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28.11.2017

7 Wege, einen Gitarrenamp zu mikrofonieren

Hilfreiche Tipps zu Mikrofonpositionen am Gitarrenverstärker

Ein Mikrofon vor dem Gitarrenamp zu platzieren, scheint in der Theorie erst einmal recht simpel zu sein. In der Praxis ergeben sich aber durch verschiedene Mikrofone und Mikrofonpositionen diverse Möglichkeiten, die am Ende einen entscheidenden Einfluss auf das Klangergebnis haben. Nicht ohne Grund setzen sich zahlreiche Ratgeber im Recording-Sektor mit den verschiedenen Mikrofonierungsarten auseinander.

Um euch einen Überblick zu geben, stellen wir im heutigen Workshop sieben bewährte Wege zur Mikrofonabnahme eines Gitarrenamps vor. Dabei gibt es auch gleich noch ein paar Tipps und Tricks, die helfen sollen, typische Fehler zu vermeiden.

Vorab möchten wir euch noch kurz eine Begriffserklärung mit an die Hand geben: Wenn im Folgenden von "On Axis" und "Off Axis" die Rede ist, so ist nicht die Mikrofonaufsprechrichtung gemeint, sondern die Lautsprecherachse, auf der das Mikrofon den Schall aufnimmt. "On Axis" bedeutet also auf der Achse der Kalotte (Lautsprechermitte), "Off Axis" aus dieser Achse heraus.

Alle Mikrofoneinstellungen könnt ihr euch hier, vorab zusammengefasst, anschauen:

Aufnahme mit einem Mikrofon

Im ersten Teil des Workshops arbeiten wir mit einem Mikrofon vor dem Speaker. Ich habe mich dabei mit dem Shure SM57 für einen der Klassiker unter den Mikrofonen zur Amp-Abnahme entschieden, der unzähligen Gitarrenaufnahmen zum Erfolg verholfen hat. Als Gitarre kommt eine Fender Stratocaster zum Einsatz. Wir hören in den folgenden Audiobeispielen immer wieder dasselbe Riff, um die klanglichen Unterschiede gut ausmachen zu können. Umgesetzt wird das Ampsignal von einem Celestion Greenback 12 Zoll Lautsprecher.

Im Testaufbau ist der Stoffbezug des Speakers abmontiert, was einen besseren Überblick auf die Lautsprecherposition in der Box erlaubt. Falls sich eure Frontbespannung nicht entfernen lässt, könnt ihr normalerweise die Position des Lautsprechers ermitteln, indem ihr eine Taschenlampe vor oder auf die Bespannung haltet. Bei Bedarf das Raumlicht etwas abdunkeln.

1) Off Axis - Die Position zwischen Kalotte und Membran

Los geht's mit der sogenannten "Off Axis"-Mikrofonierung, bei der das Mikrofon nicht direkt auf die Mitte des Speakers zeigt. Selbstverständlich werden wir uns später auch noch die Position direkt vor der Kalotte anhören. Als Ausgangsposition für das Mikrofon empfiehlt sich aber häufig der Übergang zwischen Kalotte und Speakermembran. Dabei steht das Mikrofon rechtwinklig zur Frontbespannung.

Wie schon erwähnt, bildet diese Mikrofonposition eine gute Ausgangsbasis, da das Signal hier recht präsent auftritt, die Höhen aber im Gegensatz zur Position in der Mitte in ihrer Schärfe etwas gezähmt werden.

2) Off Axis - Das Mikrofon zeigt auf die Membran

Verschiebt man jetzt das Mikrofon von unserer eben gehörten Position ein Stück nach rechts Richtung Lautsprechermembran, verliert der Sound zunehmend weiter an Höhen und wird etwas voluminöser. Diese Einstellung kommt deshalb nicht ganz so direkt daher und wirkt etwas "muddy", was ebenfalls absolut seinen Charme haben kann.

3) On Axis - Das Mikrofon zeigt mittig auf die Kalotte

Zeigt das Mikrofon wiederum direkt auf die Mitte der Kalotte, erklingt das Signal deutlich schärfer und auch etwas schlanker. Auch wenn diese Einstellung mit einem SM57 nicht zu meinen Favoriten gehört, sollte man diese Position je nach Stilistik und vor allen Dingen je nach Mikrofontyp keinesfalls außer acht lassen.

Neben der Position spielt auch der Abstand des Mikrofons zum Lautsprecher eine Rolle. Persönlich gehe ich mit dynamischen Mikrofonen wie dem SM57 gern sehr nahe heran. Stellt man das Mikrofon ein Stück vom Speaker entfernt auf, wird das Signal schlanker im Bass und auch die Höhen erklingen weniger präsent. Hier lohnt es sich, je nach musikalischer Situation, ebenfalls zu experimentieren.

4) Off Axis - Das Mikrofon zeigt angewinkelt auf den Speaker

Eine Alternative zum eben besprochenen Verfahren bietet eine weitere Variante der Off-Axis-Mikrofonierung, bei der das Mikrofon angewinkelt auf den Speaker zeigt. Hier ändert sich vor allen Dingen das klangliche Erscheinungsbild der Mitten.

Aufnahme mit zwei Mikrofonen

5) Zwei unterschiedliche Mikrofone vor dem Lautsprecher

Interessant kann es auch sein, die verschiedenen Klangcharakteristiken der bisher aufgeführten Mikrofonpositionen mit einem zweiten Mikrofon zu kombinieren. Verstärken könnt ihr diesen Effekt mit einem Mikrofon, das grundsätzlich anders klingt. Ich habe, um dies zu demonstrieren, als zweites Mikrofon nun ein Beyerdynamic M106 Bändchenmikrofon aufgestellt, das bei Aufnahmen von Gitarrenamps aufgrund seines weichen Klangcharakters ebenfalls sehr gerne genutzt wird.

Das Bändchen zeigt dabei direkt auf die Mitte des Speakers, das SM57 steht Off-Axis und angewinkelt. Wie beide Mikrofone zusammengemischt klingen, hören wir im nächsten Audiobeispiel.

Da das Bändchen per se schon mit abgesenkten Höhen auftritt, kann es ruhig mittig vor dem Speaker platziert werden. Wie bereits gesagt, kommt dieses Mikrofon mit einem sehr weichen Grundsound und präsentiert sich zudem im Bass ausgeprägter. Dadurch erscheint das Bassfundament im Signal nun deutlich definierter. Das SM57 wirkt im Vergleich zum M106 schon fast etwas grobschlächtig. Dieser Charakterzug lässt sich aber mit dem eben gehörten Verfahren und den beiden Mikrofonen im Zusammenspiel sehr schön dosieren.

6) Ein zweites Mikrofon an der Rückseite der Box

Viele Engineers scheuen sich auch nicht, ein zweites Mikrofon auf der Rückseite der Box aufzustellen, um das gewisse Etwas aufs Band zu bekommen. Wichtig ist hierbei, dass die Box zumindest halbgeöffnet ist.

Um euch einen Eindruck zu diesem Sound zu geben, wechselt das SM57 erneut seine Position und wird nun auf der Rückseite in Höhe des Speakers platziert.

Bei diesem Verfahren ist es wichtig, die Phase eines der beiden Mikrofone zu drehen, da es sonst zu Auslöschungen und anderen unerwünschten Klangereignissen kommen kann. Das könnt ihr, wenn möglich, gleich am Preamp machen oder aber auch nachträglich in eurem Aufnahmeprogramm.

7) Die Aufnahme mit einem zusätzlichen Raummikrofon

Ebenfalls sehr beliebt ist die Hinzunahme eines Raummikrofons, um dem Signal eine leichte räumliche Tiefe zu verschaffen. Hier empfiehlt es sich, mit einem Kondensatormikrofon zu arbeiten. Diese Mikrofone sind in ihrer Auflösung deutlich empfindlicher und lohnen sich übrigens (je nach Stilistik und Geschmack) auch direkt vor dem Lautsprecher.

Auch bei der Hinzunahme eines Raummikrofons müsst ihr deutlich auf Phasenverschiebungen achten, die sich durch unterschiedliche Laufzeiten des Schalls zum Mikrofon ergeben können und das Signal unter Umständen quäkig, indirekt und dünn erscheinen lassen. Falls solche Auslöschungen auftauchen, hilft es, das Raummikrofon um einige Zentimeter zu verrücken. Alternativ könnt ihr auch ausprobieren, wie sich das Signal verhält, wenn ihr in euerer DAW oder an eurem Mikrofon-Preamp die Phase dreht.

Für das letzte Beispiel nutze ich wieder das Beyerdynamic M160 vor dem Amp und ein Neumann TLM 103 als Raummikrofon.

Wie ihr hören könnt, lässt sich das Signal mit diesen sieben Varianten auf sehr unterschiedliche Weise färben. Es ist daher absolut sinnvoll, sich schon vor der Aufnahme Gedanken zu machen, wie die Gitarre später im Mix klingen soll und das Mikrofonsetup demnach auszurichten.

Zudem spart ihr euch so auch später unnötig aufwendige Arbeit mit dem EQ.

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