Hersteller_Gary_Garritan
Test
2
18.08.2014

Praxis

Klang

Classic-Perspektive
Kommen wir zur Praxis und damit zu recht vielen Beispielsounds. Man sieht allein schon daran: Der Test hat mir Spaß gemacht! Bevor wir den Sound hören, der sich, wie ich finde, absolut nach einem klassischen Flügel anhört, zunächst ein erster Eindruck des Instruments mit dem allerersten Preset: Akkorde in den Mitten, dann Oktaven im Bass, einzelne Töne über die ganze Tastatur, Geklimper im Diskant, ein Glissando zurück in die Mitte, wieder ein paar Akkorde und dann Akkorde vom ppp ins fff. Zuletzt dann ein Akkord im ff, bis er nicht mehr zu hören ist.

Ein sehr brillantes Klangbild, tolle Bässe, sehr geräuschreich im Diskant. Sehr schön ist die Klangveränderung der Akkorde vom Pianissimo ins Fortissimo, also wie die Klänge immer brillanter werden und „aufgehen“. Auch toll ist, wie die Obertöne im Nachklang immer mehr hervortreten.

„Perfect“ habe ich die Aufnahme nicht selbst genannt, das ist ein Preset. Wie ich aber finde, zeigt es sehr schön die Lebendigkeit des Instruments. Und wenn ich mich auch anhöre wie ein Weinsommelier: Die Aufnahme zeigt die Wendigkeit eines fantastischen Konzertflügels. Man kann blitzschnell von brillant zu samtweich wechseln, Einzelstimmen kommen sehr gut zur Geltung und in Akkorden mischen sich die Einzeltöne zu einem größeren Ganzen. So muss das sein. Wenn jetzt auch noch die Bässe in die Magengrube fahren würden, das Instrument vibrieren und der Boden wackeln würde, dann hätte man einen echten Flügel vor sich.

Hier noch einige weitere Beispiele der Classic-Perspektive. Schon fast zu gut, weil vielleicht zu groß im Mix, ist das Preset „Classic Rock“. Das letzte Beispiel zeigt die Qualität des Convolution-Halls: Da schwimmt nichts, da wackelt nichts, das geht einfach nach hinten weiter. 

Contemporary-Perspektive 
Eigentlich sollen die Contemporary-Einstellungen ja ein bisschen härter und direkter klingen; beim ersten Beispiel, dem Default-Preset dieses Sets, finde ich den Klang aber fast runder als beim Standardklang des Classic-Sets.

Das Preset „BBBenny“ erinnert natürlich an einen bestimmten englischen Pianisten und bietet auch genau diesen engen und bassarmen Pianosound. Eigentlich mehr ein Upright und ein schlechtes dazu, aber weder gibt es den einen Klaviersound, noch will man immer ein super Klavier. Man möchte ja einen Sound, der zum Stück passt oder vielleicht auch zu einer Marke werden soll. Elton John hat das mit seinem sehr speziellen Klaviersound auf jeden Fall geschafft.

Ein sehr intimes Klangbild liefert das Preset "Newman". Wäre ich ein kanadischer Liedermacher, würde ich sicher diesen Sound nehmen und über meine existenzialistischen 22-jährigen Nöte singen. Gut, dass ich dazu zu alt bin.

Das nächste Beispiel fällt eher in die Kategorie „Was kann man denn noch so alles machen?“ Und es ist schon enorm, wie man einen Klavierklang einfach durch Mikrofoneinstellung und EQ verhunzen kann.

Player-Perspektive
Es gibt da so ein Stückchen von Bach, das spiele ich immer zum Einspielen. Optimal also zum Testen der Player-Einstellung – genau das höre ich ja jeden Tag. Und was soll ich sagen: Wenn ich nicht wüsste, dass es eine Sample Library ist (und ich nicht gerade auf einem Plastikkeyboard spielen würde), für mich wäre es ein Flügel.

Das Preset „Big Head Space“ ist interessant, weil es da in den Höhen mal so richtig kracht. Hinter dem Preset „Wendy House“ versteckt sich ein völlig verstimmtes Klavier, bei dem übrigens auch nicht alle Tasten funktionieren.

Klangliche Nuancen

Aber wieder zurück zum eigentlichen Flügel und zu den Garritan-Samples. Auch wenn man es nach den Klangbeispielen vielleicht nicht mehr sagen muss: Hier wurde fehlerlos gearbeitet, die Samples sind absolut sauber und hören sich ausgewogen an. Auch das zu Grunde liegende Instrument ist ganz wunderbar, man hat wirklich das Gefühl, an einem sehr schönen Konzertflügel zu sitzen, der zum Spielen einlädt, weil es immer neue, andere Klangnuancen gibt.

Woher kommen denn die ganzen Nuancen? Auf rein technischer Ebene ist das nicht viel anders als bei Synthesizern: Der Geschmack kommt mit den Unregelmäßigkeiten. Was bei analogen Synthesizern durch Fertigungstoleranzen und Bleeding verursacht wird, ist bei einem Flügel zum Beispiel im klanglichen Unterschied zwischen weißen und schwarzen Tasten, in den Registern und in den Dämpfern zu finden. So hört sich eine mit Kupfer umwickelte einzelne Basssaite einfach anders an als zwei oder drei nicht umwickelte Saiten in den Mitten und im Diskant, das kann man leicht nachvollziehen. Und die Dämpfer können in der tiefsten Oktave die Schwingung der Basssaiten nicht so schnell stoppen wie in den Mitten und im Diskant, wo auch überall andere Dämpferformen eingesetzt werden. Aus diesem Grund haben die tiefsten Töne eines Flügels einfach einen längeren Nachklang. Und zuletzt ist auch die Hebelwirkung der Kraftübertragung von der Taste auf den Hammer bei weißen und schwarzen Tasten unterschiedlich, schließlich ist die schwarze Taste weiter hinten und höher gestellt als eine weiße und das ergibt ein anderes Schwungmoment des Hammers auf die Saite. Und das ergibt natürlich einen anderen Klang, als wäre es ein anderer Anschlag. Beim Garritan Abbey Road Studios CFX Concert Grand kann man das ganz besonders gut hören, und es sind eben genau diese kleinen Unterschiede im Klang jeder einzelnen Taste, die den Gesamtklang des Flügels immer neu variieren und das Ganze so interessant machen. Wie bei einem Streicherensemble, wo auch jeder ein kleines bisschen unterschiedlich spielt.

Im folgenden Beispiel kann man einen kleinen Stresstest hören: Bei wilden Glissandi mit Pedal von unten nach oben und zurück bricht nichts ab oder bleibt gar stecken. Dann gibt es einzelne, kurze Töne im Bass abwärts und man kann gut hören, wie die Klänge immer länger werden. Dann ein paar chromatische Tonleitern – hier kann man gut hören, wie sich schwarze und weiße Tasten abwechseln.

Ein allerletztes Beispiel soll sich noch mit der Fähigkeit des Sample-Flügels zum Spielen mit verschiedenen Stimmungen beschäftigen. Im nächsten Beispiel ist eine pythagoreische, also quintenreine Stimmung eingestellt, die sich nur in den vorzeichenarmen Tonarten gut anhört. Deshalb hört sich das Ganze in a-Moll auch nur leicht verstimmt an, in As-Dur aber ziemlich schrecklich. Das Ergebnis ist auch hier überzeugend.

Beim Garritan CFX habe ich das Gefühl, dass alles passt: Der Flügel klingt wunderschön, hat Tiefe und ist in den Höhen brillant, ohne zu knallig zu werden. Er ist toll gestimmt, und ich sage mit Absicht „toll“ und nicht „perfekt“ oder etwas Ähnliches, denn es gibt ja nicht die eine Stimmung. Für meinen Geschmack hat der Klavierstimmer hier ganz wunderbar gearbeitet und aus dem Flügel wirklich alles herausgeholt. Auf dem echten Flügel zu spielen, muss ein Traum sein.

Schließlich der Raum: Das Studio One der Abbey Road Studios ist nicht umsonst seit Jahrzehnten einer der berühmtesten Aufnahmeräume der Welt. Und das Zusammenspiel von Flügel, Klavierstimmer und Raum, aufgenommen von den besten Mikrofonen, das ergibt unter dem Strich eine tolle Piano-Library und ich finde, hier haben wir eine der besten. 

2 / 3
.

Verwandte Artikel

User Kommentare