Hersteller_BlueMicrophones
Test
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12.03.2012

Praxis

Ein optischer und akustischer Leckerbissen

Ich erwähnte ja bereits, dass es schon ein besonderer Moment ist, wenn man den Blue-Koffer das erste Mal öffnet. Ebenfalls keine alltägliche Situation war es für unsere drei Sangeskünstler Bahar, Alice und Goldie, als sie im Aufnahmeraum auf die Bottle trafen. Bei einem solchen Mikrofon-Monster schreckt man im ersten Augenblick zurück, freut sich dann aber sofort darauf, endlich loslegen zu können.

Optik ist natürlich immer reine Geschmackssache, für Bahar war es zumindest das „wunderschönste Mikrofon, das sie jemals gesehen hat“ – und die Gute wird ja schon mit dem ein oder anderen Mikrofon in so manchem Studio in Kontakt gekommen sein. Mal wieder ein Indiz dafür, dass die Bottle eben nicht in jedem zweiten Studio zu finden ist... Ich nehme mal etwas vorweg: „leider“! Die Spannung war also bei allen Beteiligten entsprechend groß, und auch wenn ich die Bottle schon kannte, so entscheidet sich der letztendliche Soundeindruck immer erst mit der jeweiligen Schallquelle. Ich kann es gar nicht oft genug sagen: Mikrofon und Schallquelle (in unserem Fall also Vocals) müssen miteinander harmonieren, das kann man nie verallgemeinern. Mikrofon A kann mit Sänger A super funktionieren, bei Sänger B kann sich das schon ganz anders darstellen. Mikrofone sollte man also vor dem Kauf immer ausprobieren. Jetzt aber genug der Vorrede. Warmsingen, Einpegeln, Spur scharfschalten, aufnehmen und hören!

Das Erscheinungsbild spiegelt sich im Sound wider

„Wow, was für ein Pfund!“, kam es ungefiltert aus meinem Mund, als die ersten Töne über die Bottle aus der Abhöre im Regieraum kamen – und ich stand nicht alleine mit meiner Meinung da. Der Sound, den dieses Mikrofon überträgt, ist wirklich groß und mächtig – hier passt das Äußere zu dem, was an den Ohren ankommt, und zwar bei all unseren Vocaleros. Mein Kollege Nick nannte den Klang sogar „großspurig“, was aber keinesfalls negativ gemeint war. Wer eher eine neutrale Schallwandlung bevorzugt, der ist bei der Bottle definitiv falsch, wer aber einen edlen Vintage-Sound mit dem High-End-Flair vergangener Tage sucht, dem wird hier das Herz aufgehen. Die Höhen haben eine wahnsinnige Präsenz, es sind aber keine „Kristall-Höhen“, die auch schnell mal over-the-top (also wie “aufgesetzt”) wirken und dem Gesamtsound eine gewisse Kühle einhauchen können, sondern vielmehr kann man die Höhen als warm und samtig bezeichnen. Manchmal muss man hier ein wenig aufpassen, wenn die Schallquelle schon sehr viel im Höhenspektrum liefert. In unserem Fall ist uns das bei Bahar aufgefallen, die im Höhenbereich schon einiges zu bieten hat – hier sollte man dann besser zu einem Mikrofonabstand von ca. 30 cm greifen, damit es nicht zu Überpräsenzen kommt -und sonst gibt es ja noch EQs, mit denen man vorsichtig etwas zurücknehmen kann. Plosivlaute wie „S“, „P“ und „T“ sollten auch unter „Bewachung“ gestellt werden, da die Kapsel hier nicht alles glattbügelt, sondern schon sehr ehrlich mit diesen Lauten umgeht. 

Voluminöser Klangcharakter und großartiges Dynamikverhalten

Gehen wir gleich mal zum anderen Ende des Übertragungsbereichs, den Bässen und tiefen Mitten. Es ist schlichtweg der Wahnsinn, wie viel Fundament und Volumen die Bottle hier vermittelt. Dadurch wird auch der Gesamtcharakter des Klangs geprägt und erhält diese Größe und dieses Volumen, wobei es aber immer präzise und niemals schwammig ist. In den Mitten geht das Mikrofon ebenfalls sehr genau und wesentlich neutraler zu Werke als in den Höhen und Bässen. Die Auflösung ist sehr fein und man kann sehr nuanciert arbeiten.

Ein weiteres Highlight ist das Dynamikverhalten – es findet definitiv eine Kompression statt, das erwartet man von einem Röhrenmikro ja auch, aber diese Kompression ist eben so schnell und gut dosiert, dass nie zu stark verdichtet wirkt. Achtet mal bei dem Vocal-File von Bahar auf die Textpassage „stars when you shine“ – hier geht pegelmäßig schon einiges ab und Bahar legt diese schöne Portion „Dreck“ in ihre Stimme. Genau an dieser Stelle könnt ihr das Kompressionsverhalten der Bottle gut ausmachen, der Sound kommt entscheidend nach vorne, ohne dabei aber künstlich zu wirken. Einfach grandios. Bei geringen Pegeln könnt ihr euch aber auch einen sehr guten Eindruck davon verschaffen, wie groß der Dynamikumfang des Blue ist – achtet mal auf die Einatmer und andere „Whisper-Sounds“ – da wird Atmen zu Musik. Selbstverständlich ist ebenso wie die Optik auch der Sound eines Mikrofons immer Geschmackssache, von daher kann ich hier nur ganz subjektiv sagen, dass mir dieses Mikrofon extrem gut gefällt. Doch ganz so alleine stand ich mit meiner Meinung bei unserem Test nicht, wir waren nämlich alle von der blauen Flasche begeistert.

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