Slips sind möglich, Autosync und Quantisierung funktionieren indes nicht.

USB-Rekordbox

Der nächste Schritt heißt, die aktuelle Version von Pioneers Analyse- und Track-Tool „Rekordbox“ zu laden. Das Programm ermöglicht das Anlegen von Beatgrids, Cue-Punkten und Loops sowie das Taggen des Musikdatenbestandes mit diversen Kriterien und Kommentaren. Rekordbox ist gute 50 MB groß und die Installation verläuft problemlos.

Datenträgerkompatibilität

Ein Ordner mit 171 MP3-Tracks, der gut 4 Gigabyte Datenaufkommen verursacht, soll für den Mixeinsatz vorbereitet werden. Ich baue daraus einige Playlisten und lasse sie von der Software berechnen. Erfreulicherweise ist das dank Multicore-Processing bei vier Dateien in gerade mal fünfeinhalb Minuten erledigt. Sehr löblich! Etwas mehr Geduld muss ich mitbringen, wenn die Software die Musik auf den FAT32 und auf den HFS-Stick verschiebt. Nach je 10 Minuten sind rund 25 Prozent geschafft – Zeit also, die Kaffeemaschine anzuwerfen und beim Bäcker ne Schrippe einzukaufen.

Wenn eine größere Menge an Stücke sowohl in heimischen „Trainings-Gefilden“, wie auch im DJ-Studio, im Club oder bei der Hochzeitsbeschallung zur Verfügung stehen soll, bietet sich eine große, schnelle Festplatte an, idealerweise eine SSD. Ich habe eine Library zum besseren Austausch unter verschiedenen Systemen auf einer 128-GB SanDisk geparkt. Die Tracks lassen sich in einem Rutsch in Rekordbox importieren, leider ohne Ordner-Rekursivität, was wirklich äußerst schade ist, beherrschte dies doch die Software Torq vor Jahren schon. Traktor-User können ihre Playlisten als .m3u einlesen. Serato-Überläufer ziehen Crate-Inhalte am besten per Drag-Drop zu Rekordbox. Hat die Software die Festplatte erst einmal ausgewertet und die Playlisten auf die SSD kopiert, stehen Listen und Analysedaten in vollem Umfang zur Verfügung.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage nach der Titelfahndung in umfangreichen Sammlungen. Durch die Rekordbox-Analyse sind nun alle Tracks in der Datenbank eingetragen und sie stehen in alphabetischer Reihenfolge in den Kategorien Artist, Track, Album, Key etc. zur Verfügung. Playlisten und eine History sind auch an Bord und ich kann eigene Wiedergabelisten (Tag-Listen) mit bis zu 100 Titeln pro Medium anlegen, auch kategorisiert, also beispielsweise alle Musikstücke einer oder mehrerer Tonart (en). Sicher, so mancher DJ hätte hier vielleicht gern einen Tastaturanschluss gesehen und in der Tat ist die Suchfunktion nach einzelnen Titeln mittels Encoder-Eingabe etwas langatmig. Auch eine Möglichkeit, per Touch-Display oder Smartphone zu suchen, wäre deutlich komfortabler. Allerdings stehen nun immerhin Filter zur Verfügung, die in der Regel auch ein zügiges Arbeiten in größeren Beständen zulassen. Es spricht also eigentlich nichts dagegen, mit der großen SSD am USB-Port statt einem Laptop loszumarschieren. Gesagt, getan:

Auflegen mit Punktlandung

Ein Stick wandert in den ersten Slot, in Buchse 2 wird ein weiterer Datenträger für das Mix-Recording eingesteckt. Schon kommen die Vorzüge von Rekordbox zum Vorschein, denn das Synchronisieren der Decks klappt auf Tastendruck und das Vollfarb-Display beeindruckt mit einer doppelten, zoombaren Wellenformanzeige, die zudem auch das Taktraster, Loops und Cues anzeigt, allerdings keine Stauchung oder Kompression beim Pitch-Vorgang. Die multifunktionalen Performance-Pads ermöglichen den Zugriff auf Hotcues, Autoloops oder den Loop-Slicer. Bei diesen Aktionen erfolgt eine Punktlandung respektive Quantisierung, die meine Eingaben am Grid platziert. So soll es sein, allerdings stellt sich heraus, dass das Anlegen der ersten Hotcues erst beim Erreichen des ersten Beats erfolgt, die Quantisierung beim Triggern nicht einstellbar ist und pro Beat erfolgt, was die Tracks weitestgehend synchron auf Kurs hält, aber schnellere Aktionen wie kurze Cuejuggles schier unmöglich macht.

Ist der Slip-Mode eingeschaltet, wandert der Track bei einem Reverse, Spin oder Loop ungehört im Hintergrund weiter und spielt nach Beenden meiner Aktion dort ab, wo er im Normalfall angekommen wäre. Es wird klar: Das Arbeiten mit dem Controller macht gleich noch mehr Laune, wenn sämtliche Cheatmixing-Funktionen zur Verfügung stehen und wenn man sich damit anfreunden kann, dass die Komplexität der Cue-, Loop-, Slicer- und FX-Funktionen letztlich nicht mit Traktor oder Serato gleichziehen kann, dafür aber der Fokus auf der einfachen Bedienbarkeit liegt. Und scratchen? Das geht mit den 150-Millimeter-Jogwheels natürlich auch und der Crossfader lässt sich in zwei Blend-Ausprägungen einstellen, wobei der Cut in bei gut 2 Millimetern liegt. Die Teller selbst liegen gut in der Hand und übermitteln langsame wie schnelle Handbewegungen recht akkurat. Sie verfügen über einen rotierenden Positionsmarker, leuchten blau auf, wenn der Touch Sensor aktiviert ist und schalten im Slip-Mode auf inverse Beleuchtung. Der Vinyl Brake-Regler ermöglicht einen variablen Start/Stopp-Effekt beim Betätigen des Start-Buttons von sofort bis allmählich.

Smartphone, DJ-Link und Co.

Eine Überraschung gab es hinsichtlich der Anbindung von Rekordbox-Smartphones zu verzeichnen, denn ich hatte noch den XDJ-Aero im Gedächtnis, bei dem ich „Androiden“ und „Äpfel“ simultan einsetzen konnte. Dies funktioniert zumindest via USB nicht, denn dort provoziert das Samsung Galaxy eine Fehlermeldung und müsste somit über ein WLAN-Netzwerk eingebunden werden. Die IOS-Devices hingegen funktionieren nach Registrierung am USB-Einschub ohne zu murren, wenngleich es sporadisch vorkam, dass das angeschlossenes iPhone nicht unmittelbar erkannt wurde, was sich durch einen Reboot schnell beheben ließ. In der Folge ließen sich die Musikstücke auf dem iOS-Device am XDJ abspielen. Die Auswahl darf über das Smartphone selbst erfolgen oder via XDJ-Encoder/Display. Komfortabel, allerdings hätte Pioneer hier wirklich an eine anschraubbare Ablage denken können, denn wohin mit dem Tablet, wenn wieder mal kein Platz am Set ist?

Letztlich soll auch noch die Anbindung über die X-Link-Schnittstelle angesprochen werden, also die Verbindung mit der Netzwerkbuchse eines Notebooks, in meinem Fall eine Direktverbindung zwischen XDJ-RX und einem betagteren MacBook Pro, das noch über Ethernet verfügt. Ist der Link bestätigt und ein Track auf die Konsole geschickt worden, lässt sich die Musik direkt vom XDJ aus durchsuchen und auf die Workstation laden. Interessant: Der Pioneer ist in der Lage, nahtlos zwischen Traktor-Laptop, DJ-Link, iOS und USB-Stick zu wechseln.

Auf den USB-Stick aufnehmen

Noch ein Feature, das man an den meisten Controllern vergeblich sucht: einen Master-Recorder, der direkt auf ein angeschlossenes USB-Medium aufzeichnet. Dies umfasst sowohl interne als auch externe Zuspieler, das USB-Audiointerface und den Mikrofonsignalpfad. Ausgezeichnet. So lässt sich nicht nur die Mixsession für die Nachwelt festhalten, sondern man kann auf einer Hochzeit dem Brautpaar ein ganz besonderes Geschenk darbieten und zwar die Party mit allem „Zipp und Zapp“ als Audiodatei. Hat doch was – oder? Und die Aufnahmequalität stimmt auch, was die beiden nachstehenden Audiodateien belegen sollen.

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