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10.04.2017

Bericht vom 19. Vintage Drum Meeting 2017 in Walldorf

Big Time!

Eine neue, größere Halle, mehr Platz und somit mehr Aussteller und Besucher. Schon die Statistik zur 19. Ausgabe des Vintage Drum Meetings klang erfolgversprechend. Wie es genau in Walldorf-Mörfelden lief, lest ihr im folgenden. 

Knapp 60 Aussteller aus sieben Ländern hatten sich zum diesjährigen Vintage Drum Meeting eingefunden, einen Großteil machten Stände mit Trommeln, Becken, Hardware und Ersatzteilen aus älterer und vorzeitlicher Produktion aus. Das Gretsch Roundbadge Set, das fehlende Maserbirke Tom zum Sonor Lite oder Vintage K Zildjian und Paiste 602 Becken: Hier wurde wirklich alles geboten, was das Herz eines Vintage Drum Freaks höher schlagen lässt. Unter dem Motto „50 Jahre nach Summer of Love“ gab es zudem eine beachtliche Auswahl an teilweise raren Snaredrums und Drumsets von Sonor, Ludwig und anderen geschichtsträchtigen Marken zu sehen, die die Organisatoren extra für die Veranstaltung bei den Ausstellern und Freunden des Vintage Drum Meetings zusammengesucht hatten.

Der Trend, das Vintage Drum Meeting auch für Custom-Drumbauer zu öffnen, war in diesem Jahr deutlicher als zuvor sichtbar. Etablierte Szenegrößen wie Masshoff Drums, ST Drums und Cube Drums waren mit eigenen Ständen vertreten, ebenso konnte man sich am Stand von Blei Custom Drums Snares und Sets aus Mannheim und bei Drumkenstein Upcycling-Metallsnares und Accessoires anschauen. Beim Drumchecker gab es Bassdrum-Felle mit mehr Bumms zu erstehen, und „Mr. Muffkopf“ Thorsten Reeß stellte seine neuste Errungenschaft, den Muffstick, vor. Mit ihm ist es möglich, den Toms Surdo-mäßige Klänge zu entlocken. Am Stand von Massimo Savi von Essebi Drum aus Italien gab es fein klingende und sehr geschmackvoll aussehende Stave Drums zu sehen.

Am Stand von Herzblut Instruments wurden Snares und Beater angeboten, Chefbauer Gernot Wegele war aber vor allem damit beschäftigt, alte Camco Fußmaschinen wieder fit zu machen - dieses war ein Teil des diesjährig angebotenen Workshop-Programms und stieß auf große Resonanz. Klaus Ruple machte an seinem Stand mit uralten Sonor Drums auch Werbung für sein bald erscheinendes Buch, darin wird es um die Anfänge der Firma Sonor gehen. Wir werden hier auf bonedo darüber berichten. Auf der Bühne gab es nach einem Workshop über Trommeldesign auch Live-Musik, das Stephan Schneider Trio spielte Swing und Groove-Jazz. Die vielen Drummer, die während der Performance damit beschäftigt waren, Becken anzutesten, wurden nach dem zweiten Stück vom Bandleader aufgefordert, „doch einfach im Takt der Musik“ mitzuspielen. In der großen Halle ging es fast durchgängig mit einem ordentlichen Geräuschpegel zur Sache, die angereisten Drummer wollten verständlicherweise fleißig Instrumente ausprobieren, was zuweilen etwas mit der Verständlichkeit des Bühnenprogramms kollidierte.

Ein weiteres großes Thema des Tages war die Behandlung von Schlagzeugbecken, neben Bernhard Wasmund und Marius Buck von Buckblech, der seine eigenen Kreationen zeigte, sorgte vor allem Frank Gegerle (Interview weiter unten im Beitrag) mit seinen speziell designten Agop 30th Becken für viel Aufsehen. Auf der Bühne gab es dann einen von VDM-Organisator Martin Schneider moderierten Shoot-Out zwischen den Jazzdrummern Drori Mondlak und Stephan Schneider, die dem Publikum ein Drumset bestückt mit alten K Zildjian Becken und eins mit Gegerle-Agops zum Hörvergleich vorspielten. Insgesamt hätte für meinen Geschmack das Thema Beckensound und Klangmodifikationen noch ausführlicher beleuchtet werden können, vielleicht gibt es ja in Zukunft die Möglichkeit, Workshop-Inhalte für interessierte Besucher getrennt vom Hintergrundpegel der Stände darzubieten? Mit einer Tombola von gestifteten Lospreisen beendete Organisator Martin Schneider eine ansonsten sehr gelungene Veranstaltung, die auch im größeren Rahmen super funktioniert hat. Auch das leckere und bezahlbare Catering soll nicht unerwähnt bleiben. Wir können uns also auf viele weitere, mit viel Persönlichkeit und Enthusiasmus organisierte Treffen freuen.

INTERVIEW

Mit Frank Gegerle, der auf dem VDM seine Becken vorgestellt hat, konnte ich noch ein kleines Interview führen.

Hallo Frank, erzähl doch mal, wie es zur Entwicklung der „Gegerle Becken“ kam?

Das hat 2015 angefangen. Kurz zu meiner Person, ich arbeite im Musikladen Hieber-Lindberg in München, und wir haben seit Jahren hochwertige türkische Becken wie Bosphorus, Istanbul Agop, aber auch Zildjian im Programm. Eines Abends war ich auf einer Jam Session eingeladen, durfte da einsteigen und hab auf einem fantastischen alten Zildjian Ride gespielt. Mit dieser Klangvorstellung im Kopf ging ich am nächsten Tag in den Laden und hab versucht, ein Becken zu finden, was dem Feel dieses Beckens vom Abend zuvor gleichkommt. Ich habe nur ein Agop 30th Anniversary gefunden, bei dem ich gemerkt hab, dass es zumindest Ansätze von diesem Gefühl hatte. Ich hatte diese Tieftemperatur-Behandlung schon seit Jahren im Hinterkopf und hab mir gesagt, okay, jetzt will ich’s wissen, und hab meinen Freund angerufen. Wir haben das Becken in den Froster getan, es kam heraus und klang verblüffend. Ich bin dann 2015 auf der Musikmesse mit dem Becken alle Stände durchgegangen, um zu sehen, ob ich ein besseres Becken finde, aber dem war nicht so.

Wie und wo entstehen die Becken?

Ich habe meinen Freund Arman Tomurcuk von Istanbul Agop gefragt, ob er mit mir das Projekt durchziehen will, und er war sofort begeistert. Im September 2015 kamen die ersten 25 „Gegerle Mark I“ Becken. Das sind Custom-Becken auf Basis der 30th Anniversary Serie. Ich fliege dazu in die Türkei, wo die Becken auf meine Anforderungen hin gebaut werden, dann fliege ich ein weiteres Mal hin und selektiere die Becken vor. Nur die allerbesten kommen zur Weiterverarbeitung nach Deutschland, der Rest wird eingeschmolzen. Dann folgt in Deutschland die Cryo-Behandlung und die Gravur der Logos. Nach der ersten Fuhre, die eingeschlagen hat, wie eine Bombe, bekam ich Rückmeldungen und Wünsche von Schlagzeugern, die Becken in bestimmte Richtungen zu lenken. Daraufhin kam 2016 die Mark II Edition, limitiert auf 77 Stück, mit der Hi-Hat und Paperthin 20“ und 22“ Becken. Darauf ist Jochen Rückert angesprungen, dem habe ich dann eine 24“ Version eines Paperthin gebaut, woraus unter anderem die aktuelle Mark III Auflage mit 41 Modellen entstanden ist. Nebenbei habe ich auch orchestrale Becken für klassische Orchester gemacht, zum Beispiel für die Vancouver Symphony.

Erklär doch mal, wie die Cryo-Behandlung abläuft?

Die Becken kommen im Prinzip für 15 Stunden in einen Kühlschrank, meine Jungs arbeiten unter anderem auch für das Rennsport-Business, wo es darum geht, neuen Stahl bei Getrieben, Motoren und Ventilen zu relaxen, haltbarer zu machen. Ich habe mir ein Spezialwerkzeug gebaut, um die Becken in einem bestimmten Winkel reinzuhängen, die Becken stehen also nicht bei der Behandlung nicht aufrecht. Wir haben experimentiert, mit welcher Zeitlänge, mit welcher Temperatur und Kurve wir arbeiten. Das vorselektierte Becken, was ja durch die Hammerschläge kaltverformt ist, hat viel Potential, ich kann das mittlerweile auch oft schon hören, aber es fühlt sich oft noch nicht gut an. Nach der Behandlung entspannt sich das Material und entfaltet jetzt seinen vollen Klang. Es wird smoother in den Höhen, schwingt kürzer aus, hat aber mehr Präsenz und Druck und untenrum mehr Tiefe, was sich auch positiv im Gesamtsound der Band und für den Zuhörer bemerkbar macht. Aber das Potential muss eingebaut sein, wenn das Becken kein Potential hat, kommt da auch nichts raus.

Das heißt, ein 2002 bekommst du nicht…

… als K da wieder raus. Nein, auf keinen Fall. Es fängt an mit der richtigen DNA. Ich habe Versuche mit anderen Bronzen gemacht, das hat bei guten türkischen Becken auch zu einer Verbesserung geführt, aber die einzige DNA, die zu meinem gewünschten Klangideal führt, was dem Kerope-Zildjian Prozess ähnlich ist, kann ich nur bei Istanbul Agop bekommen. Die fertigen normalerweise keine OEM-Becken, ich habe also das Glück, durch meine „Familienangehörigkeit“ überhaupt mit dieser Bronze arbeiten zu können. 

In welcher Preiskategorie sind deine Becken angesiedelt?

Die aktuelle Linie kostet 999,- für 14“ Hi-Hat, 22“ und 24“ Ride, das 20er Ride kostet 850 Euro. Dann kann ich noch die Oberfläche härten und nochmal handpolieren, das sind zwei Tage „Drecksarbeit“, das kostet dann nochmal 150 Euro extra. Das ist quasi das Jochen Rückert Cymbal. Aktuell habe ich Prototypen, die ich nach einem Old Stamp K Istanbul gemacht habe, die planen wir mit Agop zusammen für nächstes Jahr international als limited Edition zu veröffentlichen. 

Viel Erfolg weiterhin!

Schon mal vormerken: Das 20. Vintage Drum Meeting findet am 14. April 2018 im Bürgerhaus Mörfelden-Walldorf statt. Also wieder eine neue Location, aber ebenfalls eine große Halle.

Adresse: Westendstr. 60, 64546 Mörfelden-Walldorf 

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