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Workshop
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12.11.2016

Mein Tag mit Dennis C.

Mein erster Kontakt mit Mr. Chambers himself war telefonischer Natur. Jemand drückte mir ein Telefon in die Hand und sagte „...is‘ für dich.“ „Hello?!“ Nachdem Dennis sich vorgestellt hatte („Hi! This is Dennis... Dennis Chambers“), erklärte er mir, dass er auf dem Weg zum Drehort sei, aber leider seine Sticks vergessen hätte.

Glücklicherweise waren wir gut vorbereitet und so konnte ich ihm aushelfen. Dennoch konnte ich mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen - vor Erleichterung, dass selbst in der absoluten Oberliga noch die gleichen kleinen Missgeschicke passieren wie bei unsereins...

Als Dennis dann eintraf, verflog meine leichte Angespanntheit angesichts der Zusammenkunft mit einem der größten Schlagzeuger-Idole überhaupt, fast vollends - denn er entpuppte sich als äußerst entspannter Zeitgenosse. Wir hatten uns im Vorfeld einige Sorgen gemacht, da wir für ihn nur ein Standard-Set mit drei Toms (statt seiner gewohnten sechs) und sage und schreibe zwei Beckenstativen bereitstellen konnten. Geschuldet war dieser Umstand Dennis’ Endorsement-Gebundenheit und der geringen Vorlaufzeit von nur knapp zwei Tagen.

Dennis aber winkte mit einem „That´s alright man. I´m easy!“ ab und nahm sich erstmal einen Kaffee. Nach einer kurzen Kennenlern-Phase in der Küche, gespickt mit Witzen und Geschichten aus dem Nähkästchen eines Drummer-Superstars, machten wir uns langsam an die Arbeit.

Obwohl ich mir fast sicher war, dass Dennis noch einmal persönlichen Hand anlegen würde, hatten wir das Set vorgestimmt. Nach seiner Bearbeitung klang es dann so hoch und knallig, wie wir es von ihm gewohnt sind, und so verließ er den Raum mit einem „That should work!“ wieder und ich durfte mit dem Ton-Mann den Soundckeck machen. Puh - jetzt aber auf jeden Fall eine gute Figur abgeben! Vielleicht kann man ja draußen was hören...

Als wir dann soweit waren und Dennis wieder herein baten, drückte er mir zunächst einmal seinen iPod in die Hand und sagte: “Check that out man!“ Er hatte mittlerweile Spitz gekriegt, dass ich selber auch Schlagzeuger bin und wollte sein Interessengebiet mit mir teilen. Dennis ist eben ein echter Musikfan, der die Gesellschaft von Musikern schätzt und sich dabei ganz normal und natürlich verhält. Star-Allüren Fehlanzeige. Als der 9,5 Minuten lange Track dann vorbei war und unser Kameramann schon mit den Hufen scharrte, konnte es also losgehen.

Die Antwort auf meine erste Frage “Was würdest du einem jungen Schlagzeuger raten, der zu dir kommt und dich fragt: Was muss ich üben, um eines Tages so spielen zu können wie du?“ machte mir klar: Hier sitzt ein echter Künstler vor mir und kein einfacher Stock-Artist. Seine Antwort: „Zuerst einmal würde ich die Gegenfrage stellen: Warum willst du spielen wie jemand anderes?“

Der ganze Workshop kam mir nicht wie ein Interview vor, sondern vielmehr wie ein respektvolles Gespräch unter Musikern mit einem sehr unterschiedlichen Erfahrungsschatz. Unglaublich, was dieser Mensch in seiner über 40-jährigen Karriere so alles erlebt hat und woran er sich noch erinnert. Das für mich (nach diesem Workshop noch mehr als vorher) Erstaunlichste an Dennis Chambers ist aber, dass er kein studierter Musiker ist, sondern sich all sein Können aus reiner Wissbegierde und Leidenschaft für die Musik angeeignet hat. Wenn man über Jahrzehnte beim Musizieren ohne Noten auskommt, entwickelt man offensichtlich ein erstaunliches Erinnerungsvermögen. So spielte mir Dennis im Laufe des Workshops Grooves in den originalen Arrangements der Aufnahmen des Buddy Rich Memorials aus dem Jahr 1989 vor (ohne ahnen zu können, dass er im Rahmen des Interviews damit konfrontiert werden würde). Es war immer der gleiche Vorgang: ein kurzer Blick an die Decke, ein Fill-In und man hatte das Gefühl, dass in seinem Kopf ein Playback ansprang, zu dem er dann mitspielte. Wahnsinn!

Ganz am Ende, als die Kameras schon aus waren, fragte ich ihn noch: “Hattest du jemals einen Plan B jenseits der Musik?“ Und er antwortete ohne nachzudenken: „Ja! Automechaniker.“

Und schon hatte ich wieder einen Kopfhörer auf den Ohren und war mitten in einem Schlagzeugsolo live im Central Park: „Is that amazing or what?!“

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