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Test
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16.11.2020

Ableton Live 11 Beta Test

DAW-Software

Lang ersehnte neue Features!

Ableton Live 11 ist da! Dieses Mal hatte man den Deckel gut draufgehalten in Berlin, nichts war im Vorfeld nach außen gedrungen. Plötzlich ist die Beta der elften Version gut zwei Jahre nach Ableton Live 10 endlich da und bringt die am sehnlichsten erwarteten Neuerungen mit: Comping, MPE und noch mehr Möglichkeiten mit Clips, sowie neue Effekte und MIDI-Devices!

Ferner wurden alte Devices verbessert, ein Update also, das sich lohnt ?!

Details

Installation und Versionen

Die Betaversion von Ableton Live 11 ist denen vorbehalten, die eine Lizenz für die Standard- oder die Suite-Version von Live 9 und 10 ihr Eigen nennen. Wer neugierig ist, kann sich hier für die Teilnahme am öffentlichen Beta-Test bewerben.

Zum Release im „Frühjahr 2021“ wird es aller Wahrscheinlichkeit nach alle drei bisherigen Versionen geben: Intro, Standard und Suite, mit je unterschiedlichem Preis und Funktionsumfang. Wie diese sich unterscheiden werden, stand bei Veröffentlichung der Beta noch nicht fest. Der Download der Version 11.0b18 ist stolze 3,47 GB groß und bringt ein erfrischendes Pink im Programmicon mit.

 „Voice Box“ bekommt man als Tester der offenen Beta als Vorgeschmack zum Download. Die fünf anderen Packs „Drone Lab“, „Mood Reel“, „Upright Piano“, “Brass Quartet” und “String Quartet” wird es zum Release geben. Bei den drei letztgenannten Packs hat Ableton mit den Orchester-Sampling-Spezialisten Spitfire Audio zusammengearbeitet. In der Beta auch noch nicht dabei sind die MIDI-Devices des „Inspired by Nature“-Pakets. 

Die großen Neuheiten in Live 11

Wo in den vorherigen Neuveröffentlichungen meistens auch weitere Instrumente mit dabei waren, wurde dieses Mal auf zusätzliche Synthesizer oder Sampler verzichtet. Dafür ist, was den Workflow betrifft, einiges dazu gekommen.

Ganz vorne in jeder News und jedem Video wird Comping erwähnt. Dahinter verbirgt sich die Möglichkeit, aus mehreren Aufnahmetakes die beste Version komfortabel zusammenzuschneiden. Und die gibt es nun endlich in Live 11. Das Comping wird in den sogenannten „Take Lanes“ durchgeführt, wo verschiedene Aufnahmedurchläufe in einer Spur abgelegt und anschließend zusammengefügt werden.

MPE

Ein unscheinbares Häkchen in den Controller-Optionen deutet auf eine der besten Neuerungen hin. Damit man in Ableton gleich die neuen Spieloptionen an den internen Plugins erproben kann, hat die DAW für den Einstieg bereits Sampler, Simpler, Wavetable und den Arpeggiator MPE-fähig gemacht.

Die Fülle an zusätzlichen Daten, die während der Aufnahme mit einem MPE-Controller wie den Seaboards von Roli oder dem Linnstrument128 entstehen, will aber auch visualisiert und bearbeitet werden und so gibt es in MIDI-Clips nun einen eigenen „Expressions“-Bereich, in dem genau das passiert.

Makros – mehr und weniger

In den Racks, die Instrumente oder Effekte kombinieren, hat man jetzt mehr Möglichkeiten mit Makros. Diese sind grundsätzlich dazu da, Parameter aus den Devices im Rack fernzusteuern, vor allem mehrere gleichzeitig. Zum einen gibt es nun mehr davon (bis zu sechzehn) und zum anderen können, etwa um Bildschirmplatz zu sparen, wahlweise auch nur ein oder zwei Makros einblendet werden.

Zusätzlich ist es möglich Makrovariationen im Rack abzuspeichern – Makropresets quasi. Für den Bühneneinsatz hilft das, um Spuren und Plugin-Instanzen zu sparen. Und falls einem mal langweilig werden sollte, gibt es auch einen „Random“-Button für das zufällige Sounddesign. Falls eines der Makros nicht verändert werden soll, kann es per Rechtsklick im Menü von der „Randomisierung“ ausgeschlossen werden.

Stichwort Bühneneinsatz: Hier bringt Live 11 zwei weitere hilfreiche Features mit. Da gibt es den „Tempofollower“, der das Tempo von Ableton an ein externes Audiosignal anpasst. So kann sich die Schlagzeugerin im Elektrojazzensemble vom Clicktrack befreien und sich Ableton gefügig machen.

Und ein ganz wichtiger Parameter ist bei den „Follow Actions“ dazugekommen, der die Session-View noch livetauglicher macht. Diese Actions sind grundsätzlich dazu da, dass Live beim Abspielen eines Clips in der Session automatisch zu einem anderen in der Spur springt. Die waren bisher aber immer ziemlich eingeschränkt.  Mit „Jump“ ist es nun möglich, gezielt zu einem anderen Clip zu springen, nicht nur zum nächsten oder einem zufälligen. Aus einer großen Menge an Clips kann im Rechtsklickmenü via „Follow Action Kette erzeugen“ nun eine automatisch fortlaufende Wiedergabekette erzeugt werden.

Richtig interessant werden „Follow Actions“ jetzt dadurch, dass sie auch bei Scenes, also ganzen Zeilen in der Session View möglich sind. Nun kann man in dieser Ansicht ganze Songs inklusive Übergängen, Drops und Fills mit ungerader Taktzahl erzeugen (und damit den Push-Controller sogar live nutzen) und automatisch durchlaufen lassen.

Zieht man die Masterspur in der Sessionansicht weiter auf, zeigt sich außerdem für jede Scene ein eigens einstellbares Tempo und eine eigene Taktart. Außerdem kann jeder Clip und jede Scene eine eigene „Follow Action Time“ bekommen, sodass z. B. schon nach einem halben Takt oder erst nach drei Durchgängen zum nächsten Clip/Scene gesprungen wird. Diese Kombinationsmöglichkeiten macht das Instrument Live 11 vollends reif für die Bühne.

Clips de luxe – neue Funktionen 

Bei den Clips ist auch optisch so einiges neu. So sind die gesamten Clipeinstellungen am linken Rand neu geordnet. Wo man früher über die kleinen runden Kreise in die verschiedenen Bereiche wie „Launch“ oder „Clip Envelope“ kam, gibt es nun kleine Tabs in der Mitte, durch die man durchwechseln kann.

Auffälligste Neuerung in diesem Bereich: Ein Scale-Menü, mit dem die Tonart des Clips eingestellt werden kann. Das bedeutet nicht, dass Live nun „falsche“ Noten verändert, sondern, dass in der Piano Roll jetzt die Zeilen der zur Tonart gehörigen Noten farblich markiert werden, quasi eine graphische Hilfe, um in der Tonart zu bleiben. Und eine kleine Neuheit, die alle freuen wird, denen die Notenbezeichnungen in der Piano Roll ein Dorn im Auge war: Man kann nun per Rechtsklick auf die Klaviertasten zwischen Kreuzen, Bes oder beidem auswählen. 

Dazu kann man in Clips die Velocity-Werte der markierten MIDI-Noten nun per Knopfdruck auf „Randomize“ zufällig variieren, im vollen MIDI-Werte-Spektrum von 1 bis 127, oder wahlweise in einem eingeschränkteren Bereich.

Noch einen Schritt weiter geht die darunter liegende Einstellung „Velocity Range“, die einen Wertebereich für jede markierte MIDI-Note festlegt, in dem sie bei jedem Durchlauf variiert. Statische Hi-Hat-Achtel, ade. Vollkommen in Richtung Zufallsmusik geht die unter der Anzeige der Velocity-Werte versteckte „Probability“-Funktion. So kann für jede MIDI-Note die Wahrscheinlichkeit bestimmt werden, mit der sie beim nächsten Durchlauf gespielt wird.

Wählt man eine Reihe MIDI-Noten in einem Clip aus und tippt einfach eine Zahl zwischen 1 und 127, werden diese automatisch auf diesen Velocitywert gesetzt. Bei der gleichzeitigen Bearbeitung mehrerer MIDI-Clips über die Piano Roll ist man noch eine Stufe weitergegangen als in Version 10. Dort konnte man bereits verschiedene Clips auswählen und dann in der Piano Roll dazwischen hin- und herschalten und die Noten aufeinander abstimmen. So hatte man immer alle MIDI-Noten im Blick und die der gerade nicht angewählten Clips waren grau und konnten nicht verändert werden.

In Live 11 wählt man einfach mehrere Clips aus und in der Piano Roll sind die MIDI-Noten von allen MIDI-Clips dann der Clipfarbe entsprechend eingefärbt und können verändert werden. Das schnelle Abstimmten der Basslinie, Drums oder verschiedener Streichinstrumente sowie das einfache Transponieren ganzer Songparts ist damit um ein Vielfaches einfacher. 

Hybrid Reverb und Spectral Resonator – neue Effekte für Sounddesign vom Feinsten

„Hybrid Reverb“ vereint den Realismus von Faltungshalleffekten mit den ewig langen, wunderschönen Hallfahnen von algorithmischen Reverbs. Der Faltungshall in „Hybrid Reverb“ bringt gattungstypisch verschiedene Kategorien wie Hallen, Räume oder „echte Orte“ (unter anderem die Kantine von Ableton) und die beliebte Möglichkeit mit, jede beliebige Wav-Datei als Impulsantwort per Drag-and-drop zu laden und damit nochmal ganz andere Sounddesignmöglichkeiten zu erschaffen. 

Der algorithmische Hall bringt fünf Kategorien mit: „Dark Hall“, „Quartz“ „Shimmer“, „Tides“ und „Prism“. Dazu hat der Effekt drei Features, die ihn von der Konkurrenz abheben: der Predelay ist zum Songtempo synchronisierbar (nie mehr Predelaytabellen!), über den Feedback-Regler lässt sich das vom Predelay verzögerte Signal noch einmal durch selbigen schicken und damit das verhallte Signal zusätzlich verdichten und beim „Vintage“-Parameter kann man das Hallsignal in vier Stufen „verschmutzen“. Außerdem gibt es noch einen internen EQ, mit dem man das Hallsignal frequenztechnisch etwas aufräumen kann. 

Spectral Resonator bringt ein im normalen Resonator-Effekt vermisstes Feature mit. Er ist per MIDI-Noten ansteuerbar. Im internen Modus ist er entweder nur auf eine Note oder eine Frequenz einstellbar, was auch schon zu verrückten Resultaten führt. Seine volle Pracht entfaltet der Effekt aber, wenn man ihm vier- oder fünfstimmige MIDI-Akkorde schickt (per Auswahl der entsprechenden MIDI-Spur), ein wenig Chorus dazu dreht und per Unison aufbläst. Als würden 70er, 90er und 2010er ein Effektbaby machen – so klingt der Vocoder der 2020er. 

Schwestereffekt Spectral Time schiebt die Spektralverwurstung in einen Delayeffekt. Den Anfang macht ein Freeze-Modul, wie man es aus vielen algorithmischen Halleffekten kennt. Das aber kann man nicht nur manuell aktivieren, sondern man kann es auch dem Plugin selbst überlassen: in festen Intervallen, frei oder synchron zum Songtempo. Dazu gibt es eine Delay-Section, die das rhythmisch eingefrorene Signal noch einmal mit Echo versieht und die Echos dann über die Parameter „Tilt“ und „Spray“ in verschiedenen Frequenzbereichen unterschiedliche Modulationen aufbrummt.

Dritter neuer Effekt ist Pitchloop89, ein Max4Live-Device von Ableton-Mitbegründer Robert Henke alias Monolake, der bereits den Granulator II in Ableton Live 9 beisteuerte. Angelehnt an den DHM89 B2 von Publison, ein 1983 veröffentlichter sogenannter „Stereo Pitch Shifter“, von dem Henke offensichtlich Fan ist, ist Pitchloop89 ein Stereodelayeffekt, in dem beide Effekteinheiten individuell verstimmte und modulierte Echos erzeugen. Die Resultate haben mit natürlichem Echo, schöner Feedbackschleife oder leicht wabernden Ping-Pong-Echos wenig zu tun. Was einem da an glitzernd-flirrendem Audiosignal um die Ohren fliegt, macht Spectral Time, was die Individualität des Klangcharakters betrifft, ernsthafte Konkurrenz. Aber Pichloop89 klingt ganz im Sinne des Originals um einiges analoger und weicher.

Aus alt mach neu – neue Looks und Features in Live 11

Was beim ersten Öffnen für die einen sehr angenehm, für die anderen vielleicht irritierend sein mag: Das Farbschema von Live 11 ist nahezu identisch zu dem in Live 10. Die vier Standardthemes „Light“, „Mid Light“, „Mid Dark“ und „Dark“ sind alle einen Tick heller als in der Vorgängerversion, was man aber im Arbeitsalltag kaum bemerkt. Bei einigen der bereits vorhandenen Effekte und Instrumente hat sich dagegen mehr getan. So erstrahlen Corpus, Tension und Electric, die Ableton mit Physical-Modelling-Spezialist AAS entwickelte, in einem modernen und zugänglichen Look, der an das Interface des gerade erschienenen „Chromaphone 3“ desselben Herstellers erinnert.

Neue Funktionen gibt es zum Beispiel bei Redux, dem Bitcrusher. Der hat selbst für Ableton-Verhältnisse wenig Neues bekommen, was die Reduktion von Bit- und Samplerate beeinflussen könnte. Dazu gehören ein Filter, das sich vor oder hinter das Signal schalten lässt, sowie endlich ein Dry/Wet-Regler. An anderer Stelle hat Ableton Phaser und Flanger zusammen in einen Effekt gepackt, ihn „Phaser-Flanger“ genannt und diesem als Bonus noch einen Doubler-Modus verpasst, der wie eine Miniversion des Pitchloop89 klingt. Auch der Choruseffekt ist nicht mehr alleine, er heißt nun „Chorus-Ensemble“, folgerichtig gibt es zusätzlich einen „Ensemble“-Effekt, der noch breiter und verwaschener klingt als der Chorus. Auch hier gibt es einen dritten Effekt: Vibrato. Beide, „Phase-Flanger“ und „Chorus-Ensemble“ bringen einen „Warmth“-Regler mit, der eine wohlklingende Bandsättigung auf dem Signal erzeugt.

Die Kleinigkeiten – nützliche Neuheiten im Detail 

Dann sind da noch viele Kleinigkeiten hinzugekommen, die sich für Ableton-User in ihrer Nützlichkeit gerade zu überbieten. 

  • Beim CPU-Metering oben rechts wird nun nicht nur der aktuelle Auslastungswert, sondern auch der Durchschnittswert angezeigt, was sehr hilfreich ist, um genauer zu bestimmen, wie ein Projekt die CPU bei längerem Abspielen belastet. Dazu kann man sich nun im Mixer die CPU-Auslastung jeder einzelnen Spur anzeigen lassen, was lästiges Suchen nach dem Überlastungsübeltäter erspart. 
  • Abletons Effekte sind in Kategorien wie „Drive“ oder „Dynamics“ einsortiert. Öffnet man eine Kategorie und wechselt dann zu einer anderen, schließt sich die vorherige automatisch. 
  • Klein, aber oho: der kleine Button bei externen Plugins, mit dem man deren Oberfläche ein- und ausblenden kann, kann nun auf eine MIDI- oder Tastaturtaste gemappt werden. So kann man beispielsweise drei oft genutzte Effekte in einem Bus auf drei Tasten legen und schnell zwischen ihnen wechseln.
  • Die Grooves aus dem Groovepool haben nun einen eigenen Platz im Browser bekommen und klappen nicht einfach auf, wenn man den Groovepool öffnet. 
  • Ebenfalls im Browser gibt es nun einen Ordner für „Templates“ (Vorlagen), in dem man Vorlagen für Projekte, Spuren und Gruppen speichern und direkt laden kann.
  • Die Sichtbarkeit der Hilfslinien im Raster des Arrangements kann nun zwischen 0 und 200 Prozent den eigenen Wünschen angepasst werden. 
  • Max4Live: Der Drum Synth ist fester Bestandteil der Instrumentenliste in Ableton und nicht mehr in einem Pack versteckt. Auch LFO, Envelope Follower und Shaper sind nun direkt in den Audioeffekten zu finden.
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