Software Hersteller_Arturia
Test
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02.01.2020

Arturia Pigments 2 Test

Software-Synthesizer

Sample-Engine, Granular-Effekt und MPE

Arturia Pigments ist kaum 12 Monate alt und schon spendiert der Hersteller das Upgrade auf Version 2 mit vielen Neuheiten und Verbesserungen. Neue Sample-Engine, neue Effekte und Filter, mehr Presets und Verbesserungen wie MPE-Unterstützung, ein erweiterter Sequencer und eine Undo-Funktion zeigen, dass Arturia am Puls der Zeit ist.

In unserem Test waren wir in der ersten Version von Pigments vor allem vom Workflow und der intuitiven Oberfläche beeindruckt. So sichtbar, so nachvollziehbar ist Modulation in einem Synthesizer selten vorher dargestellt worden. Und gerade die ist beim Einstieg in die Synthesizer-Welt oft der erste Stolperstein. Cutoff modulieren, womit? Hüllkurve drei bewegt jetzt noch mal welchen Regler? Arturia nahm sich diese Schwierigkeiten zu Herzen und stellte in Pigments alles so übersichtlich und deutlich dar, dass es ein Leichtes ist, alles zu modulieren.

Details und Praxis

An der Oberfläche und dem Workflow wurde nichts geändert, auf den ersten Blick sieht Pigments 2 aus wie der Vorgänger. Am ehesten fällt das leicht veränderte Layout der Modulatoren in der Mitte auf. Ansonsten gibt es aber viele neue Funktionen und Zusätze:

  • 283 neue Presets. Praktischerweise im Preset-Browser als eigene Kategorie anwählbar, hat Arturia vor allem Sounds mit an Bord, die die neue Sample-Engine featuren. Damit gibt es nun runde 1000 Presets.
  • Eine Sample-Engine. Audiosamples können jetzt geladen und abgespielt werden, entweder aus den über 200 mitgelieferten oder vom eigenen Sample-Pool per Drag-and-drop. Bis zu sechs Samples können gelayert und diese dann auf sechs Arten abgespielt werden:

    • Single. Spielt nur das gerade ausgewählte Sample ab. 
    • Sample Pick. Die bis zu sechs Samples werden als Auswahl auf einen Modulationsknopf gelegt, dieser kann beispielsweise per LFO moduliert werden. 
    • Key Map. Die sechs Samples werden auf sechs Oktaven verteilt. Besonders nützlich für den Live-Einsatz, falls man mehrere Sounds in einem Pigments-Preset speichern und spielen möchte. 
    • Round Robin. Die sechs Samples werden nacheinander mit jedem neuen Tastendruck abgespielt. 
    • Key/Velo Map. Die sechs Samples werden nur über drei Oktaven, dafür aber auch über zwei Velocity-Bereiche verteilt. Beispiel: Ihr habt sechs Orgelsamples in unterschiedlicher Lautstärke aufgenommen, C1, C2 und C3 in laut und in leise. Diese verteilt ihr dann in diesem Modus auf die drei Oktaven und platziert die leisen in den unteren Velocity-Bereichen der jeweiligen Oktave. Das sorgt für realistischere Klänge.  
    • Random. Aus den sechs Samples wird zufällig eins abgespielt.

  • Eine Granular-Engine kann die geladenen Audiosamples mit verschiedenen Granular-Effekten verändern. Wie man es aus anderen Granular-Synthesizern kennt, lassen sich Parameter wie Länge, Richtung, Hüllkurve und Tonhöhe der Grains verändern und modulieren, samt Zufälligkeitsreglern, die ordentlich aufgedreht für das typische Glitzern und Flirren sorgen. 
  • Low Pass Gate Filter. Ein neuer Filter aus dem Buchla Easel V aus der V Collection ist dazu gekommen.
  • Tape Echo. Ein typisch analog klingendes Delay.
  • MPE. Auch Arturia springt auf den MIDI-Polyphonic-Expression-Zug auf. Mit Controllern von denen von Roli, dem Linninstrument und anderen lassen sich jetzt mehrere Parameter gleichzeitig per Tastendruck, -slide, -bend und Aftertouch spielen. Die meisten DAWs beherrschen dieses Protokoll auch, Ableton Live leider gar nicht, FL Studio wohl nur rudimentär.

Eine beachtliche Liste an neuen Features, mit denen Arturia zeigt, dass man es nicht nur ernst meinte mit der ersten Version, sondern auch weiterhin auf konsequente Weiterentwicklung Wert legt. Auch an Bestehendem wurde geschraubt. So hat man den Sequencer gehörig aufgebohrt. Jeder der sechs Parameter kann nun nicht nur eine eigene Länge, sondern auch eine eigene Geschwindigkeit bekommen. So kann die „Pitch“-Spur zum Beispiel in normalen Sechzehnteln spielen, die „Oktave“-Spur gleichzeitig im 5/8-Takt laufen und dazu werden Slides im 7/16-Takt erzeugt. Noch mehr polyrhythmischer Wahnsinn.

Dazu hat man die Optik eben dieses Sequencers etwas aufgefrischt, auch der „Modulationsgürtel“ in der Mitte ist farblich etwas mehr auf das umgebende Schema angepasst worden. Eine Funktion ist jetzt dabei, die bitteschön in allen Plugins ab sofort eingeführt wird: Undo. Nie mehr versehentlich ein anderes Preset laden und stundenlange Arbeit verlieren, nie mehr versehentlich einen Regler drehen und einen Sound verlieren. Alles kann rückgängig gemacht werden im Plugin (sogar über die übliche STRG-/CMD+Z Tastenkombination!). 

Wie klingt Pigments 2?

Bei den vielen neuen Presets wird vor allem die neue Granular- und Sample-Engine in Szene gesetzt. Viele Sounds schweben, glitzern und mäandern nur so vor sich hin. Wie so oft bei den heutigen Granular-Synthesizern (siehe CatStretch3 und Grain Scanner in Ableton Live, Padshop2 von Steinberg, The Mangle von Sound Guru) kann das bei entsprechender Komplexität schnell CPU-hungrig werden, da ist Pigments 2 keine Ausnahme.

Die neue Sample-Engine

Mithilfe der Sample-Engine könnt ihr eigene Songs entweder aus den über 200 mitgelieferten Audiofiles oder aus eigenen Wave-Files kombinieren. Stichwort Dateiformate: In der Version, die uns vorlag, war nur der Import von WAV-Dateien möglich. Weder MP3-, noch AIFF- (bei Samples gar nicht so selten), noch FLAC-Dateien konnten in Pigments importiert werden. Aufnahme im Ordner ausgewählt, per Drag-and-drop in Pigments gezogen, abspielen, fertig.

Einige Features könnten allerdings noch erweitert werden, die sonst beim Arbeiten mit Audiomaterial schnell fehlen: Das Plugin beherrscht kein Time-Stretching, was bedeutet, dass sich je nach Tonhöhe die Abspielgeschwindigkeit des Samples ändert. Was als Effekt in Kombination mit der Granular-Engine noch gut klingt, macht es unmöglich, ein einzelnes Vocal-Sample zu laden und dieses sehr unterschiedlichen Tonhöhen abzuspielen – zumindest wird es chaotisch. Außerdem werden Loops nicht synchron zum Projekttempo abgespielt. Zwar lässt sich das mit einigem Modulationsrouting in der Granular-Engine einigermaßen umgehen, aber einfach ist anders. Praktisch wäre jetzt auch, wenn es nicht mehr zwei, sondern drei Engine-Slots gäbe, damit man die Möglichkeit hätte, eben auch alle drei Engines (Analog, Wavetable und Sample) zu kombinieren.

Der Granular-Effekt für Glitzersounds

Der dosierte Einsatz des neuen Granular-Effekts, mit dem sich die Samples wunderschön zerhacken lassen, macht diese Mankos der Sample-Engine fast vergessen. Was macht schon das asynchrone Stolpern meines Drumloops in Pigments 2, wenn ich dessen Grains in zufälligen Tonhöhen, Panning-Positionen, Lautstärken und Geschwindigkeiten um meinen Kopf fliegen lassen kann?! Toll wäre jetzt noch, wenn man die Granular-Effekt-Einstellungen für jedes der sechs gelayerten Samples variieren könnte. Aber es soll ja auch noch etwas zu tun geben für Version 3!

Low Pass Gate und Tape Echo

Schon in der ersten Version wilderte Arturia in eigenen Gefilden und bediente sich an den Filtern einiger ihrer Emulationen aus der V Collection. Nun hat man das Low Pass Gate aus dem Buchla Easel V als Filteroption dazugenommen. Auf die technischen Details im Einzelnen einzugehen, würde den Rahmen sprengen. Aber was den Sound des Filters betrifft, sei gesagt: wer das typische „Klingeln“ eines Low Pass Gates mal erleben möchte, der fahre den Filter mit einer FM-Modulation und der „Vactrol-Time“-Einstellung „Fast“ an. Besonders bei hohen Noten scheppert es gehörig.

Als vierzehnter Effekt ist Tape Echo – ein waschechter Tape Delay – dabei, dessen Echos ordentlich analog eiern. Anders als beim normalen Delay-Effekt in Pigments 2 ist eine kleine, rote Warnlampe am Inputregler zu sehen, die bei Übersteuerung leuchtet – das geschieht schnell. Um das für Analog-Delays so typische leichte Eiern der Echos zu erzeugen, reicht eine leichte Modulation des Stereo-Spread-Reglers mit einem LFO. Außerdem lässt sich so der klangliche Unterschied zwischen Tape Echo und dem bisherigen normalen Delay in Pigments unterstreichen.

Fazit

Pigments 2 hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Es bringt tolle Neuerungen mit, verbessert Bestehendes und integriert aktuelle Technologien wie MPE. Samples abspielen zu können erweitert die Soundpalette erheblich. Der Granular-Effekt ist ein hervorragendes Sounddesign-Tool. Die Oberfläche sucht in ihrer Übersichtlichkeit immer noch ihresgleichen, die neuen Presets klingen fantastisch. Die Sample-Engine scheint in einigen Punkten wie erwähnt aber noch nicht ganz fertig. Man bekommt ein wenig den Eindruck, als hätte Arturia sich (looking at you, Massive X) vielleicht noch ein halbes Jahr Zeit lassen und das neue Feature etwas ausgestalten sollen, bevor man gleich nach 12 Monaten mit dem Update auf den Markt stürmt. Ansonsten ist Pigments 2 nach wie vor einer der Top-Synthesizer auf dem Markt. Was die Oberfläche, die Modulationsmöglichkeiten und gerade Pad- und Glockensounds betrifft, ist das Plugin ganz, ganz vorne dabei.

  • Pro
  • Sample-Engine macht noch komplexere Sounds möglich
  • Sechsfaches Layering von Samples möglich
  • Granular-Effekt erzeugt sehr komplexe Sounds aus Samples
  • Sequencer kann jetzt noch komplexere Melodien erzeugen
  • MPE-fähig, Plugin kann mit entsprechenden Controllern sehr expressiv gespielt werden
  • Undo-Funktion sehr hilfreich bei Fehlern oder versehentlichem Preset laden
  • Contra
  • Sample-Engine beherrscht kein Time-Stretching
  • Kein Import von MP3/FLAC/AIFF-Samples möglich
  • Loops werden nicht synchron zum Songtempo abgespielt
  • Features
  • 1000 Presets
  • Preset-Browser mit Tagging und Playlisten
  • Drei Synth-Engines auf zwei Slots: „Virtual Analog triple oscillator“ (bis zu 6 Oszillatoren und Hard-Sync), „Complex Wavetable“ (vorgegebene und eigene) und „Sample“ mit 200+ mitgelieferten Wave-Files, Granular-Effekt und Sechsfach-Layering.
  • Zwei Filter-Module mit 8 Filter-Typen: Multimode, SEM, Matrix 12, Mini, Surgeon, Comb, Phaser, Formant, Low Pass Gate.
  • Drei Effekt-Module mit 14 Effekten: Multi-Filter, Param EQ, Compressor, Distortion, Overdrive, Wavefolder, Bitcrusher, Chorus, Phaser, Flanger, Stereo Pan, Delay, Reverb, Tape Echo
  • Sequencer und Arpeggiator
  • Modulation: Drei Hüllkurven, drei LFOs, fünf MIDI-Controller-basierte Modulatoren (Aftertouch und Co.), drei komplexe Hüllkurven-Generatoren (Functions), drei Zufalls-Generatoren, zwei Kombinatoren, vier Makros
  • MPE-fähig
  • Systemvoraussetzungen Mac: Mindestens 10.11 (El Capitan), Windows: Mindestens Win 7+ (64 Bit); Hardware: 4 GB RAM; 2.5 GHz CPU. 1 GB Festplattenspeicher; OpenGL 2.0 kompatible GPU
  • Plugin-Formate: Standalone, AudioUnit; AAX (64 Bit)); VST 2.4; VST 3
  • Preis
  • Regulär: EUR 199,- (Straßenpreis: 20.12.2019)
  • Einführungspreis: EUR 99,- (bis 7.1.2020)
  • Update von Version 1: Gratis
  • Crossgrade von anderen Arturia-Produkten: EUR 49,- bis 69,-

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