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21.03.2019

DJ Playlisten erstellen und Tracks organisieren: Technik, Software und Kriterien

Workshop Playlist Management: So bringst du Ordnung in deine Playlist, Crates und Musiksammlung

Virtuelle Plattenkoffer packen

Es ist mittlerweile gar nicht mehr so ein neues Phänomen, dass der DJ in der Wahrnehmung der Medien, des Publikums und manchmal wahrscheinlich auch im eigenen Selbstverständnis als Künstler agiert. Früher war das Image des Discjockeys jedenfalls weitaus schlechter. Er halt, der Plattenaufleger. Der Musikunterhalter, im besten Fall auch ein musikalischer Meinungsführer.

Egal wie man es nun betrachtet, er ist in jedem Fall eins, nämlich ein Dienstleister, dessen primäre Aufgabe das Auswählen und Abspielen von Tonmedien vor Publikum ist. Nicht mehr und nicht weniger. Und jeder gute (und auch schlechte) DJ, egal ob Hip-Hop oder Techno-Megastar oder Rockkneipen-Resident, braucht dazu eins: Musik.

Und genau an diesem Punkt unterscheidet sich ein DJ in keiner Weise von einem „normalen“ Musikhörer. Ich wage sogar zu behaupten, dass „jeder“ aufmerksame Musikhörer in gewisser Weise selbst ein DJ ist. Ganz durchschnittliche Menschen laden einen bestimmten Aufwach-Song in ihr MP3-Weckerradio, haben eine Lieblings-CD für lange Autofahrten, werfen abends nach der Arbeit ein aggressionsabbauendes Album zum Abschalten an.

Wer einen intimen Blick in die stimmungsbezogenen Musikpräferenzen seines Freundeskreises gewinnen will, schaut in soziale Netzwerke. Kein Morgen, wo nicht irgendwer ein Musikvideo mit dem Kommentar „Jetzt erstmal wach werden“ postet, kein Abend, an dem nicht irgendwo ein Clip mit der Unterschrift „So, für euch zur Nacht noch …“ zu finden ist. Musik ist und bleibt der Stimmungsverstärker Nummer eins ...

Und hier kommt jetzt der DJ ins Spiel, denn dieser ganze Konsum von Musik erfolgt bei den meisten Menschen weitgehend unstrukturiert: Man hört einen Song im Radio, sieht irgendein Musikvideo, bekommt von irgendwoher ein Album zugeschanzt. Gefällt es einem, wird es für eine gewisse Zeit Teil des Lebens - oder eben auch nicht. Früher waren das die zehn CDs, die oben auf dem Player lagen, heute die Playlist „zuletzt gehört“.

Die wenigsten „normalen“ Musikhörer machen sich aber die Mühe, Listen mit dem Namen „Aufstehen“, „Runterkommen“ oder „Autofahren“ anzulegen. Genau das aber ist eine der zugleich einfachsten und schwersten Kernqualifikationen eines DJs: Geschmackssicher in der Lage zu sein und die Zeit aufzubringen, Musik zu sammeln und nach bestimmten, nachvollziehbaren Kriterien zu ordnen und schnell abzurufen. So simpel es klingen mag, macht dies fünfzig, wenn nicht gar achtzig Prozent des Jobs eines Plattenauflegers aus (Ausnahmen bestätigen die Regel). Alles, was danach kommt - Technik, Performance, Bühnen-Präsenz und so weiter - ist zweitrangig und lässt sich erlernen. Das konstruktive Zusammenstellen und Klassifizieren von Musik ist dagegen echte Arbeit und wird einem, ganz im Gegensatz zum Mixen an sich, derzeit noch von keiner Software wirklich abgenommen (erleichtert allerdings schon, wie wir noch sehen werden).

Starte jetzt, sofort!

Ich leihe mir an dieser Stelle jetzt mal eine Motivationstechnik aus der Rauchentwöhnung und verspreche dir: Wenn du das willst, bist du am Ende dieses Artikels ein DJ – zwar noch ohne Auftritte oder auch nur ein einziges Mal einen Finger auf den Crossfader gelegt zu haben, aber sobald du anfängst Musik unter dem Aspekt der „öffentlichen Wirksamkeit“ und nicht mehr nur zum reinen Privatvergnügen zu hören, hast du den vielleicht wichtigsten Aspekt der DJ-Tätigkeit bereits verstanden.

Tipp: Deine DJ-Karriere startet mit klugen, passenden Zusammenstellungen von Musik. Fang noch heute an, dir deine erste Playliste zusammenzustellen. Überleg dir einfach irgendeinen Anlass, wo du gerne mal auflegen würdest (denk auch und besonders an den Ort, das Publikum und die Uhrzeit). Dann durchsuche deine Sammlung nach Stücken, von denen du meinst, dass sie bei dieser Gelegenheit gut passen würden und arrangiere sie in eine unterhaltsame Reihenfolge, die über ungefähr eine Stunde stimmig und gleichzeitig abwechslungsreich ist. Die Songs müssen dabei noch gar nicht gemixt sein. Es reicht, wenn du sie einfach hintereinander ablaufen lässt. Hör dir dieses „Mixtape“ mal bei irgendeiner Gelegenheit wieder an (beim Joggen, beim Aufräumen, bei Freunden oder vielleicht hast du auch die Möglichkeit, es mal auf einer Party laufen lassen) und beobachte wie es dir und anderen gefällt.

Wo, für wen und wann?

Egal ob nun zum Privatvergnügen, als professioneller Musikunterhalter oder als ausgebuchter Techno-DJ – in dem Augenblick, wo ihr am Mischpult steht, liegt die Verantwortung und Kontrolle über die gespielte Musik bei euch und ihr braucht ein schnelles und reproduzierbares Ordnungs- und Filtersystem, das euch dabei hilft Stücke zu finden und auszuwählen, die nacheinander gespielt dem Anlass entsprechend Sinn ergeben. Die gute Nachricht zuerst: Der mächtigste Filter von allen kommt ganz ohne Rechner, Software und Backuplösung aus, nämlich euer Ohr und Geschmack. Die Schlechte ist, dass es kein universelles, immer richtiges Ordnungssystem gibt, das jeden denkbaren Aspekt gleichzeitig berücksichtigt. Man kann sich immer nur auf bestimmte Kriterien konzentrieren, die sich für euch persönlich als sinnvoll und nützlich erweisen. Beginnen wir mit dem Ohr und dem Geschmack. Ihr mögt bestimmte Musik, andere nicht, ihr hört morgens andere Musik als abends, ihr kauft und ladet euch bestimmte Stücke, andere nicht? Bravo, was ihr so zusammengesammelt habt  ist euer stetig wachsender Schatz, der den Grundstock eurer DJ-Karriere bildet. Ob euer Geschmack am Ende zu dem passt, was euer Publikum gerne hört, kann ich euch natürlich nicht sagen und ist von zig Faktoren abhängig (unter anderem ob ihr eher ein universeller Partyjockey oder ein hochspezialisierter Spartenmusik-DJ werden wollt).

Tipp: Versucht dieses Filter so oft und gut wie möglich zu schulen und zu trainieren. Das kann jeder, immer und überall. Hört ganz bewusst darauf, was im Radio oder auf Partys gespielt und in sozialen Netzwerken gepostet wird. Fragt euch, was an der Musik in Bezug auf Klang, Stil oder Tempo charakteristisch ist, ob und wann ihr das Stück auch spielen würdet. Schaut und hört euch an, was andere DJs auf Partys auflegen und beobachtet, wie ihre Musikstücke dort auf die Crowd wirken.

Aus der Praxis

Mit wachsender Hörerfahrung werdet ihr natürlich auch auf bestimmte Künstler, Labels und Stilistiken aufmerksam. Vielleicht kommt ihr sogar zu dem Punkt, dass ihr entscheidet “Tribal-House ist ohne Wenn und Aber die Musik, die ich am liebsten mag. Das sind genau die Tracks, die ich auch für andere spielen möchte.” Glückwunsch, ihr habt damit dann direkt zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, nämlich zum einen ein Musik-Profil für euch als DJ gefunden und zum anderen ein extrem engmaschiges Filter entwickelt, das euch die Musikauswahl merklich vereinfacht. Wer schon so weit ist, kann seine Musiksammlung mit sehr speziellen, sehr auflege-orientierten Filtern verfeinern. In einem Interview zeigte mir der Techno-DJ Chris Liebing einmal seine Playlisten-Organisation: Dort fanden sich lediglich Buchstaben und er erklärte: „Ich unterteile nur grob in die Richtung, wie ich ein Stück empfinde. Mir reicht dann: B, D, G, M, T. In der Playliste T ist zum beispielsweise alles, was ich als soundmäßig etwas technoider empfinde, G steht für groovige Tracks, B für Sachen, die sehr basslastig sind. D dann für deep, M für minimaler und so weiter.“ Verfolgt man dann einmal eines der DJ-Sets von Liebing, macht das Prinzip absolut Sinn, den das Tempo bewegt sich durchgängig im typischen, technoiden Bereich, weshalb die BPM-Zahl als Ordnungskriterium zu vernachlässigen ist. Und auch die Spannungsbögen sind lang angelegt und ausgedehnt, weshalb hier wirklich mit sehr abstrakten, beschreibenden Kriterien gearbeitet werden kann.

Hochzeit, Warm-up, Dub & Soundgewitter

Der wohl krasseste Gegensatz ist ein Hochzeits-DJ. In den seltensten Fällen kennt er den spezifischen Geschmack seines Publikums, gleichzeitig muss er sowohl wechselnde BPM-Zahlen als auch plötzliche Wünsche berücksichtigen. Der allerschlimmste Fall ist der, dass das Brautpaar einen anderen Musikgeschmack als der Rest der geladenen Gäste hat. Ein befreundeter DJ berichtete mir mal unter sichtbaren seelischen Qualen, die sich nur durch großzügige Verabreichung von Rotwein lindern ließen, wie er auf einer Hochzeit auflegen musste, wo sich das junge Ehepaar für den gesamten Abend ausschließlich Brit Pop gewünscht hat, der Rest der Gäste diese Vorliebe aber so gar nicht teilen mochte und letztlich ihn – den Schuldlosen - mit Unmutsbekundungen überzog. Er rettete sich (und die Feier) durch den Spagat zwischen wohldosierten Funk- und House-Klassikern (aus seiner Playlist „All-Time-Classics“) und der vorbereiteten Oasis/Blur/Coldplay-Titelabfolge. Gerade an diesem Beispiel zeigt sich, wie wichtig eine gute Sortierung und damit ein schneller und sicherer Zugriff auf die Musiksammlung ist. Denn was wäre gewesen, wenn der besagte Party-Beschaller nicht so souverän hätte intervenieren können? Wollen wir uns an dieser Stelle den schlimmsten Verlauf dieser Feier gar nicht weiter vorstellen und ziehen die Lehre, dass Flexibilität eines der wichtigsten Kriterien beim Auflegen im Rahmen “allgemeiner Feierlichkeiten mit DJ-Unterstützung” ist.

Aber auch in Szenarien, die den Anschein machen, dass sie musikalisch wesentlich stimmiger und damit leichter zu bespielen sein werden, ist immer auch ein gewisses Maß an Flexibilität gefragt. Ein weiteres Beispiel aus der Praxis: Ich war für das Warm-Up-Set (ungefähr zwischen 23:00 und 0:30) auf einer gut eingeführten Dubstep-Party gebucht (nettes, aufgeschlossenes Feierpublikum, wie immer ein paar “Musikspezialisten“ dabei, Dubstep typischer Jungenüberschuss, gute Anlage – alles im grünen Bereich). Routiniert klickte ich mir am Nachmittag ein anspruchsvolles, ziemlich reduziertes Dubstep-Set bereit. Viel Bass, viel Dub, Halftime-Feeling (70 BPM), wenig Wobble – einfach um die Leute bei Laune zu halten und auf das vorzubereiten, was da noch an Sound-Gewitter auf sie zukommen sollte.

An sich klug gedacht und die erste halbe Stunde lief auch blendend: Das Publikum groovte ein bisschen, erzählte, trank. Dann aber füllte sich schlagartig die Tanzfläche (war da gerade eine U-Bahn gekommen?!) und nach fünf Minuten war mir klar‚ die haben Hummeln im Arsch, die wollen jetzt um halb zwölf tanzen und nicht später. Was tun? Sein Set bis zum nächsten DJ durchzuziehen, auf die Gefahr hin, dass manche bereits gehen? Sicherlich eine Möglichkeit. Die bessere ist, in der Lage zu sein, blitzschnell auf den aktuellen „Vibe“ einzugehen, was Dank der Digitaltechnik heutzutage einfacher ist, als je zuvor.

Meine Dubstep-Sammlung ist dazu in vier Playlisten unterteilt: Halftime (Tracks, die eher die „langsamen“ 70 BPM betonen, Peaktime-Main (alles, was zum Tanzen geeignet ist), Peaktime-Abstract (Tracks, die aus irgendeinem Grund vom „Standard-Dubstep-Sound“ abweichen) sowie Weird/Abstract (Sachen, die nur selten auflegbar sind, als Hörmusik aber durchaus ihre Berechtigung haben) und „Transitions“ (Tracks, die irgendwo einen 4-to-the-floor-Part haben und mit denen man in ein House-Set wechseln kann). Der Griff in die Liste Peaktime-Main brachte hier für mich und besonders für die tanzfreudige Crowd augenblicklich einen bemerkenswert erfreulichen Stimmungsschub und ich konnte dem nachfolgenden DJ die Meute bereits wild zappelnd und glücklich übergeben.

Die technische Seite

So, und warum habe ich jetzt all diese unterhaltsamen Beispiele aufgezählt? Nun, ganz einfach um den Leser positiv auf die Playlisten-Verwaltung und die damit verbundene Arbeit einzustimmen. Es mag am Anfang ein bisschen knifflig, zeitraubend und manchmal auch einfach langweilig sein. Am Ende lohnt sich der Aufwand aber meistens. Wohlgemerkt, keine Maßnahme ohne Ausnahme. Es gibt auch Guerilla-DJs, die nur einen einzigen großen Ordner haben, in dem sich sechstausendvierhunderteinundsiebzig Titel befinden und die in der Lage sind, jeden Track mit der Sicherheit eines blinden Samurai herauszufischen. Auch Starjockeys, die für eine Stunde und einen bestimmten Sound gebucht werden, kommen vielleicht mit einem überschaubaren Vorrat von fünfundvierzig Songs auf USB-Stick aus. Allen anderen Protagonisten rate ich an dieser Stelle zur strukturierten Titelverwaltung. Und das ist im Grunde ganz einfach.

Zunächst einmal der technische und logische Aspekt: Musik auf dem Rechner sind Dateien, die sich auf einem Datenträger (interne/externe Festplatte, USB-Stick ...) befinden. Wie diese Dateien physikalisch auf dem Datenträger angeordnet sind, also wo und wie die Bits und Bytes genau gespeichert werden, muss uns an dieser Stelle zum Glück nicht weiter interessieren. Interessanter ist, dagegen die Entscheidung, ob man den internen Datenträger oder ein externes Medium benutzen möchte. Für das interne Medium (Festplatte/SSD) spricht die Einfachheit, da die meisten Programme den Datenpfad standardmäßig auf die interne Platte setzen und die ebenso schlichte wie sinnfällige Tatsache, dass es eben „integriert“ ist, man es also nicht vergessen oder verlieren kann (den kompletten Rechner natürlich schon). Ein externes Medium dagegen bietet unter anderem den Vorteil, dass es, falls der Speicherplatz mal eng werden sollte, problemlos durch ein größeres ersetzt werden kann, einfach zu transportieren und schnell in ein anderes Setup integrierbar ist (wenn beispielsweise USB-Media Player zur Verfügung stehen). Vorsichtig muss man dann allerdings sein, wenn man aus Versehen seine DJ-Software startet, ohne dass der entsprechende Datenträger angeschlossen ist. Traktor beispielsweise nimmt einem das extrem krumm und möchte in guter Absicht alle Datenpfade beim nächsten Programmstart wieder auf die Default-Einstellung zurücksetzen, sodass man sie wieder händisch konfigurieren muss. Kein Drama, aber lästig. Eine allgemeingültige Empfehlung auszusprechen ist entsprechend schwierig. Ich persönlich bevorzuge die externe Lösung – auch und besonders, da ich mit häufig wechselnden Setups arbeite.

Tipp: Formatiert externe Medien vorzugsweise “FAT”. NTFS oder andere Dateisysteme werden zwar von immer mehr externen Media Playern erkannt, aber Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel und mit FAT seid ihr auf der sicheren Seite.

Eintopf

Es gibt im Kern nur zwei Möglichkeiten, wie Audiodateien auf dem Datenmedium landen. Eine ist, man kopiert oder lädt sie manuell über den Desktop oder einen Programmdialog auf das Ziellaufwerk. Die andere ist das „selbstständige“ Speichern von diversen Programmen wie beispielsweise iTunes, dem Windows-Media Player aber auch von sogenannten Audio-Grabbern, die Daten automatisch von einer CD digitalisieren oder den immer zahlreicher werdenden Download-Managern von Amazon bis Beatport. Wichtig ist, dass ihr euch immer vergewissert „wo“ die Programme die Audiodateien eigentlich ablegen. Viele Tools verwenden Ordner wie „Musik“, die irgendwo innerhalb des Benutzerprofils des Betriebssystems angelegt sind. Spätestens wenn ihr dann mit mehreren DJ-Programmen und Media Playern darauf zugreifen wollt, führt das in der Regel zu vermeidbarem Chaos.

Ordnerstrukturen und Soundgemüse

Falls noch nicht geschehen, richtet euch also am besten einen Ordner ein, in dem ausnahmelos alle Audiofiles landen. Wohlgemerkt ohne programmspezifische Unterordner, denn es macht meiner Meinung nach keinen Sinn, einen Ordner namens „My Music“ anzulegen, in dem dann noch ein Unterordner „iTunes“ mit einem weiteren Unterordner „Music“ rumlungern und keine Miete zahlen. Dieser eine Ordner ist dann euer großer „Audio-Eintopf“, wo ihr euch dann je nach Lust und Laune mal ein bisschen Sound-Gemüse, Füll-Suppe und leckere Track-Wurststücke für eure abendliche Playlist rausfischt. Und weil ich dieses Beispiel so mag: Der Teller (das Set), den ihr dann zu euren Gästen (eurem Publikum) bringt, sollte genau so appetitlich sein, wie eine lecker angerichtete Suppe. Von allem etwas. Nicht nur dicke Wurststücke (Peaktime-Kracher), sondern auch etwas gesundes Gemüse (anspruchsvolle Stücke) und auch ein bisschen Dünnes (Zwischendurchmal-Tracks) zum Sattwerden.

Nicht selten sieht man aber, dass sich Benutzer bereits auf der Dateisystemebene des Betriebssystems (mühsam) eine Ordnungs-Struktur aufbauen. Sie basteln sich mit Ordnerbäumen wie beispielsweise „Musik/HipHop/50Cent/All Things Fall Apart“ eine logische Hierarchie. Das mag für den privaten Musikhörer eventuell funktionieren, der ein Album auswählt und dann bis zum Ende durchhört. Beim Auflegen, wo schnelles und Genre übergreifendes Suchen erforderlich ist, scheitert man mit dieser Methode allerdings unter Garantie. Das einzige Ordnungssystem, das in meinen Augen unterhalb des Musikordners zur Anwendung gebracht werden sollte (und von den meisten Media Playern und Download-Assistenten auch automatisch umgesetzt wird), sind Künstler und Name der Veröffentlichung. Punkt. Alles andere macht ihr über Playlisten.

Zugegeben, das ist ein bisschen Arbeit, aber am Ende lohnt es sich. Denn egal wie sorgfältig ihr unterhalb dieses Ordners nun eure Musik speichert, ob ihr beispielsweise für jeden Interpreten einen Unterordner anlegt, Ordner mit Labels generiert oder vielleicht sogar Jahresszahlen macht, spätestens mit der ersten Compilation („Mist, die Deadmau5-Nummer vom neuen House-Sampler ist ja schon auf dem Album. Jetzt hab ich ja eine Doublette und auch noch mit unterschiedlichen Jahreszahlen …“) oder einem automatisch importierten Album, kommt das ganze händische System wieder in Unordnung. Hier kommen dann Playlisten ins Spiel und bringen Struktur ins Chaos, denn sie bilden eine ganz einfache Metastruktur. Metastruktur?! Nun, das sagt nix anderes, als dass das, was darin steht nicht die Dateien selbst, sondern einfach nur ein Verweis auf die Dateien ist. Das typischerweise gebräuchlich m3u-Format ist dann auch wirklich nichts anderes als eine einfache Liste, die man in jedem Texteditor öffnen und wenn man will, auch bearbeiten kann.

Playlisten, so simpel wie gut

So simpel wie gut ist in dieser einfachen „digitalen Liste“ bereits alles drin, was man braucht, um aus einzelnen Musikdateien auf der Festplatte beispielsweise ein Album zu machen. Nämlich einfach die Information darüber, welche Titel in welcher Reihenfolge gespielt werden sollen und wo sie zu finden sind.

Da DJs selten bis gar nicht komplette Alben spielen, nutzen sie diese digitale Liste dann eben für ihre Zwecke machen sich Abspielreihenfolgen mit beispielsweise dem Titel „Party-Funk“, worin dann die ganzen Klassiker von „Kool and the Gang“ bis „James Brown“ kommen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Wir können uns für jeden Anlass und jeden Zweck eine spezielle Reihenfolge von Stücken zusammenstellen, ohne die ursprüngliche Daten anzufassen oder zu verändern. Derselbe Track von „Depeche Mode“ darf also in der Album-Playlist von „Enjoy the silence“, in der Playlist „9-Ts-Party“ und auch als Remix-Quelle in unserem (hypothetischen) Peaktime-Bastard-Pop-Set erscheinen. “Dasselbe” in drei verschiedenen Kontexten.

Natürlich kocht auch hier (wie soll’s auch anders sein) fast jeder Hersteller von DJ- und Audioplayer-Software sein eigenes Süppchen. Traktor arbeitet beispielsweise intern mit dem sogenannten nml-Format, das zugegeben um einiges komplexer und detailreicher ist, als die simple m3u-Liste. Wirft man einen Blick in den Editor, sieht man, dass die hier gespeicherten Informationen von der Lautstärke über die Anzahl der Plays bis hin zum Importdatum reichen.

Tipp: Vorsicht ist geboten, wenn ihr eine wie auch immer geartete Software auf eure MP3-Sammlung loslasst – ein unachtsames Häkchen hinter beispielsweise „alle Dateien in den Programm-Ordner kopieren“ und das Chaos ist perfekt. Also immer genau lesen, was die Software beabsichtigt und im Zweifel erstmal einen Versuch mit wenigen Audiofiles auf einem USB-Stick starten, um zu sehen, was das Programm wie und wohin schreibt.

Software-Wirrwarr

Welche Software soll man aber jetzt verwenden, um seine tollen, immer geschmackssicheren und unterhaltsamen Playlisten zusammenzustellen und so Ordnung in das große Musikchaos zu bringen? Hier meine kurze und schmerzlose Antwort: Die, mit der ihr am besten klarkommt. Jedes Betriebssystem hat heutzutage eigentlich schon einen (mehr oder weniger) guten Media Player an Bord, mit dem sich auch Playlisten erstellen und verwalten lassen. Auf dem Mac ist es das vielgehasste „iTunes“, welches es übrigens auch kostenlos für den PC gibt. Auf dem PC der nicht minder ungeliebte „Windows Media Player“. Daneben gibt es noch unzählige Free- und Donationware-Lösungen. Als sehr empfehlenswert, da sie schlank programmiert sind und viele gebräuchliche Dateiformate „fressen“, haben sich der „VLC Media Player“ (Audio/Video) und „Foobar 2000“ (nur Audio) erwiesen. Speziell für das Bearbeiten und Verwalten von MP3-Tags, den Informationen also, die mit in der Datei gespeichert sind, hat sich die Freeware „mp3tag“ auf Windows-Rechnern bestens bewährt.

Wer von Anfang an auf die konsequente Anwendung von DJ-Kriterien wert legt, sollte auch mal einen Blick auf die kostenpflichte Software „beaTunes“ werfen, denn sie analysiert bereits beim Import von Musik automatisch deren Tonhöhe und BPM-Wert.

Nicht zuletzt ist es auch mit fast allen DJ-Programmen möglich, Playlisten anzulegen, zu importieren und zu exportieren. ”Warum dann nicht gleich nur innerhalb der Software arbeiten?”, höre ich da jemanden aus der zweiten Reihe rufen. Guter Einwand und grundsätzlich stimmt das auch. Gerade bei kleinen, überschaubaren Musik-Bibliotheken, die ausschließlich zum Auflegen genutzt werden, braucht es im Zweifel nicht unbedingt die volle Player-Ausstattung. Allerdings sind zum einen die Sortier- und Editierfunktionen in vielen Programmen rudimentär bis mangelhaft, zum anderen bieten die meisten DJ-Programme keine Import-Möglichkeit von Audio-CDs (Stichwort Grabbing) und als dritter Punkt ist das Handling beim „normalen“ Musikhören im Rechner- oder Multimedia-Umfeld zu nennen. Denn wer will schon immer extra seine DJ-Software starten, nur um mal zwischendurch ein bisschen Musik zu hören. Von der Möglichkeit des Audio-Streamings im Netzwerk oder dem Datenaustausch mit dem MP3-Player mal ganz zu schweigen.

iTunes Manieren beibringen

Warum aber haben die eigenen Player der Betriebssysteme aus Redmond und Cupertino einen so schlechten Ruf? Ganz einfach deshalb, weil sie – besonders im Fall von iTunes – eine ganze Reihe von Funktionen in der Grundeinstellung selbstständig erledigen, der Anwender das aber vielleicht gar nicht oder anders will, sich aber oft auch nicht die Mühe macht, in den Voreinstellungen nachzusehen, wie sich das denn ändern lässt. Werfen wir mal einen Blick auf einige der gut gemeinten, jedoch in meinen Augen „falschen“ Einstellungen in iTunes:

Hat man iTunes nun in seine Schranken gewiesen, kommt man nicht umhin festzustellen, dass das Programm einige ziemlich sinnvolle Funktionen bereithält. Eine davon sind die so genannten „Intelligenten Wiedergabelisten“. Es handelt sich hier um eine automatische Sortierung der Musiksammlung anhand von frei definierbaren Kriterien. Freundlicherweise verfügt iTunes dabei, ganz im Gegensatz zum Windows Media Player, über das Kriterium “BPM”. Ich erhalte also mit einer Filterung nach „such alle Stücke zwischen 135 und 145 BPM, die länger als eine Minute sind (um Loops auszuschließen) und in den letzten zwei Wochen importiert wurden“, eine ziemlich zutreffende Übersicht über alle aktuellen Dubstep-Tracks auf meiner Platte.

Kriterien

Kommen wir nun zu dem Teil, der weitaus mehr Spaß macht, als die ganze Software-Pflege, nämlich der inhaltlichen Organisation von Playlisten. Wie bereits erwähnt, ist eine Playlist im Kern eine Zusammenstellung von Titeln, die ihr für hörenswert erachtet (bei Dienstleistungs-DJs auch die, die gewünscht werden) und in ihrer Abfolge irgendwie stimmig sind. Kriterien dafür, ob Stücke zusammenpassen, gibt es viele. Das reicht von groben Faktoren wie ähnlicher Stilistik bis hin zu Details wie Tempo und Tonart. Gerade wenn ihr die Nummern nahtlos ineinander mischen wollt, (eine der Kernqualifikationen des DJings) kommt zwangsläufig das Thema BPM-Wert ins Spiel.

Tipp: Allein die technische Möglichkeit, mittlerweile digital im Bereich von hundert Prozent pitchen zu können heißt nicht, dass das auch gut klingt. Die guten alten acht Prozent, die seinerzeit das Maximum am Technics 1210er waren (entspricht bei einem Track mit 120 BPM ca. 110 bis 129 BPM), sind auch heute noch ein relativ guter Anhaltspunkt für den Bereich, wo ihr bei Tempoänderungen auf der sicheren Seite seid.

Aber: Wenn es passt und euer Publikum das mitmacht (und das wird es, wenn es passt), gibt es kaum ein effektvolleres Mittel als einen radikalen Tempowechsel. Egal ob ihr den durch einen lang ausgedehnten Tempo-Fade oder einen abrupten Table-Stop macht. Wenn ihr es dann noch nach der wesentlich schnelleren oder langsameren Nummer schafft, wieder gekonnt in das Ursprungstempo zu wechseln: Chapeau, die Leute werden euch lieben!

Schauen wir uns jetzt mal einige mögliche Strukturierungskriterien mit ihren Vor- und Nachteilen im Detail an. Wohlgemerkt handelt es sich hierbei nur um grundsätzliche Ordnungssysteme und das soll nicht bedeuten, dass man die so erstellten Playlisten jetzt von oben nach unten durchspielen sollte. Vielmehr können sie als Hilfe dienen, um daraus beim Vorbereiten oder auch im Lauf der Veranstaltung selbst, ein spezielles Set für diesen Abend zu spielen. Stellt es euch einfach wie einen großen Plattenschrank vor, aus dem ihr eure Platten raussucht. Und damit ihr sie besser findet, sollte eine gewisse Ordnung in den Regalen herrschen.

Tempo

Das Sortieren nach Tempo (BPM) ist fraglos die naheliegende Methode für DJs, um ihre Stücke zu ordnen. In drei Playlisten, die beispielsweise grob die Bereiche 70-100, 100-130 und 130-160 umfassen, sollte auch in stilistisch weit gefassten Musiksammlungen so ziemlich jeder Track seinen Platz finden. Für Musikdienstleister, die in unterschiedlichen Genres unterwegs sind, empfehle ich das Anlegen dieser drei Listen in jedem Fall schon allein, um sich daraus ein neues Set zusammenstellen zu können. Für DJs, die stilistisch und entsprechend im Tempo in engeren Kanälen schippern, ist diese Methode und die folgende allerdings weitgehend überflüssig.

Genre/Stil

Das Ordnen der Musiksammlung nach Stil oder Genre ist sicherlich die aufwendigste Methode, denn auf die automatische MP3-Tag Stil-Klassifizierung sollte man sich in gar keinem Fall verlassen. Man muss also im schlimmsten Fall in jedes Stück einmal reinhören und es dann händisch der passenden Playliste hinzufügen. Bei dieser Gelegenheit sollte man dann falls erforderlich einen passenden MP3-Tag vergeben. Der Vorteil: Wenn man dann noch automatisch nach Tempo ordnet, erhält man so im „Vorbeihören“ bereits Playlisten, die sich relativ gut mischen lassen. Der Nachteil liegt natürlich darin, dass so eine Wiedergabeliste alleine auf die Dauer eines Abends ziemlich langweilig werden kann (nicht muss). Für allgemein tätige Party-Deejays ist diese Methode aber sicherlich nicht die schlechteste.

Chronologisch/Historisch

Ebenfalls für stilistisch breit aufgestellte DJs empfehlenswert, allerdings erstaunlich selten genutzt: Die chronologische Playlisten-Strukturierung in Jahrzehnte (70er, 80er, 90er, 2010er ...). Klar, für Dubstep-Heads, deren Sammlung nicht mal ein Jahrzehnt alt ist, macht das natürlich keinen Sinn. Party-DJs können damit aber meist sehr flexibel auf Musikwünsche reagieren, zumal man sich in der Regel erstaunlich gut an das Jahrzehnt erinnern kann, in dem ein Stück veröffentlicht wurde.

Stimmung/Anmutung

Dem Genre oder Stil nicht ganz unähnlich, aber ein ganzes Stück subjektiver ist die Klassifizierung nach Stimmungen. Da es (bisher) noch kein Software-Tool gibt, das automatisch zwischen Peaktime-Kracher und Zwischendrinmal-Track unterscheiden kann, ist auch hier Hand- beziehungsweise Ohr-Arbeit gefragt. Sinnvolle Kategorien sind neben dem genannten „Peaktime“ und „Filler“ auch „Warm-Up“ oder „Closing“.

Importdatum

Eine Liste, die automatisch nach Importdatum geordnet ist, sollte eigentlich jeder DJ anlegen. Warum?

A.) Sie macht so gut wie keine Mühe, denn sie kann (genauso wie die Tempo-Sortierung) von fast jeder Software automatisch generiert werden.

B.) Man kann sich (meistens jedenfalls) recht gut daran erinnern, welches die Stücke oder Alben sind, die man der Sammlung in jüngerer Zeit hinzugefügt hat. Optimal also, um beispielsweise den brandheißen Remix raus zu fischen.

Eigene Kriterien

Es gibt noch unzählige andere Kriterien und Kategorien, nach denen man seine Tracks sortieren kann. Hier kommen wir aber dann in den Bereich des ganz persönlichen Track-Managements, auf das wir in der nächsten Folge eingehen werden. Der universell agierende Party-DJ ist nicht schlecht beraten, wenn er sich in jedem Genre noch einen zusätzlichen Jahresordner anlegt. Wenn er wirklich gut gebucht ist, sogar ein Monatsverzeichnis, das beispielsweise „Best of R’n’B / 2013 / Januar“ heißt. Ein House-DJ dagegen, der bereits den „Sound“ bestimmter Labels kennt und weiß, dass er eigentlich jede Nummer aus deren Repertoire spielen kann, ist mit einem Ordner „XYZ Recordings“ auf jeden Fall auf der sicheren Seite.

Wie tief und genau ihr eure Tracks ordnen und klassifizieren müsst und was eure persönlichen Kriterien sind, um den Überblick zu behalten, zeigt sich am Ende nur in der praktischen Arbeit. Spätestens, wenn ihr das erste Mal eine zappelnde Menge von dreihundert Leuten vor euch habt und denkt: “Verdammter Mist, genau jetzt würde diese Nummer, die ich letzte Woche gekauft habe, goldrichtig passen - wie hieß die denn, von wem war die nochmal, wo ist die denn erschienen?“, dann werdet ihr unter Garantie eine der oben genannten Playlisten oder Kombinationen davon sehr zu schätzen lernen.

So, nachdem nun (hoffentlich) ein bisschen Ordnung in eure Musiksammlung eingezogen ist, entlasse ich euch in die Nacht und Danke für eure Aufmerksamkeit. In der nächsten Folge wird es dann so richtig unterhaltsam, denn wir widmen uns ganz dem künstlerischen und “mixtechnischen” Aufbau eures DJ-Sets. Bis dahin.

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