Sie wurden belächelt, verrissen oder schlicht übersehen – und sind heute begehrter denn je: Manche Zerrpedale brauchten einfach etwas Zeit, um die Gitarrenwelt von sich zu überzeugen. Was bei ihrem Marktstart als klanglicher Irrweg, zu teuer oder Geheimtipp galt, entpuppte sich Jahre später als Kultobjekt. Solche Geschichten schreibt die Effektwelt immer wieder. In diesem Artikel schauen wir auf sechs Overdrive-Pedale, die erst mit Verspätung ihren verdienten Ruhm erlangten.

- Warum manche Pedale erst floppen und dann erfolgreich werden
- Klon Centaur – Vom Nischenprodukt zum heiligen Gral
- Ibanez TS10 – Der späte Tube-Screamer-Überflieger
- Marshall Bluesbreaker – Das Pedal, das zunächst niemand verstand
- Boss HM-2 – Vom Ladenhüter zur Death-Metal-Waffe
- DigiTech Bad Monkey – Vom Wühltisch zum YouTube-Star
- ProCo You Dirty Rat – Der düstere Bruder des Klassikers
- Fazit
Warum manche Pedale erst floppen und dann erfolgreich werden
Betrachtet man die Entwicklung mancher Verzerrer, die ihren Aufstieg in den Pedal-Olymp erst mit deutlicher Verzögerung erlebten, lassen sich immer wieder ähnliche Muster erkennen. Häufig war ihr Klang bei der Veröffentlichung entweder ihrer Zeit voraus oder aber nicht mehr up to date. Gerade im Verlauf der Musikgeschichte zeigen sich immer wieder Phasen, in denen sich Stilistiken grundlegend wandeln, vorübergehend in den Hintergrund treten oder eine späte Renaissance erfahren.
Ein treffendes Beispiel ist der Wechsel der klanglichen Ideale der 1970er über die klaren, oft sterilen Sounds der 1980er bis hin zum Grunge und aggressiveren Metal der 1990er – Epochen mit völlig unterschiedlichen Sound-Anforderungen, die sich nicht vorhersehen lassen. Weitere Gründe für das anfängliche Scheitern liegen nicht selten in einem zu hohen Preis, fehlendem prominenten Starsupport oder unglücklichem Marketing. Kommen mehrere dieser Faktoren zusammen, sind solche Produkte häufig nur für kurze Zeit verfügbar, weil die Herstellung früh eingestellt wird. Der eigentliche Erfolg setzt dann unter Umständen erst Jahre später ein. Gründe dafür können ein Vintage-Hype, wachsende Präsenz auf Social Media, der Boutique-Boom, die plötzliche Nutzung durch berühmte Gitarristen oder ein von Sammlern stark angeheizter Preisanstieg sein. Diese oder sehr ähnliche Mechanismen lassen sich bei nahezu allen Pedalen beobachten, die erst als Flop galten und später Kultstatus erreichten.
Klon Centaur – Vom Nischenprodukt zum heiligen Gral
Als Bill Finnegan den Klon in den 90ern vorstellte, war das unscheinbare goldene Kästchen alles andere als ein Kassenschlager. Das lag einerseits an den geringen Stückzahlen des von Hand gefertigten Overdrives, der nie für die Massenproduktion geplant war. Auch galt das Pedal für die damalige Zeit als relativ teuer im Vergleich zu Standard-Overdrives. Dazu kommt die Soundästhetik der 90er-Jahre: Der Klon arbeitet eher subtil und ist kein High-Gain-Distortion-Pedal, das sofort auffällt und extreme Sounds bedienen kann. Seine wahre Stärke, die er als nuancierter Clean-Boost vor Röhrenamps oder als dynamischer Low- bis Mid-Gain-Zerrer ausspielt, wurde erst per Mundpropaganda und mit der Zeit erkannt. Heute ist der Centaur das wohl teuerste Overdrive-Pedal der Welt. Glücklicherweise nahmen sich viele Hersteller wie J. Rockett mit dem Archer, Wampler mit dem Tumnus, Warm Audio mit dem Centavo und viele mehr der mystischen Schaltung an.

Der Wampler Tumnus V2 Overdrive orientiert sich eng am Klon Centaur, dem legendären 90er Jahre Kult-Pedal, und meistert diese Herausforderung mit Bravour.

Sahnestücke wie der Archer von J. Rockett Audio Designs versüßen ab und zu das bonedo-Testerdasein. Zumal unser Kandidat angeblich die DNA des Klon Centaur entschlüsselt hat.
Ibanez TS10 – Der späte Tube-Screamer-Überflieger
Der Ibanez TS10 wurde lange Zeit als minderwertiger Nachfolger des legendären TS808 und TS9 betrachtet. Das unscheinbare Design und vor allem die wenig robusten Kunststoffbuchsen führten immer wieder zu Kritik. Obwohl bereits Stevie Ray Vaughan in den 80ern diesen Overdrive nutzte, erlangte der TS10 seinen Kultstatus erst durch John Mayer. Heute ist das Pedal auf dem Gebrauchtmarkt extrem begehrt und wird für seinen besonders dynamischen und offenen Klang gefeiert. Erfreulicherweise bestehen jedoch klanglich und konstruktionsbedingt große Ähnlichkeiten zum Ibanez TS9 – und der ist noch erhältlich!

Der Ibanez Tubescreamer gilt als einer der kultigsten und meistkopierten Verzerrer überhaupt. Und eine Menge Gründe zeigen, warum man ihn dafür lieben darf.
Marshall Bluesbreaker – Das Pedal, das zunächst niemand verstand
Als Marshall 1991 das Bluesbreaker-Pedal auf den Markt brachte, schenkte man ihm zunächst kaum Beachtung. Der Low-Gain-Overdrive galt als zu zahm, hatte zu wenig Gain und war zu transparent. Erst später sollten diese Eigenschaften zu seiner größten Stärke werden. Bis heute ist seine Schaltung die Grundlage unzähliger Boutique-Klassiker, vom Analog Man King of Tone über den Wampler Pantheon und den Walrus Audio Ages bis hin zum JHS Morning Glory. Unlängst hat sich Marshall wieder der alten Schaltung angenommen und den Bluesbreaker zu einem relativ moderaten Preis erneut auf den Markt gebracht.

Das brandneue Marshall Bluesbreaker Vintage Reissue Pedal widmet sich akribisch und im Detail der ersten Auflage des Bluesbreaker Overdrives aus dem Jahr 1991.
Boss HM-2 – Vom Ladenhüter zur Death-Metal-Waffe
Der HM-2 wurde 1983 von Boss mit dem Ziel entwickelt, den aggressiven, mittigen Sound eines Marshall-Stacks in ein kompaktes Pedal zu packen. Die meisten Gitarristen empfanden das Pedal damals jedoch als zu extrem, zu harsch und zu „sägend“, was zu schlechten Verkaufszahlen und der Einstellung des Produkts 1991 führte. Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre entdeckten schwedische Death-Metal-Bands wie Entombed, Dismember und At the Gates das Pedal für sich und nutzten eine extreme Einstellung – alle Regler auf Anschlag! Damit war der “Swedish Chainsaw Sound” geboren. Dies führte zunächst zu steigenden Gebrauchtpreisen und letztlich zu einer Neuauflage durch Boss in der HM-2w Waza-Craft-Variante.

Der Boss Heavy Metal HM-2 – ein Zerrer, der so polarisiert, hat definitiv eine Liebeserklärung verdient. Warum ihn die einen lieben und die anderen hassen.
DigiTech Bad Monkey – Vom Wühltisch zum YouTube-Star
Jahrelang war der Bad Monkey die ungeliebte und günstige Tube-Screamer-Kopie, die es für knapp über 50 Euro auf dem Grabbeltisch gab. Verglichen mit dem Ibanez-Original bot das Pedal zwar einen Bass- und Treble-Regler, galt aber klanglich dem grünen Kobold als unterlegen. Als Josh Scott, Gründer von JHS Pedals, jedoch 2023 ein YouTube-Video veröffentlichte, in dem er verschiedene Overdrives mit dem Bad Monkey verglich, explodierten die Gebrauchtpreise – wenn auch nur kurzfristig. Mittlerweile gibt es das Pedal auf dem Gebrauchtmarkt wieder zu einem erschwinglichen Kurs, der aber dennoch über dem Preis der Markteinführung liegt.

Von null auf Hundert! Wie ein Vergleichsvideo mit dem Digitech Bad Monkey einen Hype auslöst und das Overdrive-Pedal zum Sammlerobjekt macht. Wir ordnen ein!
ProCo You Dirty Rat – Der düstere Bruder des Klassikers
Die ProCo You Dirty Rat war streng genommen kein klassischer Flop, sondern eher ein übersehener Geheimtipp im Schatten der berühmten Schwester, der ProCo Rat. Diese entwickelte sich in den späten 1970er- und 1980er-Jahren zu einem echten Bestseller, weil ihr durchsetzungsstarker, klar definierter Distortion-Sound perfekt zur damaligen Hardrock-Ästhetik passte. Genau darin lag jedoch auch das Problem der You Dirty Rat: Sie war als alternative Variante konzipiert und lieferte bewusst einen deutlich „schmutzigeren“, Fuzz-ähnlichen Klang. In einer Zeit, in der viele Gitarristen vor allem nach Punch und Durchsetzungskraft suchten, galt dieser rauere Sound im Mainstream-Rock als weniger attraktiv. Erst Jahre später änderte sich die Wahrnehmung grundlegend. Mit dem Aufkommen von Indie- und Stoner-Rock entdeckten immer mehr Gitarristen die besonderen Qualitäten der You Dirty Rat für sich.

Auch wer die ProCo Rat nie unter den Füßen hatte, kennt ihren Sound: Kaum ein Zerrer, der den Sound unserer Gitarrenhelden so sehr geprägt hat wie die Ratte.
Fazit
Einmal mehr zeigt sich: Klangtrends lassen sich nicht planen. Und genau das macht die Welt der Effektpedale so spannend. All die hier vorgestellten Overdrives und Distortions sind der beste Beweis dafür, dass ein vermeintlicher Ladenhüter nicht selten nur auf den richtigen Moment wartet. Neue Musikstile, prominente Anwender oder einfach ein Wandel der klanglichen Ästhetik können aus einem Flop von gestern von einem auf den anderen Tag den Vintage-Traum von morgen machen. Ob man den aktuellen Hype um hochpreisiges Vintage-Gear wirklich mitgehen sollte, steht auf einem ganz anderen Blatt. Allerdings sollte man bedenken: Manch unscheinbares Pedal im eigenen Fundus könnte sich rückblickend als erstaunlich weitsichtige Investition entpuppen. Denn wer weiß schon, welche Sounds in zehn oder zwanzig Jahren wieder das große Ding sein werden?