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Test
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10.12.2020

Praxis

Für die Soundfiles spiele ich die angegebnen Gitarren über ein 3-m-Kabel ins Audiointerface, ein RME Fireface UFX, und aktiviere Guitar Rig 6 (Version 6.0.4/Stand Dezember 2020) als Plugin in meiner DAW, Studio One 5.

Zunächst steppe ich durch ein paar Werkspresets, um mich vom grundlegenden Sound und den Effekten zu überzeugen. Auch wenn hier zwar teilweise ziemlich effektgetränkte Sounds zu finden sind, wurde doch auch an universal einsetzbare "Brot und Butter"-Sounds gedacht, die sich primär auf die Ampsounds beschränken und auf die ich für Recordings bedenkenlos zugreifen würde. Die Auswahl ist hier extrem und auch die Artistpresets von Pete Thorn, Yvette Young, Vernon Reid und noch einigen mehr vermitteln einen ziemlich guten Eindruck darüber, wozu GR6 im Stande ist.

Die Effektqualität ist durch die Bank weg sehr ansprechend und mein erster Eindruck von den neuen Ampmodellen wie Chicago und Fire Breather ist in puncto Plastizität grundsätzlich positiv.

Der Spaß beginnt natürlich erst bei den Eigenkreationen, und so möchte ich mich auch beim Überprüfen der Modellingqualität zunächst auf Amspounds mit wenigen Effekten beschränken. Das Erstellen von eigenen Presets gestaltet sich intuitiv und selbsterklärend, was sicherlich auch auf die übersichtliche grafische Benutzeroberfläche zurückzuführen ist. Das Chicago-Modell liefert wie vermutet Fender-Tweed-artige Sounds, die für meinen Geschmack deutlich authentischer klingen als der alte "Tweed Delight", der aus der Vorgängerversion weiterhin verfügbar ist. Auch die neuen Impulsantworten des Matched Cabinet Pros klingen für mich griffiger als die vorangegangenen Optionen der Speakersimulation. Der Ehrlichkeit halber muss man sagen, dass das Laden von Drittanbieter-IRs auch schon vorher über den Reflektor möglich war. Der Fire Breather liefert dank der in drei Stufen schaltbaren Gainstage ein breites Arsenal an britischen Sounds, die für ein Plugin auch noch relativ dynamisch rüberkommen. Grundsätzlich muss man sagen, dass das Modelling von Lo-Gain- und Break-up-Sounds sich digital immer als problematisch erweist. Dennoch sind die berühmten Vorlagen, seien sie von Tweed, Marshall oder Vox, gut getroffen und befinden sich für meinen Geschmack qualitativ mehr oder weniger auf demselben Level wie die Konkurrenzprodukte – auch wenn für mich Anbieter wie z. B. Universal Audio hier noch eine Schippe Authentizität drauflegen. Für mich ist die Qualität des Softwaremodellings generell aber ohnehin noch nicht auf dem Niveau hochwertiger Hardwaremodelle wie dem Kemper, Axe FX oder den Platzhirschmodellen von Line 6 und Boss angelangt – der Abstand wird jedoch zunehmend geringer. Zum Intelligent Circuit Modelling sei noch gesagt, dass ein 1:1-Vergleich der bereits in GR5 enthaltenen Ampmodelle mit der GR6 Variante für mich keine hörbaren Unterschiede zu Tage gefördert hat, sodass man davon ausgehen muss, dass leider nur die drei Neumodelle vom ICM profitieren. Neu ist allerdings, dass die alten Ampmodelle per default nicht mit dem Matched Cabinet, sondern mit dem neuen Matched Cabinet Pro ins Rack gesetzt werden, was zumindest auf Speaker- bzw. Mikrofonierungsbasis eine klare Klangverbesserung mit sich bringt.

Kommen wir nun zur Effektabteilung, bei der sicherlich die größten Neuerungen zu finden sind. Mit dem RAUM-Reverb lässt sich eine breite Palette an hochwertigen Halleffekten erzeugen, die von kleinen Ambience-Effekten, bis hin zu großen Hallräumen reicht. Ein Schönes Gadget ist hierbei der Freeze Button in Schneeflöckchenform, mit dem man die Hallfahne quasi einfrieren kann.

Bei vielen der neu integrierten Packages wie dem Mod Pack, der Solid Mix Serie, den Kompressoren oder dem Dirt Pack handelt es sich sicherlich nicht primär um Gitarreneffekte, sondern sind diese ganz allgemein für Mixing-Szenarien angedacht. Sie lassen sich jedoch problemlos in Gitarrenrigs integrieren, zumal hier auch einige gitarrenspezifische Voreinstellungen abrufbar sind. Bite, Dirt und Freak liefern z. B. herrlich gebrochene und kaputte Sounds, die man sicherlich eher in speziellen Effektszenarien oder Klangcollagen einsetzen wird, ebenso wie einige Traktor-Effekte, die DJ- und Techno-Herzen höher schlagen lassen.

Effekte wie z. B. das Mod Pack erlauben dabei den Zugriff zu deutlich mehr Parametern, als dies ein einfaches Bodenpedal bieten könnte. Sowohl hinsichtlich ihrer Effektqualität als auch der Vielfalt bleiben hier kaum Wünsche offen. Was ich persönlich als Gitarrist etwas schade finde, ist, dass die Auswahl der gemodelten Low- bis Midgain-Overdrives etwas mager ausfällt und man neben dem Tube Screamer oder ein paar Boostern auch gerne noch weitere Pedalklassiker wie z. B. den Blues Driver, Zendrive, Klon etc. hätte integrieren können.

Als nächstes folgt ein Beispiel, in dem ich einen Modifier eingesetzt habe. Ich habe mich für einen Step Sequencer entschieden und habe den Modifier ganz einfach per Drag-and-drop der Delay Time meines Delay Man Effekts zugewiesen – und: habe einen interessanten Effekt erhalten, den man natürlich mit dem Tempo des Songs synchen kann. Auch die Modifier liefern einige Werksvoreinstellungen und abspeicherbare Presets innerhalb des Moduls. Leider muss man jedoch beim Wechsel der internen Presets die Modifier neu belegen.

Zum Abschluss hört ihr noch ein Praxisbeispiel aus dem Bandkontext, bei dem alle zu hörenden Gitarren mit Guitar Rig 6 belegt sind. Die Sounds bekommt man im Mix gut platziert und die Durchsetzungsfähigkeit im Bandgefüge kann sich hören lassen.

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