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10.08.2017

Gear-Chat Coldcut

Matt Black über Alben, Apps, Beats and Pieces

Der Coldcut-Workflow

Coldcut sind Jonathan More and Matt Black. Seit ihrer ersten Platte „Say Kids What Time Is It?“ von 1987 haben sie die Art und Weise beeinflusst und verändert, wie moderne Musiker mit Samples, „Beats & Pieces“ umgehen, letzteres ist auch der Name ihrer Platte von 1988, mit der sie quasi das „Big Beat“ Genre starteten, indem sie den Drumloop von Led Zeppelins „When The Levee Breaks“ einfach statt auf 33 auf 45 abspielten. Sie gaben Lisa Stansfield mit „People Hold On“ eine Karriere und gründeten mit Ninja Tune eines der einflussreichsten Indie Labels.

In den Folgejahren haben Coldcut auch stets mit Multimediaprojekten auf sich aufmerksam gemacht. 2017 ist ein sehr bewegtes Jahr: Matt und Jon veröffentlichen gleich zwei Alben, ein Max 4 Live Instrument, eine Visual-App und ein Videospiel. Warum alles auf einmal, verriet Coldcuts Matt Black im Bonedo-Interview.

Coldcut war Vorreiter von Sampling als Kunstform in den späten achtziger Jahren. Wie hat sich Sampling seitdem verändert?

Matt Black: Wir haben mit Turntables begonnen. Inspiriert von Hip-Hop-DJs wie Grandmaster Flash, Double D und Steinski aus New York, sahen wir, dass sie Platten benutzten, um Klangkollagen zu machen. Denn was sind Schallplatten anderes als lange aufgenommene Soundsamples?

Das ist die ganze Idee des Breakbeats, die von Leuten wie Kool DJ Herc erfunden wurde: Mit zwei Turntables und zwei Copies der gleichen Platte kann DJ einen bestimmten Teil endlos verlängern, indem der Part von der zweiten Platte neu eingestartet wird, wenn er auf der ersten Kopie durchgelaufen ist. Manuelles Loopen. Und das erzeugt einen tollen Klang, eine Art brutalen Klang, kombiniert mit dem schönen Gefühl der Hände, die direkt den Klang manipulierten. In gewisser Weise gibt es immer noch kein Interface, das so gut für die direkte Manipulation von Klang geeignet ist, wie ein Plattenteller mit einem Stück Vinyl darauf.

„Say Kids WHat Time Is It?“

Aber dann wollten wir immer mehr machen und unsere Vorbilder wie Steinski und Grandmaster Flash benutzten ja auch Aufnahmetechnologie, um die Komplexität ihrer Musik zu erhöhen. Unsere ersten Aufnahmen wurden mit einem Kassettendeck gemacht. Ein Kassettendeck war für uns zugänglicher als ein Tonbandgerät. Ich hatte ein Yamaha MT-44 und ein 6-Kanal MTR-Mischpult, das zwei Aux-Sends hatte.

Das war eigentlich ein leistungsfähigeres Setup als ein kombiniertes PortaStudio. Unsere Grundtechnik war aber die Pausentaste auf einem Stereo-Kassettendeck: Wir haben Samples vom Stereotape auf das Vierspur-Tape aufgenommen, indem wir möglichst präzise im Timing die Pausentaste losgelassen haben. Ich und meine Freunde haben am College konkurriert, wer auf diese Art die besten Partymixes machen konnte.

„Say Kids What Time Is It?“ wurde mit diesem Setup aufgenommen. Das war vielleicht die glücklichste Zeit meines Lebens: in der Schule sein und mit Freunden Musik zu entdecken, zu mischen und zu bearbeiten, Musik für Partys zu machen. Ich meine, das ist eine ganz eigene Kunstform.

Im nachstehenden Video werden die Samples auf „Say Kids What Time Is It?“ erklärt:

Beats & Pieces

„Beats & Pieces“ konnten wir dann in einem richtigen 24-Spur-Studio aufnehmen. Ich war noch nie vorher in einem großen Aufnahmestudio, aber ich verstand das Prinzip, also habe ich auf Papier aufgemalt, wie ich alle diese Samples auf 24 Tracks platzieren könnte. Dort arbeiteten wir mit einem weiblichen Ingenieur namens Raine Shine. Sie hatte unter anderem mit Vangelis am „Blade Runner“ Soundtrack gearbeitet.

Damals war Blade Runner mein Lieblingsfilm und es war ein fantastischer Soundtrack. Sie war ein erfahrener Ingenieur und sie zeigte uns, wie wir eine Bandschleife machen konnten, indem wir einen Break aufnahmen, den wir loopen wollten. Das war der Led-Zeppelin-Break. Wir haben den Takt auf ein Stück Tape aufgezeichnet, umkopiert und dann eine physikalische Bandschleife erzeugt, indem wir das Tonband um einen alten Besenstiel herumlaufen liefen. Das war wirklich ein physikalischer Loop. Wir hatten damals noch keinen Sampler: Auch „Beats & Pieces“ bestand nur aus Turntable-Scratches und Tonbandschleifen.

Paid In Full

Schon bald darauf haben wir unsere erste Drummachine bekommen, eine Casio RZ-1 und danach den Casio FZ-1 Sampler und unseren ersten Atari. Das hat uns dann in die Lage versetzt, in Sachen Sampling in eine andere Dimension vorzustoßen und digitale Loops zu erzeugen. Das erste Mal, dass wir einen digitalen Loop benutzten, war aber für unseren Remix von Eric B. & Rakims „Paid In Full“.

Wir haben diesen Remix in den Island Studios produziert und sie hatten da ein BEL Digital Delay. Und das konntest du als Sampler benutzen. Wir haben den Paid in Full Breakbeat in das BEL Delay gespielt, geloopt und durch den kompletten Remix laufen lassen.

Hast du das Gefühl, dass Sampling seine Unschuld der frühen Jahre verloren hat?

Matt Black: Von damals über die Akai Sampler und C-Lab Creator bis hin zu Ableton hat sich natürlich sehr viel verändert. Heute haben wir quasi unbegrenzte Sampling-Zeit. Früher standen lediglich 8 Bit und 16 kHz zur Verfügung und heute können wir mit 32 Bit und 96 kHz aufnehmen. Aber es geht nicht nur um die technischen Vorteile. Tatsächlich steht heutzutage sehr viel mehr Sampling-Material zur Verfügung. Das Internet ist eine Art riesiges Klanglexikon der menschlichen Kultur. Es gibt fantastische Archive, die unglaubliche Sammlungen von obskuren interessanten Aufnahmen haben, wie z.B. UBU oder Archive.org.

Und dann gibt es immer mehr Möglichkeiten, wie man Audiodateien für eigene Aufnahmen legitimieren kann. Ich unterstützte jeden Versuch, für Sample-Clearing einen vernünftigen Rahmen zu schaffen, so dass jeder glücklich ist. Es ist offensichtlich eine zweiseitige Sache. Wenn die Leute einen Coldcut-Track sampeln und sie einen großen Hit damit haben, wollen wir ein Stück davon und wenn wir sampeln und einen großen Hit damit haben, wollen wir auch mit den Rechteinhabern eine Einigung erzielen. Wir alle greifen schließlich auf das Wissen und die Kunst zurück, die Menschen vor uns erschaffen haben.

Insofern finde ich es völlig ungerechtfertigt, wenn z.B. Disney das Urheberrecht von Schneewittchen beansprucht: Schneewittchen stammt von den Gebrüdern Grimm und die haben die Erzählung von Volksgeschichten übernommen. Solche Werke sollten keinem Konzern gehören, sondern den Menschen zurückgegeben werden.

Ist Coldcuts Musik immer noch auf Samples basiert oder nutzt ihr mittlerweile auch verstärkt Synthesizer?

Matt Black: Es ist eine gesunde Mischung. Wir kommen vom Mixen. Wir mischen London mit New York, wir mischen schwarz mit weiß, wir mischen das Alte mit dem Neuen, wir mischen analog mit digital, wir mischen Sampler mit Synthesizern. Ich glaube an die Dynamik, die man durch die Kombination von Gegensätzen hervorbringt und daraus etwas erschafft, das größer ist als die einzelnen Teile. Mit Synthis habe ich mich auch schon sehr früh beschäftigt. 1975 habe ich meinen ersten Synthesizer aus einem Elektronikmagazin-Kit gebaut, denn ich war so begeistert von der Idee, dass man eine Pop-Gruppe mit etwas haben könnte, was futuristischer ist als eine Gitarre. Eigentlich denke ich, gibt es auch keinen klaren Gegensatz zwischen Sampling und Synthese. Was ist Granularsynthese? Es ist eine Kombination aus Sampling und Synthese, richtig?

Ich habe gehört, dass du einen EMS Synthesizer besitzt, der wirklich selten ist.

Matt Black: Ja, ich habe einen von nur zwei existierenden Prototypen des EMS VCS-4. Er stand in einem Rathausturm in Südost-London. Einer meiner Freunde führte mich dorthin und ich kaufte ihn für 300 Pfund. Ich habe ihn dann bei EMS reparieren lassen und wenn ich mit ihm herumspiele, bekomme ich wirklich gute Ergebnisse. Ich habe sogar ein SamplePack erstellt, das kostenlos verfügbar ist. Aber mein Hauptinstrument ist eindeutig Ableton Live auf meinem Laptop. Damit habe ich Zugang zu virtuellen Synthesizern und Effekten im Wert von etlichen Tausend Pfund, wenn ich sie in Hardware gekauft hätte. Ich werde gar nicht debattieren, ob analog besser als digital ist, ob ein Soft-Synth besser klingt als ein Hardware-Synthesizer: Das sind alles nur Werkzeuge, mit denen man unglaubliche Musik erschaffen kann.

Coldcut hat schon immer nicht nur Musik gemacht, sondern auch Musiksoftware und Videospiele entwickelt. Früher war das PlayTime auf der CD-ROM des „Let Us Play“-Albums, heute sind es NinjaJamm, Pixi und Robbery. Sind das nur Nebenprojekte oder steckt dahinter ein tieferer Sinn?

Matt Black: Das sind erstmal alles Dinge, die uns interessieren und sie dienen zur Unterhaltung unseres Publikums. Es gibt Leute, die sich für elektronische Musik interessieren, aber immer dachten, dass es so kompliziert ist und dass sie das niemals selbst machen könnten. Aber das ist nicht wahr. Es geht darum, einen Zugang zu ermöglichen. Ich bin kein Computerexperte, ich bin kein guter Keyboarder, ich bin nicht besonders gut mit dem Erlernen neuer Instrumente und ich taumele oft von einer Sache zum nächsten. Aber ich weiß, dass ich mich ausdrücken kann, wenn das Interface intuitiv und anregend ist.

Die „Play Tools“ waren eigentlich Spielzeug. Aber wenn ich zurückblicke, stelle ich fest, dass auch all diese ersten wegweisend für unsere nächsten Entwicklungen waren, weil sie ernsthaft verwendet werden konnten, besonders Play Time. Das ist eigentlich ein ziemlich fortschrittlicher algorithmischer Beatgenerator nach dem „Buffer Shuffle“ Prinzip, also der Idee, dass du einen Loop in viele gleiche Stücke hackst und diese dann neu arrangierst, umkehrst und wiederholst. Es war eine sehr mächtige Technik, die wir weiterentwickelten und derselbe Algorithmus ist jetzt in NinjaJamm der „Coldcutter-Effekt“.

So gibt es eine rote Linie in unseren Entwicklungen bis ganz zurück zu unserem ersten Spiel Top Banana von 1988. Es war ein Computerspiel mit weiblichen Charakteren, Öko-Thema, rette die Welt mit der Kraft der Liebe und einer Art algorithmischem Musik-Soundtrack, der mit verschiedenen Beats und verschiedenen Fills nach dem Prinzipien der Zufälligkeit arbeitet. Diesen Algorithmus haben wir in einigen Kunstinstallationen benutzt und die Idee kontinuierlich weiterentwickelt. MIDIvolve basiert noch auf dem gleichen Algorithmus. MIDIvolve ist ein Max 4 Live Patch und grundsätzlich wie ein Buffer Shuffler für MIDI. MIDIvolve besteht aus zwei Teilen: Der MIDI-Teil ist eine Art „Über-Arpeggiator auf Steroiden“. Für den Soundpart habe ich mit einem Musiker und Ableton Trainer namens Behr aus Johannesburg, Südafrika zusammengearbeitet.

Es gibt zwölf verschiedene Instrumente, die als Teil des MIDIvolve-Pakets kommen und musikalisch auf Hip Hop, Techno und afrikanischen Klängen basieren. Viele meiner Lieblingsinstrumente, die wirklich Dinge verändert haben, sind nicht nur ein Sequencer oder ein Instrument, sondern eine Kombination. Beispielsweise ist die Roland TB-303 ein Sequencer und auch eine fantastische Klangquelle. Sogar über die 808 könnte man das Gleiche sagen. Eine Drummachine besteht nicht nur aus ein paar Drum-Sounds, sondern auch aus einem Sequencer. Die Kombination aus Sequencer und Sounds ist einfach inspirierend.

Die Kombination von Sequencer und Klängen ist wohl auch der Grund, warum Grooveboxen wie die KORG Volca-Serie so erfolgreich sind.

Matt Black: Genau! Ich bin zwar eher Software-fokussiert. Aber kleine Instrumente, Toys, haben mich schon immer interessiert, wie z.B. die MicroGranny von Bastl Instruments oder Teenage Engineering. Ich liebe den OP-1 und die kleinen Pocket-Operatoren. Es ist unglaublich, welche Variationen man aus diesen Geräten herausholen kann. Aber im Allgemeinen benutze ich Ableton Live und unsere NinjaJamm-App. Jedes Mal, wenn ich MIDIvolve oder JammPro nutze, die neue Version von NinjaJamm, die wir entwickeln, bin ich immer noch am ausflippen. Ich habe bei meinen eigenen Instrumenten noch so viel zu erforschen.

NinjaJamm ist eine Realtime Remix-App für Tablet und Smartphone, die auf vorgefertigte Sample-Packs zurückgreift. Was kann JammPro?

Matt Black: Die Nr.1-Funktion, die jeder will, ist, was wir LYOS nennen: „load your own samples“. Das funktioniert schon gut, ohne dass wir das Pack-Format verändern müssen. Ich will nicht zu viel verraten, aber JammPro hat schon viele aufregende Features. Einer von ihnen ist Snapshot. Man kann einzelne Einstellungen der App in 24 Schnappschüssen speichern und diese wieder aufrufen. Dadurch hat man ein wenig die Power eines Sequencers, ohne auf eine Timeline angewiesen zu sein. Wir verwenden JammPro für die Coldcut Live Shows, was bedeutet, dass wir unsere eigenen Tracks wie „Paid In Full“ nehmen können und sie mit den Snapshots neu arrangieren können. JammPro verfügt auch über MIDI-Trigger von den Bedienelementen und den Clips, so dass wir sie mit Resolume kombinieren können. Es gibt eine Art einfachen Step-Sequencer-Modus, den ich in Ableton vor ein paar Jahren entwickelt habe, eine Art Breakbeat-Sequencer, der ganz erstaunlich ist.

Und noch ein wirklich professionelles Feature: Alle Kanäle können als separate Dateien aufgenommen werden. Ich kann meine Jams so ganz einfach in Ableton nachbearbeiten. Das haben wir in eigentlich nur 20 Minuten programmiert und nun kann mein iPhone 6 sieben Stereospuren gleichzeitig ausspucken. Toll! Ich denke, JammPro wird bis Ende dieses Jahres rauskommen. Ich halte es für die weltweit fortschrittlichste Beat-App und ich beabsichtige, diese Position zu behalten.

Ihr veröffentlichst jetzt gleich zwei Alben: die Coldcut vs On-U Soundsystem LP sowie das Bogus Order Album. Warum beide zur selben Zeit?

Matt Black: (lacht) Wahrscheinlich wegen schlechtem Timing. Oder ein chronischer Anfall von Verstopfung. Unser letztes Album erschien 2006. In den letzten 10 Jahren haben wir viele verschiedene Sorten Musik gemacht. Wir wussten nicht, wie wir die verschiedenen Dinge verpacken sollten, die wir gemacht haben. Wir haben uns etwas verloren und schließlich haben wir einfach entschieden: Fuck it, die Musik muss jetzt raus! Das ist vielleicht der Grund, warum es „Release“ heißt, weil es eine riesige Erleichterung war, das zu tun. Es ist großartig unser eigenes Plattenlabel Ninja Tune zu haben, wir arbeiten dort mit wunderbaren Menschen zusammen. Ich bin stolz auf unsere Mitarbeiter und stolz auf die ziemlich gute Auswahl an Künstlern.

Man könnte jetzt meinen, dass man mit seiner eigenen Plattenfirma tun und lassen könnte, was man möchte, aber so einfach ist das nicht. Eine Demokratie zu haben, kann komplizierter sein als eine Diktatur. Aber wir glauben an die Demokratie, also haben wir diesen Ansatz genommen, unser eigenes Label zu führen. Es kann die Dinge verlangsamen. Aber am Ende haben wir ein besseres Ergebnis.

Seit Beginn der Karriere hat Coldcut viele verschiedene Stile verfolgt, von reinen Underground-Sachen bis hin zu Popmusik mit Sängerinnen wie Lisa Stansfield und Yazz und Dub-Reggae mit Originalkünstlern wie Junior Reid. Das aktuelle Album „Outside The Echo Chamber“ entstand zusammen mit Adrian Sherwood und On-U Soundsystem sowie mit Reggae-Legenden wie Lee Scratch Perry und Roots Manuva.

War das Album eine Herzensangelegenheit für euch?

Matt Black: Sicher. On-U war eine wichtige Inspiration für Ninja Tune. Jon und ich waren in den frühen 80er Jahren Plattensammler, als On-U Sound startete. Und es gab nicht viele britische Labels mit dieser Art von starker Identität, die ein Black-Music-Ding nahmen, aber dann erweitert haben, um es noch experimenteller zu machen und weitere Einflüsse hinzuzufügen. Das hat uns schwer inspiriert.

Ich habe mit einem Haufen weißer Jungs gelebt, wir standen voll auf schwarze Musik, aber wir fanden auch andere Musik toll. Und an dieser Stelle muss ich den leider verstorbenen britischen Radio DJ John Peel erwähnen, den musikalischen Botschafter für mehr als eine Generation, der mehr als jeder andere die Idee begründete, dass es cool war, eine Menge verschiedener Arten von Musik zu mögen. Viele Leute stehen nur auf einen bestimmten Musikstil, aber John machte Eklektizismus cool. Ich denke, das hatte einen großen Einfluss auf Jon, mich und unser Publikum, das stets in der Lage war, mit unserem sehr freimütigen musikalischen Ansatz umzugehen.

Die Vielfalt in unserer Musik ist direkt von John Peel beeinflusst und Hip-Hop und Scratching befähigte uns, verschiedene Stile und Lieder in einer Audio-Collage buchstäblich zu mischen. Das sind die beiden großen Einflüsse in unserer Geschichte.

Adrian Sherwood vertrat diese Haltung ebenfalls sehr früh. Er repräsentierte wie kein anderer die britische Dub- und Reggae-Szene und eine starke multikulturelle britische Identität. Adrian hat einen Slogan: „On-U Sound – comforting the disturbed – disturbing the comfortable“ (in etwa: tröstet die Gestörten – stört die Komfortablen). Ich liebe das. Bestimmte Basslines von On-U Sound sind in meinem Gedächtnis eingraviert.

Mit Sherwood ins Studio zu gehen, war ein großer Nervenkitzel und ich stand neben ihm am Mischpult und beim Mischen machten wir beide eine Art „Dub Dance“. Plötzlich hast du eine neue Familie und es fühlt sich alles sehr natürlich an. Und es war toll, seine Musiker zu treffen: Doug Wimbish kam vorbei, Skip McDonald war ziemlich in einige der Tracks involviert. Jon und ich haben eine sehr kooperative Einstellung zum Musikmachen. Grundsätzlich machen wir jeder unser eigenes Ding, wenn ich mehr Zeit für meine Software-Arbeit benötige, arbeitet Jon an der Musik und am Ende wird alles 50/50 aufgeteilt. Das hat viele Probleme vermieden.

Bogus Order ist ein sehr altes Zweitprojekt von Jon und Matt und „Zen Brakes (Volume One) war 1990 das erste Album auf ihrem frisch gegründeten Label Ninja Tune. Das Nachfolgealbum „Zen Brakes 2“ kommt jetzt satte 27 Jahre später zusammen mit einer „Pixi Version“ heraus, einer App, bei der man die Grafiken zu den einzelnen Songs manipulieren kann.

Was genau ist Pixi?

Matt Black: Pixi ist ein großer modularer granularer Videosynthesizer. Wir benutzen ihn für Live-Performances und auch für die Entwicklung visueller Synthesizer-Presets wie die zehn Presets der kostenlosen Bogus Order Pixi-Player App. Den Grafiken liegt granulare Bildsynthese zugrunde und man kann sowohl die vorhandenen Bilder als auch eigene Fotos mit den Fingern manipulieren. Ich bin mir noch nicht sicher, ob wir Pixi veröffentlichen werden oder nur als internes Instrument behalten, um weitere Pixi-Player zu erstellen. Aber ich denke auch, dass VJs und andere Künstler sehr viel mit Pixi anfangen könnten.

Schließlich gibt es noch das Online Game Robbery, dessen Grafiken auch in euren Live-Shows auftauchen. Ist das ebenfalls Pixi?

Matt Black: Nein, Robbery entstand mit Unity 3D. Das ist eine Art Ableton für Computerspiele. Es ist ein fantastisches Werkzeug und ich würde es jedem empfehlen, der sich für Visuals interessiert und keine Angst hat, ein bisschen Computercode zu lernen. Vor allem, wenn man sich für Virtual Reality interessiert. Unity ist ein Portal zum Aufbau von VR-Erlebnissen und ich glaube nicht, dass genug Künstler es im Moment nutzen. Es ist hauptsächlich von der Spiele-Community angetrieben worden, aber die künstlerischen Möglichkeiten sind immens.

Robbery ist für uns weniger ein Spiel als ein Kunstwerk, es ist ein Kommentar zu Spielen, es ist ein Kommentar zu Cut-and-Paste und es ist ein Kommentar zur Politik. Warum sollte es nicht Spiele geben, wo man die Bösewichte ins Gefängnis bringen muss und wo der Bösewicht ein Banker ist? Die größte Abzocke der modernen Zeit ist die riesige Bankenabzocke der letzten Jahre. Und ich denke, Künstler sollten auch so etwas kommentieren und wir sollten unsere Meinungen bekannt machen.

Bist du grundsätzlich lieber mit deinen Kollaborationspartnern gemeinsam im Studio oder magst du es auch, mit anderen Musikern via Internet zu arbeiten?

Matt Black: Ich liebe beide Methoden. Es gibt keinen Ersatz dafür, mit jemandem zusammen in einem Raum zu arbeiten. Ich habe Projekte erlebt, wo ganze Tage vergeudet wurden, weil jemand missverstanden hat, was du gesagt hast. Aber es ist doch unglaublich, dass man heutzutage musikalische Kooperationen über das Internet haben kann. Mit Screen-Sharing auf Hangout oder auf Skype. Das ist wie ein ausgedehntes Nervensystem und kann sehr gut funktionieren. Die Menschheit als Organismus hat durch das Internet ein massives Upgrade ihres Nervensystems erhalten. Wir kratzen gerade erst an der Oberfläche dessen, was das ist und wir lernen immer noch, wie man es benutzt, wie ein Baby lernen muss, zu wachsen und sein Nervensystem zu benutzen.

Letzte Frage: Würden Coldcut jemals wieder Pop-Songs wie “People Hold On” oder “The Only Way Is Up” machen?

Matt Black: Das Wort „Pop“ hat für viele einen schlechten Klang. Aber nicht für mich. Ich habe eine ganz einfache Definition für Popmusik: Pop ist populäre Musik. Das kann trotzdem zutiefst Avantgarde sein, das gelegentlich durchbricht wie zum Beispiel „Oh Superman“ von Laurie Anderson, das war ein Top 10 Hit. Es gibt für mich keinen Unterschied zwischen „People Hold On“ und „Walk A Mile In My Shoes“, das wir mit Robert Owens aufgenommen haben, was nicht so groß war, aber auch sehr gut ankam. Oder ein Bogus Order Song wie „Flight“, obwohl er keine Vocals hat.

Lieder mit Gesang wurden in der Vergangenheit eher populär, aber ich denke, dass sich das gerade verändert hat. Leute mögen Instrumentalmusik, weil sie das auch hören können, während sie arbeiten. Ich persönlich kann jedenfalls nicht arbeiten, wenn es ein Lied mit Gesang läuft. Aber ich liebe Texte, ich liebe gute Songs und ich würde gerne einen weiteren Hit wie „People Hold On“ schreiben. Das Stück hat einen Text, bei dem es um etwas geht und der immer noch sehr relevant ist, wir müssen uns immer noch helfen und teilen und positiv bleiben. Ich mag Songs mit positiven Aussagen.

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