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Feature
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27.11.2014

Interview mit Hozier: "Take me to Church"

Interview

Hozier - auf dem Weg zum Weltstar

Andrew Hozier-Byrne, besser bekannt als Hozier, ist ein aufgehender Stern am Indie-Himmel und hat 2014 ein atemberaubendes Jahr hinter sich gebracht. Wir haben den Mann zum Interview getroffen, der vor Kurzem noch ausverkaufte Shows in den USA gespielt hat, sowohl bei Letterman als auch bei der Ellen Show zu Gast war und von Stars wie Bono oder Ed Sheeran verehrt wird. Dabei hat er uns etliche Produktionsgeheimnisse preisgegeben. 


Die beiden netten Promotion-Damen von Universal wirbeln etliche Minuten vor meinem Interview-Terminen mit etlichen Kamerateams durch die verschiedenen Räume des Kesselhauses. Alles ist hektisch, jeder darf Hozier für 20 Minuten für seine Zwecke gebrauchen. Ein Peoples-Magazin lässt ihn etliche Male in Richtung Kamera laufen, während ich mich als Belichtungshilfe für zwei andere aufgeregte Kameraleute zur Verfügung stelle: „Ist er sehr groß? Ich glaube, der ist sogar größer als du!“. Irgendwann bin ich dran und trete einem ziemlich mitgenommen wirkenden, aber sehr freundlichen Mann gegenüber, der an diesem Tag etwas älter aussieht, als er tatsächlich ist. Ich frage mich kurz, wie man nach einem solchen Interview-Marathon noch ein gutes Konzert spielen will – dann geht es auch schon los!  

Ich frage mich, wie dein Album mit neuen Instrumenten und nagelneuem Audio-Equipment klingen würde....  

Dann hätte ich wahrscheinlich versucht, den Vintage-Sound in der Post-Produktion zu rekreieren. Es würde wahrscheinlich blechern klingen, etwas heller vielleicht. Rob Kierwan, der Produzent, hat viele wunderbare Geräte und Instrumente. Er hat einige fantastische alte Neumann-Mikrofone, Vintage-Mics, Vintage Preamps und großartiges analoges Equipment. Sogar wenn wir einen Synth benutzt haben, kam ein 90ies Synth und ein 1970er Pro-One zum Einsatz. Wir wollten einen klassischen Sound – etwas, das warm klingt. Sogar die Mics hatten manchmal dieses weiche Rauschen. Ich wollte etwas, das zeitlos und klassisch klingt. 

Alte Instrumente verleihen Aufnahmen immer eine gewisse Magie. Auf deinem Album klingt alles groß und räumlich. Wo hast du das Album aufgenommen? In welcher Art Studio habt ihr die Aufnahmen gemacht?  

Die meisten Spuren haben wir in einem sehr kleinen Raum aufgenommen, aber die Drums wurden in einem großen Live-Raum aufgenommen. Wir haben die Drums in den meisten Fällen separat recorded und durch einen wunderbaren Reverb „ge-reamped“. Wenn mir der Name des Gerätes noch einfällt, sag ich ihn dir. Das war ein wunderbarer Federhall, handgemacht von einem Independent-Typen in Amerika. 

Ist es dasselbe Gerät, das deiner Stimme diesen Hallplatten-Sound verleiht?

Ja, es klingt etwas nach Platte in Bezug auf die große dynamischen Bandbreite, aber es ist eine kleine Feder-Einheit etwa dieser Größe (zeigt die Größe eines Kofferradios), die wir für die meisten Parts benutzt haben. Das Gerät hat geholfen, den schönen, räumlichen Klang zu produzieren. Wir haben damit nachträglich sehr viele Spuren bearbeitet. 

Habt ihr auch Songs mit Live-Band aufgenommen?  

Einen oder zwei. Und danach haben wir Overdubs gemacht. Ich glaube, wir haben sonst immer zuerst mit Gitarre und Drums angefangen. Aber grundsätzlich separiert, damit wir den Sound im weiteren Verlauf möglichst dreckig machen konnten. Also haben wir Drums und Gitarre zwar gleichzeitig, aber eben separat aufgenommen, dann habe ich die Gitarre nochmal als Overdub gespielt, um ihr mehr Tiefe, Vielschichtigkeit und Textur zu geben. 

Und dein Produzent hat nach der Produktion auch den Mix gemacht?

Er hat „Take Me To Church“ gemixed. Er ist ein großartiger Mixer, trotzdem wurde der Rest nachträglich von Andrew Scheps gemixed. Er wohnt in Los Angeles und hat alle American Recordings von Johnny Cash gemischt. Außerdem John Mayer, Red Hot Chili Peppers und so weiter. 

„Take Me To Church“ klingt nicht so, als wäre es von einer anderen Person gemischt worden als der Rest des Albums. Es passt zum gesamten Vibe, was deshalb besonders ist, weil dieser sehr offene und weite Sound das gesamte Album trägt. Man kann die Lautstärke voll aufreißen, und keine Frequenz und kein Sound stechen unangenehm heraus. Besonders hervorzuheben ist, wie perfekt deine Stimme auf dem gesamten Mix liegt. Kannst du dich an die Recording-Chain für deine Stimme erinnern?  

Danke! Die Kette begann mit einem alten Sennheiser 440. Dann haben wir noch ein Neumann-Mikrofon aus den 60ern genommen. Nein, warte! Ich glaube, das war ein Gefell aus der ostdeutschen Produktion, die vorher zu Neumann gehört hat. 

Und die Preamps?  

Ich glaube, das war ein Neve-Preamp. Wir haben es eigentlich eher einfach gehalten und nur die beiden Mikrofone zusammen aufgenommen, um sie zu mischen. Und dann haben wir sehr häufig die Vocals ge-reamped. Durch einen Vox AC15, einen sehr gut klingenden Vox AC15. Das Signal haben wir dann benutzt, um das cleane Vocal-Signal mit etwas Dreck zu mischen.

Offensichtlich warst du ziemlich direkt in den Produktionsprozess involviert. Du hast ja auch vorher deine eigene Musik selber produziert. Warum hast du nicht direkt alles selbst gemacht?

Dafür reicht es dann letztlich doch nicht: Ich habe kein Toningenieurs-Wissen bzw. überhaupt kein wirkliches Aufnahmewissen. Ich kann allerdings die Songs so gut wie möglich arrangieren und so weit wie möglich in die Richtung vorproduzieren, in die sie gefühlt gehören. Aber ich brauche definitiv einen Produzenten, der den Songs den richtigen Sound verleiht. Rob macht das fantastisch und hat seine Karriere ja als Engineer angefangen. Dadurch hat er eine wirklich unglaubliche Erfahrung mit Sound und so. Also habe ich immer mit viel MIDI in meinem Dachbodenstudio angefangen, die Demos aufzunehmen, aber bereits mit weiten Teilen der Vocals, dem Arrangement der Vocals und der Backing Vocals. Ich habe arrangiert, wie der Song klingen soll und habe die Atmosphäre vorgegeben. Dann brachte ich das Demo zum Produzenten. Bei ihm haben wir das Piano neu aufgenommen und die digital klingenden MIDI-Sounds gegen echte ausgetauscht. Häufig behielten wir allerdings die Demo-Vocals. Zuhause nehme ich des öfteren mit einem U87 auf. Oder war es ein anderes Neumann-Mic? Es hat bei Thomann circa 1200,- Euro gekostet, glaube ich. Manchmal habe ich auch mit einem Thomann-Mic aufgenommen, einem t.bone Kondensatormikrofon. Ja, einige der Vocals wurden mit einem t.bone aufgenommen! Ich glaube, es ist ein SC1100. Das ist ein echtes Performance-Mic – leicht zu bedienen und funktioniert wunderbar. Ich habe es in meiner Tasche, um gelegentlich Demos aufzunehmen, wenn ich reise. 

Du hast dir offensichtlich viele Gedanken um den guten Ton auf deinem Debütalbum gemacht. Hattest du an einem Punkt in der Produktion Lust, dem Album etwas Luxuriöses zu verpassen, zum Beispiel ein Streichorchester?  

Ich hatte Glück, dass Rob über einen langen Zeitraum eine Menge Equipment angesammelt hatte. Es gab also nichts, was mich denken ließ, dass ich es unbedingt brauche. Ich tätigte ein paar kleine Investitionen, von denen ein E-Bow für 100,- Euro auch schon die teuerste war. Ansonsten haben wir einfach mit den Sachen gespielt, die Rob ohnehin besitzt. Er hat zum Beispiel einige großartige Synthesizer und ein paar großartige Amps. Eigentlich ist mir erst nach der Produktion aufgefallen, welches Equipment ich brauche, um die Produktion live umzusetzen. Ich versuche gerade immer noch, einen Big Muff zu bekommen – einen Sovtec Big Muff (Verzerrerpedal, Anm. d. Red.) für die Gitarre. Der alte Big Muff mit dem Logo in großen Buchstaben. Und dann habe ich einen Electro Harmonix Memory Man, einen alten aus den 80ern, mit dem wir ebenfalls die Gitarren aufgenommen haben. Rob Kierwan hat ihn mir nach der Produktion geschenkt. Ich muss beim Thema Effektpedale noch viel lernen. Bis zum Recording war ich nie gut darin, aber durch das Herumexperimentieren im Studio habe ich eine Menge gelernt. Mir ist jetzt klar, wie sehr ich die Pedale brauche für eine ganze Reihe unerlässlicher Sounds. Mitunter hatten wir den größten Spaß mit einem Gitarrensound, den wir mit einer Verkettung des Memory Man mit dem Big Muff, einem Rat-Pedal und diesem fantastischen Reverb von Rob erzeugt haben. 

Es ist immer ein Problem, räumliche und groß produzierte Musik auf die Bühne zu bringen. Jeder Musiker tut sich damit schwer. Wie löst du dieses Problem?

Ich tue mich immer noch schwer damit! Ich bekomme diesen Gitarrensound einfach noch nicht hin. Ich benutze sogar ein Cathedral-Pedal und habe ein TC Electronics Trinity, welches auch in die Richtung geht. 

Trinity ist ein Wort, das dich durch dein Leben zu begleiten scheint. Dein Konzert wird von einer Agentur namens Trinity präsentiert und du hast am berühmten Trinity College studiert. Hast du deine Mitmusiker dort kennengelernt?  

Ja, so ziemlich! Die ersten Leute, mit denen ich Musik gemacht habe, waren alle auf meinem College. Alex Ryan, der Bassist meiner Band, kommt von diesem College, und er ist immer noch in meiner Band.

Aber du hast das College ja schon vor Jahren geschmissen – warum?  

Es gab zu der Zeit ein Paar Dinge, die mich zu dieser Entscheidung getrieben haben. Ich hatte die Möglichkeit, ein paar Demos für ein Label zu machen, aber die Arbeit an den Demos kollidierte mit den Prüfungen. Also habe ich lieber die Demos gemacht, als an den Prüfungen teilzunehmen. Außerdem hatte ich das Gefühl, möglicherweise durchzufallen und das Jahr wiederholen zu müssen. Ich merkte, dass die vier Jahre Studium einen endlosen Schlingerkurs bedeuten würden. Ich war nicht wirklich gut in Musiktheorie. Ich hätte mich also vier Jahre lang abmühen, oder aber diese Zeit in mein Lebensziel investieren können. Ich wusste, dass es hart werden würde. Ich wusste auch nicht, was ich tun muss, um als Sänger erfolgreich zu werden. Aber drei Jahre später mache ich genau was ich will – ich bin hier! Also, ich empfinde keine Reue. 

Was hat dir bei deinem steilen Aufstieg am meisten geholfen? Dein Besuch bei Zane Lowe?  

Ich habe ein fantastisches Management-Team, ich hatte viel Glück mit Rubyworks. Die ließen mich tun, was immer ich wollte und vertrauten mir. Und wir haben an einem Projekt gearbeitet... Um ehrlich zu sein glaube ich, dass die große Veränderung kam, als ich begann, viele Aufgaben selbst zu erledigen. Als ich einige Songs auf meinem Dachboden produzierte. Ich glaube, das war der Moment, der alles verändert hat. In dem Video zu „Take Me To Church“ geht es zu weiten Teilen genau darum. Aber abgesehen davon hatte ich viel Glück mit meiner Plattenfirma. Die Dinge sind wirklich gut gelaufen!

Was ist eigentlich für dich der wichtigste Bestandteil deiner Songs. Die Musik oder der Text?  

Ich höre sehr unterschiedliche Musik, aber es würde sich für mich falsch anfühlen, wenn der Text nichts hätte, was es wert ist, gesagt zu werden. Das ist lediglich, wie ich Musik mache. Außerdem bin ich kein begnadeter Instrumentalist, ich kann also keine tollen Soli spielen, so wie Musiker einer Funkband. (lacht) Abgesehen davon liebe ich instrumentale Jazzmusik, und ich liebe Funk. Ich bin ein großer Fan von The Meters, bei denen die Texte sehr simpel sind und nicht das treibende Element darstellen. Aber ich bin auch ein großer Verehrer von Leonard Cohen, und auch Tom Waits war ein großer Einfluss für mich. Das ist auch die Art von Musik, die ich machen möchte, ein solcher Künstler möchte ich sein! Die Texte sind der anstrengendste Teil meiner Songs, und deshalb verbringe ich damit auch die meiste Zeit. 

Deine Songs klingen roh und man entdeckt viele kleine Melodien und Hooks in den Arrangements.  

Ich habe alles Mögliche ausprobiert. Das ist eben der Spaß, den man im Studio haben kann. Aber man muss es simpel halten, das ist das Geheimnis. 

Also hast du dir diese ganzen Lines ausgedacht, und die sind nicht mit der Band entstanden?  

Nein, das mache ich. Den Bass hat Ryan entworfen, aber die Parts für alle anderen Instrumente habe ich geschrieben. 

Hast du die Parts transkribiert?  

Nein, ich mache das vor. Ich singe oder spiele es den anderen Musikern vor. Es ist schwierig, etwas zu finden, das interessant klingt und eine neue Melodie darstellt. Etwas Neues, das den Song nach vorne bringt, das aber gleichzeitig simpel ist und nicht so klingt, als hätte man angestrengt danach gesucht oder als hätte man unglaublich clever sein wollen. Man kann natürlich sehr clever sein, aber wenn man es simpel hält, ist man besser bedient. Diese kleinen Melodien zu finden ist immer sehr schwer. 

Beim Produzieren an einem bestimmten Moment loszulassen, ist der schwerste Part...  

Allerdings, das ist der schwerste Part!

Einfach zu sagen: „Jetzt ist es gut!“  

Genug ist genug!

Wie lange hast du eigentlich an deinem Album geschrieben?  

Die meisten Songs, die ich vor „Take Me To Church“ geschrieben habe, warf ich wieder weg, weil ich danach mit einem Songwriting in der Art von „Take Me To Church“ weitermachen wollte. Die Songs sind alle relativ neu, vielleicht ein Jahr alt. 

Also warst du sehr schnell!  

Ich schreibe Songs, seit ich 15 Jahre alt bin. Trotzdem bin ich ein sehr langsamer Songwriter. (lacht) Ich schreibe teilweise an sieben Songs gleichzeitig, aber bei der Ausarbeitung der Ideen bin ich eher langsam. 

Offensichtlich hat sich die Arbeit gelohnt. Danke für das Interview!  

Ich danke dir! Es tat gut, mal über die wirklich wichtigen Dinge zu sprechen. Der Interview-Partner vor dir wollte nur wissen, was ich von Taylor Swift halte.

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