Gitarre Hersteller_Fender
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22.04.2020

Eine Liebeserklärung an die Fender Stratocaster

Die Fender Stratocaster - von der Baukasten-Brettgitarre zur beliebtesten und meistkopierten E-Gitarre der Welt

Im Jahr 1950 präsentierte Leo Fender die Mutter aller Brettgitarren der Öffentlichkeit, die Fender Esquier, und wurde dafür von vielen herablassend belächelt. Doch Leo war, wie so oft in seinem Leben, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Als hätte die Gitarrenwelt nur darauf gewartet, rissen sich die Musiker mehr und mehr um seine futuristischen Vollholzgitarren, mit denen sie sich auf der Bühne endlich ohne Feedback-Probleme Gehör verschaffen konnten.

Leo Fender

Clarence Leonidas Fender wurde am 10.08.1909 als Sohn von Clarence Monte Fender und seiner Frau Harriet im kalifornischen Anaheim geboren. Und so verbrachte Leo seine Kindheit auf der elterlichen Farm, die auf den Anbau von Gemüse, Melonen und Orangen spezialisiert war. Obwohl er später einige der angesagtesten Gitarren- und Bassmodelle der Welt kreieren sollte, hatte er nie gelernt, wie man Gitarre spielt. Zwar nahm er zeitweise Klavier- und Saxophon-Unterricht, aber seine Liebe zur Musik basierte letztlich nicht auf dem Spielen eines Instrumentes, sondern auf dem Kreieren von Instrumenten und Verstärkern. Bis es jedoch so weit kommen sollte, verlief sein Leben zunächst in eine eher akademische Richtung. Nachdem er die Highschool im Jahr 1928 verlassen hatte, machte er am Fullerton Junior College einen Abschluss in Buchführung und arbeitete im Anschluss daran ein knappes Jahrzehnt als Buchhalter. Schon während dieser Zeit baute und reparierte er nebenher Radios. Als er in Folge der großen Depression arbeitslos geworden war, machte er im Jahr 1938 sein Hobby schließlich zum Beruf. Er eröffnete ein Radiogeschäft in Fullerton Kalifornien, in dem er auch Verstärker und Musikinstrumente reparierte. In den frühen 1940er Jahren tat sich Leo Fender mit dem Lapsteel-Gitarristen Doc Kauffman zusammen und brachte im Jahr 1944 eine Lap-Steel-Gitarre mit einem von ihm patentierten elektrischen Tonabnehmer auf den Markt. Zum Wehrdienst wurde Leo während des zweiten Weltkriegs übrigens deshalb nicht einberufen, weil er als Kind sein linkes Auge verloren hatte, das durch ein Glasauge ersetzt werden musste. Außerdem litt er laut seiner Frau Phyllis unter massiven Hörproblemen. Aus diesem Grunde holte er sich Zeit seines Lebens immer auch die Meinung vieler Gitarristen ein und ließ sie in seine Entwicklungen einfließen. Um seinem Land in Kriegszeiten trotzdem zu helfen, stellte er als Patriot kostenlos Licht- und Verstärkersysteme für Tanzveranstaltungen zur Verfügung, bei denen Geld für die Streitkräfte gesammelt wurde. 

1945 gründeten Fender und Kauffman die K&F Manufacturing Corporation und stellten Hawaiigitarren und Verstärker in kleinen Stückzahlen her. Das traute Glück hielt jedoch nicht lange und bereits ein Jahr später trennten sich die Wege der beiden kreativen Köpfe, weil Kauffmann keine Zukunft für die elektrische Gitarre sah. Im selben Jahr ging Leo Fender eine Partnerschaft mit dem genialen Marketingstrategen Don Randall ein. Diese Verbindung sollte sich als wahrer Glücksfall herausstellen, denn gemeinsam mit Don Randall entwickelte sich die Electric Instrument Company in den darauffolgenden Jahrzehnten zu einem der angesagtesten Konzerne der Musikinstrumentenindustrie. Nach zwei erfolgreichen und äußerst innovativen Jahrzehnten fühlte sich Fender dem Ganzen körperlich nicht mehr gewachsen. Er veräußerte die Fender Electric Instrument Manufacturing Company zu einem für die damalige Zeit enormen Preis von 13 Millionen US-Dollar an CBS. Beratend stand er dem Unternehmen weiterhin zur Seite, bevor er es 1970 endgültig verließ und im darauffolgenden Jahr die Firma Tri-Sonic gründete, aus der 1974 schließlich die Marke Music Man hervorging. Nach Unstimmigkeiten mit dem Management verließ er die Firma 1980 und gründete noch im gleichen Jahr gemeinsam mit George Fullerton und Dale Hyatt das Unternehmen G&L Musical Instruments. Obwohl es ihm gesundheitlich immer schlechter ging und ihm die Parkinson-Krankheit schwer zu schaffen machte, arbeitete er hier bis kurz vor seinem Tod an Innovationen. Leo Fender starb am 21. März 1991 und wurde 81 Jahre alt.

Fender Factory Tour from 1957

Was bedeutet Pre CBS und CBS?

Die Begriffe Pre CBS und CBS markieren für viele Vintage-Gitarrensammler und Enthusiasten stellvertretend gute und weniger gute Fender-Instrumente. Aber wie kommt das? Wenn von Pre-CBS die Rede ist, meint man damit die goldene Ära bis 1965, dem Jahr, als Leo Fender seine Firma an den amerikanischen Medienkonzern Columbia Broadcasting System (CBS) verkaufte. So begann im Februar 1965 die sogenannte CBS-Zeit. Auch wenn Leo Fender noch bis 1970 beratend im Bereich der Forschung tätig war, hatte sich bis dahin der einst hohe Qualitätsstandard aufgrund massiver Sparmaßnahmen bereits verschlechtert. Ab 1971 kam es zu einer Reihe von Konstruktionsänderungen und so wurde der Hals-Korpus-Übergang vieler Modelle durch ein instabileres 3-Schrauben-System ersetzt. Gleichzeitig wurde das "Bullet" Halsstab-System eingeführt und viele der Brücken und Sättel aus günstigeren Materialien gefertigt. Es folgten billigere und schlechtere Hölzer, Hardware aus billigeren Materialien, minderwertiger Spulendraht, immer höhere Fertigungstoleranzen und schlechtere Qualitätskontrollen. Nicht umsonst gelten die Instrumente bis Anfang der 80er Jahre als Tiefpunkt der Fender-Qualität. Aber es gab auch positive Entwicklung, wie der ab 1977 verwendetet Fünfwegschalter, mit dem es erstmals möglich war, die silbrigen Zwischenstellungen auch ohne Klebeband oder andere Hilfsmittel hinzubekommen. Da Leo Fender den Klang der Zwischenpositionen nicht mochte, hatte er diese Modifizierung nie in Betracht gezogen.

Die Geburtsstunde der Stratocaster

Als der damals neunzehnjährige Elvis Presley im Jahr 1954 "That's all right mama" aufnahm und damit seine Weltkarriere ins Rollen brachte, kam die Stratocaster zum Preis von 249,50 Dollar auf den Markt und war somit 60 Dollar teurer als die Telecaster. Unter Beachtung der Inflation entspricht das heute (Stand 2020) in etwa 2.400 Dollar. Die futuristisch geschwungene Formgebung des Bodys war inspiriert durch die damals angesagte Nierentisch-Ästhetik der 1950er Jahre, während sich die ab 1961 kunterbunte neue Farbgebung wie Seafoam Green, Fiesta Red oder Lake Placid Blue an den Autofarben der 50er und 60er Automobilindustrie orientierte. Die Stratocaster sollte vielseitiger und besser als die Telecaster sein und gleichzeitig mit den edlen Gibson-Gitarren mithalten können. Aus diesem Grunde standen bei der Entwicklung unter anderem die beiden Gitarristen Bill Carson und Rex Gallion sowie der Steelgitarrist Freddy Tavares und George Fullerton beratend zur Seite. Die Musiker forderten mehr Klangmöglichkeiten, und so entschied man sich hier wie bei der Gibson ES-5 für drei Pickups. Für weitere Ausdrucksmöglichkeiten musste außerdem noch ein Vibrato her, dessen Konstruktion alleine fast ein Jahr in Anspruch nahm. Die kombinierte Saitenhalter/Brückenkonstruktion war eine absolute Weltneuheit, mit der es erstmals möglich war, die Saiten bis zum völligen Erschlaffen zu bringen. Auch das angenehme Shaping und die Aussparungen für den Rippenbogen bzw. die "Bierbauchfräsung" war bis dato bei E-Gitarren völlig unbekannt. Da es 1954 noch keine Gitarrenständer gab, stellten die Gitarristen ihre Instrumente in Spielpausen oft einfach auf den Boden, wobei teilweise die Klinkenbuchse aus der Zarge gerissen wurde. Um das zu umgehen, hatte Leo Fender die Idee, die Klinkenbuchse in ein versenkt angebrachtes ovales Blech auf die Gitarrendecke zu montieren.

Die ersten Jahre

Auch wenn die Stratocaster mit ihren vielen Klangmöglichkeiten der Zeit weit voraus war und ihre Gesamtkonstruktion derart ausgereift war, dass sie im Grunde bis heute unverändert gebaut wird, musste sie sich ihren Platz in der Musikwelt zuerst einmal verdienen. Während heute Gitarristen aller musikalischen Genres schon einmal mit der Stratocaster aufgetreten sind, sah man in den Anfangsjahren vorwiegend Country- und Surfgitarristen und den viel zu früh verstorbenen Buddy Holly mit dem futuristischen Gitarrenmodell. Weltweite Beachtung erlangte die Stratocaster in den ersten Jahren durch Gitarristen wie Dick Dale und Hank Marvin. Der Shadows-Gitarrist spielte 1959 die erste Fender Stratocaster in Europa! Die fiestarote Gitarre mit der Seriennummer 36346 befindet sich heute übrigens im Besitz des zweiten Shadows-Gitarristen Bruce Welch. Durch seinen markanten Sound inspirierte Hank Marvin spätere Supergitarristen wie David Gilmour, Rory Gallagher, Mark Knopfler und Chris Rea dazu, die Stratocaster als Hauptinstrument zu verwenden. Der erste Stratocaster Boom währte jedoch nicht lange, und so fand die Musik der 1960er Jahre weitgehend ohne die Stratocaster statt. Damit war sie aber nicht alleine, denn auch die Les-Paul wurde zu dieser Zeit nur von wenigen Stars gespielt. Der zweite Boom, der im Grunde genommen bis heute anhält, wurde ab 1967 maßgeblich von Jimi Hendrix initiiert. Er revolutionierte mithilfe der Stratocaster den Sound der E-Gitarre und die Art und Weise, wie man sie spielt.

Konstruktion, Fertigung und Bauteile

Leo Fender ging es um eine möglichst effiziente Fertigung, die es auch ungelernten Arbeitern erlaubte, Gitarren wie am Fließband zusammenzuschrauben. Aus diesem Grunde ist die klassische Stratocaster genauso wie die Telecaster nach einem Baukastenprinzip aufgebaut. Positiver Nebeneffekt: Dank genormter Einzelkomponenten konnten Ersatzteile wie ein neuer Hals bequem per Post verschickt und vom Kunden auch ohne Gitarrenbaukenntnisse selbst ausgetauscht werden.
Die Konstruktion der klassische Stratocaster beruht auf einem simplen Prinzip: Auf einen Esche- oder Erlenkorpus wird ein 25,5" (648 mm) Ahornhals geschraubt. Der Hals ist in der Regel entweder mit einem Ahorn- bzw. seit 1958 auch mit einem Palisandergriffbrett ausgestattet und beherbergt 21 oder 22 Bünde. Ein Schlagbrett, auf dem sich die drei Pickups samt der kompletten Schaltung befinden, wird von oben aufgesetzt. Fehlt nur noch das Tremolo samt Federn und voilà, fertig ist die Stratocaster. Ausschlaggebend für einen "guten" Ton sind neben einer anständigen Verarbeitung besonders die Qualität der einzelnen Komponenten. Dazu gehören hochwertige und ausreichend getrocknete Klanghölzer, gutes Bundmaterial, hochwertige Mechaniken sowie ein Tremolosystem mit Stahlblock und Blechreitern, wie sie von Leo Fender in der Pre-CBS-Ära verbaut wurden. Die Gitarrenbauer aus dem Fender Customshop gehen heute aber noch einen Schritt weiter. Damit ihre Instrumente möglichst ausgewogenen klingen, werden die Resonanzeigenschaften von Hals und Korpus ermittelt und aufeinander abgestimmt. Zu diesem Thema gibt es ein interessantes Video vom Fender Custom Shop Manager Mike Eldred.

Tone Wood: Necks | Fender Custom Shop | Fender

Sound und Einsatzgebiet

Dank ihrer enormen Vielseitigkeit lässt sich die Stratocaster in allen Musikgenres einsetzen. Egal, ob Shadows-Twäng, Surf-Music, Rockabilly, Blues/Rock, Fusion oder Hardrock, die Stratocaster ist sich für nichts zu schade. Im Gegensatz zu Gitarren mit zwei Pickups bietet sie von Hause aus nicht nur drei, sondern fünf Sounds. Dazu kommt das revolutionäre Tremolo, das als Vorlage für spätere Systeme diente und Gitarristen auf aller Welt zu neuen Spielarten inspirierte. 

Wie hätten wohl Jimi Hendrix, Eddie Van Halen oder Griffbrett-Athleten wie Steve Vai und Joe Satriani ohne Tremolo geklungen? Das unkomplizierte Baukastensystem macht die Stratocaster zudem zur meist-modifizierten E-Gitarre der Welt und dient vielen Gitarrenbauern als Vorbild für ihre eigenen Modelle. Obwohl Leo Fender die Zwischenpositionen von Steg/Mitte und Mitte/Hals nicht mochte, sind gerade diese silbrigen Einstellungen unter Stratocaster-Usern derart beliebt, dass viele fast ausschließlich diese Sounds (z.B. Sultans of Swing von Mark Knopfler) verwenden. Aber kommen wir zu einigen Soundbeispielen, die ich mit einer archetypische 77er Stratocaster mit Kloppmann-Pickups eingespielt habe. Als Gitarrenamp kommt bei den cleanen Einstellungen ein Fender Hot Rod Deville zum Einsatz.

Die Strat eignet sich sehr gut für Mediumgain-Sounds, bei denen man den Verzerrungsgrad mit dem Anschlag steuern kann. Prädestiniert dafür ist der Vox AC 30. Aber auch mit weit aufgerissenen Fender-Combos wie dem Princeton, dem Deluxe Reverb oder einem Bassman kommt man hier zu exzellenten Ergebnissen. Ich habe mich für meinen alten und halb aufgerissenen Vox AC 30 aus Mitte der 70er Jahre entschieden.

Die Singlecoils erzeugen in Verbindung mit dem speziellen Twäng der 648-mm-Mensur auch mit hohen Verzerrungen einen ganz speziellen und markanten Ton, den man so mit keiner anderen Gitarre hinbekommt. Man denke nur an Richie Blackmore, Jeff Beck, Rory Gallagher oder Stevie Ray Vaughan. Um den Singlecoils auf die Sprünge zu helfen, haben viele der ersten Generation von Gitarrengötter neben weit aufgerissenen Marshallamps auch Fuzzpedale, Treblebooster oder, wie im Falle von Blackmore, ein Aiwa Model 1010 Tape Recorder als Vorverstärker benutzt. Um den Rahmen dieses Specials nicht zu sprengen, lasse ich diese Helferlein außen vor und beschränke mich auf Standard-Brot-und-Butter-Sounds. Für die High-Gain-Sounds kommt deshalb meine bewährte Kombination eines alten 100 Watt JMP Marshall mit dem Baldringer Dual Drive zum Einsatz. Die verwendete 4 x 12 Marshall Box habe ich mit einem SM57 und einem Neumann U87 abgenommen.

Fazit

Die Stratocaster ist seit 1954 auf dem Markt und gehört neben der Telecaster und der Gibson Les Paul zu den drei bekanntesten E-Gitarren aller Zeiten. Dank der drei Tonabnehmer und der einzigartigen Tremolokonstruktion ist sie den beiden anderen Evergreens in puncto Klangvielfalt weit überlegen. Kein Wunder also, dass die Stratocaster heute in jedem gut sortierten Gitarrenhaushalt zu finden ist. Egal, ob Rock'n'Roll, Funk, Hard Rock oder Metal: Mit einer Stratocaster kann man in allen Stilarten punkten. Aus diesem Grunde gibt es kaum einen Gitarrenhelden, der diesen Klassiker nicht schon einmal auf der Bühne und im Studio eingesetzt hat.

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