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11.01.2019

Eine Liebeserklärung an die Roland TB-303

Legendärer Acid Bassline Synthesizer

Die eine und einzige Acid-Silberbox

Als die Roland TB-303 Bassline im Jahre 1982 auf den Markt kam, gab es kein vergleichbares Instrument. Sie war ein merkwürdiger Wolpertinger, zusammengestrickt aus einem simplen monophonen Synthesizer und einem merkwürdig komplizierten Sequenzer, verpackt in einem silberfarbigen Hartplastikgehäuse. Gemeinsam mit der TR-606, einer sehr abgespeckten Version der TR-808 im gleichen Silberplastik-Outfit wie die Bassline, war sie als Begleitung für einsame Organisten und Gitarristen geplant, scheiterte kläglich und würde wenige Jahre später eine musikalische Revolution begründen. Aber alles der Reihe nach …

Happy Accidents – Hintergrund zur TB-303

Man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass die Geschichte der elektronischen Musik ohne Tadao Kikumoto anders verlaufen wäre. Kikumoto-san war Anfang der 1980er Jahre Leiter der Produktentwicklung bei Roland und entwarf die heute legendären Maschinen Roland TB-303 und TR-909. Dabei waren beide zuerst Flops. Die 909 musste 1983 gegen „realistisch“ klingende digitale Drummachines wie die Linndrum oder die Sequential DrumTracks antreten und entsprach mit ihren analogen Drumsounds nicht mehr dem Zeitgeist.

Die 303 kam bereits ein Jahr früher auf den Markt, sollte ursprünglich einen Bassisten simulieren, und erhielt daher nur ein sehr überschaubares Set an klanglichen Möglichkeiten: Einen monophonen Oszillator mit Rechteck oder Sägezahn, ein resonanzfähiges 18 dB/Oktav-Filter, nur einen Decay-Regler für die komplette Hüllkurve und einen merkwürdigen Stepsequenzer. Damit war sie schon damals, alleine die Soundarchitektur betrachtend, ein sehr limitierter Synthesizer. Es war die Zeit vor der Erfindung von MIDI. Der einzige digitale Kontakt zur Außenwelt bestand in der DIN Sync-Eingangsbuchse, mit der die 303 zu anderen Instrumenten mit gleichem Standard synchronisiert werden konnte, vor allem andere Roland-Geräte.

Frisch auf dem Markt – Die TB-303 belebt die Musikwelt

Trotzdem tauchte der Billigsynth schon kurz nach dessen Erscheinen auf so manchem legendär gewordenen Track auf: „Let Me Go“ von Heaven 17 und „Let The Music Play“ von Shannon gelten als erste Hitsingles, in der die 303 als Bassline prominent verwendet wurde. Allerdings wurde sie noch nicht blubbernd und zwitschernd moduliert, sondern bouncte groovig oder kantig durch die Breakdance-orientierten Songs.

Video: Heaven 17 - Let Me Go

Video: Shannon - Let The Music Play (Original Video) - 1983

Ein weiteres schönes 303-Breakdance-Frühwerk ist Newcleus – Automan aus dem Jahr 1984.

Video: Newcleus - Automan

Seit einigen Jahren taucht in der Liste der frühen 303-User auch immer wieder der indische Musiker Charanjit Singh mit seinem Album „Ten Ragas To A Disco Beat“ von 1982 auf, das klingt, als wäre Acid-House eigentlich in Indien erfunden worden. Aber hört selbst ...

Video: Charanjit Singh - Ten Ragas to a Disco Beat (1982)

Ansonsten wirkte die Maschine aber schon recht früh aus der Zeit gefallen. 1983 stellten Sequential Circuits und Roland selbst auf der NAMM-Show in Anaheim/USA die MIDI-Schnittstelle vor, einen neuen Standard, der fast über Nacht jedes Keyboard ohne MIDI im wahrsten Sinne des Wortes alt aussehen ließ. Plötzlich ließen sich doch tatsächlich mit nur einem einzigen Kabel und ohne weitere teure Konverter die Sounds eines Roland JX-3P vom Keyboard eines Prophet-600 anspielen - und umgekehrt! Was heutzutage langweilig klingt, war 1983 eine Sensation. 

Mitte der 1980er Jahre wollte jeder Keyboarder polyphone Keyboards mit vielen Presets, die möglichst realistisch klangen. Multitimbrale MIDI-Module und heilsversprechende exotische neue Klangerzeugungen. Der Siegeszug des Yamaha DX-7 war im vollen Gange, und digitale Sounds aus dem Fairlight oder Emulator waren heiß begehrt, wenn auch unerschwinglich teuer. Digital war das Gebot der Stunde und Roland stellte mit dem D-50 und der LA-Synthese den neuesten Schrei vor: Winzige Samples, die mit digitaler Synthese aufgepeppt werden. Beeindruckende rhythmisch animierte Sounds wie das Preset „Native Tribal Dance“ sollten beim Soundcheck im Musikgeschäft Eindruck schinden und schafften es in so manchen Radiojingle oder auf die Hitsingle. Währenddessen verstaubten die wenigen weltweit verkauften 303s in den Schaufenstern der Second-Hand-Läden, denn die Produktion war bereits 1984 wieder eingestellt worden. Ein Flop!

Acid Revolution – Die TB-303 schafft Acid-Sound

1987 erschien auf dem Chicagoer Label Trax Records die EP „Acid Tracks“. Das Trio Phuture, bestehend aus DJ Pierre, Spanky und Herb J, verwendete die TB-303 auf allen drei EP-Stücken auf eine völlig neue Art und Weise: Sie modulierten die fünf winzigen Klangregler der Silberbox bis aufs Äußerte und entlockten dem verhinderten Bassisten-Ersatz völlig neue Klänge, die bis heute als „Acid-Sound“ bekannt sind.

Video: Acid Trax (Original 12" Club Mix) - Phuture

Acid House war geboren und trat seinen Siegeszug um die Welt an. Und noch immer steht die TB-303 für diesen Sound wie kein anderes Instrument und „acidierte“ alle möglichen Musikformen von Techno und House über Breakbeat bis hin zu Hip Hop und R’n’B, wie z. B. Aaliyah’s von Timbaland produzierten Neo-Klassiker „Try Again“.

Video: Aaliyah - Try Again (HD)

Damals wie heute ein Synonym für Acid-Techno, ist das Duo Hardfloor. Mit „Acperience“ schufen Oliver Bondzio und Ramon Zenker 1992 einen Clubklassiker, der für das Genre auf Jahre den Standard setzte. Hardfloor gingen schon in den 1990er Jahren mit drei 303s auf Tour, und nach wie vor sind mehrere Silberboxen immer noch das Rückgrat ihres Live Setups.

Video: Hardfloor - Acperience (Live on MTV Party Zone)

Statement Ramon Zenker (Hardfloor)

„Das Besondere für mich an der TB-303 ist die Kombination der spartanischen Klangerzeugung mit dem nicht ganz einfach zu bedienenden Sequenzer.  Es kommen oft Sequenzen zustande, die man eigentlich anders programmieren wollte, aber durch die eigenwillige Programmierung, und manchmal noch leicht verschmutzen Tastern ganz anders, aber meist interessanter werden.  Dazu kommen die einzigartigen Slide- und Accent-Funktionen, die auch einen großen Teil des ‚Acid-Sounds‘ ausmachen.“

High on Hope – Die TB-303 im Produktionseinsatz

Ich ergatterte meine 303 im Jahr 1992 zusammen mit einer TR-606 und einem Korg KMS-30 Synchronizer Second-Hand, zu einem sehr sportlichen Preis von nur wenigen Hundert D-Mark. Auf meiner Single „High On Hope“ setzte ich sie auch gleich intensiv ein. Damit es auch nicht zu einfach ist, enthält der Track diverse Akkordwechsel, und so modulierte ich die 303-Bassline nicht nur live während der Aufnahme, sondern transponierte sie auch noch. Das klappte natürlich nicht auf Anhieb. Harddisk-Recording war für mich noch unerschwinglich, ‚Total Recall‘ gab es nur als Titel eines Schwarzenegger-Films und deshalb nahm ich meine Tracks immer direkt auf DAT auf. Ich brauchte wohl ein Dutzend Durchläufe, bis ich sowohl mit der 303-Modulation, als auch dem Mix endlich zufrieden war.

Live-Einsätze mit der TB-303

Und so begleitete mich meine 303 in viele Clubs und auf viele Raves rund um die Welt. Denn die Live-Session ist ihr Metier. Ob dick-grooviges Gebounce oder säure-verseuchtes Geknatter, sie klingt immer richtig und cool und gibt Techno-Liveacts ein Tool, um mit ganz wenigen Mitteln einen Acid-Jam einzuschieben. Denn merke: Nichts klingt und performed so, wie eine 303.

OK, live programmieren geht nicht, denn das Aufnehmen von Pattern bei laufendem Sequenzer wurde erst im neuen Millenium zur Selbstverständlichkeit. Von wegen früher war alles besser. Bei der 303 geht es aber seit Phuture’s Acid Tracks vor allem um das effektive Modulieren des Sounds. Da kann selbst eine stumpfe Singlenote-Sechzehntelsequenz noch Spaß machen. Und selbst für Ableton-Liveacts ist es super, ein paar amtliche kleine Hardwarehupen dabei zu haben, falls der Rechner mal abstürzt. Meinen Anfang bei „S3kto0r UFO – 30 Jahre Techno in Berlin“ hatte ich mir auch spontan beim Soundcheck ausgedacht, um adäquat auf die notwendige kurze Umbaupause reagieren zu können.

Devilfish – TB-303 Modifikation aus Melbourne

Reisen macht schmutzig. Meine damalige Freundin bot an, meine 303 mal gründlich zu reinigen. Mit Tuch und Nagellackentferner. Schwupps, schon war der Roland-Schriftzug weggewischt. Ein „Oh“ (sie), ein Schrei (ich) und es war vorbei. Nie wieder putzen!

Nun, da die „Dirty Little Box“ ihren Roland-Schriftzug unwiederbringlich verloren hatte, durfte sie auch im Sound noch dreckiger werden und ich entschloss mich zu einem radikalen Schritt. Ich hörte Gerüchte von einer atemberaubenden Modifikation aus Melbourne namens „Devilfish“, welche die 303 mit deutlich mehr Regelmöglichkeiten und noch mehr Acid-Potential ausstattet. Meine Australientour stand an und Melbourne war auf dem Plan. Nach meinem ersten Live-Gig down under schickte ich die 303 nach Melbourne zu Robin Whittle von Realworld Interfaces, der sie für mich modifizieren sollte. Und kurz vor meinem Melbourne-Gig holte ich sie wieder bei ihm ab. Der Meister persönlich empfing mich und führte mir mein frisch gepimptes Schätzchen vor. Wir haben das mit einer Hi8-Kamera gefilmt. Keine gute Videoqualität, aber durchaus historisch.

Die Devilfish-Modifikation verschafft der Original-303 keine weiteren Oszillatoren oder Filter, sondern greift in die bestehende Architektur ein und erweitert die sehr reduzierte Klangreglung um entscheidende Parameter, die vor allem im Zusammenspiel mit dem Sequenzer interessante Klangvariationen ermöglichen.

So lässt sich das Ausklingverhalten akzentuierter und nicht-akzentuierter Noten unabhängig voneinander verändern, womit sich eine programmierte Sequenz völlig anders rhythmisieren lässt. Das geht von superkurzen percussiven Zapps bis hin zu lang ausklingenden Noten.

Durch eine aufgebohrte Resonanzschaltung sind noch prägnantere Acid-„Wopps“ machbar und mit Overdrive, Muffler und Filter FM lässt sich der Sound recht extrem verändern, sodass es gar nicht mehr nach 303 klingt.

Die vielen neuen Steuereingänge für CV/Gate, Slide, Accent und Filterfrequenz sowie die Audio-Eingänge zur Filter- und Frequenzmodulation, sorgen für hohe Konnektivität der Devilfish-303.

Schließlich gibt es noch jede Menge neuer Schalter. Der große rote Pushbutton rechts löst momentane Akzente aus, auch dort, wo keiner programmiert ist. Und dort, wo mal „Roland“ weggewischt wurde, thronen nun fünf Schalter für die massive Pattern-Speichererweiterung. Statt acht mal zwei Patterns in vier Bänken ist nun die zwölffache Menge möglich: Satte 768 Patterns.

Der rote Pushbutton auf der linken Seite ist durch eine Idee von mir inspiriert. Ich fragte Robin eher scherzhaft, ob ein Crossfader zwischen den Patterns möglich wäre. Was er dann ersann ist dieser Schalter, mit dem man momentan zwischen den beiden x/y-Variationen eines 303-Patterns hin-und-herschalten kann, ohne dass der Sequenzer ins Straucheln gerät.  Auch das Schalten mit dem darüberliegenden x/y-Switch funktioniert natürlich inmitten der laufenden Sequenz. Crazy shit! Die Devilfish-Modifikation für TB-303 ist nach wie vor erhältlich, jetzt auch mit MIDI In und Out.

Video: Robin Whittle von Realworld Interfaces demonstriert unserem Autor die frisch eingepflanzte Devilfish-Modifikation an dessen TB-303.

(Video: Mijk van Dijk, mit freundlicher Genehmigung von Robin Whittle)

Sämtliche Videoaufnahmen meiner Marmion-Tour 1996 findet ihr übrigens HIER.

Wie klingt’s denn nun? – Der Sound der Devilifish TB-303

Nun war aus meiner „Dirty Little Box“ also eine „Dirty Little Bitch“ geworden und man darf nicht verschweigen, dass durch die Devilfish-Modifikation die Soundbalance verändert wird. Eine originale 303 klingt immer irgendwie OK, während der Sound einer Devilfish-303 mitunter schwieriger zu kontrollieren ist, aber den stolzen Besitzer auch mit noch extremeren Klängen belohnt:

Im ersten Klangbeispiel demonstriert Mijk van Dijk den Overdrive der Devilfish Modifikation. Im zweiten Beispiel kommt Filter FM zum Einsatz. Im dritten Beispiel sind die Hüllkurven extrem kurz und das Filter Tracking voll aufgedreht, um sehr perkussive Zapps zu erzeugen. Die letzten fünf Klangbeispiele sind längere Solo-Jams. Hier nutzt Mijk van Dijk zuerst die Hüllkurven-Variationen zusammen mit der speziellen Sweep-Schaltung, dann Filter FM, schließlich schaltet er vom Puls zum Sägezahn, Slide-Time, das alles im Zusammenspiel mit den „normalen“ Parametern der TB-303.

Audiobeispiele der Devilfish-303

Original TB-303 oder Alternative? - Die Qual der Wahl

Da die Original TB-303 in nur niedrigen Stückzahlen gebaut und verkauft wurde, ist sie naturgemäß rarer als ein – sagen wir mal - Yamaha DX-7, der mutmaßlich meistverkaufte Synth der Welt, der nur ein Jahr nach der 303 das Licht der Welt erblickte und mit (für damalige Verhältnisse!) sehr „naturgetreuen“ Sounds alles Analoge und nicht-MIDI-fizierte aus dem Wasser blies. Demzufolge sind heutzutage gut erhaltene 303s nicht unter 3.000 EUR zu kriegen. Also warum nicht zu einer Replika greifen?

303-Clones gibt es, seit die Originale bereits in den frühen Neunzigern zu gesuchten Kult-Objekten wurden. Frühe Wiedergänger wie die Syntechno TeeBee oder der MAM-33 kamen als 19“-Rackmodule. Vor ein paar Jahren hat MAM eine neue Desktopversion herausgebracht.

Schon wesentlich authentischer ist die Mode Machines x0xb0x, die mittlerweile als Version Mk.3 „Final Edition“ komplett montiert erhältlich ist.

Video: xoxbox by Mode Machines

Roland hat sich mit einem Re-Issue lange zurückgehalten, aber nach dem gelungenen Vorstoß der AIRA TB-3 mit der ebenfalls virtuell-analogen Roland Boutique TB-03 einen sehr original aussehenden Clone der eigenen Legende in die Welt gesetzt, dessen Digitalsound allerdings mitnichten dem Original das Wasser reichen kann. 

Für viele sind daher die analogen Replikas Din Sync RE-303 und Cyclone TT-303 Bass Bot die 303-Clones Nummer Eins, auch weil sie dem Original so verdammt ähnlich sehen und teilweise auch originale Komponenten der TB-303 verbaut haben. Das DIY-Kit Sync RE-303 und die originale TT-303 sind allerdings nur noch Second Hand erhältlich. Sofort verfügbar ist die  Cyclone TT-303 Bass Bot V2,

Für knappe 400 EUR erhält der geneigte Acid-Jünger eine seit Jahren bewährte gute analoge Klangerzeugung, gute Programmierbarkeit und MIDI, darf sich aber nicht von den vielen zeitgeistig bunt hintergrundbeleuchteten Gummiknöpfen abschrecken lassen. Das Teil sieht halt eher wie ein hardware-gewordenes Plug-in aus.

(Produktseite auf thomann.de)

Video: Roland TB-303 vs Cyclone TT-303 vs xOxbOx

Apropos Plug-in: Auch hier gibt es so einiges, seit Propellerheads 1999 mit ReBirth RB-338 zwei 303s und eine 808 auf den Computer gebracht hat. Gab’s dann auch kurz für’s iPad, bis Roland sich beschwerte und Propellerheads die App aus dem Programm nahm. Ich selbst verwende gerne mal die AudioRealism ABL Bassline in meiner DAW, die man mit einem einfachen Mapping auch sehr schön tweaken kann. Roland selbst hat sich in Sachen TB-303 Plug-in übrigens bislang noch nicht geäußert. Happy Tweaking!

Rob Acid zeigte schon mit seinem ersten Hit „Happy Answer“ von 1993, dass man die 303 auch mit Humor programmieren kann.

Video: Rob Acid - Happy Answer

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Roland TB-303 Sound Demo (no talking)

Schlusswort - Still in Love nach 27 Jahren

Alte Freunde soll niemand trennen, und so hat sich zwischen meiner 303 und mir eine mittlerweile 27 Jahre währende Liebesbeziehung ergeben. Meine Freunde wissen, dass sie mir mit 303-Devotionalien noch mehr Freunde machen können als mit Ghost In The Shell oder Godzilla-Zeugs. Und wo andere ihre Initialen auf das Nummernschild prägen, steht bei mir, na? Ja klar: TB-303.

Weitere interessante Informationen rund um die Roland TB-303

Wem die TB-303 am Herzen liegt fühlt sich auf diesen gepflegten Webseiten aufgehoben:

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