Gitarre Hersteller_Joyo
Test
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26.07.2017

Joyo Dualklonz Test

E-Gitarren Topteil

Klonz(en) statt kleckern

Das Joyo Dualklonz Gitarrentopteil stammt aus dem gleichen Haus wie die kleinen Röhrenamps der Bantamp-Serie oder wie der Joyo Beale Street Blues-Amp, den wir kürzlich auf Herz und Nieren geprüft haben. Allerdings stellt sich der Verstärker, den wir heute testen möchten und der auf den zumindest im Deutschen etwas sperrigen Namen Dualklonz hört, mit einem völlig anderen Konzept vor.

Denn wer jetzt an einen Miniaturamp oder einen digitalen Ampmodeller denkt, der liegt einigermaßen daneben. Beim Klonz handelt es sich tatsächlich um ein analoges Vollröhrentopteil, bei dem zwar diverse Ampcharakteristika umschaltbar sind, all das jedoch per Relais. Lediglich die zum Schalten und Steuern benötigte Software entstammt der digitalen Welt. Ein vollkommen neues und revolutionäres Konzept also, das sowohl den Wunsch nach Flexibilität als auch den nach einem "echten" analogen Amp befriedigen kann.

Details

Gehäuse/Optik

Der Joyo Klonz kommt in einem creme-weißen, texturierten Gehäuse mit den Maßen 60 x 27,5 x 24,5 cm. An der Frontseite sieht man das Bedienfeld, das aus einer dunklen Plexi-Verblendung besteht, die einmal um das gesamte Topteil herumführt und nach innen versenkt angebracht ist und somit die Bedieneinheit schützt. Das futuristische Design erinnert schon fast an einen Star-Wars Charakter, ist aber ein Konstrukt, das auf die Konzeption der beiden italienischen Ampdesigner Andrea Fiorini und Fabrizio Brenchio zurückzuführen ist. Zwölf cremefarbene Kunststoffpotis, die die grundlegenden Verstärkersettings bearbeiten, zieren die Vorderseite, sowie die beiden schwarzen Potis, die für Eingriffe in die Endstufe zuständig sind. Ebenfalls frontseitig befinden sich eine grüne und eine rote LED, die den jeweils gewählten Kanal anzeigen, sowie ein Kippschalter zur Kanalumschaltung. Sehr luxuriös sind die LED-Zeilen im Gehäuse oberhalb des Bedienfeldes, aus denen die Potis sehr angenehm beleuchtet werden und dadurch gut ablesbar sind. Insgesamt machen Gehäuse und Bedienelemente einen sehr gut verarbeiteten und soliden Eindruck! Hier wurden qualitativ hochwertige Teile verbaut und auch an der internen Hardware nicht gespart! Auf der rechten Seite finden sich, ebenfalls in der umlaufenden Vertiefung, der Power- und Standby-Schalter, links die Eingangsbuchse. Als besondere Clou ist diese aber nicht als normale Einbaubuchse ausgeführt, sondern schräg versenkt im klassischen Fender-Stil. Die Lautsprecherausgänge an der Rückseite sind als A- und B-Buchsen beschriftet, da der Amp mit zwei getrennten und schaltbaren Speakern und unterschiedlichen Röhren betrieben werden kann. Je nach verwendetem Röhrentyp beträgt der Widerstand 8 oder 16 Ohm bei EL34/6L6 Röhren oder 4 und 8 Ohm bei EL84/6V6 Röhren. Auch die Anschlüsse für den beigefügten Fußschalter sind rückseitig angebracht, wobei hier jeweils eine Buchse für Kanal- und eine für Speakerumschaltung angedacht ist. Des Weiteren finden wir einen MIDI-In und -Out, einen USB-Eingang und einen Einschleifweg, dessen Ausgangspegel stufenlos geregelt werden kann, wobei die 12-Uhr-Stellung Unity-Gain-Level markiert. Ein Test mit einem Reverb-Pedal beweist ein tadelloses Arbeiten des Einschleifwegs.

Der Lieferumfang des Klonz ist mehr als nur üppig, denn neben einem Boxen- und Kaltegerätekabel finden wir den Fußschalter, der sowohl die Kanalumschaltung als auch den Speakerausgang bedient und als drittes Feature noch einen "Low Gain"-Switch bietet, mit dem man eine niedrigere Gainstufe schalten kann. Bedauerlicherweise bietet das Anschlusskabel mit seinen drei Metern Länge nicht wirklich viel Spielraum in Richtung Bühnenrand und ist im Falle eines Kabelbruchs nicht einfach austauschbar, ohne den Lötkolben zu bemühen.

Eine große Besonderheit des Klonz ist sicherlich die Möglichkeit, den Amp mit diversen Röhren betreiben zu können, worauf ich weiter unten noch näher eingehen möchte. Zu diesem Zweck gehören neben den verbauten JJ 6L6 Röhren auch ein Paar EL34 aus dem Hause Electro Harmonix und ein Paar EL84 der Firma Sovtek mitsamt Spannfedern zum Montieren. Dass hier hinsichtlich der Röhrenfabrikate individuell entschieden und keine No-Name Marken gewählt wurden, finde ich beachtlich. Zum Wechseln der Röhren ist das Gitter an der Rückseite mit sechs Kreuzschlitz Schrauben mit großen Köpfen angebracht, die sich zur Not auch per Hand und ohne Werkzeug entfernen lassen. Übrigens stecken die Schrauben in Metall-Gewindebuchsen. Hier gilt es natürlich, Vorsicht walten zu lassen und den Röhrenwechsel nur im deaktiviertem Zustand und ohne Netzkabel durchzuführen - vorzugsweise, wenn die Röhren abgekühlt sind. Bitte denkt daran, eventuell auch den Speakerausgang zu ändern!

Bedienung

Funktionen der App:

Der Klonz ist von seiner Konzeption her ein zweikanaliger, analoger Röhrenamp, der die Option bietet, via Bluetooth 27 verschiedene Relais zu schalten. Dadurch werden unterschiedliche Schaltkreise realisiert, die wiederum unzählige Ampcharakteristika ermöglichen, und das gilt für Vor- wie Endstufe. Grundsätzlich stehen zwei Vorstufenvarianten zur Wahl, nämlich Modern für höhere Gainsettings und Vintage für cleane und leicht angezerrte Sounds, und eine Endstufenschaltung, die man hinsichtlich der Ampvoicings flexibel modifizieren kann. Der Signalfluss bleibt dabei jedoch immer analog! Zum Umschalten der Charakteristika ist eine App erforderlich, die sowohl für Apple (ab iPad 4 oder iPhone 4s) als auch Android (ab 4.3 Jelly Bean) gratis erhältlich ist. Der USB-Anschluss dient dem Aktualisieren der Firmware. Schaltet man den Klonz an, steht der Amp per Default auf Modern Zero im Modern Channel und Vintage Zero im Vintage Channel. Alle Schalter und Regler lassen sich nun wie an jedem altbekannten Röhrenamp bedienen. Nach der Bluetootheinrichtung mit unserem Smartphone oder Tablet steht dann die komplette Soundpalette zur Verfügung. Die Verbindung mit meinem iPad 4 verläuft ohne Probleme und die Errichtung eines Accounts oder ähnlichem ist ebenfalls nicht nötig. Auf der ersten Seite der App erkennt man nun die möglichen Preamp-Typen und der blaugefärbte Balken am Bildende signalisiert die aktivierte Bluetooth-Verbindung

Auf der "Top Rated" Seite lassen sich nun durch längeres Gedrückthalten der Amptypen die Preamps umschalten, wobei die Endstufen jeweils zur gewählten Vorstufe passend erscheinen, was man auf der Seite "Combo" unter dem Menüpunkt "Power Amplifiers" auch erkennen kann. Hier dürfen die Preamps übrigens auch mit gänzlich anderen Endstufen kombiniert werden. Eine rote oder grüne Färbung zeigt dabei an, ob der Poweramp mit einer Vorstufe übereinstimmt, wobei eine ockergelbe Färbung eine fremde Endstufe signalisiert. Im Livebetrieb steht jedoch nur eine Endstufe für beide Kanäle zur Verfügung und der Channelswitch wählt lediglich die Vorstufentypen! Entscheide ich mich nun für die Vorstufe "To die for" im Vintage Channel, zeigt mir die App eine Sound-Empfehlung durch gelb markierte Potistellungen, um der Ampvorlage so nahe wie möglich zu kommen. Die grau gefärbten Potis haben keine Wirkung. Übrigens haben die Regler in der App keine Funktion auf den Verstärker. Potieinstellungen können nur direkt am Amp vorgenommen werden. Unter dem "Inside"-Menüpunkt finden wir die internen Defaultsettings der jeweiligen Vor- und Endstufentypen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind diese Einstellung noch nicht veränderbar, was sich aber in einem der nächsten Updates ändern soll.

Betrachten wir nun die einzelnen Kanäle:

Modern Channel

Hier stehen uns sechs Regler zur Verfügung. G1 und G2 bearbeiten den Zerrgrad für eine erste und zweite, kaskadierte Gainstufe, das heißt, Gain 1 fungiert in etwa wie ein vorgeschalteter Zerrer. Ba, Mi und Tr bilden ein Dreiband-EQ für Bässe, Mitten und Höhen, und das Volume-Poti kümmert sich um die Masterlautstärke des ersten Kanals. Via Bluetooth lassen sich nun folgende 13 "Preamps" anwählen:

Modern ZERO

Jack Man - Marshall JCM 800

Super Star Blaze - Fender Super Sonic Burn Channel

Hot Atomic - Getunter Vox AC30

So Long - Soldano SLO

Double Reactor - Mesa Boogie Rectifier

Fast Eddies VIVO - Peavey 5150

Little Meteor Orange - Tiny Terror Modern

Doppelgänger - Fender Blackface Twin Reverb

Modern Atomic - Vox AC30 Top Boost

Modern Blues Bomb - Marshall JTM 45

Modern Professor X - Marshall Plexi JTM 100 SL

Modern Sweet 18 - Marshall 18W

 

Vintage Channel

Auch der Vintage-Kanal erfreut uns mit sechs Potis, die namentlich sehr an traditionelle Vintage-Amps erinnern. No und Br regeln das Normal- und Bright-Volume für Kanal 2. Vergleichbares passiert, wenn wir z.B. einen JTM45 oder Plexi Marshall patchen würden und nun zwei Input-Volume-Regler zur Verfügung hätten. Ba, Mi und Tr stellen den Dreiband EQ für Bässe, Mitten und Höhen und Volume fungiert als Masterlautstärke für Kanal 2. Via Bluetooth lassen sich hier folgende 13 "Preamps" anwählen:

Vintage Zero

AtomiC - Vox AC30 Top Boost

Big Man - Fender Bass Man

Blues Bomb - Marshall JTM 45

Professor X - Marshall Plexi JTM 100 SL

To die for - Fender 5E3 Deluxe

Sweet 18 - Marshall 18W

Dear Reverend - Fender Deluxe Reverb

Doppelgänger - Fender Blackface Twin Reverb

Master 30 - Matchless DC30

British Steel - Plexi/AC30 Mix

American Class A - Bassman/Vox Mix 

Cool Vox - Plexi/AC30 Mix

Power Amplifier

Die Endstufe wurde am Topteil mit zwei Reglern versehen, die man auch von alten Vöxen kennt, nämlich Pr. für Presence, um die im Frequenzbereich höher angesiedelten Höhen zu verarzten, und Cu., was für Cut steht und die Höhen bei Drehen entgegen dem Uhrzeigersinn etwas abmildert. Die wählbaren Endstufen entsprechen den 26 Vorverstärkern von Kanal 1 und 2, sind jedoch frei kombinierbar, allerdings wie bereits erwähnt mit jeweils nur einem Poweramp für beide Kanäle. Selbstverständlich funktioniert jeder Endstufentyp mit jeder verwendeten Endstufenröhre. Möchte man jedoch dem authentischen Ampsound des favorisierten Typs möglichst nahe kommen, sollte man die passende Röhre zum Amp wählen. Dank des Infobuttons "i" im "Combo"-Menü lässt sich recherchieren, welche Endstufe im Original mit welchen Röhrentypen versehen ist, wie z.B. ein Vox mit EL84, ein Marshall mit EL34 usw. Auch wenn im Lieferumfang drei Röhrentypen, nämlich 6L6, EL34 und EL84, inkludiert sind, lässt sich der Klonz dennoch auch mit 5881, 6V6, KT66, KT88 und laut Manual "anderen" Typen betreiben. Je nach Röhrentyp liefert der Amp 15 bis maximal 25 Watt Leistung. Auch wenn dem einen oder andern 25 Watt an Headroom zu niedrig erscheinen, muss man dem Amp eine vollkommen ausreichende Lautstärke für Gigs wie Proben zugestehen.

Midi

Die Amp-Schaltkreise lassen sich außer mit Bluetooth auch per Midi-Kontrollbefehl wählen. Dazu zeigt die App im "Amp-List"-Menü die jeweiligen MIDI-Kanäle an. Soundpresets sind bis dato im Dualklonz noch nicht möglich, aber laut Gespräch in einem der nächsten Firmwareupdates angedacht, wobei diese Information ohne Gewähr ist.

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