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Test
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04.10.2011

DETAILS

Für Leser, die im „Vocoder-Business“ noch neu sind, gibt es hier zunächst ein paar Grundlagen zum Prinzip dieser Geräte:

Analysesignal (auch: “Modulator”)

Ein Vocoder ist ein Gerät, das immer aus zwei Signalquellen gespeist wird, um daraus ein drittes Synthesesignal zu bilden. Zum einen benötigt der Vocoder ein Analysesignal, meist werden Sprache, Gesang oder perkussive Instrumente dazu verwendet. Analysiert werden jedoch nicht Tonhöhe oder harmonische Strukturen, sondern nur die Dynamik und das Frequenzspektrum. Ein Beispiel: Bei einem männlichen Radiosprecher wird der Vocoder ein tiefer angelegtes Frequenzspektrum analysieren als bei einer hellen Mädchenstimme. Bei einem Schlagzeugrhythmus wird er mehr Dynamik (Transienten) herauslesen können als bei einem gesummten Background-Chor – welche Töne da gesungen werden, ist ihm völlig schnuppe.

Trägersignal

Neben dem Analysesignal benötigt der Vocoder ein so genanntes Trägersignal (engl. “Carrier”), auf das er die Auswertung des Analysesignals übertragen kann. Dieses Trägersignal ist der Sound, den man in stark gefilterter Form wieder am Ausgang des Vocoders herausbekommt. Er bestimmt daher auch die Tonhöhen bzw. Harmonien des letztlichen Vocoderklanges. Als Trägersignale eignen sich besonders gut obertonreiche Synthesizerklänge wie Sägezahn- oder Pulswellen, am besten ohne LP-Filter Einwirkung. Für weichere Vocoder Klänge funktionieren auch Stringmachines sehr gut.

Synthese

Der Vocoder erzeugt aus den oben genannten Analyse- und Trägersignalen ein neues Signal, der häufig typisch metallisch nach Roboter-Sound klingt. Was man hört, ist das Trägersignal, das vom Analysesignal unter Einsatz von Filterbank und VCA moduliert wird. Oder anders gesagt: Die Filterbank des Vocoders „öffnet ihre Tore“ für das Trägersignal immer nur für den Frequenzbereich, den das Analysesignal vorgibt. Gleiches gilt für den VCA, der die Lautstärke dynamisch regelt.

Dies soll als Einführung reichen. Wer sich länger mit Vocodern beschäftigt, wird feststellen, dass es für den Klang entscheidend ist, wie man Filter und VCA im Detail einstellt, ob man Anteile des Analysesignals leicht hinzumischt, vom „Unvoiced Mode“ Gebrauch macht oder sogar Filter-Modulationen anwendet.

Und noch etwas: Vocoder-Sounds werden landläufig gern mit Hardtune-Effekten verwechselt, wie sie beispielsweise in Chers „Do You Believe In Life After Love“ zu hören sind, dabei ist das etwas völlig anderes. Gute Referenzen für Vocoder-Klänge sind Molokos „Cannot Contain This“, Zoot Womans „It’s Automatic“, „Intergalactic“ von den Beastie Boys, „Le Soleil Est Près De Moi“ oder „Kelly Watch The Stars“ von Air.

Waldorf Lector steht für Mac und Win als VST-, VST3- oder AU-Plug-In bereit, die Version 1.01 ist 64Bit-kompatibel. Wer den Software Syntesizer Largo aus gleichem Hause kennt, wird sich hier optisch gleich heimisch fühlen. So sieht die AU-Variante aus, in Logic 9 als „MIDI-controlled effect“ geöffnet:

Das GUI des Lector ist in verschiedene Bereich unterteilt. Oben links befindet sich die Input-Sektion mit integriertem Kompressor. Hier entscheidet man auch, ob Lector per Sidechain ein externes Trägersignal benutzen soll oder von seinem internen Synthesizer Gebrauch macht. Der „Unvoiced Detector“ untersucht das Analysesignal auf Zischlaute. Er unterdrückt unerwünschte, harsch klingende Anteile im Vocoderklang und streut an den betreffenden Stellen kurzes Rauschen oder das originale Analysesignal ein, was besonders die Sprachverständlichkeit zu verbessern in der Lage ist.

Im unteren linken Bereich ist der interne Synthesizer des Lectors abgebildet. Hier findet man zwei Oszillatoren mit den klassischen Wellenformen und vielen Wellenform-Spektren akustischer Instrumente, eine Glide-Funktion und ein flexibles Filter mit einer Frequenzbereichsunterdrückungsmodus namens „Whitening“. Ein LFO, der auch zur Ringmodulation herangezogen werden kann und ein VCA mit AR-Hüllkurve und optionaler Velocity Ansprache komplettieren den umfangreichen Aufbau. Optisch etwas versteckt in der VCA-Sektion sind die drei Betriebsmodi des Lectors: Normal, Single und Latch. Im Modus „Normal“ reagiert der interne Synthesizer auf Notenbefehle eines MIDI-Keyboards und erklingt polyphon. Maximal 16 Stimmen können gleichzeitig erzeugt werden. Im Modus „Single“ arbeitet der interne Synth monophon. Im Modus Modus „Latch“ wird ein statischer Ton verwendet, dessen Tonhöhe vom Tuning der Oszillatoren abhängig ist. MIDI-Noten haben in diesem Modus keinen Effekt auf die Tonhöhe.

Zentral erkennt man im Plug-In die Spektralanzeige und zwei Filterbänke. Eine dieser Filterbänke dient der Analyse des Modulationssignals. Mit ihren Parametern „Low“ und „High“ wählt man den Frequenzbereich aus, auf den sich die Analyse beziehen soll. Mit Attack und Release beeinflusst man das Öffnen und Schließen des VCAs, mit dem rechten, größeren Poti namens „Bands“ lässt sich die Filterbank kalibrieren. Drei bis 100 Bänder sind möglich, je mehr Filterbänder man auswählt, desto unverfälschter ist der Vocoderklang. Wenn man hier überhaupt von „unverfälscht“ sprechen kann ...

Die zweite Filterbank dient dazu, das gewonnene Synthesesignal des Vocoders noch einmal zu bearbeiten. Auch hier begrenzen „Low“ und „High“ den zu filternden Frequenzbereich. Mit „Resonanz“ erzeugt man Betonungen der Filtereckfrequenzen, „Bandwidth“ definiert die Breite der Filterbänder. Auch ein LFO für Modulationsmöglichkeiten des Frequenzbereichs und ein dreibandiger Master-EQ mit in vier Bereiche unterteilte Mitten stehen hier bereit.

Ganz oben rechts im AU-Plug-In Fenster sieht man den Side-Chain-Eingang, über den man ein externes Carrier-Signal in den Lector leiten kann. Darunter, im eigentlichen Lector-GUI, befindet sich der Mixer, mit dem sich die Lautstärken der beiden Eingangssignale und die des Vocoder-Synthesesignals bestimmen lassen. Wiederum darunter ist die Effektsektion platziert, hier stehen Overdrive, Chorus, Delay und Reverb mit allen wesentlichen Parametern zur Verfügung.

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