Serie_Interview
Feature
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31.03.2018

Interview und Gear-Chat mit Oli Rubow

Der Frankfurter Drummer, Beatdesigner, Klangforscher und Autor im Gespräch

Oli Rubow hat wahre Pionierarbeit geleistet, wenn es darum geht, das akustische Schlagzeug mit der elektronischen Beat-Kultur zu vereinen. Seine Leidenschaft für die moderne Beat-Ästhetik lebt er als umtriebiger Livedrummer vor allem mit seinen Bands Hattler, De-Phazz, Netzer und Luminos W aus und blickt darüber hinaus auf Konzerte und Touren mit Künstlern wie Die Fantastischen Vier, Jazzanova und Cro zurück. Dass Oli obendrein ein passionierter Autor und Forscher ist, wird jedem klar, der sich einmal in den unendlichen Weiten seines Blogs www.e-beats.net  wiedergefunden hat, den er kontinuierlich mit neuen Erkenntnissen, Anregungen und Anekdoten füllt und  der hierzulande unter Trommlern schon längst als Pflichtlektüre gilt. 

Wir trafen Oli im Rahmen eines Workshops im Trommelwerk Bremen, wo wir den höchst sympathischen Wahl-Frankfurter bei Kaffee und Plätzchen unter anderem zu seinem neuesten Buch „Das moderne Schlagzeugquartett“, seinem Werdegang, seiner noch jungen Lehrtätigkeit an der Frankfurter Hochschule und seinen aktuellen Bands und Projekten ausfragen konnten. Viel Spaß!

Hallo Oli, wie bist du denn eigentlich zur Musik und zum Schlagzeug gekommen?

Ich komme aus einem sehr musikalischen Haushalt. Mein Großvater hat im Nachkriegsdeutschland die Idee der Schulmusik mitbegründet, und seine Kinder, inklusive meine Mutter, haben alle eine klassische Ausbildung genossen, sind dann allerdings später allesamt Lehrer geworden. Das erste Mal habe ich im Alter von sechs Jahren auf ein Schlagzeug gehauen. Das war 1978 bei einer Demonstration gegen Atomkraft! (lacht) Zu meinem zehnten Geburtstag bekam ich dann ein Practise Set von Remo geschenkt und daraufhin ein Jahr später ein richtiges Drumset. 

Hattest du daraufhin Unterricht?

Ja, an einer Musikschule, allerdings bei einem weniger motivierten Tanzmucker, bei dem ich aber immerhin Notenlesen gelernt habe. Nach ihm hat das sein talentiertester Schüler, Peter Kumpf, übernommen, und der hat mich dann mächtig motiviert und mir tolle Sachen gezeigt. Durch ihn und einen anderen Trommler namens Kai Richter bin ich später auf den „Popkurs“ in Hamburg aufmerksam geworden, den ich 1993 nach meinem Zivildienst gemacht habe. Das war eine tolle Erfahrung! Da waren neben Udo Dahmen auch Workshop-Gäste wie Jim Chapin dabei, und das hat mich damals total motiviert und meine musikalischen Scheuklappen geradezu durchlöchert. In der Zeit ist mir bewusst geworden, wie viele tolle und unterschiedliche Sachen man mit Musik anstellen kann. Das war die Zeit, als Acid Jazz gerade groß wurde und Jamiroquais erste Platte rauskam, was ich alles sehr spannend fand.

In diesem Video zeigt Oli eindrucksvoll, wie er elektronische Sounds und Tools in sein Schlagzeugspiel einbindet:

Wie ging es denn nach dem Popkurs in Hamburg für dich weiter?

Nach einem kurzen Versuch, ein „normales“ Studium zu absolvieren, was sich allerdings schnell als Fehlentscheidung herausstellen sollte, habe ich mich wieder voll und ganz der Musik gewidmet, habe viel Fusion und Jazz ausprobiert und konnte relativ bald vom Schlagzeugspielen leben. Bald darauf bekamen wir eine neue Mitbewohnerin in unserer WG, die ein paar Drum'n'Bass-Platten im Gepäck hatte. Diese Platten sollten mich nachhaltig stark beeinflussen! Jazz war für mich zu dem Zeitpunkt ein bisschen zur Sackgasse geworden, und dieser UK-Sound war einerseits total neu, andererseits konnte ich in ihm all das, was ich im Jazz so liebte, nämlich Improvisieren, Interagieren, Virtuosität und dieses gewisse Energiemoment, wiederfinden. Da kam mir die Idee, diese Spielart auf dem akustischen Schlagzeug umzusetzen, und bin dabei natürlich erstmal an meine Grenzen gestoßen. Ich habe dann nach und nach elektronische Hilfsmittel kennengelernt, die auch der Sound-Ästhetik von Drum’n’Bass näher kamen. Andererseits ging zur gleichen Zeit noch ein anderes Fenster für mich auf, nämlich diese Hip Hop Bands, die ja im Stuttgarter Raum sehr groß waren. Über einen Produzenten namens Peter Hoff bin ich zu meinem ersten großen Engagement bei Bürger Lars Dietrich gekommen. Das war für mich damals das erste große Ding mit einem Major Label im Rücken. Wir haben viel auf großen Bühnen gespielt, und das hat mächtig Spaß gemacht, vor allem weil die Band so toll war, mit Lillo Scrimali und Rolf Kersting. Mit den beiden habe ich danach noch weitere tolle Touren gespielt, unter anderem mit den Turntablerockers. 

Der Moment, als du die Drum’n’Bass Platten empfohlen bekommen hast, scheint eine Art Initialzündung für all das gewesen zu sein, was du heute so treibst, oder?

Diese Platten haben mich schon mächtig bewegt! Gleichzeitig bin ich noch auf Sachen von Erik Truffaz gestoßen, bei denen ein Jazztrommler zu hören ist, der Drum’n’Bass-Grooves spielt. Dann gab es noch die Band 4hero, die auch einen akustischen Trommler hatte. Auf der ersten Platte von Goldie ist übrigens Mel Gaynor von den Simple Minds zu hören, den ich später sogar mal treffen durfte. Er erzählte mir, dass Goldie damals gesagt hätte „Spiel mal!“, und das Tempo wäre eben ein bisschen schneller gewesen als sonst. (lacht) Jedenfalls habe ich mir dann eine Roland Groove Box gekauft, mit der ich auch ein bisschen programmieren konnte. Mit meiner Band Netzer haben wir damals anfänglich Jazz-Standards gespielt, sind dann allerdings dazu übergegangen, modernere Stile mit einfließen zu lassen. Ich habe die Jazz-Standards dann in Richtung Drum’n’Bass arrangiert, indem ich zum Beispiel mit der Roland Groovebox Loops gebaut habe, die beim Konzert mitliefen. Dann habe ich mir noch so einen „Hand Clapper“ von Boss (Dr.Pad) besorgt, mit dem sich gewisse Trademark-Sounds aus der elektronischen Musikkultur eins zu eins umsetzen ließen, und so kam dann ein Puzzleteil zum anderen. Eigentlich wuchs schon damals mein Ehrgeiz, die elektronischen Komponenten selber zu spielen, um nicht alles mitlaufen lassen zu müssen. Relativ bald kam dann bei Netzer auch dieses Line6 DL4 zum Einsatz. Das wurde dann irgendwann von einem Boss RE-20, das ich bis heute benutze, abgelöst. Das ist die Reinkartnation des legendären Roland Space Echo.

Was ist denn dein jüngster Kauf, den du nicht mehr missen willst?

Gute Frage, die ich gar nicht so leicht beantworten kann! Ich kann jedoch sagen, was ich anvisiere, und zwar gibt es jetzt von Roland wieder diese Pads mit integriertem Soundmodul. „SPD ONE“ heißen die, und funktionieren wie das eben erwähnte Dr. Pad! Die bringen genau die Funktionen mit, die ich oft vermisse, nämlich direkte Kontrolle von Pitch und Decay, und haben von Haus aus schon amtliche Elektrosounds. Das Tolle dabei ist, dass man auch eigene Samples laden kann, was wichtig ist, um mal von den Presets wegzukommen. Presets sind natürlich super, um einem Klischee zu entsprechen, eigentlich suche ich aber lieber nach meiner eigenen Stimme und nach meinem eigenen Stil. Diese Kisten sind schön kompakt und super reisefreundlich, was mir sehr zugute kommt, da ich ständig mit der Bahn oder dem Flugzeug unterwegs bin und immer nur einen Koffer und eine Beckentasche dabei habe.

…und außerhalb der Elektronik?

Da bin ich natürlich auch immer am Suchen! (lacht) Was mich da neulich umgehauen hat, ist die LP One Handed Triangle. Die macht neben all den Shakern, die ich so kenne, nochmal ein neues Türchen auf. Ich habe irgendwann angefangen, nicht mehr so stark in Instrumentengruppen, sondern eher in verschiedenen Frequenzen zu denken. Wie gut sich ein Instrument im Kontext durchsetzt, hängt nun mal von seinen Frequenzen und nicht von seinem Look ab. Ich gucke sehr gern nach hochfrequenten Sachen, die gar nicht unbedingt laut sein müssen, weil sie sich eben trotzdem durchsetzen, und baue mir dann irgendwelche Chimes-ähnlichen Bäume zusammen. Was ich mir auch unbedingt noch besorgen will, sind Crotales. Das sind diese kleinen gestimmten Platten. Damit habe ich ein paar experimentelle Musiker spielen sehen, und das hat mich total begeistert!

Die One Handed Triangel im Einsatz:

Spielst du denn auch Gigs ganz ohne elektronische Komponenten?

Na klar! Ich spiele zum Beispiel total gern rein akustische, ultraleise Gigs. So sind wir ein paar Mal mit einer gänzlich unverstärkten Band im Jazz Club aufgetreten. Das ist nicht nur für die Musiker und Sängerin, sondern auch für das Publikum eine echte Herausforderung! (lacht) Wir haben damals versucht, trotz der fehlenden Verstärkung den Sound dicht und transparent werden zu lassen und den Druck nicht zu verlieren. Sowas macht mächtig Spaß und ist eine echte Bereicherung.

Sind das in erster Linie Jazzgigs?

Die Musik hatte schon einen jazzigen Anstrich, allerdings bin ich alles andere als ein Straight Ahead Jazzdrummer. Ich kann zwar ein paar Sachen bedienen, aber eigentlich entferne ich mich nie wirklich von meinem eigentlichen Vokabular. Durch Kombinationen von verschiedenen Stockmaterialien und der Hinzunahme von Percussion-Instrumenten lässt sich ein und derselbe Groove ja auf ganz viele Situationen anpassen.

Du bist neuerdings als Dozent für Schlagzeug an der Frankfurter Musikhochschule tätig. Hast du dich gezielt auf diese Stelle beworben oder wurdest du gefragt?

Claus Hessler hat mich angestupst. Den Studiengangsleiter kenne ich auch schon sehr lange, und auch er hat mir zugetragen, mich zu bewerben. Ich bin dann einfach frisch und frei zum Vorspiel hin. Eigentlich hätte ich am liebsten mit einer Band gespielt, aber die Lehrprobe fand schon morgens um neun statt, und dann bin ich doch lieber einfach mit meinem Computer gekommen. Dass es geklappt hat, fand ich richtig toll! Ich wusste ja lange gar nicht, ob das Ganze überhaupt was für mich ist, dachte dann aber, dass ich das nur herausfinden kann, indem ich es mal ausprobiere.

Hast du ein bestimmtes Unterrichtskonzept?

Ich bin grundsätzlich ein großer Fan davon, viele Workshops an den Hochschulen zu veranstalten, damit die Studenten bloß nicht der Klon des Dozenten werden, denn damit haben sie eine schlechte Ausgangsbasis. Mir geht es beim Unterrichten vor allem darum, meine Schüler zu motivieren, und ich versuche, bei jedem die jeweiligen Stärken herauszukitzeln und ihn individuell zu fördern. Da auch viele Schulmusiker dabei sind, finde ich das Thema „Motivation“ besonders wichtig, denn irgendwann stehen die ja vor einer Klasse voller Kinder, und ihr Job wird ja vor allem sein, die Lust auf Musik zu wecken.

Du hast seit Ende 2017 ein neues Buch auf dem Markt: „Das moderne Schlagzeugquartett“. Worum geht es in diesem Buch genau?

Dieses Buch dreht sich ebenfalls rund ums Thema „Motivation“. Ich bin der Meinung, dass man viele Themen oft besser über eine spielerische Art vermitteln kann. Nicht umsonst sagt man ja auch Schlagzeug „spielen“! (lacht) Die Grundidee des Buches ist eigentlich recht simpel. Der Schüler spielt einen Groove im Loop, entweder einen ausgedachten oder einen aus der langen Groove-Liste, die dem Buch beiliegt. Dann kommt der Lehrer, Koordinator oder Kumpel und zeigt verschiedene Karten, mit denen der Groove dann „ausproduziert“ wird. Man kann das Ganze jedoch auch mithilfe des „Papiersequenzers“ aus dem Buch auf sich allein gestellt umsetzen. Die Karten basieren alle auf einem Piktogramm, das ich angefertigt habe. Für einen Mute-Effekt steht da zum Beispiel „Pssst“. Eine Karte mit „Mute auf 1“ bedeutet zum Beispiel, dass im nächsten Takt die Zählzeit „1“ weggelassen werden soll. In dem Stil liegen dem Buch 56 verschiedene Karten bei, mit allen erdenklichen Aufgaben und Ideen, den jeweiligen Groove zu verändern. Da ist von Ghostnotes hinzufügen, ein Echo imitieren, den Groove in Double Time spielen oder ein Fill-in erfinden, um nur ein paar Beispiele zu nennen, alles dabei! Das Ganze ist die Essenz meiner Forschungsarbeit darüber, wie ein aufgenommener Groove entsteht und was sich mit ihm produktionstechnisch alles anstellen lässt, und das habe ich eben in diese Kartensprache übersetzt. Ergänzend zu den Karten gibt es noch verschiedene Handzeichen, die obendrein das Reagieren auf Cues im Bandkontext schulen. Manche Musiker versinken ja förmlich auf der Bühne oder im Proberaum und sind quasi gar nicht adressierbar. Aufmerksam zu sein und seine Kollegen im Blick zu haben, ist allerdings meiner Meinung nach das A und O beim Musikmachen. 

Wie viel Spielerfahrung muss man mitbringen, um mit diesem Buch effektiv zu arbeiten?

Das Buch kann man sicherlich auf jedem Level benutzen, zu schwierige Kartenaufträge können durchaus übersprungen werden. Grundsätzlich sollte man natürlich einen simplen Groove flüssig spielen können. Wenn ich einen Mute auf der Zählzeit „2“ machen muss, setzt das voraus, dass ich den jeweiligen Groove sehr gut kenne. Für die Fortgeschrittenen sind aber auch viele Anwendungen und Ideen dabei. Und das Tolle ist, dass sich das Buch natürlich auch auf andere Instrumente übertragen lässt! Die Karten und Handzeichen sollen grundsätzlich den flexiblen Umgang mit dem bereits Gelernten schulen. Da wird man sicherlich anfangs auch mal stolpern, aber das gehört ja immer zum Lernprozess dazu. Durch die Übungen wird dem einen oder anderen sicherlich auch noch mal bewusster, dass es zum Musikmachen manchmal gar nicht viel mehr braucht als einen einzigen Baustein. Es gibt ja so viele Möglichkeiten und Ideen, diesen musikalisch zu verändern, zu variieren, umzudeuten und so weiter.

Du schreibst nicht nur Lehrbücher, sondern auch regelmäßig neue Beiträge in deinem Blog namens e-beats.net. Wie hat das eigentlich angefangen?

Meinem ersten Buch „E-Beats am Drumset“ ging ein langer Arbeitsprozess voraus. Irgendwann war ich fertig und hatte den Vertrag in der Tasche, jedoch hat es noch eine ganze Weile gedauert, bis das Buch veröffentlicht wurde. Als es dann endlich so weit war, hatte ich bereits das Gefühl, dass ich so manche Sache vergessen hatte, mit in das Buch reinzubringen. Mir ist dann allerdings auch schnell bewusst geworden, dass ein Buch alleine sowieso nicht in der Lage ist, das Thema „E-Beats am Drumset“ zu stemmen. In weiser Voraussicht hatte ich im Buch bereits angemerkt, dass ich die Thematik fortwährend aktualisieren und am Puls der Zeit halten möchte. An diesem Punkt kam dann der Blog ins Spiel. Anfangs habe ich mich noch sehr auf das Buch bezogen, wobei ich kurz darauf angefangen habe, auch Themen aus dem Bereich „Elektronische Beat-Ästhetik“ mit reinzunehmen, die nicht unmittelbar etwas mit dem Buch zu tun hatten. Der Blog wurde dadurch mehr und mehr zu einer Art Tagebuch, und ich habe schnell gemerkt, dass, je mehr ich nach draußen gebe, umso mehr von den Lesern zurückbekomme. Da wurde mir klar, dass ich einfach alles aufschreiben sollte. Für mich ist der Blog eine echte Win-Win-Situation, denn einerseits dokumentiere ich alle meine neuen Erkenntnisse und kriege auf der anderen Seite noch Tipps und Anregungen obendrauf und werde so auf Sachen aufmerksam gemacht, die ich selber so nie entdeckt hätte. Als Schüler habe ich auch schon immer am besten gelernt, indem ich etwas schriftlich zusammengefasst habe. Darüber hinaus hat der Blog eine sehr gute Suchfunktion, sodass ich mich sehr schnell in meinem eigenen Wirrwarr zurechtfinde.

Dein persönliches Nachschlagewerk also...

Absolut, und deshalb knalle ich auch gnadenlos alle jede Neuentdeckung da rein. So habe ich dann alles immer und überall parat. Der Blog ging 2006 an den Start, und mittlerweile bin ich bei etwa 3500 Einträgen. Ich kopiere alles backup-mäßig in einem Word-Dokument, und das hat mittlerweile nahezu biblische Ausmaße erreicht! (lacht)

Zudem hast du noch eine Klangdatenbank namens „thedrumsounds.de“ ins Leben gerufen...

Genau, das war, wie das neue Buch auch, schon länger eine Idee von mir. Ich wollte eine Datenbank haben, in der man alle möglichen Sounds, die man am Drumset erzeugen kann, findet. Das Ganze hatte ich anfangs noch als Teil meines neuen Quartett Buches in Form einer Tabelle geplant, habe aber schnell gemerkt, dass es keinen Sinn macht, weil sich das niemand durchlesen würde. Ich brauchte also eine Suchmaschine und habe mir dann das Ganze programmieren lassen. Man kann jetzt mithilfe der Suchfunktion und gewisser Parameter sehr schnell zu Sound-Vorschlägen und Tipps kommen, wie man den gewünschten Sound erreichen kann. Oftmals sind die Ergebnisse auch mit einem Link zu einem relevanten Eintrag in meinem Blog oder einem YouTube-Video versehen.

Mit welchen Projekten und Bands bist du zurzeit oder in Zukunft unterwegs?

Ich habe im Prinzip zwei feste Säulen, und zwar Hattler und De-Phazz. Mit Hellmut Hattler spiele ich schon seit 2000 zusammen, und bei De-Phazz habe ich 2003 angefangen, damals noch als Sub für Flo Dauner. Seit 2007 bin ich jedoch fest dabei. Drumherum habe ich dann noch Projekte wie zum Beispiel die Band Netzer, die auch schon seit 20 Jahren existiert. Dann habe ich noch ein Duo mit dem Gitarristen Peter Wölpl. Anfangs hießen wir „(W)“, allerdings hat das keine Suchmaschine der Welt gefunden. Daraufhin nannten wir uns „Rubo(W)ölpl“, was aber niemand am Telefon verstanden hat, und letztlich heißen wir „Luminos W“ - also eine Band mit bisher zwei Platten und drei Namen! (lacht) Das ist eine ganz tolle, experimentelle Spielwiese, weil wir nicht nur mit unseren beiden Instrumenten, Gitarre und Schlagzeug, spielen, sondern auch mit unseren Rechnern experimentieren, die über Ableton vernetzt sind. Wir probieren da in puncto Technik und Freiheit wahnsinnig viel aus und haben schon große Höhen und Tiefen bereist. In diesem Jahr werden wir auf jeden Fall ein paar Konzerte mit Luminos W spielen.  Nebenher habe ich noch diverse improvisierte Elektro-Bands aus dem Umkreis Frankfurt.

Erzähl doch mal, was sind das für Projekte?

Es gibt da zum Beispiel ein Projekt, das mir am Herzen liegt und das ich unbedingt noch realisieren möchte. Letztes Jahr hatte ich die Möglichkeit, eine Band für einen Auftritt auf dem HR Jazzfestival in Frankfurt zusammenzustellen. Da waren dann der Klarinettist Oli Leicht, der Trompeter und Pianist Sebastian Studnitzky, mit dem ich seit der ersten Hattler-Besetzung immer wieder Musik mache, und ein junger Elektroniker aus Stuttgart namens Johannes Brecht dabei. Zusätzlich habe ich einen meiner Lieblingsautoren eingeladen, und zwar Bodo Kirchhoff. Er ist ein echtes Großkaliber in der Literaturszene! Meine Idee war, dass wir komplett elektronisch jammen und Bodo eine Art Klangteppich bereiten würden, auf dem er dann eine Lesung hält. Die Lesung haben wir dann parallel auf verschiedenen Geräten, wie zum Beispiel ein paar alten Kassettenrekordern, mitgeschnitten. Als die Lesung dann vorbei war, haben wir anhand der Aufnahmen Versatzteile der Lesung in unsere Jams miteinfließen lassen und zu Loops weiterverarbeitet. So wurde eine einstündige, ungeprobte Reise auf die Bühne gebracht, und ich fand das total toll, weil ich eben auch ein großer Freund des Lesens bin. Lesen öffnet bei mir immer Welten, und man kann super dabei abtauchen. So wie bei Musik auch, aber auf eine andere Art. Ich sammle auch regelmäßig Stellen aus Büchern in meinem Blog und habe mir überlegt, die jeweiligen Autoren mal anzuschreiben, um das Projekt weiterzuführen. Tatsächlich haben sich bislang alle zurückgemeldet!

Nebenher springst du auch regelmäßig für Kollegen ein, wie zum Beispiel bei Jazzanova für Michael Grabinger, richtig?

Oh ja, da darf ich jetzt manchmal aushelfen, und das hat viel Spaß gemacht, auch wenn das alles zunächst etwas stressig war. Wir waren mit Hattler auf den Kanaren unterwegs, als ich einen Anruf von Sebastian Studnitzky bekam, ob ich spontan am nächsten Tag in Zürich bei Jazzanova einspringen könnte. Ich hatte also nur diese eine Nacht und den Hinflug zum Vorbereiten der Songs. Das war zwar Stress, aber eben auch eine tolle Herausforderung, und es ist ein schönes Gefühl, wenn es am Ende klappt. Als ich bei De-Phazz erstmals für Flo Dauner eingesprungen bin, war es ähnlich! Da lernte ich die Band auf dem Festival kennen, und für Cro musste eine Nachtschicht reichen!  Ich mache sowas total gern, denn das hält fit und gibt neue Impulse.

Hier seht ihr Oli auf der Bühne mit seiner Band Hattler:

Wie schaffst du es, all deine vielen Projekte und Ideen unter einen Hut zu kriegen? Machst du dir einen Jahresplan oder sowas?

Nein, eigentlich nicht. Ich hangle mich eher von Woche zu Woche, die jeweils aber komplett unterschiedlich sein können. Für feste Zeiten oder so bin ich auch eh nicht strukturiert genug. Ich habe natürlich immer die Zeitfenster auf dem Schirm, wann ich zum Beispiel familienmäßig gebraucht werde, oder setze mir auch gern mal Deadlines für bestimmte Sachen. Es richtet sich auch immer danach, was bandtechnisch als nächstes ansteht, und was ich dementsprechend vorbereiten muss. Ein regelmäßiges Üben gibt es nicht mehr.

Im Proberaum bereitest du dich also vor allem auf Gigs oder Clinics vor?

Ja, oder probiere irgendwas mit dem Rechner oder mit Effekten aus. Ich spiele eigentlich immer, entweder am Set oder an den Geräten, spiele zu Playbacks oder ich nehme Sachen auf. In meinem kleinen Bunkerraum habe ich ein paar gute Mikros und ein tolles altes Rundfunkpult mit einer guten Soundkarte. Ich nehme allerdings selten nur Drums auf, sondern setze mich meistens im Nachhinein noch dran, bastele mit Effekten rum und mache Vorschläge.

Wo und wann schreibst du denn zum Beispiel an einem Buch oder deinem Blog?

Ich bin in erster Linie als Livedrummer unterwegs und nutze die vielen Reise- und Wartezeiten, die damit verbunden sind, zum Schreiben. Das nehme ich mir aber nie konkret vor, sondern lasse die Ideen langsam wachsen. Dadurch entsteht so ein angenehmer Sog, sodass ich mich, immer wenn ich Zeit finde, gerne und ungezwungen dransetze. Generell bin ich eher eine Nachteule, und mittlerweile habe ich für mich ein gutes Modell gefunden für die Zeit, in der ich zuhause bin. Abends koche ich und gehe dann gegen 22 Uhr in den Proberaum. Danach bin ich dann oft so aufgekratzt, dass ich noch was tippen kann.

Hast du bestimmte Rituale, um auf neue Ideen zu kommen?

Es gibt bei mir zwei Wohlfühl-Situationen. Das ist einmal Kaffeetrinken und Lesen, und dabei gerät eigentlich ietwas ins Rollen, was ich mir dann anschließend sofort notiere, um es nicht zu vergessen. In der Badewanne funktioniert es allerdings noch besser! (lacht) Baden ist für mich ein Garant für gute Ideen.

Gibt es ein Lebensziel, etwas, auf das du später mal zurückblicken willst? Oder lebst du eher von Jahr zu Jahr und lässt dich treiben?

Generell zählt für mich der Moment, und den will ich toll gestalten, genießen können und mich wohlfühlen. Ehrlich gesagt bin ich momentan total glücklich, sodass es mir schwer fällt, ein konkretes Fernziel zu formulieren, außer vielleicht, dass ich leidenschaftlich gern forsche und auch da stückweise besser werden möchte. Ich fühle mich total privilegiert, dass ich den Sound machen kann, der mir gefällt und dass ich da relativ wenige, bis keine Kompromisse eingehen muss. Es gibt natürlich viele tolle Bands, bei denen ich gern hinterm Schlagzeug sitzen würde, aber das geht ja sicherlich jedem so. Ich freue mich generell immer, auf einer großen Bühne zu spielen, liebe aber auch den Club, wo man näher an den Leuten dran ist.

Gehst du auch mal in Clubs zum Partymachen? Bist du ein Party-Typ?

Überhaupt nicht! Ich liebe das Setting, die Stimmung und den Sound, aber ich gehe echt selten weg, wenn ich zuhause bin. Manchmal schaue ich mir Konzerte von Freunden an, die bei mir in der Stadt spielen. Die Konzerte, die ich ganz bewusst besuche, kann man pro Jahr an einer Hand abzählen, was eigentlich jammerschade ist.

Dann kannst du dich sicherlich noch gut an deine letzten Konzertbesuche erinnern…

Eins war Phoenix in der Batschkapp in Frankfurt, der Laden gehört lustigerweise meinem Vermieter, und dann habe ich mir noch Hiatus Kaiyote angeschaut. Generell finde ich es auch immer toll, auf Festivals zu spielen, wo ich dann die Möglichkeit habe, mir noch andere Bands anzusehen. Da bin ich immer neugierig.

Was steht 2018 bei dir an?

Mit De-Phazz haben wir unser Zwanzigjähriges gefeiert, und durch eine Umstellung im Booking gibt es da grad nochmal frischen Wind, was Konzerte und Touren betrifft. Mit Hattler sind Konzerte ab Sommer geplant, und ansonsten bin ich noch bei ein paar Schlagzeug-Festivals mit dabei, zum Beispiel beim Percussion Creative „Drum Camp“ im Sommer und beim „Drums `n` Percussion“ in Paderborn oder den Drum Days in Hannover. 

Vielen Dank für das nette Gespräch, Oli!

  • OLIS EQUIPMENT:
  • Drums: Tama
  • Serie: Star, Starclassic, Superstar (vintage)
  • 20“x14“ Bass Drum
  • 16“x16“ Floor Tom
  • 14“x5“ Starclassic Maple Snare oder 14“x5“ Stewart Copeland Signature Snare
  • 14“ Meinl Timbale links von der Hi-Hat (bei De-Phazz)
  • Besonderheiten: gerne mit geschlossenem oder ganz ohne Kick-Resofell; Geschirrtuch mit Binderclip (zum schnellen Sound-Wechsel) an der Snare; Geschirrtuch und Meinl Kessing als Auflage für das Floor Tom
  • Becken: Meinl Byzance
  • 20“ Club Ride (plus Meinl Cymbal Bacon)
  • 18“ Vintage Crash
  • 14“ Jazz Hi-Hats
  • Felle: Evans G1 (Snare), G2 (Kick, Toms)
  • Sticks: Vic Firth 5A, 5A Dual Tone, Heritage Brushes, Meinl Jinglestick (Alu)
  • Elektronik: Effektgeräte (The Keinedelay Teil1, Boss RE-20 Echo, Boss A/B-2)
  • Computer (Macbook Pro 13“, Ableton Live & Logic, Keith McMillen K-Mix)
  • E-Drums (Keith McMillen BopPad, Roland TM-2, SPD-SX, Roland Tom- und Kick-Trigger, diverse analoge E-Drums: Vermona DRM1/Kick Lancet, Jomox M-Base, Tama Techstar, Coron, Simmons SDS-V)
  • Sennheiser HD-25 Kopfhörer, Sommercable
  • Mikrofone: Sennheiser e604 (als Effekt-Mikro); für Aufnahmen Neumann U-47fet, KM85 Overheads, Sennheiser MD421/MD441 (Toms, Snare, Hi-Hats)
  • Percussion (Auswahl): Meinl Shaker (Rawhide, Luis Conte), Kessing, Hand Chimes, Waterfall, Jam Block; LP One Handed Triangle
  • Specials: Mr. Muff Produkte, Drumsigns Frontfell, diverses Material zum Präparieren

ANSPIELTIPPS VON OLI:

Olis momentane Lieblingsmusik: https://www.mixcloud.com/oli-rubow/

Olis Inselplatten: 

Keith Jarrett „Creation“

Mad Professor/Massive Attack „No Protection“

Akufen „My Way“

Brian Blade „Fellowship“

D’Angelo „Voodoo“

Platten mit Oli:

Philipp Poisel „Wo fängt dein Himmel an?“ (Grönland) 2008

Hattler „Live Cuts II“ (bassball rec.) 2014

A Coral Room „I.O.T“ (INFRACom!) Vinyl 2015

Luminos W „Punkt“ (PeWoE Records) 2017

Die volle Diskografie gibt es hier: https://87bpm.wordpress.com/oli-rubow-press-info/

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