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Test
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22.04.2021

Behringer 2600 Test

Analoger Desktop/Rack-Synthesizer

Semi-modulare Legende für alle!

Es lässt sich sicherlich trefflich darüber streiten, ob der Legenden-Status manch alter analoger Synthesizer gerechtfertigt ist oder nicht. Nicht so beim ARP 2600. Hier sollten die Meinungen darüber eigentlich nicht auseinandergehen. Der 2600er ist ohne Zweifel ein Instrument, dass man zu den Synthesizer-Meilensteinen zählen kann - und nicht nur, weil damit die „Stimme“ von R2-D2 geformt wurde.

Lange Jahre musste man sich mit Software-Emulationen wie der von Arturia in der V-Collection zufriedengeben, denn auf dem Gebrauchtmarkt war in Form von Hardware kaum was zu holen. Dann kam der ARP 2600 FS von Korg auf den Markt, allerdings in einer streng limitierten Auflage und zu einem Preis von 3.990 Euro, der viele Musiker finanziell sicherlich überforderte. Insofern elektrisierte Behringer mit der Nachricht, dass man einen Klon zu einem günstigen Preis anbieten wolle. Und so kam im letzten Quartal 2020 der Behringer 2600 auf den Markt, zu einem Preis, der aufhören ließ: Knapp 600 Euro - der 2600 für Jedermann.

Details

Auspacken des Synthesizers

Hat man den typischen Behringer-Karton in der Hand, erinnert die Form schon eher an einen Mixer als an einen semi-modularen Synthesizer. Das resultiert wohl daraus, dass man sich bauartseitig für ein 19-Zoll-Chassis mit 8 HE entschieden hat. Auch ist die Behringer-Version mit knapp über 5 kg erstaunlich leicht. Will man den Synth nicht in ein Rack schrauben, so lässt er sich als Desktop-Variante mit seinem leicht abgeschrägten Chassis auf dem Studiotisch platzieren.

Die Fakten

Der Behringer 2600 ist ein semi-modularer Synthesizer mit drei VCOs, einem Noise Generator, einem LFO, einem 24 dB-Filter (umschaltbar zwischen zwei Versionen), einem ADSR-Hüllkurvengenerator, einem AR-Hüllkurvengenerator, einer digitalen Federhall-Emulation (echter Federhall beim Korg Arp 2600 FS), Stereo-Ausgängen, Portamento, einem Vorverstärker mit Envelope Follower für externe und interne Signale, einem Ring-Modulator, Sample&Hold, einem Voltage Processor und einer Vielzahl von Patchpunkten. Das ist schon mal eine Ansage und entspricht in etwa der Funktionalität des Originals.

Die Unterschiede zwischen originalem ARP 2600 und dem ARP 2600 FS von Korg

Während sich Korg entschied, den Look des alten Systems so genau wie möglich nachzuempfinden, ging Behringer diesmal einen komplett anderen Weg. Man verzichtete auf das Holzchassis mit Kunstlederüberzug auf das eigentlich zum ARP-System gehörende Keyboard 3620, beförderte den im Original im Keyboard befindlichen LFO nach oben, ließ den Arpeggiator weg (ebenfalls im 3620), packte alles in ein 19-Zoll-Chassis mit Metallwanne, ersetzte den Federhall durch einen Digital-Hall, verbaute keine internen Lautsprecher, versah die Fader mit LEDs (vgl. Behringer Odyssey) und ordnete dabei die einzelnen Sektionen ein wenig um. Letzteres wohl, weil ein 19 Zoll-System ein anderes Format impliziert als das alte ARP-Chassis. Und trotzdem gelang es, den Eindruck, einen ARP 2600 vor sich zu haben, aufrecht zu erhalten. Wer da irgendwo Einschränkungen sieht, der rufe sich nochmals den Preis von rund 600 Euro ins Gedächtnis.

Die Benutzeroberfläche

Sämtliche Parameter werden per Schieberegler gesteuert. Dazu kommen ein paar Schiebeschalter, die zwischen bestimmten Funktionen wählen lassen. Wie beim Behringer Odyssey sind die Fader mit unterschiedlich farbigen LEDs beleuchtet, welche zusammenhängende Parameter besser kenntlich machen sollen. Auf der Rückseite befindet sich ein Dimmer, mit dem sich bei Bedarf auch alle LEDs ausschalten lassen. Dreht man die Lightshow voll auf, erinnert das Ganze an den Coca-Cola-Weihnachts-Truck. Dem einen wirds gefallen, dem anderen nicht. Letztere können das Licht ja nach Belieben löschen.

Wie gesagt, die Anordnung der verschiedenen Funktionsbereiche wurde gegenüber dem Original leicht verändert, was aber nicht zu Lasten der Übersichtlichkeit geht. Trotz der Funktionsvielfalt hat man die grundsätzliche Bedienung wohl schnell im Griff. Bei der Semi-Modularität gilt es ein Prinzip zu beachten. Dazu schauen wir uns den Bereich von VCO 2 an. 

Unterhalb der Schieberegler sehen wir jeweils einen Eingang. Darunter können wir im orangefarbenen Kasten erkennen, welche Funktion vorverdrahtet damit verbunden ist: KYBCD CV, S/H out, ADSR, VCO1 und Noise Generator. Die ersten vier „Modulatoren“ wirken auf die Frequenz von VCO2, der letzte routet auf die Pulsbreitenmodulation. Die darüber liegenden Schieberegler regeln dabei jeweils die Intensität der Modulation. Diese Zuordnung wird aufgehoben, sobald wir die dazugehörige Buchse anders patchen. Legen wir eine Verbindung vom LFO zum VCO2 und nutzen dafür die ADSR-Buchse, ist die ADSR-Modulation außer Kraft und der LFO hat das Sagen.  Soll die Modulation per MOD Wheel eines angeschlossenen Keyboards geregelt werden, ist dies mittels eines kleinen Umwegs über den Ring Modulator (!) machbar. Dazu mehr im Praxisteil. Sind es in der VCO-Sektion Steuerspannungen, so liegen beim VCF auch Audiosignale der drei VCOs und vom Noise-Generator an. Insofern arbeitet der VCF-Eingangsbereich als Mixer, da hier die Lautstärke der Oszillatoren bestimmt wird. 

Womit wird der Behringer 2600 angesteuert?

Für die Ansteuerung verwendet man ein MIDI-Keyboard, ein Controller-Keyboard mit CV/Gate-Ausstattung (z. B. von Arturia), einen MIDI- bzw. analogen Sequenzer oder nutzt interne Trigger z. B. vom S&H als Auslöser. Alternativ löst man die Hüllkurve mit der kleinen roten Taste „Manual“ aus. Über ein MIDI-Keyboard lässt sich der Behringer 2600 bis zu zweistimmig spielen. Dazu patcht man Upper Voice mit KYBD CV eines der Oszillatoren und geht im Voice Mode auf Duo. Hat man ein Steuerteil mit mehreren CV-Outs, klappt das obendrein mit einem Sequenzer o. ä. - und selbst dreistimmig -, aber immer nur über ein Filter und einen VCA (Stichwort „paraphon“). Hierzu noch ein Hinweis: Nutzt man das Gate-Signal z. B. aus dem Arturia Keystep, verwendet man die Buchse „S&H In“. Darüber werden die ADSR- und AR-Engine gleichzeitig ausgelöst. Will man beide Hüllkurven separat steuern, wählt man die Gate-Eingänge jeweils in den beiden Hüllkurvenbereichen.

Die Oszillatoren

Drei analoge VCOs stehen zur Verfügung, die sich allesamt in den LF-Modus schalten lassen. VCO 1 vermag einen Sägezahn und eine Pulswelle mit einstellbarer Pulsbreite zu erzeugen, wobei letztere nicht modulierbar ist. VCO 2 hat neben Puls und Sägezahn noch Dreieck und Sinus im Angebot, wobei sich hier die Pulswelle sowohl einstellen als auch modulieren lässt. Gleiches gilt für VCO 3. Dies ist gegenüber dem Arp 2600 FS von Korg eine Erweiterung, da dort bei VCO 3 wie VCO 1 nur zwei Schwingungen zur Verfügung stehen. Für alle drei Oszillatoren gilt, dass in der Basis jeweils eine Schwingung mit dem Filter verbunden ist, alles andere muss man patchen. Einen Fußlagenschalter sucht man vergebens. Die Tonhöhe jedes VCOs wird in einer weiten Spanne von 10 Hz - 10 kHz mit einem Schieberegler festgelegt. 

Die Feinabstimmung besorgt ein zweiter Schieberegler. Einen VCO mal schnell eine Oktave tiefer zu stimmen, ist eben nicht ganz so einfach. Ein Stimmgerät sollte man stets griffbereit haben. Dafür sind die Oszillatoren außerordentlich stimmstabil. VCO 2 und VCO 3 lassen sich individuell zu VCO 1 „hard syncen“ und natürlich sind selbst Frequenzmodulationen und S&H-Modulationen für jeden Oszillator separat möglich. 

Die Filter

Wie im Original wurde ein 24 dB-Filter mit Cutoff und Resonance mit Eigenschwingung verbaut. Dieses lässt sich wie die VCOs über zwei Schieberegler (grob und fein) „stimmen“, was gleichbedeutend mit der Cutoff Frequency ist. Der ARP 2600 nutzte im Laufe der Zeit zwei verschiedene Filtervarianten: Der 4012 hatte mit rund 16 kHz eine höhere Range im Cutoff, der 4072 machte schon so bei 11 kHz Schluss. Der Grund für die Umstellung waren Copyright-Probleme mit dem Moog-Ladder-Filter. Beim vorliegenden Synth löste man das elegant, denn es lässt sich zwischen beiden Filter-Versionen umschalten. Diese Umschaltung wird stets von einem deutlich hörbaren Knacks „begleitet“, was beim ARP 2600 FS von Korg nicht passiert. Da man mitten im Spiel wohl eher selten zwischen den Filtervarianten wechselt, fällt das nicht so sehr ins Gewicht und ein wirklicher Unterschied zwischen den beiden Varianten ist kaum wahrnehmbar. Am ehesten noch, wenn man die Resonance erhöht. Neben den Audioeingängen stehen drei Modulationseingänge bereit, die ohne Patchkabel der Tastatur (Keyboard Track), der ADSR-Hüllkurve und dem VCO 1 für eine Filtermodulation vorbehalten sind - natürlich alles überschreibbar.

Die Hüllkurven

Wir zählen eine ADSR-Hüllkurve und eine AR-Hüllkurve, die sehr variabel den einzelnen Sektionen zuzuordnen sind. Hervorzuheben ist, dass beide Hüllkurven separat skalierbar sind. Die Range geht von 0,5 über 1 bis 2. Damit lässt sich der Einstellbereich von AD und R vorwählen und damit sehr nuanciert bestimmen. Für perkussive Klänge wählt man natürlich die 0,5-Variante, die sehr kurze Hüllkurven-Zeiten erzeugt. Ein sehr nützliches Feature, das der ARP 2600 FS von Korg nicht vorzuweisen hat. Übrigens könnte man die LAG-Funktion aus dem Voltage Processor als dritte, einfache AR-Hüllkurve versenden, wobei A und R den gleichen Wert haben.

LFO

Beim Behringer 2600 wurde die LFO-Einheit, die beim Original im Keyboard 3620 platziert war, in den eigentlichen Synthesizerbereich verlegt. Für Vibrati stehen ein Sägezahn, ein Rechteck und eine verzögerte Sinusschwingung bereit. Selbst ein externes Vibratosignal ist möglich - ganz wichtig, wie wir später noch sehen werden. Regelbar per Schieberegler sind Geschwindigkeit, Intensität und Delay. Bei letzter Funktion setzt das Vibrato erst nach einer einstellbaren Zeit ein. Leider lässt sich das Vibrato über MIDI nicht per MOD Wheel steuern, wohl aber per CV.

Weitere Module

Der Behringer 2600 ist mit weiteren Modulen bestückt, die alle „vorverdrahtet“ sind, aber beliebig geroutet werden können. So z. B. ein Ring Modulator, ein Vorverstärker mit Envelope Follower, ein CV-Prozessor, Portamento und eine Sample&Hold-Unit. Was man damit macht, beleuchten wir im Praxisteil näher. Auf eine analoge Hallspirale wurde verzichtet, stattdessen wurde dieser Effekt digital emuliert (im Vergleich dazu verfügen die Sondermodelle Blue Marvin und Grey Meanie über die archaische „echte“ Hallspirale). Regelbar ist nur die Intensität für beide Ausgänge separat. Der analoge Signalweg wird beim „normalen“ 2600er nicht verlassen, der Digitaleffekt wird dazu gemischt.

Die Anschlüsse zur Außenwelt

Auf der Rückseite, leicht nach innen versetzt liegen die MIDI-Anschlüsse, MIDI-USB sowie Anschlüsse für Fußpedale: Portamento Switch und Intervall-Latch beim Duo-Modus. Die beiden Audio-Outs, die als 6,3 mm Klinke ausgelegt sind, liegen auf der Frontseite. Damit lässt sich ein Signal im Panorama von links nach rechts bewegen. Beide Kanäle verfügen zusätzlich über einen Eingang (Miniklinke), den man mit internen als auch externen Signale beschicken kann, z. B. von einem Drumcomputer und Euroracksystemen.

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