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Test
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27.09.2017

Kush Audio Clariphonic MS Test

Stereo-EQ mit M/S-Modus Test

Eigenständiger Spezial-EQ

Kush Audio hat sich mittlerweile als allseits geschätzter Player am Markt etabliert - so sehr, dass das Signature-Produkt des Herstellers nun in einer aktualisierten, nochmals verfeinerten Version erhältlich ist.

Als Brainchild des New Yorker Engineers Gregory "UBK" Scott hat Kush Audio von Anfang an Dinge anders gemacht als die Konkurrenz. In unserer Branche, die in vielen Bereichen viel technisches Fachwissen erfordert, ist es manchmal nicht einfach, die Brücke zwischen Theorie und Praxis zu schlagen, zu abstrakt erweisen sich technische Parameter, und zwar sowohl für Anfänger wie bisweilen auch die alten Hasen. Den aktuellen Trend, Klangparameter nicht mit den dahinterstehenden technischen Werten, sondern vielmehr mit lautmalerischen Begriffen zu betiteln, hat Kush Audio jedenfalls in einer Vorreiterrolle mitbegründet. Woher Scott seine Inspiration bezogen hat, darüber darf fröhlich spekuliert werden. "Kush" ist ein amerikanischer Slangbegriff für gewisse Ernteprodukte einer uralten Kulturpflanze mit fünffingrigen Blättern. In braun gehaltene Frontplatten sowie - speziell auf den Clariphonic bezogen - der Claim "Highend just got higher!" lassen nur noch die ganz hartnäckigen Verweigerer daran zweifeln, worauf hier augenzwinkernd Bezug genommen wird.

Wenn wir jedoch einmal ganz nüchtern bei den Fakten bleiben, so ist der Clariphonic auch in seiner aktuellen Iteration ein so eigenständiger wie interessanter Klangprozessor, der allemal einen näheren Blick Wert ist.

Details

Auf der Frontplatte des 1-HE-Gehäuses versprüht das Gerät den Art-déco-Charme Gotham Citys und damit geht Kush hier mit den visuellen Referenzen nochmals ein halbes Jahrhundert weiter zurück als die meisten EQs, die Vintage-Reminiszenzen zitieren. Im Kern bietet der Clariphonic nämlich eine moderne Aufbereitung von Sweetening-EQ-Kurven, die gemeinhin mit den besten der besten Vintage-EQs in Verbindung gebracht werden. Angeber-Fun-Fact für den nächsten Branchenumtrunk: Zwar ist der Pultec EQ ein Kind der 50er-Jahre, aber die zugrundeliegenden Filterschaltungen wurden tatsächlich Anfang des 20. Jahrhunderts bei Western Electric für die Verbesserung der Audioübertragung über Telefonleitungen entwickelt. Und insofern passt die Art-déco-Optik viel besser, als man auf den ersten Blick denken sollte ...

Klangmalerische EQ-Bänder

Nun ist der Clariphonic aber kein Pultec-Klon, sondern er verpackt diese und andere Klangresultate in ein Interface, das seinen eigenen Gesetzen folgt. Als "Parallel EQ" ausgeführt verfügt das Stereogerät über eine interne Routingmatrix, welche die EQ-Bearbeitung dem Direktsignal hinzumischt, mit dem Ziel, möglichst saubere, elegante Resultate zu ermöglichen. Pro Kanal stehen zwei Bänder zur Verfügung, die jeweils unterschiedliche Frequenzen bedienen und näherer Erläuterung bedürfen, da die Bänder eben nicht "technisch", sondern "klangmalerisch" gelabelt wurden.

Endlich auch Absenkungen von Frequenzen möglich

Das Focus-Band bedient dabei die tieferen Frequenzen, wobei damit nicht der Bass gemeint ist: Der Clariphonic ist ein reines Werkzeug zum Shaping der hohen Frequenzen, Bässe oder Tiefmitten werden hier nicht bedient. Dieses Band bietet die Optionen "Lift" und "Open", wobei es sich bei beiden um sehr weite Bell-Kurven handelt. Lift greift unten ab etwa 800 Hz und läuft oben ab etwa 14 kHz wieder aus, Open ist mit einer unteren Ansatzfrequenz von 3 kHz höher abgestimmt. Ein Rasterpoti mit 41 Stufen erlaubt eine Amplitude von satten ±16 dB. Richtig gelesen: plus und minus! Das Vorgängermodell erlaubte nur Boosts und war deswegen deutlich weniger flexibel, dies war damals mein größter Kritikpunkt an dem Gerät. Harsche Hochmitten können mit der Focus-Engine nun also auch reduziert werden.

Für klare und seidige Höhen ist ausreichend gesorgt

Daneben bietet der Clariphonic noch das zweite Band, die Clarity-Engine, mit insgesamt vier Ansatzfrequenzen, die "von unten nach oben" Presence, Sheen, Shimmer und Silk genannt werden. Es handelt sich hierbei um vier Shelving-Kurven mit den Ansatzfrequenzen 4, 8, 18 und 34 kHz. Letztere sind nicht nur für Fledermäuse und Hunde gedacht, da die breiten Filter auch weit unterhalb der Ansatzfrequenzen schon greifen und dann eben für einen unglaublich weichen, leichten Boost des Airbandes sorgen. Auch hier justiert ein Rasterpoti den Pegel, und zwar je nach Filterband in einem Bereich von ±14 bis ±16 dB, was höchstwahrscheinlich deutlich mehr sein sollte, als man jemals brauchen wird.

Kush zitiert ehrwürdige Legenden-EQs wie Sontec oder Massenburg als Vorbild für diese Baugruppe.

Dank M/S-Matrix nun auch Mid-Side-Bearbeitung möglich

Das Gerät bietet zudem noch eine interne M/S-Matrix, die den Einsatz der Filterkurven auch auf Mitten- und Seitensignal erlaubt. Hinten finden sich zudem nicht nur die Netz- und Audioanschlüsse, sondern auch zusätzliche Insertpunkte, mit denen auch externe Prozessoren in die M/S-Codierung eingebunden werden können. Leider sind diese im Gegensatz zu den Hauptein- und -ausgängen aber nur als (immerhin ebenfalls symmetrische) TRS-Buchsen verfügbar. Beleuchtete Kippschalter für Netz, Bypass und M/S-Betrieb liegen in der Mitte der Frontplatte. Somit ist die Übersicht über den Betriebsstatus jederzeit gewährleistet. Die Verarbeitung ist insgesamt makellos und das Innenleben so sauber wie übersichtlich. Audio-I/Os sind elektronisch symmetriert, die Routingfunktionen/der Bypass relaisgestützt, die M/S-Matrix basiert auf THAT-Chips und die EQ-Schaltungen auf IC-basierten RC-Filtern. "Vintage"-Bauteile wie Röhren oder Übertrager bietet der Clariphonic also nicht, er setzt sein Konzept mit modernen Mitteln um.

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