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01.12.2017

Warum Musiker ihre Sound-Fehler immer auf den FOH-Techniker schieben

Ein Sündenbock muss her – des Soundsinns fette Beute ist der FOH

Der Techniker am FOH ist eine angeblich oder vermeintlich leichte Beschwerde-Beute. Allzu gerne schieben die Musiker dem Mann am fernen Pult die eigenen Unzulänglichkeiten in die Schuhe. Der ist ja so schön weit weg. Und weil ohnehin keiner versteht, nach welch komplexen Zusammenhängen er seine technisch versierten Fader zieht, kann man auch mal locker behaupten, er sei schuld. Woran auch immer. Soll erst mal jemand kommen und das Gegenteil beweisen. Kann keiner, der nicht wirklich vom professionellen Fach ist. Ein Zauberwerk, das Außenstehende nicht zu entschlüsseln imstande sind. Und der Einzige, der wirklich faktisch dagegenhalten kann, ist der FOH.

Der hat aber weder Zeit noch Lust für sinnentleerte Debatten. Und wenn der Sänger sich stringent diven-haft weigert, den Bassbereich um die 180 bis 300 Hz ein wenig absenken zu lassen und das Publikum ihn hinterher nicht mehr versteht, ist das schade. Du als Soundtechniker kannst nur müde lächeln. War doch zu erwarten. Das Leben ist nun mal keine Ballade:  

Lagerfeuer versus Live-Gig

Mit Lagerfeuerromantik und -Harmonie hat ein Live-Gig im Konzertgeschehen herzlich wenig zu tun. Also auch die Grundlagen der Akustik nichts. Während Naturinstrumente wie die Westernklampfe oder das Cajun beim Grillen einfach fröhlich durcheinanderrumpeln können, sieht das bei einer professionellen Darbietung mit drückenden Line-Arrays, Equalizer-Burgen und etwaigen Frequenzüberschneidungen der Mucker schon vollkommen anders aus. Da muss einfach alles zueinander passen und – das ist das Problem – auch noch sortiert und aufgeräumt sein.

FOH gegen eine Wand von Wunschvorstellungen

Leider ist aber jeder handelsübliche Instrumentalist von den Saitenakrobaten über die Tastenkollegen bis zum Drummer oder der Brass-Section es gewohnt, immer einen möglichst breiten und damit angeblich fetten Sound zu haben. Eine Frage der Ehre. Da kloppen die Gitarristen Raumeffekte bis zum Abwinken durch den Amp, garnieren das mit Harmonizern a la Brian May und Co., was zwischen Quinten, Sexten und Oktaven und einer gehörigen Portion Chorus auch den allerletzten Freiraum für andere zustopft. Das Resultat ist eine geradezu undurchdringliche Wand, die es mit Fachwissen einzureißen gilt. Na ja, eben nicht nur eine. Daneben steht der nächste Musiker, der das Gleiche für sich beansprucht. Und wieder eine Wand. Another Brick In The Wall lässt grüßen.

Wissensfreie Zone sorgt für Missverständnisse

Das machen die selbstverständlich sympathischen Typen in der felsenfesten Überzeugung, dass das, was da aus der Backline kommt, natürlich auch 1:1 beim FOH und anschließend auf der PA landen darf. Pustekuchen, darf es in dieser Full-Frequenz-geschwängerten Suppe eben nicht. Merke, lieber Mucker: Wenn du in unbändiger Bandbreite alles zupflastern möchtest, beschneidest du den Freiraum deiner Bandkollegen. Wo du dich gerade bewegst, können und dürfen die nämlich nicht mehr sein. Und dem FOH machst du mit deiner falsch verstanden Klangbreite das Leben unnötig schwer. Der hat gar keine andere Chance, als dich überlegt, aber rücksichtslos zu beschneiden. Dass dein Brett plötzlich komisch klingt, mag sein. Der FOH kann nichts dafür; er rettet lediglich, was gerade noch geht. Beschränke dich auf einen präzisen und definierbaren Sound. Und informiere dich vorher, welches Frequenzspektrum dir gehört. Erst dann kann der Mischer deinen Originalsound auch zulassen.

Kommunikation – ich war's nicht

Dass gerne mal der FOH-Techniker zum Sündenbock erklärt wird, hat neben den speziellen Hörgewohnheiten sicherlich noch viele weitere Gründe. So auch psychologische und kommunikative. Der Typ auf dem FOH-Tower ist in den allermeisten Fällen hochkonzentriert bei der Arbeit. Der kann sich gerade mal nicht um jeden nebensächlichen Senf kümmern. Die Musiker interpretieren das mit Langeweile oder nicht vorhandener Aufmerksamkeit. Und realisieren nicht, dass exakt das Gegenteil der Fall ist. Verpatzt der Mucker nun seinen punktgenauen Einsatz, was wäre da einfacher und unverfänglicher, als den FOH dafür verantwortlich zu machen. Angeblich hat der im entscheidenden Moment den Monitor nicht vernünftig eingepegelt. Und der Klampfer konnte ja nicht ahnen, dass exakt jetzt sein Solo kommt.

Hellseherische Fähigkeiten vom FOH erwartet

Natürlich, jeder FOH-Techniker hat Zeit und Lust, sich im Vorfeld sämtliche Songs der Band reinzuziehen, die er abmischen soll. Alles studiert und notiert, bis in den allerletzten Ton. Welch' eine unrealistische Wunschvorstellung. Er hat ja auch sonst den ganzen Tag über nichts Sinnvolles zu tun. Klar wird er versuchen, sich eine grobe Vorstellung zu verschaffen, schon als eigene Arbeitsunterstützung. Aber die Set-List inklusive Regie- und Ablaufbemerkungen muss von der Band kommen. Und möglichst lesbar und strukturiert bitte schön. Wenn also bei Song X an der Stelle Y der Musiker Z in den Mittelpunkt soll, dann muss das auch erkennbar sein. Das kurze Solo ist verpufft, die Dynamik an der gewünschten Stelle versemmelt? Hätten die Bandmusiker ihm eine nachvollziehbare Vorlage zur Verfügung gestellt, wäre das nicht passiert. Wer war nun schuld, das Huhn oder das Ei?

Handzeichen haben nichts mit SOS-Signalen zu tun

Spektakulär immer wieder, wenn der Sänger wie wild mit den Armen fuchtelt – natürlich ohne erkennbare Richtung – und dem Tontechniker am FOH-Platz Signale geben will. Der Gitarrist soll im auf deinem InEar-Mix lauter? Okay, von mir aus. Aber halt dir schön die Lauschlappen fest. Schon wird das Wedeln mit den Armen geradezu erbärmlich bis mitleiderregend. Dem Shouter platzt schrittweise der Kopf wie eine überreife Melone. Eigentlich wollte er nur zeigen, dass gleich das Riff vom Gitarristen kommt und der entsprechend präsent sein soll. Und nun bildet sich nun ein, der Dussel von FOH-Techniker sei einfach zu unsensibel, ihn zu verstehen. Entspannt professionelle Umgangsweise miteinander schreibt sich eindeutig anders. Der fuchtelnde Regentanz direkt aus dem Urwald ist zwar sportlich, hat für den FOH aber keinen informellen Sinngehalt. Hätte der Sänger die üblichen Handzeichen gelernt, wäre dieser Augenblick glimpflicher verlaufen. Aber soll er sich in diesem peinlichen Moment vor seinen Bandkollegen outen? Da zeigt man doch ganz einfach auf den Techniker. Sofern das noch geht, während man sich die klingelnden Ohren reibt.

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