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26.08.2014

Die Hertiecaster Story: Die Geburt der Billig E-Gitarre

Wie die ersten Japan-Instrumente E-Gitarren erschwinglich machten

'Hertiecaster' ist der Name für die inzwischen legendär gewordenen  Kaufhausgitarren der 60er und 70er Jahre: Die ersten Budget-Gitarren für ganz kleines Geld aus Japan. Durch den allgemeinen Vintage-Wahn unserer Zunft tauchen sie unter verschiedenen Namen natürlich immer wieder auf dem Gebrauchtmarkt auf. Obwohl die Verkäufer das manchmal behaupten, hat das Gebotene mit der heutigen "Made in Japan" Qualität allerdings eher weniger zu tun. Trotzdem haben diese Instrumente ihren Reiz! Also Vorhang auf für einen exotischen Klassiker der etwas anderen Art – inklusive Anspielbericht und Audiobeispielen. 

Fast alle Jugendlichen waren damals von der Beatmusik infiziert, und viele wollten in einer der wie Pilze aus dem Boden schießenden Bands spielen. Wenn man nicht zufällig Kind wohlhabender Eltern war, gab es aber nicht allzu viele Möglichkeiten, an ein hochwertiges Instrument zu kommen: die ersehnten Originale aus den USA waren fast unerschwinglich teuer. Falls dann aber doch irgendwie der Weihnachtswunsch nach einer E-Gitarre erfüllt wurde, war es zumeist eine Kaufhausgitarre: Nur wenige Eltern glaubten an eine dauerhafte musische Neigung ihrer Sprösslinge und wollten nicht 300-500 DM für etwas riskieren, das womöglich schon nach Silvester ungenutzt in der Ecke vergammelte (immerhin betrug das durchschnittliche Monatskommen 1963 in Deutschland nur ca. 650 DM). Wenn dann der Mitschüler aus reichem Hause damit angab, dass er eine 'Stratocaster' bekommen hatte, lag der scherzhafte Name 'Hertiecaster' für die Billiggitarre aus dem Kaufhaus quasi fast in der Luft. Offiziell hat es diese Bezeichnung natürlich nie gegeben und sie fand den Weg in den allgemeinen Sprachgebrauch auch erst, als ihre Zeit längst vorbei war.

Es fing alles mit der 'British Invasion' an, allen voran die Beatlemania: Sie sorgte auf dem europäischen Gitarrenmarkt für einen unerwarteten Boom, den die vorhandenen Hersteller kaum befriedigen konnten. In England, dem Heimatland des Beat, waren die Preisbrecher im Billigsegment holländische Egmond-Gitarren oder Futurama-Gitarren aus dem heutigen Tschechien. Im Segment darüber lagen deutsche Höfner (dort Hofner) Gitarren und italienische Ekos, was die schmalen Geldbeutel der Musiker in Liverpools Arbeitervierteln aber oft schon überforderte. Als die Begeisterungswelle langsam über den Kanal auf das europäische Festland schwappte, zog auch hier die erhöhte Nachfrage den Gesetzen der Marktwirtschaft folgend eine langsame, aber stetige Verteuerung der Gitarren nach sich. Günstige E-Gitarren waren plötzlich gefragter denn je. Das obere Marktsegment beherrschten amerikanische Marken, die aber für die meisten Jugendlichen im Deutschland der 60er Jahre ohnehin unerschwinglich waren.

Auch in den Vereinigten Staaten war der Beat inzwischen angekommen und ließ die Nachfrage an erschwinglichen E-Gitarren drastisch ansteigen. In den USA hatte man bis zu diesem Boom keine nennenswerten Importe an Gitarren benötigt. Man bediente den Markt weitgehend selbst: Auch in den Versandhauskatalogen der frühen Sechziger kam noch alles aus heimischen Landen. Nun nutzten amerikanische Importeure wie Jack Westheimer ihre bereits bestehenden Handelsbeziehungen zu japanischen Instrumentenherstellern: Zuerst waren es nur Bongos, bald folgten aber auch erste günstige Gitarren. Die ersten Lieferungen waren noch nicht wirklich gut und verzogen sich in beheiztem Wohnklima bis zur Unbrauchbarkeit. Westheimer musste seine japanischen Herstellern erst überzeugen, Dinge wie einen Halsspannstab einzubauen. Nach diesen Erfahrungen ließ er auch alle Instrumente zunächst einem dreitägigen Klimatest unterziehen. Die Gitarren zielten bewusst auf die Einsteigerklasse, und dementsprechend einfach waren sie auch meist ausgestattet.

Die ersten Qualitätsmängel hatten sich schnell herumgesprochen und so bekamen japanische Waren das Billig-Image, das sie noch Jahrzehnte behalten sollten. Selbst als die Asiaten längst Waren anbieten konnten, die westlichen Produkten ebenbürtig waren. Deshalb ließen sich diese Gitarren nicht mit japanisch klingenden Namen vermarkten – es entstanden erste Handelsmarken, die möglichst ”wertig” und englisch klingen sollten – wie z.B. ‘Kingston‘. Welche Firma sie hergestellt hatte, ließ sich aber nicht zwangsläufig daran ablesen. Als diese japanischen Billiggitarren mit der Zeit bei gleichbleibend niedrigem Preis qualitativ aufholten, verdrängten sie die amerikanischen Produkte im unteren Preissegment weitestgehend vom Markt und beherrschten diesen bis Ende der 70er Jahre fast völlig.

Wie die Gitarren aus Japan ins deutsche Kaufhaus kamen

Die steigenden Nachfrage veranlasste auch europäische Importeure, nach neuen Lieferanten für den Niedrigpreismarkt bei E-Gitarren und Bässen zu suchen. Die deutschen Hersteller wollten zunächst ein gewisses Mindestniveau für ihre Instrumente nicht unterschreiten. Daher konnten sie nicht die Forderung erfüllen, eine halbwegs ordentlich ausgestattete E-Gitarre herzustellen, die sich im Laden im 100-DM-Bereich anbieten ließ. Das wäre bestenfalls bei sehr großen Stückzahlen möglich gewesen, aber für eine derartige Massenproduktion waren die Produktionsstätten nicht ausgelegt. 

Diese Situation war optimal für Japan, das bereits durch die zuvor mit den USA etablierten Handelsbeziehungen und den dort absetzbaren großen Stückzahlen optimale Voraussetzungen mitbrachte. Entsprechende Produktionstrassen waren bereits in Betrieb und man konnte aufgrund dortiger Niedriglöhne trotz hoher Transportkosten große Stückzahlen zu Dumpingpreisen anbieten. Die geforderten Stückzahlen waren auch die entscheidende Hürde, weshalb nur Kaufhausketten oder Versandhäuser in Frage kamen, denn Musikgeschäfte hatten damals kaum Lagerkapazität und deshalb immer nur sehr wenige Modelle des gleichen Typs im Verkauf. Deshalb bekam man diese japanischen Billiggitarren in Musikgeschäften erst zu sehen, als es auch in Europa erste Firmen gab, die den Import zentral für die Geschäfte abwickelten (die offizielle Begründung war anfangs natürlich, dass man 'so einen Schund' nicht guten Gewissens verkaufen könne). 

Das Indiz für die Herkunft: Made in Japan!

Kaufhausketten wie Hertie mit weit über 100 Filialen konnten das schon. Sie konnten sogar bestimmen, ob ein Name auf der Kopfplatte stehen sollte und wenn ja, welcher. Den Japanern war das völlig egal: Sie bauten in ihren 'Assembling Halls' nur die Hälse aus der einen Kiste an die Bodies aus der anderen Kiste – und der einzige Hinweis auf die Herkunft war später meistens nur das 'Made in Japan' auf der Halsplatte. So kam es auch, dass es identische Gitarren mit unterschiedlichen Namen gab – oder gleiche Modelle mit unterschiedlichen Kopfplatten oder Saitenhaltern.

Da das Design der ersten japanischen E-Gitarren noch überwiegend auf der Absicht basierte, die Optik westlicher Modelle möglichst ähnlich zu kopieren, orientierte man sich beim Entwurf des späteren Standardmodells an den Verkaufszahlen im europäischen Inlandsmarkt, wo Modelle wie die Höfner 173 oder die Framus Strato die oberen Ränge auf den Wunschlisten der Jugendlichen belegten, wenngleich die Wünsche auch oft Opfer der vergleichsweise hohen Preise wurden. Möglicherweise gab auch die Strato die entscheidende Anregung, die dazu führte, das Standardmodell in Abhängigkeit vom Preis mit einer unterschiedlichen Anzahl Tonabnehmer auszustatten – denn das gab es bei der Strato auch. Das legte den Schluss nahe, dass das wertvollste und wichtigste an der Gitarre wohl der Tonabnehmer sein musste. Deshalb spendierte man dem Flaggschiff gleich vier Pickups (das war ja sogar noch einer mehr als bei der Stratocaster oder Lennons Rickenbacker 325).

Anders als amerikanische Importeure hatten hiesige Kaufhäuser nicht das wirtschaftliche Ziel, Musikinstrumente als eigene Marken zu etablieren, weshalb es auf den ”echten” Hertiecastern meistens gar keinen Namen gab. Andere Abnehmer ließen entweder irgendwelche Phantasienamen aufdrucken oder klebten selbst Schilder auf, weshalb es bei der identisch aussehenden Gitarre Namensvarianten ohne Zahl gab.

Foto: Danke an Bernie49 für die Original-Einsatzbilder!

Oft waren die Hertiecaster eher schwer zu spielen, weil die Saitenlage häufig ebenso unbefriedigend war wie die Funktion des Tremolos oder der Klang. Da sie aber während der Beat-Ära über den unschlagbaren Preis den Weg in Hände Tausender Jugendlicher fanden, wurden sie ein Stück Musikgeschichte, an das sich heute noch manch einer gerne erinnert.

Dieser Artikel entstand übrigens aus einem Thread, den ich auf dem musiker-board.de gestartet hatte. Vielen Dank an die Community für Foto-Support – vor allem auch an bernie49, von dem die Livebilder aus der damaligen Zeit stammen!

Auf den folgenden Seiten gibt es Details und einen Spielbericht zu diesen Budget-Exoten...

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