Hersteller_Numark
Test
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04.06.2011

DETAILS

Erster Eindruck

Wie ein alter Freund erscheint mir mein heutiger Testkandidat, als ich ihn aus seiner Kartonage befreie. Und das hat zwei Gründe: Erstens sieht er den motorbetriebenen Echtvinyl-Controllern NS7 (Test hier) und V7 (Test hier) sehr ähnlich. Zweitens entspricht er hinsichtlich seiner Anordnung (Decksektionen außen, Mixer in der Mitte) quasi dem Standard-Layout eines herkömmlichen analogen DJ-Setups. Mal abgesehen von den spiegelsymmetrischen Decksektionen, die den Kontrollfuchs in ihm voll durchscheinen lassen, was ich persönlich sehr begrüße.

Positiv überrascht bin ich ebenfalls von der robusten, dennoch filigranen und zeitlos schicken Gehäusekonstruktion. Das Innenleben liegt sicher gebettet in einem silberfarbenen Aluminium-Chassis mit einer gebürsteten anthrazitfarbenen Oberseite. Die Ecken sind abgerundet, Schnittkanten oder Grate sind nicht vorhanden. Alle rückseitigen Buchsen sitzen fest im Anschlussfeld. Die Eingangskonstruktionen für die beiden Mikrofone und den 6,3-Millimeter-Kopfhörer sind solide ausgearbeitet und beim energischen Schütteltest wackelt nichts. Rock-solid, wie man so schön sagt. Das bringt natürlich ein gewisses Eigengewicht mit - in diesem Fall 6,3 Kilogramm. Vielleicht zu viel und auch zu groß für den Nightwalker und den urbanen Fahrrad fahrenden DJ. Ins Auto oder ins Taxi ist er jedoch schneller verladen als ein analoges Set mit 3-4 Plattenkisten. Verglichen mit dem NS7 (16 Kg) ist er zudem schon fast ein Fliegengewicht.

Insgesamt tummeln sich 23 Drehregler, sieben Fader, zwei Touchslider und über 70 Buttons auf einer 60 x 34 x 64 Zentimeter großen Oberfläche. Mit den restlichen Schaltern kommt der NS6 auf 140 Bedienelemente, die 214 MIDI-Signale senden. Die Arbeitsfläche ist definitiv als großzügig bemessen einzustufen. Ich finde, hier ist der Spagat zwischen Platzangebot und Mobilität dennoch geglückt. Auch die Bedienelemente machen beim ersten Befingern einen praxistauglichen Eindruck. Zum Lieferumfang gehören neben dem erforderlichen USB-Kabel auch ein Netzteil, Handbücher, ein Kabelstrip und eine Installations-CD.

Rein und raus

An der linken Vorderseite befinden sich die Faderstart- und Curve-Regler. Gegenüber liegt die Monitoring-Sektion. Numark spendiert dem NS6 zwei clubtaugliche Kopfhörerausgänge, die im positiven Sinn ordentlich Rums machen. Sie klingen transparent, druckvoll und liefern ordentlich Pegel. In der Software ist zudem eine Übersteuerungsoption implementiert, die noch ein paar „dBchen“ zulegt. Ist die Lautstärke zu diesem Zeitpunkt schon voll aufgerissen (was unter normalen Bedingungen kaum nötig sein wird) beginnt der Sound zu zerren. Overdrive - wen wundert’s. Master- und Preview-Signal werden durch einen Drehregler ineinander geblendet. Ferner ist es möglich, die beiden Sounds mittels Split/Cue auf die jeweiligen Kopfhörerseiten zu verteilen. Leistungseinbußen für den Fall, dass ein DJ-Team mit zwei Kopfhörern simultan arbeitet, konnte ich zu meiner Freude nicht feststellen. Sehr schön. Jetzt noch ein paar Schutzbügel oder versenkbare Regler, dann gäbe es hier direkt ein weiteres Blatt für den Lorbeerkranz.

Auch die Rückseite zeigt sich sehr anschlussfreudig: Raus geht’s über zwei symmetrische XLR-Buchsen und einen geklonten Stereo-Cinch-Ausgang für den Master sowie einen separat regelbaren Booth-Out für die Monitoranlage. Zwei 6,3 Millimeter Klinkeneingänge für Mikrofone und vier paar Stereo-Cinch-Females für Platten- und Line-Zuspieler ermöglichen einen universellen Einsatz. Eine Erdungsschraube, USB- und Netzteilbuchse sowie ein schutzgerahmter Einschaltknopf runden das Backpanel ab.

Aufbau

Zentrales Element der schlanken Kommandozentrale ist die Mischpult-Sektion. Im unteren Drittel setzen vier 45 Millimeter lange Channelfader die Lautstärken der Kanäle eins bis vier. Sie sind sehr leichtgängig, und ist man nicht gerade ein Deckhexer, der Loops und Samples aus allen Rohren abfeuert, vielleicht schon ein wenig zu leichtgängig. Wer allerdings unentwegt Loop-Decks einbringt, könnte daran seine helle Freude haben. An der Präzision der D-Type VCDA-Fader habe ich nichts auszusetzen. Nur schade, dass sich die Flankensteilheit der Schieber nicht über die Hardware dirigieren lässt. Jedoch besteht die Möglichkeit, sie via Software dem eigenen Gusto anzupassen.

Der Crossfader fließt weich wie Butter über die Leiterbahn und ist vollständig konfigurierbar. Die Kurvencharakteristik (X-Fader Slope) wird frontseitig zwischen harter und weicher Blende eingestellt. In der rechten Position öffnet der Fader sehr schnell, in der linken geht’s gemächlicher zur Sache. Die Faderstart-Funktion erlaubt einzelne Softwaredecks abhängig von der Stellung des Überblendreglers zu starten und zu stoppen. Jeder Kanal wird entweder einer Seite des Crossfaders zugewiesen oder komplett losgelöst von diesem behandelt. In einem weiteren Schritt lässt sich nun die Fernzündung für die beiden Pole (links, rechts) separat aktivieren. Somit können die einzelnen Kanäle letztlich wahlfrei geroutet und aktiviert werden. CD-Spieler sind hiervon ausgenommen, denn es fehlt schlichtweg an den dafür nötigen Schnittstellen.

Wir wandern nach Norden und uns begegnen ein Gainregler zum Einpegeln des Signals, gefolgt von einem Dreiband-Equalizer, einem Eingangswahlschalter und dem obligatorischen Vorhör-Button. Die EQs sind mit einer Kill-Funktion ausgestattet und löschen ganz nach links gedreht das entsprechende Frequenzband komplett aus. Der Boost liegt bei +/-12 oder +/-6 dB, was in der Software eingestellt werden kann. Die Equalizer arbeiten sehr präzise und erlauben grazile Eingriffe ins Klangbild. Ihre gummierten Potis besitzen eine weiß markierte, rastende Mittenstellung. Sie weisen einen praxistauglichen, mittleren Abstand von etwa 25 Millimetern zueinander auf und liefern einen natürlichen, angenehmen Drehwiderstand.

Jogwheel

Ein echter Eyecatcher sind die 150-er Jogwheels. Ihre sensitive Oberfläche misst 130 Millimeter und ist von einem milchig weißen Ring umgeben. Ein Lauflicht visualisiert die Abspielrichtung des Tracks und nimmt je nach gewähltem Layer die Farbe Weiß oder Rot an - netter Anblick mit extra Durchblick. Die seitengeriffelten Teller arbeiten bei 3600 Ticks pro Turnus sehr präzise. Ihre Standard-Betriebsart ist der Nudge-Modus mit ausgeschaltetem Touch-Sensor. Hier beschleunigt ein Schubser den Track kurzzeitig. Scratch schaltet den Messfühler scharf und aktiviert die gleichnamige Funktion. Die Oberfläche liegt gut unter den Fingern und zeigt sich als sehr rutschresistent, selbst wenn Schwitzhändchen ins Spiel kommen. Ich würde sagen, sie legen eine ausgezeichnete Haptik und Scratch-Performance an den Tag. Ob zart oder hart, es ist schon fast schwierig, einen Cue-Punkt beim Kratzen zu verlieren. Auch sehr langsame Bewegungen werden gut übersetzt und von der Software akkurat interpretiert. Daumen hoch.

Südlichter

Unter den Jogwheels finden wir drei besonders große, beleuchtetete Schaltflächen für SYNC, Cue und Play, die sich auch in hektischen Situationen und dunklen Umgebungen als kompetente Mitstreiter erweisen. CLEAR/ADJUST ermöglichen eine direkte, manuelle Anpassung des Beatgrids, falls sich die interne Analyse-Funktion mal verkalkuliert hat. Eine Zeile höher sind fünf Tasten für ebenso viele Hotcues platziert, die weiß aufleuchten, wenn ein Punkt gespeichert wurde. Möchte man diesen wieder löschen, ist Shift festzuhalten und die gewünschte Taste erneut zu betätigen. Eine Verfahrensweise, die sich in der Praxis bewährt hat. Wer nur eine Markierung freimachen will, kann sich das konstante Niederdrücken sparen, weil der NS6 automatisch in den Triggermode zurückschaltet. Die Buttons selbst sind für intensives, impulsives Cuejuggling vielleicht etwas zu klein und hart geraten. Zum gelegentlichen Triggern und Anfahren von (Scratch-) Markern sind sie gut platziert. Sozusagen ganz nah am Geschehen. Der kleine Taster Skip ist für taktsynchrones Beat-Jumping per Jogwheel zuständig.

Etwas weiter nördlich aktiviert Reverse den Rückwärtslauf. Bleep (Shift + Reverse) ist eine besondere Reverse-Funktion, denn der Song läuft ungehört im Hintergrund weiter und spielt nach dem Rückwärtslauf an der Stelle weiter, wo er sich ohne Aktion des DJs befunden hätte. So lassen sich zum Beispiel kritische oder jugendgefährdende „explicit-Lyrics“ durch einen kurzfristigen Bleep überspringen oder einfach ein paar nette FX erzielen. Der Unterschied hört sich dann so an - natürlich wählen wir an dieser Stelle ein „harmloses“ Liedchen. J

Pitch

An den Außenflanken der jeweiligen Deck-Sektionen verrichtet ein dreistufig skalierbarer 100 mm langer Pitch-Fader sein Werk. Das Regel-Intervall reicht von acht über 16 bis 50 Prozent. Auf halber Strecke zeigt eine LED an, wenn die Nullstellung erreicht ist. Auf zwölf und sechs Uhr, sowie von der Mitte nach unten hin konnte ich an meinem Testmodell etwa eine halbe Skaleneinteilung Deadzone feststellen, nach oben lediglich einen Millimeter. Aber wir wollen nicht päpstlicher sein als der Papst, denn dieser Pitch ist nicht nur sehr schön laaaang, sondern arbeitet im Hundertstel BPM-Bereich genau. Zudem zeigen zwei Pfeil-LEDs an, in welche Richtung der Faderwert nach einem Deckwechsel abzuholen ist, bevor die Position eine erneute Auswirkung auf das Tempo hat (Pick-up-Mode). Damit während dieser Geschwindigkeitsänderungen keine Tonhöhenschwankungen auftreten, trennt MASTER auf Wunsch die Tonhöhe vom Tempo. Die Software aktiviert einen Timestretching-Algorithmus, der bei Originaltempo einsetzt (nicht bei der aktuellen Stellung des Pitch-Sliders). Bis zirka vier Prozent gelingt die Interpolation je nach Basismaterial weitestgehend artefaktfrei, danach können Glitches auftreten, was absolut im Rahmen liegt.

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