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19.11.2015

Interview und Gear-Chat: Steve Ferrone

Die Grooves für Tom Petty, Michael Jackson und Average White Band

Mit geschmackvollen Grooves und seinem stets musikalischen Spiel ist Steve Ferrone einer der gefragtesten Studio- und Tour-Drummer der Welt. Nachdem er Mitte der siebziger Jahre mit der „Average White Band“ die ersten großen Erfolge feierte, standen die Big Names des Showbusiness regelrecht Schlange, um sich eine gute Portion der kraftvollen Grooves des sympathischen Briten für ihre Produktionen zu sichern. So kam es dazu, dass sich heute auf Ferrones Credit-Liste illustre Künstler wie Eric Clapton, Paul Simon, Duran Duran, Chaka Khan und Whitney Houston wiederfinden. Seit mittlerweile über zwanzig Jahren ist er nun fester Bestandteil von Tom Petty & The Heartbreakers und tourt auch mit Mitte sechzig noch um den Globus. Nach seinem Workshop in Berlin sprach ich mit Steve über sein aufregendes Leben als Schlagzeug-Ikone und warum Michael Jacksons „Earth Song“ erst durch ihn so richtig groovt.

Hi Steve, bei einer so unglaublichen Karriere stellt sich natürlich die Frage, wie alles begann. Wie bist du zur Musik und zum Drumming gekommen?

Nachdem meine Mutter und meine Großmutter immer wieder sahen, dass ich als kleines Kind im Takt zur Musik gewippt und getanzt habe, schickten sie mich, sobald ich laufen konnte, zur Stepptanzschule. Das habe ich dann eine ganze Weile gemacht. Als ich zwölf Jahre alt war, durfte ich bei einer Show mit einer Liveband mittanzen und war sofort vom Drummer fasziniert. Ich habe dann in jeder freien Minute versucht, das nachzuahmen, selbst in der Küche mit Messern und Löffeln und sehr zum Leidwesen aller Anwesenden. (lacht) Als ich zwölf war, tanzten wir samstags immer in einem Ballhaus, und irgendwann sahen wir eine Band beim Soundcheck. Alle Mädchen waren verrückt nach den Musikern, also sagte ich zu meinen Kumpels: „Jungs, wir machen das Falsche. Wir sollten eine Band gründen!“. (lacht) Daraufhin bettelte jeder von uns zuhause, bis unsere Eltern uns endlich ein Instrument kauften. Ich bekam dann irgendwann endlich eine Snare und eine Spielzeug-Bassdrum. Nach einer Weile suchte eine Bluesband mit älteren Jungs dringend einen Drummer, weil der eigentliche krank war. Also probte ich als kleiner Zwölfjähriger mit Typen, die alle über achtzehn waren. Als ihr regulärer Drummer dann aus dem Krankenhaus entlassen wurde, haben sie ihn gefeuert und einfach weiter mit mir Musik gemacht. Das hat mir natürlich viel Selbstbewusstsein gegeben...und dann kamen irgendwann auch die Mädels. (lacht)

War das dann der Startpunkt deiner Karriere?

Nicht direkt. Ich habe länger in dieser Band gespielt und hatte einen Job als Maler. Das hat mir eigentlich auch ganz gutes Geld für mein Alter eingebracht. Irgendwann kam dann ein Brief einer Band aus London. Mich hatte ein Freund empfohlen, und die wollten, dass ich von Brighton nach London ziehe. Ich wusste nicht so recht, was ich machen sollte, also fragte ich meinen Chef, und er sagte mir, dass man manche Chancen nur einmal im Leben bekäme. Zurück nach Brighton ziehen und Maler bleiben könne ich ja immer noch. Also zog ich mit siebzehn nach London in eine Einzimmerwohnung, die ich mit drei anderen Musikern teilte und bin fast verhungert. (lacht) Ich habe hier und da in Clubs gespielt und wurde dann mit einer Band nach Italien eingeladen, um eine Woche dort zu spielen. Eines Abends kam dann ein Amerikaner zu uns und engagierte mich und den Bassisten der Band. Also blieben wir in Italien und verdienten zum ersten Mal wirklich Geld mit Musik. Dort habe ich dann später auch Mitglieder der „Average White Band“ getroffen.

Ging es dann direkt mit denen los?

Nein, der großartige Robbie McIntosh war ja bis zu seinem viel zu frühen Tod der Drummer der Band. Mit einundzwanzig habe ich dann beschlossen, Profi zu werden. Ich musste mir aber auch eingestehen, dass ich viele Sachen einfach noch nicht konnte. Ich durfte damals schon öfter mit professionellen Musikern spielen. Die konnten Musik lesen und schreiben. Ich hatte sicher einen guten Instinkt, aber ich wollte das auch können. Ungefähr zur selben Zeit wurde ich dann gefragt, ob ich ein Jahr in Nizza spielen will. Alle Musiker aus der Band waren Absolventen des Konservatoriums in Nizza, und ich bat sie, mir dort einen Platz zu sichern. Das hat tatsächlich funktioniert, also zog ich nach Frankreich, spielte abends in Clubs und lernte tagsüber eine ganze Menge. Aus einem Jahr wurden dann drei, und eines Tages bekam ich einen Anruf von Brian Auger, der mich fragte, ob ich nach New York ziehen und in seiner Band spielen will. Ich sagte sofort ja und hatte nur zwei Tage Zeit, um meine Koffer zu packen und alles zu verkaufen, was ich nicht mitnehmen konnte. Und auf einmal war ich in New York.

Wow, wie im Film!

Es war wirklich unglaublich. Ich habe dann erstmal viel mit Brian Augers Band und hin und wieder auch Studio-Sessions gespielt. Dann starb mein Freund Robbie McIntosh, und ich beerbte ihn bei der „Average White Band“. Neben Touren mit diesen beiden Bands habe ich dann sehr viel für Atlantic Records im Studio gespielt.

Du hast mit so vielen Künstlern im Studio gearbeitet. Auf welche Alben bist du besonders stolz?

Oh, das ist eine schwere Frage. Es waren wirklich eine Menge. „Burglar“ mit Freddie King war Mitte der siebziger Jahre eins der ersten Alben auf denen ich gespielt habe. „Cut The Cake“ und „Soul Searching“ mit der „Average White Band“ waren großartig. Gerne erinnere ich mich auch an „24 Nights“ und das Unplugged Album mit Eric Clapton. Ich bin auch sehr stolz auf alle Alben, die ich mit Tom Petty spielen durfte, weil sie zum Großteil mit der ganzen Liveband in einem Raum entstanden sind. Und die Studioarbeit mit Michael Jackson war natürlich ein absolutes Highlight.

Das muss doch großartig gewesen sein, oder?

Ja, das war wirklich toll. Ich wurde gebucht, um ein paar Stücke einzuspielen. Eins war der „Earth Song“. Was für ein großartiger Song! Ich war mit dem Produzenten Bill Botrell in den Westlake Studios in Los Angeles gerade dabei, den Song vorzubereiten, drehte mich um, und auf einmal stand da Michael Jackson! Interessant war, dass er mich, nachdem ich ein bisschen gespielt hatte, fragte, ob ich Tänzer sei. Ich fragte: „Forderst du mich zum Tanz auf?“ (lacht) Vielleicht hat er das wirklich irgendwie gemerkt, weil es ja stimmte.

Michael wollte unbedingt, dass ich elektronische Drums spiele, weil das zu der Zeit so populär war. Ich sagte zu ihm: „Michael, der Song heißt 'Earth Song'. Da müssen einfach organische Drums drauf“. So richtig begeistert schien er nicht, also schlug ich ihm vor, dass ich erst E-Drums und dann akustische Drums einspiele und er anschließend entscheiden soll. Er hörte sich den Track mit elektronischen Drums an und mochte es, aber ich erinnerte ihn an unseren Deal. Ich spielte also die akustischen Drums und sah, wie er sich in der Regie sofort dazu bewegte. Nach dem Take sagte er: „Yeah! That's it!“. Ich ging in die Regie und erwiderte: „So Michael, jetzt hast du deinen Earth Song“. (lacht)

Deine Parts auf manchen Songs sind ja durchaus ungewöhnlich. Versuchst du, Dinge bewusst anders zu spielen?

Nicht wirklich. Ich höre immer auf die Vocals. Alles was ich drumherum spiele, diktiert mir eigentlich immer der Song und die Musik. Ich versuche das so intuitiv wie möglich zu machen. Manchmal wollen Produzenten natürlich auch gewisse Sachen hören. Am schwierigsten ist es für mich, wenn die Leute sagen: „Spiel uns den typischen Steve Ferrone Style!“. Da komme ich wirklich ins Schwitzen. (lacht)

Welches Equipment nutzt du hauptsächlich?

Das kommt sehr darauf an, mit wem ich spiele. Ich spiele Gretsch Drums mit meiner 14“x6,5“ Signature Snare. Die ist wirklich super. Ich habe in meinem Studio in Los Angeles eine ganze Wand voller Snares, auch viele alte Vintage Drums, aber bei Tom Petty spiele ich live immer diese Signature Snare und entweder 12“, 14“, 16“ Toms oder 10“, 12“, 14“ und 16“ Toms und eine 24 oder 22 Zoll Bassdrum. Besonders wichtig ist mir, dass die Bassdrum 14 Zoll tief ist. Das ist für mich einfach immer noch die beste Größe. Für Recordings in meinem Studio nehme ich oft mein Gretsch Broadkaster aus den Fünfzigern. Außerdem spiele ich Sabian Becken und mag besonders die HHX Serie. Ich liebe den fetten Sound der 15 Zoll Stage Hi-Hat. Dazu nutze ich ein 21“ Dry Ride und 18 Zoll Crashes. Ich mag auch das O-Zone Crash für Akzente sehr. Von Pro Mark bekomme ich meine Signature Sticks, mit denen ich meine Remo Felle bearbeite.

Nach so vielen Jahren im Business – was möchtest du jungen Musikern mit auf den Weg geben?

Ich begegne oft Musikern, die vom Rock & Roll Lifestyle reden. Ich kann nur jedem raten, damit sehr vorsichtig zu sein. Zu viele großartige Künstler sind daran gestorben. Und man sollte auch bedenken, dass man, bevor man den Lifestyle zelebriert, erstmal richtigen Rock & Roll machen muss. Man muss ein sehr guter Musiker werden, und das erfordert viel Hingabe. Ich sage niemandem, dass sie oder er keinen Alkohol trinken oder Drogen nehmen soll. Ich habe das ja auch gemacht, aber es hat mir wirklich nicht gut getan. Jeder, der das nicht unter Kontrolle hat, sollte sich, sobald es geht, Hilfe suchen. Wichtig ist, dass die Musik immer an erster Stelle steht.

Vielen Dank für das Gespräch!

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