ANZEIGE

Mesa Boogie Bass Prodigy Four:88 Test

Praxis

Ich bin mir nicht ganz sicher, aber es könnte gut sein, dass der Mesa Prodigy der kleinste und leichteste Vollröhren-Bassverstärker ist, den man zur Zeit kaufen kann. Er fühlt sich beim Transport dann auch eher wie ein sehr kräftiges Transistor-Top an und man hat nicht das Gefühl, dass in der kompakten Box ein ausgewachsener Röhrenamp steckt. Den Griff an der Oberseite finde ich nicht optimal, der Metallbügel ist für längere Transportstrecken zu schmal und schneidet in die Hand. Bei der mitgelieferten Verstärkerhülle ist der Griff mit Kunststoff verkleidet und etwas gepolstert, mit ihm wird das Tragen angenehmer. Das Ganze ist ohnehin kein wirkliches Problem bei 13 Kilo, ich wollte es aber nicht unerwähnt lassen.
Wenn der smarte Vollröhren-Mesa dann am Einsatzort steht und mit Strom versorgt wird, zieht er mit seinem blau beleuchteten Innenleben auf jeden Fall alle Blicke auf sich. Das ist sicherlich nicht jedermanns Sache und einige würden sich einen dezenteren Auftritt wünschen, auch wenn die Beleuchtung nicht wirklich penetrant ist, höchstens ein wenig kitschig.
Aber kommen wir jetzt zu den deutlich wichtigeren Themen Sound und Performance. Hier macht der neue Mesa sofort mächtig Eindruck, der Amp ist ungeheuer laut und hat einen warmen und wuchtigen Klang, wie man ihn nur von einem Vollröhrenverstärker bekommt. Seine Leistung reicht mit den richtigen Boxen locker für sämtliche Einsatzzwecke, die der durchschnittliche Bassspieler im Laufe seiner Karriere abdecken muss, genau so, wie man es von anderen Vollröhrenamps in dieser Leistungsklasse kennt und auch erwartet. Beachtlich ist dabei der immense Headroom – der Amps liefert cleane Sounds in sehr hohen Lautstärken und wird erst ab einer Gainposition von ungefähr 2 Uhr etwas giftiger und schmutziger. Der übersteuerte Preamp klingt dann ziemlich „fuzzy“ und eher dünn. Stark verzerrte Sounds sind nicht unbedingt die Spezialität des Prodigy, wie ich finde, er ist eindeutig für klare, detailreiche Röhrensounds mit großen Gainreserven konstruiert.
Wer den ersten Teil des Tests gelesen hat, wird zu Recht vermuten, dass der Prodigy kein „one trick pony“ mit einem einzigen Signature Sound ist, sondern vielmehr auf Flexibilität und Vielseitigkeit getrimmt wurde. Die Hauptrolle spielt dabei der Voice-Schalter, der mit seinen EQ-Presets den Charakter des Amps bestimmt. Davor lässt sich der Sound mit dem Bright/Normal-Switch schon mal in eine bestimmte Richtung lenken. Beide Einstellungen klingen klasse und sind ohne Einschränkung zu gebrauchen. „Normal“ rundet den Bass in Old-School Manier etwas ab und im „Bright“-Setting wird der Klang luftiger und transparenter, aber auf eine sehr organische Art. Ich bin normalerweise kein Fan von „Bright“-Presets, die meisten sind harsch und aufdringlich. Der Prodigy klingt in diesem Modus aber einfach nur klar, durchsichtig und angenehm.
Auch die fünf Presets, die hinter dem Voice-Schalter lauern, sind äußerst geschmackvoll und vor allem auch praxistauglich gewählt. Bei den Voreinstellungen 1 und 5 mit starken Bassanhebungen und deutlichen Hochmittenabsenkungen muss man eventuell, je nach Raum, mit dem EQ nachregeln, damit der Sound nicht zu mächtig und voluminös wird. Preset 1 klingt ultrafett, Bässe und Höhen werden kräftig geboostet und gleichzeitig die Hochmitten gesenkt. Stellung 2 verändert den Sound nicht ganz so extrem und kommt nur mit einem Bassboost aus – er hat sich in meiner Testzeit zum absoluten Favoriten gemausert und klingt mit passiven Jazzbässen astrein. In der Mittelstellung auf der Flat-Position wird das Signal überhaupt nicht gefiltert – mein Bass wird super kompakt, klar und definiert, aber dennoch mit viel Wärme und der röhreneigenen Autorität wiedergegeben, toller Sound! Mit den beiden letzten Position des Voicereglers verändert sich das Klangbild in Richtung modern und aggressiv. Die Tiefmitten werden bei Preset 4 etwas weniger, bei Preset 5 etwas mehr abgesenkt, dazu kommt wieder ein kräftiger Bass- und Höhenboost. Hier liegen eindeutig die Sounds für Rockbasser oder Plek-Spieler – der Prodigy klingt jetzt eher SVT-like, wuchtig, punchig und super definiert.
Zum weiteren Feintuning gehört außerdem der Dreiband-EQ, aber ehrlich gesagt habe ich die drei Regler kaum angefasst, höchstens, um einen aus den Fugen geratenen Sound in schwierigen Räumen etwas zu korrigieren.
Auf halber Kraft, also mit 125 Watt, verändert sich der Klang des Prodigy zwar nicht drastisch, aber schon merklich, die Höhen strahlen nicht mehr so stark und der Tiefmittenbereich kommt etwas wärmer und runder. Wenn man im Studio Old-School Sounds aufnehmen will, ist die 125 Watt Stellung auf jeden Fall ein gute Wahl, im Livebetrieb sehe ich dafür keinen großen Nutzwert. Wer mit 125 Watt dauerhaft klarkommt, der kann im Half-Power-Modus allerdings seine Röhren schonen. Da von den vier KT88 immer nur zwei in Betrieb sind, kann man einfach im Rotationsbetrieb die Plätze tauschen und die doppelte Lebenszeit aus den Röhren saugen. Sollte trotzdem ein Röhrenwechsel anstehen, kommt man mit dem wartungsfreundlichen Vollröhrentop vergleichsweise billig weg. Der Abgleich der neuen Röhren kann mithilfe von  LEDs und Trimmpotis nämlich auch von Laien bewerkstelligt werden und spart die sonst anfallenden Werkstattkosten.

Audio Samples
0:00
Input Normal Bright JB – Gain 2 – Voice 4 Preci – Gain 2 – Voice 2 Voice 12345
Jaaa, der Prodigy hat im Test richtig Spaß gemacht!
Jaaa, der Prodigy hat im Test richtig Spaß gemacht!
Kommentieren
Schreibe den ersten Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.