Software
Test
10
15.02.2019

Praxis

Wavetable

Der neue Softsynth in Live 10 beeindruckte bereits bei seinem Erscheinen mit seinem analogen Sound und seinem einfachen Workflow. Aber wer heute ein Wavetable-Synthese-basiertes Plugin veröffentlicht, kommt um den Platzhirsch Serum nicht herum. Das Instrument hat, was Klangqualität, Sounddesign-Möglichkeiten und Workflow betrifft, Maßstäbe gesetzt. Ein wichtiges Feature aus Serum, was Abletons Wavetable noch fehlte, war die Möglichkeit eigene Audio-Dateien zu importieren. Dieses wurde nun eingebaut und ist denkbar einfach: Audio-Clip aus Browser oder Projekt einfach auf einen der beiden Oszillatoren ziehen – zack, den Rest erledigt das Instrument.

Mit einer entsprechend langsam eingestellten Modulation kann man seine Audio-Clips – egal ob Gesang, ein Klavier- oder Drumloop oder eine Klospülung – sogar noch einigermaßen deutlich hörbar machen. Dadurch, dass man nicht nur Wav-Dateien, sondern auch das Live-eigene Containerformat alc in Wavetable importieren kann, sind hier Sounddesignideen quasi keine Grenzen gesetzt. 

(Ob es ein Bug war oder quasi nur so als Umweg funktioniert, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, jedoch war es in der Beta erst möglich alc-Dateien zu importieren, wenn sie in der Vorhörfunktion vorgerendert wurden.)

Neue Devices: Channel EQ und Delay

Kurz kratzt man sich am Kopf bei Lives neuem Channel EQ – EQ8 und EQ3 machen doch schon alles? Und zugegeben, der Channel EQ macht nichts Neues. Wie die drei Bänder, ein LoShelf, ein Bell und ein HiShelf mit zuschaltbarem LoCut, aber angelegt sind, ist durchdacht. Ähnlich zum Delay-Effekt scheint man bei Ableton bemerkt zu haben, dass schnelles Arbeiten, Abkürzungen und Vereinfachungen bei DAWs gerade im Trend sind. Und so ist der Channel EQ ein Hilfsmittel, dass wahrscheinlich auf fast allen Spuren als erster Audio-Effekt Platz finden wird. Tiefen dämpfen, Höhen betonen, nervige Resonanz leiser machen, alles graphisch unterstützt: Kein Hihat Loop wird mehr nerven. 

Durch den Zuwachs vom Modulations-Monster Echo in Version 10 ist Lives Delay-Abteilung auf fünf angewachsen, wobei zwei eher klassische Echo(Pardon)-Effekte sind, Simple Delay und Ping Pong Delay, und drei viel stärker und verstörender Räume schaffen: Echo, Filter Delay und Grain Delay. Im Sinne der Vereinfachung wurden nun die ersten beiden in ein Device zusammengefasst: Delay. 

Mit einem simplen Knopfdruck lässt zwischen normalem und Ping-Pong-Modus hin und her schalten. Dazugekommen sind ein Filter und eine kleine Modulationseinheit. Diese entfaltet, je nachdem welchen Delay-Glättungsalgorithmus man gewählt hat (Repitch, Fade oder Jump) unterschiedliche und teilweise an die Effektmöglichkeiten von Echo erinnernde Klangfarben. Ohne dessen schier unendliche Modulationsparameter, in denen man sich schnell verliert. Ein tolles Device. 

Öffnet man alte Live-Projekte, in denen man den Simple Delay oder den Ping Pong Delay genutzt hatte, taucht das Delay-Device nun stattdessen mit einem kleinen „Upgrade“-Button auf, mit dem man es umwandeln kann. Im Test gab es keine Veränderungen des Sounds oder der Einstellungen, Delay erkannte bei allen alten Projekten, wie die alten Delay Devices eingestellt waren. 

Automation

Version 10 hatte den neuen Automationsmodus eingeführt. Dieser wird im Arrangement per Button oben rechts oder mit der Taste „A“ aktiviert. Und hier hat man, wohl wissend, dass Automationen von Effektparametern DAS Handwerkszeug von Sounddesignern sind, einiges draufgepackt.

Wer sich oft mit dem Stiftwerkzeug abmüht, besonders schön ablaufende Kurven einzuklicken oder eine Parameterautomation möglichst gleichmäßig aufzunehmen versucht, der erlebte in Live an einigen Stellen bisher viel Frust. Nun ist einiges dazu gekommen, das abhilft. Fertige Automationsfades, Sinus-, Rechtecks- oder Sägezahnkurven gibt es nun als Vorlagen im Rechtsklickmenü – sehr nützlich. Schön wäre noch die Möglichkeit, die Kurven per Menüpunkt zu invertieren. Aber schon die sechs Eckpunkte, mit denen man Größe und Ausrichtung der Kurven bestimmen kann, sind äußerst hilfreich. 

Lange von der Community gefordert, jetzt auch endlich dabei: Einzelne Automationswerte punktgenau eingeben. Oftmals musste man vor sehr weit reinzoomen, um genau die EQ-Frequenz oder den Pegel einzuklicken, den man erreichen wollte. Jetzt reicht ein simpler Rechtsklick auf einen Automationspunkt und „Edit value“ (in der finalen Version wird dieser Menüpunkt dann wohl „Wert bearbeiten“ heißen) anzuwählen.

Letzte Verbesserung im Automationsmodus: Clip-Fades verändern. Das hatten wir im Test vergangenes Jahr auch bemängelt. Durch den neuen Automationsmodus musste man, um die Fades eines Clips anzupassen, diesen immer deaktivieren – ziemlich umständlich im Workflow. Nun hält man schlicht die Taste „F“ gedrückt und kann auch im Automationsmodus die Fades ändern. 

Und es hat Zoom gemacht: Schnellere Zoomwerkzeuge

Wenn das so weiter geht, wird es in zwei, drei Updates eine DAW geben, die sich mit etwas Übung schneller bedienen lässt als alle anderen. Bei den Zoomwerkzeugen hat man sich gegenüber den meisten anderen DAWs bis zu Version 10 am eigenen, recht umständlichen Zoommauszeiger, der sich nur außerhalb der Clips oder des Arrangements als kleine Lupe nutzen ließ, festgehalten. Dieser war Anlass für lange und lautstarke Tiraden vieler Producer, wenn es um Transienten-genaues Schneiden oder Vocal Editing ging. 

Version 10 hatte hier schon einiges mitgebracht, nun kommt noch mehr dazu. Den Zoom auf einen ausgewählten Clip per Taste „Z“ gab es schon. Nun kommt man auch zurück, mit „X“. Dieses Zoomverhalten geht jetzt nicht nur im Arrangement, sondern auch in der Clip-Ansicht. Und nun kann man per „H“ vertikal rauszoomen und sich alle Spuren anzeigen lassen, und per „W“ horizontal und sich das ganze Arrangement ansehen – beide tauchen auch als Buttons oben rechts auf. 

Letzte erwähnenswerte Zoom-Neuerung: Pinch-Zoom. Auf Laptops von Apple und denen mit Windows Betriebssystem, die entsprechende Touchpads haben, kann man sich über die Pinch-Geste (die meisten kennen sie vom Reinzoomen in Bilder auf dem Smartphone) im Arrangement rein- und rauszoomen. 

Alles für die Fanbase: Sidechain Freeze und VST3. 

Je größer das Projekt, desto öfter muss man Spuren einfrieren. Prinzipiell rendert Live die Spur dann in eine Audio-Datei, sie kann dann nicht mehr verändert werden, verbraucht aber auch viel weniger CPU-Leistung. Bisher war es ein großes Ärgernis, dass das Einfrieren auf Spuren, die per Sidechain-Kompressor bearbeitet wurden, nicht möglich war. Kaum ein anderes Feature ist so oft und so lange schon von der Community gefordert worden. Endlich ist es da.

Was die neusten Plugin-Technologien betrifft, hinkte Live im Vergleich zur Konkurrenz etwas hinterher. Zwar fehlen ARA und MPE weiterhin, nun ist das Arbeiten mit VST3-Plug-ins aber endlich möglich. Diese lassen sich in den Optionen dazuschalten und tauchen dann in der Plugin-Liste als separate Kategorie auf.

VST3 bietet bei den Plug-ins, die das neue Format bereits unterstützen, einige Vorteile: Sample-genaue Automation (viel genauere Automationswerte für alle Parameter möglich), vielfältige Sidechaining-Optionen und grundsätzlich ein CPU-freundlicheres Arbeiten (VST3-Plugins schalten sich quasi ab, wenn kein Audiomaterial auf ihrer Spur abspielt). Wer sich noch mehr und im Detail informieren möchte, was VST3 im Vergleich zum Vorgänger alles an neuen Möglichkeiten für Plugins mitbringt, kann das auf der Webseite der VST-Erfinder Steinberg tun.

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