Feature
3
26.09.2016

Vintage Synth: Formanta Polivoks

Analogsynthesizer

Der Punk aus dem Ural

Der sowjetische Polivoks ist wahrscheinlich der bekannteste Synthesizer aus dem ehemaligen Ostblock. Hergestellt zwischen 1982 und 1990 ist das vollanaloge, zweistimmig paraphone Instrument sowohl in seiner Erscheinung als auch klanglich eine Wuchtbrumme. Aufgrund diverser staatlicher Beschränkungen wurde der Synthesizer quasi von Grund auf neu konzipiert und besitzt ein einzigartiges Filterdesign, das wohl am besten mit "Punkrock", "Ich bin sehr wütend" und "Gasolin" zu beschreiben ist.

Aber auch an anderen Stellen hört man, dass der Polivoks ein ziemlich heißes Gerät ist, bei dem sich die Spannungen gegenseitig beeinflussen und der dadurch einen sehr eigenen und lebendigen Klang bekommt. Dabei klingt der Polivoks genauso, wie man es sich von einem analogen Synthesizer erwartet, aber eben von allem noch ein wenig mehr. Wir haben uns eines der Originale zur Brust genommen und tauchen ein in die Welt des geradezu mystischen Polivoks aus einem Land, das es nicht mehr gibt.

Details

Geschichte des Polivoks

Es ist das Jahr 1980 und die Volkswirtschaften des ehemaligen Ostblocks sind ganz auf den Aufbau der sozialistischen Staaten und das Militär ausgerichtet. Im Gegensatz zum Westen gibt es relativ wenige Konsumgüter, wie man zum Beispiel gut an der Autoindustrie sehen kann: Während sich im Westen die Autohersteller nur so drängeln und eine Vielzahl verschiedener Modelle anbieten, gibt es im Osten nur ein paar wenige Fabrikate aus noch weniger Fabriken. Kein Wunder also, dass es auch in einem Riesenreich wie der ehemaligen UdSSR (Union der sozialistischen Sowjetrepubliken) nur sehr wenige Fabriken gab, die Synthesizer herstellten. Aus dem Westen eingeführt wurden nur eine Handvoll Geräte für die Superstars und das Fernsehen. Aber natürlich hatten auch die russischen Musiker Wind bekommen von Instrumenten wie dem Minimoog und wollten so etwas auch.

Und so wurde im Jahr 1980, also mit gut zehn Jahren Verspätung, ein junger russischer Ingenieur aus Jekaterinburg damit beauftragt, einen Synthesizer zu entwickeln. Der Ingenieur hieß Vladimir Kuzmin und war auch an Musik interessiert, einen echten Synthesizer hatte er bislang aber nur im Fernsehen gesehen. Diesem Umstand haben wir es zu verdanken, dass es mit dem Polivoks einen Synthesizer gibt, der sich zwar an den westlichen subtraktiven Synthesizern der 1970er Jahre orientiert, im Prinzip aber von Grund auf neu konzipiert wurde. Zusammen mit der teils fragwürdigen Qualität der (zivilen) sowjetischen Elektronikbauteile entstand so einer der ersten Synthesizer der UdSSR, der im Übrigen auch nur dort verkauft wurde. Dazu kommt, dass auch in Russland Mitte der 1980er Jahre die Digitalisierung Einzug hielt, weshalb der Polivoks einer der wenigen analogen Synthesizer aus dem Ostblock überhaupt blieb.

Konzipiert wurde der Synthesizer also in einer Firma in Swerdlowsk, wie Jekaterinburg damals hieß. Swerdlowsk war eine industrielle Hochburg und das Betreten für Ausländer verboten, selbst Sowjetbürger durften die Stadt nur mit Genehmigung betreten. Hier arbeiteten Vladimir Kuzmin und seine Frau Olympiada Kuzmina, die für das Design des Synthesizers zuständig war, auf das wir noch zu sprechen kommen werden. Kuzmin war in der (heute noch bestehenden) Fabrik "VECTOR" beschäftigt, wo der Synthesizer konzipiert und entwickelt, aber nicht gebaut wurde. Das überließ man lieber der Formanta Radio Fabrik in Katschkanar, die schon Erfahrung in der Herstellung von elektronischen Musikinstrumenten hatte. Insofern kann man eigentlich nicht vom "Formanta Polivoks" sprechen, weil er dort nur gebaut, aber nicht entwickelt wurde.

Klangerzeugung

Die Spezifikationen sind relativ schnell erzählt, handelt es sich doch um einen üblichen subtraktiven Synthesizer nach japanisch-amerikanischem Vorbild. Das Kernstück bilden zwei "Generator" genannte Oszillatoren mit Dreieck, Sägezahn, Rechteck und zwei Pulswellen. Beide Oszillatoren decken eine große Spannweite von 32' bis 2' ab, wobei sich einige Schwingungsformen in den Basslagen deutlich anders anhören als in den Höhen. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Das geht auch so weiter und darf nicht als Fehler, sondern als Feature angesehen werden. Oszillator 2 lässt sich gegenüber Oszillator 1 über eine Oktave verstimmen und Oszillator 1 kann von Oszillator 2 frequenzmoduliert werden. Eine weitere Besonderheit ist die leider nicht besonders langsame Glide-Funktion, die nur auf den ersten Oszillator einwirkt, was für interessante Schwebungen zwischen den Oszillatoren sorgen kann.

Beide Oszillatoren gehen daraufhin in einen Mixer, in dem man noch Rauschen und das Signal des externen Eingangs dazu mischen kann. Externer Eingang? Ja, genau, und das ist auch eine feine Sache, denn so kann man zum einen auch Fremdsignale durch das berühmte Polivoks-Filter schleifen, zum lässt sich auch der nicht weniger berühmte „Moog-Trick“ mit dem Rückschleifen des Ausgangssignals in das Filter realisieren. Dazu hängt man an den Ausgang des Polivoks ein Y-Kabel und geht mit der einen Hälfte des Signals ganz normal in den Lautsprecher oder Verstärker. Die andere Hälfte schleift man einfach wieder durch den Audioeingang in den Mixer und somit in das Filter zurück. Auf diese Art hat man eine kleine Feedback-Schleife um das Filter gelegt, was zu einer schönen Sättigung des Signals führt. Bei einigen neuen Moogs wie dem Sub 37 ist das Filter Feedback inzwischen gleich von vornherein eingebaut, dem Korg Arp Odyssey ist zum gleichen Zweck ein Kabel beigelegt (leider kein Y-Kabel...) Angesichts dessen, dass der Mixer, wenn er ganz offen ist, das Signal ohnehin schon sättigt, kann man so sehr sonore aber gleichzeitig obertonreiche Klänge bekommen.

Nach dem Mixer geht das Audiosignal in das Filter, das eine komplett neu entworfene Schaltung von Vladimir Kuzmin ist. Angesichts der Knappheit der elektronischen Bauteile kam er mit einem Minimum an Bausteinen aus und das Bemerkenswerteste ist vielleicht, dass im Kuzmins Filterdesign überhaupt kein Kondensator verbaut ist. Klanglich sollte das Filter tatsächlich einen Moog nachstellen, aber wo der Moog rund und weich und trotzdem mächtig klingt, ist das Polivoks-Filter instabil, kreischt bei hoher Resonanz bis zum Kreml und ist ganz allgemein ein Fall für sich. Ein faszinierender Fall allerdings, wie man an den Klangbeispielen sehen kann. Das Filter kann entweder als Tiefpassfilter oder als Bandpassfilter zum Einsatz gebracht werden, wobei beide Varianten zu heftiger Selbstoszillation fähig sind.

Sowohl Filter als auch Lautstärke haben eine übliche ADSR-Hüllkurve mit einer maximalen Attackzeit von ca. acht Sekunden, einem ausgesprochen zackigen Decay und einer schön langen Releasezeit. Beide Envelopes können auf Selbstrepetition gestellt werden, was bedeutet, dass der Envelope nach Ablauf der Releasezeit einfach wieder von vorne startet. Ein selten gesehenes Feature, das aus dem ADSR-Envelope im Prinzip einen vierstufigen LFO macht. In Zusammenarbeit mit dem Halteschalter, welcher den zuletzt gespielten Ton weiter hält, kann man so mit den Envelopes interessante, polyrhythmische Sachen machen. Hinzu kommt ein LFO mit den Wellenformen Dreieck, Sägezahn, Rechteck, Noise und S&H, der regelbar auf Tonhöhe, Filter und Lautstärke einwirken kann. Der LFO kommt dabei schon ein bisschen in klangformende Geschwindigkeiten, dafür kann er leider nicht besonders langsam. Kombiniert man den LFO mit den beiden repetierenden Envelopes, kann man zum Beispiel drei unterschiedlich schnelle LFOs auf Filter, Lautstärke und Tonhöhe schalten, und schon hat hat man eine ziemlich bunte Angelegenheit vor sich.

Zur Einzigartigkeit des Polivoks gehört die Eigenschaft, dass sich viele Signale einfach übersprechen und so immer für einen Hauch Chaos und somit für Lebendigkeit sorgen. Ein Beispiel dafür, wie sehr sich die Module gegenseitig beeinflussen, ist die Tatsache, dass es im Filter rauscht, wenn man den LFO auf Rauschen stellt. Allerdings nur bei gedrückter Taste, tatsächlich ist der Polivoks an seinem Ausgang schön leise. Das ist sicherlich ein extremer Fall und meistens kann man das Übersprechen nicht hören, aber weil alles mit allem ein wenig moduliert, ist alles in ständiger Bewegung und kippt dann auch gerne mal kurz ins Chaos. So stürzt der Cellosound im nächsten Klangbeispiel nur durch das Herunterdrücken einer weiteren Taste von reiner Schönheit in Hendrixsches Feedbackchaos.

Am Ende des Signalwegs gibt es dann natürlich noch einen Verstärker mit Volumenkontrolle für den Gesamtklang, der im ganz offenen Zustand das Signal noch einmal saturiert. Wie so oft beim Polivoks passiert das nicht schleichend, sondern sehr abrupt. Das Signal wird also nicht langsam angewärmt, sondern wird erstmal nur lauter, dann plötzlich sehr heiß und dann passiert es plötzlich und auf einmal wird man von seinem eigenen Synth angeschrien. Dabei klingt die Verzerrung zumeist wie ein Marshall-Verstärker unter der Fuchtel eines wildgewordenen Gitarristen: wütend und aggressiv, aber nur selten harsch. Taub wird man natürlich trotzdem.

Hardware

Auch die Bedienelemente sind ein Superlativ: so große Kippschalter und Regler gibt es sonst nirgends. Alles ist komplett aus Plastik. Obwohl die Regler so üppig dimensioniert sind, weiß man am Ende doch manchmal nicht, in welcher Position sie eigentlich stehen. Die Potentiometer regeln alle zwischen 9 und 4 Uhr, wobei das Filter nur zwischen 9 und 12 reagiert, nach 12 ist alles schon ganz auf. Genau das Gegenteil ist der Fall bei der Resonanz direkt nebenan, hier tut sich nur etwas zwischen 12 und 4 Uhr, am Anfang des Regelwegs zwischen 9 und 12 passiert gar nichts. Aber was man einem anderen Synthesizer mit einem großen roten Stift ankreiden würde, beim Polivoks sieht man liebevoll akzeptierend darüber hinweg. Denn Unwägbarkeit ist das Grundprinzip der ganzen Maschine: Alles überspricht, alles beeinflusst sich, alles ist ein bisschen chaotisch und es fühlt sich manchmal an, als würde man mit dem Auto auf Glatteis fahren. Man kann das Gefährt nur in eine bestimmte Richtung leiten, wirklich exakt dirigieren kann man es nicht. Das soll aber nicht heißen, dass der Polivoks eine völlig unvorhersehbare Noise-Maschine wäre, denn das ist er überhaupt nicht. Aber er steckt voller kleiner und größerer Überraschungen, die dazu führen, dass er einen Klang hat wie ihn sonst kein anderer Synthesizer bietet.

Gesteuert wird das alles über eine Klaviatur mit 48 Tasten (ohne Wheels), sechs Schalter, fünf Drehselektoren und 28 Potis. Die Tastatur ist einerseits richtig schlecht und sicherlich eines der schlechtesten Keyboards, die mir je unter die Finger gekommen sind. Gleichzeitig ist es aber in Normalgröße und man kann darauf unglaublich schnell repetieren. Offensichtlich liegen On- und Off-Schalter ganz eng beieinander, und zusammen mit den sehr schnellen Envelopes kann man da viel Spaß haben. Von der Form und der Größe erinnert der Polivoks vielleicht am ehesten an den Moog Voyager, allerdings kann der Aufbau nicht nach hinten umgeklappt werden. Das heißt wiederum, dass der Synthesizer eine ziemlich klobige Angelegenheit ist und mehr als doppelt so groß wie etwa ein Korg MS-20 in Originalgröße. Der Boden des Polivoks ist dabei gleichzeitig auch der Boden der mitgelieferten Aluminiumkiste mit zwei Griffen und zwei innenliegenden Staufächern, in der sich das Instrument dann sehr sicher fühlen kann. Und obwohl alles außer der Transportkiste komplett aus Plastik ist, wiegt der Polivoks gute 18 Kilogramm und sieht vollständig verpackt wie ein kleiner Reisekoffer aus.

Was das Design angeht: die Griffe der Kiste sind breit geriffelt und sehen aus wie Panzerketten. Die Seiten des Polivoks haben das gleiche Muster und tatsächlich: Der Synthesizer sollte an einen Panzer erinnern. Nachdem der Auftrag zur Entwicklung eines Synthesizers für Vladimir Kuzmin so etwas wie ein Spaß war, entschieden seine Frau und er sich auch beim Design für einen kleinen Spaß. In der Sowjetunion hieß das dann wohl, dass man den Synthesizer so designt, dass er wie ein Panzer aussieht. Das sollte man mal Teenage Engineering sagen, vielleicht kommt der nächste Pocket Operator dann nicht mit Nähmaschine sondern mit Ego Shooter.

Praxis

Wie schon angedeutet, ist der Polivoks ein ganz eigenes Gerät. Dafür steht symptomatisch das selbstoszillierende Filter, das alles übertönt, was bei drei nicht auf den Bäumen ist. Zwei massive Analogoszillatoren mit Rechteckwellen bei voll aufgedrehtem Mixer haben da keine Chance und das Filter wird nur noch böser. Von den Tönen der Oszillatoren ist da manchmal gar nichts mehr zu hören und während es allgemein heißt, dass ein selbstoszillierendes Filter einen Sinuston von sich gäbe – beim Polivoks sind das gerne mal ein paar Sinustöne mehr als sonst!

Die Oszillatoren sind in fast allen Lagen durchsetzungsfähig und das Gegenteil der dünnen DCOs, wie sie Mitte der 1980er Jahre im Westen Stand der Technik waren. Dazu gehört allerdings auch, dass sie sich verstimmen, und da muss man dann selber Hand anlegen. Hinter der Blende mit dem Namenszug verbergen sich sechs Trimpotis, mit denen sich die Oszillatoren stimmen lassen. Wo bei anderen Synthesizern die Oszillatoren darauf ausgerichtet werden, über das ganze Frequenzband ähnlich zu klingen, wird ihnen beim Polivoks freier Lauf gelassen und die gleiche Schwingungsform kann sich in unterschiedlichen Registern ganz anders anhören. Das sorgt aber nicht für Ärger, sondern macht richtig Spaß, weil man oft das Gefühl hat, dass einem mehr Schwingungsformen als üblich zur Verfügung stehen. Auch interessant ist es, zwei der Pulswellen gegenüber zu stellen. Normalerweise würde das zu einem phaserartigen Klang führen, in dem eine leichte Binnenbewegung zu hören ist. Nicht so beim Polivoks, wo das durchaus eine sehr ausgeprägte rhythmische Struktur ergeben kann. Wenn man dann noch den LFO einsetzt, hat man schon auf der Oszillatorebene viel interessantes Klangmaterial zur Verfügung, zumal die Oszillatoren leicht in der Tonhöhe driften und so immer andere Rhythmen erzeugen.

Auch der LFO ist immer anders: wo bei "normalen" Synthesizern die Rechteckschwingung für einen gleichmäßigen Wechsel zwischen zwei Tonhöhen bzw. Modulationswerten sorgt, gibt es beim Polivoks viel mehr Schwankungen und das Rechteck ist nicht immer rechteckig, sondern geht je nach Geschwindigkeit und Lage mal ein bisschen in Richtung Sägezahn und mal ein bisschen in Richtung Dreieck. Dabei ist es nicht so, dass man das Rechteck nicht mehr erkennen könnte, aber es ändert sich eben und ist in einer anderen Geschwindigkeit nicht nur einfach schneller sondern auch ein bisschen anders. Wie gesagt, das ist alles eher auf der Haben-Seite zu verbuchen, denn es klingt aus heutiger Sicht auch irgendwie natürlicher und organischer.

Auch die repetierenden Envelopes sorgen für viel Freude, zumal die Decayzeiten in Verbund mit dem extrem selbstoszillierenden Filter für perkussive Klänge sorgen, die, ja, einem Moog das Wasser reichen können, dabei aber doch um einiges aggressiver sind und vielleicht am ehesten an die Bissigkeit eines Korg MS-20 erinnern. Bei der Attackphase kann es allerdings passieren, dass die Hüllkurve nicht genug Energie aufbauen kann und sich vergeblich bemüht, das Filter nach oben zu treiben. Da merkt man dann so richtig, dass man es mit einer Kiste voller analoger Schaltkreise zu tun hat, die nicht immer die gleichen Standards erreichen wie bei den „großen“ Herstellern. Das sorgt aber im Gegenzug für das beglückende Gefühl, dass die ganze Kiste lebt und am arbeiten ist.

Der Polivoks wird öfter mal der "russische Minimoog" genannt, was angesichts des fehlenden dritten Oszillators und des gänzlich anderen Filterdesigns aber nicht wirklich Sinn ergibt. Was sieht aus wie ein Panzer und klingt garantiert nicht nach Minimoog: genau, ein Polivoks. Und um gleich mal mit noch einer anderen Fehlannahme aufzuräumen: Die Qualität der sowjetischen Bauteile war beileibe nicht immer für das Militär gedacht und von höchstem Niveau. Bei zivilen Bauteilen war eher das Gegenteil der Fall und in einer Planwirtschaft wie der der UdSSR musste in einer Fabrik, die so etwas schnödes wie Synthesizer baute, mit dem Vorlieb genommen werden, was gerade da war. Der Charme des Polivoks liegt also gerade nicht darin, dass er besonders stabil wäre, sondern eher darin, dass alle Bauteile am Rande der Höchstlast arbeiten beziehungsweise tatsächlich überlastet sind. Tatsächlich reden wir von ziemlich urzeitlicher Technik, die da am Ural zusammengelötet wurde. Und zu unserer großen Überraschung ist es vielleicht am ehesten hier, wo es dann doch noch eine Ähnlichkeit zu den Instrumenten von Moog gibt. Die frühen Moog Synthesizer waren nämlich genauso notorisch instabil und besitzen trotzdem oder gerade deswegen einen fantastischen Ruf. Etwas ähnliches finden wir im Polivoks: Technik der 1960er Jahre, von einem offensichtlich sehr begabten Ingenieur zusammengestellt und mit eher mittelwertigen Bauteilen produziert. Die Magie liegt darin, dass es sich nicht wie ein DIY-Selbstlötprojekt von „Music from Outer Space“ anhört, sondern ein richtig guter, musikalischer Synthesizer daraus geworden ist. Der ist zwar alles andere als perfekt, kann aber gerade durch diese Imperfektion Klänge erzeugen, die abseits der geregelten Wege eines neuzeitlichen Moog oder DSI oder gar virtuell-analogen Synthesizers liegen. Wenn man einem Posting im u-he Forum auf KVR Glauben schenken mag – und der Verfasser des Postings hört sich an, als wüsste er, wovon er spricht – ist das Filter des Polivoks so ziemlich unmöglich rechnerisch zu emulieren. Zu groß sind die Unwägbarkeiten und die vielfältigen Arten der Rückkopplung, als dass es in nächster Zeit wohl ein glaubwürdiges VST des Polivoks Filters geben wird.

Polivoks gebraucht kaufen

Glücklicherweise wurde aber eine recht große Menge an Polivoks gebaut. Vladimir Kuzmin gibt an, dass in den erfolgreichsten Jahren 20.000-30.000 Polivoks pro Jahr produziert worden seien, was den Polivoks zu einem der meistgebauten Synthesizer aller Zeiten machen würde. Ob diese Zahlen tatsächlich stimmen, wissen wir nicht, aber es beschleichen mich leise Zweifel daran, denn ganz billig war der Synthesizer nicht. Und es ist auch nicht so, dass man ständig irgendwo ein gebrauchtes Exemplar angeboten bekäme, aber wer sucht, wird doch fündig. Die besten Chancen auf ein Schnäppchen hat, wer auf kyrillisch sucht und sich traut, Geld nach Russland zu überweisen. Für alle anderen gilt: Zu einem Marktpreis von derzeit etwa 700-1000 Euro erhält man ein einen Vintage Synth, der sicher nicht der Synthesizer für alle Fälle ist, aber doch ein wirklich eigenständiges Instrument, das andere Klänge herstellen kann als die große Menge der zur Zeit erhältlichen subtraktiven Synthesizer.

Nachbauten gibt es auch, vor allem in der Welt der Eurorack Modularsysteme. Zum Selberlöten gibt es eine Platine von den französischen Papareil Synth Labs und sowohl Erica Synths aus Riga als auch The Harvestman aus Seattle bieten (fast) vollständige Modularversionen des Polivoks an. Diese sind dann allerdings zum einem erheblich teurer – der Preis für ein Komplettset von Erica Synths beläuft sich auf etwa 2000 Euro – und zum anderen sehen sie nicht aus wie ein Panzer. Zwei Gründe, welche die Kaufentscheidung für das Vintage-Original erleichtern können. Aus Moskau gibt es von Alexey Taber und Alex Pleninger jetzt auch einen Nachbau des Polivoks als Desktop Synthesizer, allerdings kostet auch diese Variante so viel wie das Set von Erica Synths und behauptet, mit Bauteilen aus militärischer Produktion zu arbeiten. Das wäre dann allerdings schade, denn wir wollen den Polivoks ja gar nicht sauberer haben, als er es von Natur aus ist. Ein gewaschener Punk ist kein Punk, ganz einfach.

Klar ist aber auch, dass ein Original Polivoks inzwischen bis zu 35 Jahre auf dem Buckel hat, was bei der Qualität der Bauteile eine ganze Menge ist. Glücklicherweise sind alle Bausteine des Polivoks noch erhältlich. Manches Mal ist es zwar nicht genau das gleiche Bauteil sondern eine Nachfolgevariante, aber immerhin funktioniert es. Für Leute, die sich sicher fühlen mit Elektronik und Basteleien mit dem Lötkolben, ist die Ersatzteilversorgung beim Polivoks also bislang kein Problem. Das sieht bei anderen Synthesizern wie dem russischen Altair 231 oder auch den frühesten Varianten des Minimoog ganz anders aus: Hier gibt es mitunter Bauteile, die gar nicht mehr hergestellt werden und deren Ausfall dann im schlimmsten Fall dafür sorgt, dass sich der Synthesizer nicht mehr reparieren lässt.

Modifikationen

Im Netz kursieren zwei sehr einfache Tweaks, mit denen die beiden größten Schwachstellen des Polivoks verbessert werden können: Sowohl die Geschwindigkeit des LFO als auch die etwas maue FM-Modulation können ganz nach Geschmack angepasst werden. Bei vielen heute gehandelten Polivoks sind zwei andere Modifikationen bereits eingebaut: Zum einen ist der Synthesizer oft nachträglich midifiziert worden, wobei wir aber nur von Note On/Off Befehlen sprechen und natürlich nicht von der Filterfrequenz oder anderen Bauteilen. Eine andere häufige Modifikation sorgt dafür, dass die LED des LFO im Tempo blinkt, was ja auch sehr praktisch sein kann

Fazit

Der Polivoks ist nicht umsonst der bekannteste sowjetische Analogsynthesizer. Nicht nur sein martialisches Aussehen, sondern auch seine spezielles Filterdesign und die allgemeine Ungenauigkeit machen ihn zu einer Besonderheit. Wer Spaß daran hat, zu beobachten, wie ein Synthesizer immer hart am Abgrund vorbei schlittert, um dann aber trotzdem immer noch tolle Sounds hervor zu bringen, der erwirbt mit einem Polivoks ein Stück Geschichte. Und zwar nicht nur Zeitgeschichte als Symbol von Ostblockmentalität und -produktionsmethoden, sondern auch von Synthesizergeschichte. Der Polivoks reißt nämlich ein Fenster nach hinten auf, in eine Zeit, in der die analogen Geräte noch nicht so perfekt waren wie heute. Und er vermittelt eine Ahnung davon, wie es Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre bei Moog gewesen sein muss. Mit einem modularen Aufbau schafft man das nicht – dazu sind die Module heute zu gut und versuchen, jede Übersprechung zu vermeiden – und mit einer handgelöteten Noisemaschine geht das auch nicht, dazu ist der Polivoks wieder zu gut gemacht. Sein bei Bedarf kreischendes Filter und die vielfältigen Übersteuerungsmöglichkeiten machen klar, dass er auf Anhieb für die etwas handfesteren Musikstile eher geeignet ist als für den Mainstream. Wenn man die Eigenoszillation des Filters aber einmal weglässt, kann man auch einen sehr nasalen, aber doch immer sonoren Charakter finden, und sich auch immer wieder überraschen lassen, wie Elektronik eigentlich klingen kann. Der Polivoks ist insofern ein Naturschutzgebiet der alten Elektronik, allerdings mit dem Dieselmotor eines Öltankers. Und damit: Nastrovje!

  • PRO
  • rauer, lebendiger, manchmal unberechenbarer Sound
  • einzigartiges Filter
  • repetierende Hüllkurven
  • Audio-Eingang
  • eigenwilliges Design
  • inkl. Aluminium-Case
  • Ersatzteilversorgung (noch) problemlos
  • CONTRA
  • Qualität der Tastatur
  • FEATURES
  • Bauzeit: 1982-1990
  • Klangerzeugung: analog, subtraktiv
  • Polyphonie: zweistimmig paraphon
  • 2 VCOs (Dreieck, Sägezahn, Rechteck, Pulse 1 und 2)
  • 1 VCF (LPF/BPF) mit repetierender ADSR Hüllkurve
  • 1 VCA mit repetierender ADSR Hüllkurve
  • 1 LFO (Dreieck, Sägezahn, Rechteck, Random)
  • Tastatur: duophon, 48 Tasten

Verwandte Artikel

User Kommentare