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Stage-Mikrofonierung ohne Stativ

Clip, Clip Hurra!

Mikrofonstative sind schwer, hässlich und stehen fast immer im Weg. Erfreulich, dass zu diesen notwendigen Übeln mittlerweile einige Alternativen erhältlich sind. Bonedo hat sich umgesehen und präsentiert euch einige praktische Lösungen, um den Stativwald zu lichten.

Alternativlos

… ist in der Musik nichts, das gilt auch für das gemeine Mikrofonstativ. Es gibt viele Gründe, auf der Bühne mit Stativen zu sparen. Chronischer Platzmangel ist beispielsweise vorprogrammiert, wenn eine ausgewachsene Band auf eine kleine Clubbühne trifft. Akute Platzangst schnürt einem spätestens dann die Kehle zu, wenn der Veranstalter auch noch einen Support Act auf die bierdeckelgroße Stage packen möchte. Jetzt entspannt jedes eingesparte Stativ die Lage.

Tontechniker kennen zudem das Phänomen, dass die sorgsam platzierten Stative (z.B. an der Bass Drum oder vor den Gitarrenamps) von den Musikern neu arrangiert werden. Das gleiche gilt für Stative auf Roll-Raisern bei Festivals. Einmal in Fahrt gekommen, verrutscht schon einmal das eine oder andere Teil. Die Optik ist ein weiterer Grund einzusparen: Einige Künstler legen Wert auf eine aufgeräumte Bühne, andere spielen Musik aus den 30er, 40er oder 50er Jahren, dazu passt kein Metallstangenwald auf der Bühne.

Es gibt auch handfeste tontechnische Gründe, warum ein Mikrofon auf einem Stativ nicht immer die beste Lösung ist. Nicht wenige Kollegen verzichten bei lauten Rock- und Metal-Bands auf die klassische Overhead-Mikrofonierung mit zwei Kleinmembranmikrofonen auf Stativen. Grund ist das schlechte Verhältnis zwischen Übersprechen und Nutzschall. Sprich: Manche Kapellen fahren einen derart lauten Backline- und Monitorsound auf der Bühne, dass auf den Overheads schlichtweg zu viel Lärm ist. Einfacher wird es, wenn man jedes Becken einzeln von unten mit einem Clipmikrofon abnimmt. Eine Vorgehensweise, wie sie im Übrigen auch der Metal-Producer Andy Sneap im Studio praktiziert.

Aber auch Nichtmusiker haben mitunter ein Problem mit Mikrofonstativen. Regisseure bekommen schlechte Laune, wenn ein reflektierendes Mikrostativ eine durchaus gelungene Kameraeinstellung zerstört. Zudem macht sich eine weitestgehend stativfreie Aufstellung besser im Musikvideo. Zahlreiche Gründe, sich Gedanken über Alternativen zu machen.

Schlagzeug

Beginnen wir mit den Drums. Bei diesem Stativ-verschlingenden Monster geht die Verwendung von Clipmikrofonen durchaus in Ordnung. Wenn Toms und Snare konsequent mit Clipmikrofonen (z.B. Sennheiser E904 oder Shure Beta 98) bestückt werden, lässt sich die Situation deutlich entspannen.

Aber Drummer wären keine Drummer, wenn sie nicht ständig neue Wege finden würden, den Tontechniker in den Wahnsinn zu treiben. Der jüngste Anschlag nennt sich „S-Hoop“, ein neuartiger Spannreifen, an dessen breitem Rand kein Clipmikrofon andocken kann. Soll kein Stativ zum Einsatz kommen, ist eine lange LP Percussion Claw (befestigt am unteren Spannreifen der Snare) eine Alternative. Oder man verwendet eine Halteschiene vom Typ K&M 238 und versucht, diese samt Mikrofon an einem Hardware-Teil anzudocken. Passt die Entfernung nicht, lässt sich auf der 238-Schiene mit einem K&M-224-Schwanenhals erweitern.

Wenn an den Toms freischwingende Haltesysteme zum Einsatz kommen, ist das Befestigen von Clipmikrofonen gelegentlich knifflig. Besitzer von Sennheiser 604/904 verwenden dann nicht die originale Klemme, sondern nutzten das Mikro mit der 24030-Klemme von K&M, die sich hier bestens befestigen lässt. Bei den Becken reicht es in kleinen Clubs oft, nur Hi-Hat und Ride-Becken abzunehmen. Dazu nutze ich wiederum die Halteschiene K&M 238, mit der sich Becken perfekt von unten abnehmen lassen. Das klingt etwas anders als eine von oben mikrofonierte Hi-Hat, man bekommt etwas weniger Stick. Damit lässt sich aber gut leben.

Ein weiteres Experimentierfeld ist die Fußpauke schon deshalb, weil die Bass Drum in manchen Stilrichtungen einen ähnlichen Prominentenstatus im Mix erreicht hat wie der Lead-Gesang. Nutzt man ausschließlich ein Grenzflächenmikrofon, hat man einfaches Spiel. Reinwerfen und fertig!

Seit Jahren beliebt ist die Kombination von einem Grenzflächenmikro für den Attack und einem dynamischen Mikro (z.B. Shure Beta 52) für den Tieftonanteil. Beide Mikrofone liegen auf zwei separaten Kanälen am Mixer und werden nach Gusto gemischt. Für das herkömmliche Mikro ist in der Regel ein Stativ fällig, alternativ lässt sich eine Percussion Claw verwenden. Bevor man aber die LP Claw an einem Spannreifen oder Spannbock ansetzt, sollte man den Besitzer der Trommel um Erlaubnis fragen, da sich Kratzer und Abnutzungserscheinungen nicht immer verhindern lassen. Alternativ setzt man die Claw an einen Beckenständer oder anderweitige Hardware.

Gitarren und Bassverstärker

Hier hat sich in jüngster Zeit einiges getan. Produkte wie Axe FX oder Kemper Amp sind immer häufiger auf der Bühne anzutreffen. Sie machen es den Tontechnikern leicht, auf Stative bzw. eine Mikrofonabnahme zu verzichten. Man greift den Amp-Sound über die XLR-Ausgänge ab und kann Mikrofone und Stative getrost im Case lassen. Natürlich gibt es immer noch genügend Saitenquäler, die sich auf einen klassischen Röhrenamp verlassen. Soll dieses archaische Gerät mikrofonlos abgenommen werden, bieten sich DI-Boxen mit eingebauter Speaker-Simulation an (z.B. Palmer PDI03). Die haben außerdem den Vorteil, dass sich der Gitarrensound Abend für Abend mit schöner Gleichmäßigkeit aus der PA entfaltet. Außerdem ist der Sound komplett frei von Übersprechen.

Dennoch werden die meisten Gitarrenverstärker immer noch mit einem oder mehreren Mikrofonen abgenommen. Am einfachsten ist es, ein flaches Mikrofon (z.B. Sennheiser 609) am Kabel vor die Box zu hängen. Einfacher geht es kaum. Wer zum Klassik-Amp auch das klassische Gitarrenmikrofon (Shure SM57) verwenden möchte, dem bieten sich folgende Optionen.

Besonders beliebt im Mutterland des Rock'n'Rolls sind die sogenannten Z-Bars, ein gebogenes Stück Metall samt Mikroklemme, das zwischen Topteil und Box eingeklemmt wird. Etwas Gaffa kann dabei für zusätzlichen Halt sorgen. Bei einem Gitarrencombo lässt sich die Z-Bar auch umdrehen und unter einem Fuß des Combos einklemmen. Alternativ bestückt man den Combo mit einem Cab Grabber, der von verschieden Anbietern (z.B. Thomanns Millenium Amp Clamp) erhältlich ist.

Und nun noch eine echte Rock'n'Roll-Lösung. Bei einer nicht näher genannten Rockband erfand Kollege Zufall folgende Alternative: Vor der 4x12-Zoll-Box des Gitarristen stand ein kleines Stativ samt Shure SM57, der Autor versuchte sich während des Soundchecks am Gitarrensound, aber es wollte einfach nicht vernünftig klingen. Zur Mitte des Speakers ausgerichtet klang die Gitarre zu sägig, weiter außen zu dumpf. Also blieb es bei einem Kompromiss.

Die Show war gut besucht, was dazu führte, dass man den unteren, mikrofonierten Teil der Gitarrenbox aufgrund des Gedränges vom FoH-Platz nicht sehen konnte. Beim ersten Stück dann große Verwunderung: Die Gitarre klang auf einmal erste Sahne. Feine Mitten, kein Gesäge, schöne Definition – klarer Fall, der Gitarrist muss wohl noch an seinem Sound geschraubt haben. Nach dem Gig kam ich zum Abbau auf die Bühne und fragte nach den offensichtlichen Klangänderungen. Laut Gitarrist gab es aber keine. Ein Blick zur Gitarrenbox erklärte dann die spontane Selbstheilung. Das Mikro war aus seiner Klammer gefallen und stand nun aufrecht vor der Gitarrenbox! Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Man sollte immer den festen Sitz eines Mikros überprüfen und zweitens, wenn soundtechnisch gar nichts mehr hilft, einfach mal diese Mikrofonposition ausprobieren. Aber es geht noch kultiger! 

Volle Pulle

Demoaufnahme-Session bei einer befreundeten Kapelle aus dem Nachbardorf. „Stative und Kabel brauchst du nicht mitbringen“, so hieß es. Natürlich waren nicht genügend Stative vor Ort, aber der Niederrheiner ist einerseits Altbier-affin und andererseits improvisationsfreudig. Fakt ist: Eine Halbliter-Diebels-Alt-Flasche ist im Zusammenspiel mit einer Marshall 4x12-Zoll-Box (ohne Rollen) ein ideales Mikrofonstativ! Alternativ lassen sich auch Flaschen anderer Brauereien verwenden, weshalb dieser Stativersatz bei einer Rock’n’Roll-Band mit hoher Wahrscheinlichkeit immer verfügbar ist (Suchtipp: Die Probenraum-Ecken).

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