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Test
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19.05.2020

Toontrack EZbass Test

Songwriting-Tool für E-Bass

Weit mehr als eine einfache Sample-Library

Mit EZbass bringt Toontrack einen neuen Angehörigen der EZ-Familie an den Start, der ganz ähnlich wie der EZdrummer 2 und die EZkeys ganz im Zeichen des optimierten Workflows steht. Das virtuelle Instrument kommt nicht nur mit einer vielseitigen und durchaus detaillierten Sample-Library, sondern gibt dem Anwender zusätzlich eine Auswahl von MIDI-Grooves und eine ganze Reihe teils wirklich außergewöhnlicher Tools zur weiteren Ausarbeitung des Materials an die Hand.  

EZbass ist ganz konkret als Werkzeug zum Songwriting konzipiert und versucht, den Weg von der ersten Idee zum überzeugend klingenden Ergebnis so direkt wie möglich zu gestalten. Warum es tatsächlich noch nie so einfach war, einen mixfertigen Bass-Track aus dem Ärmel zu schütteln, steht in unserem Review.

Details

Zweigeteilte Library: Modern & Vintage

EZbass kommt als VST-, AU- und AAX-Plugin (64 Bit) sowie als Standalone-Version mit einer ganz zeitgemäß frei skalierbaren Benutzeroberfläche, auf der man sich nicht nur als erfahrender Toontrack-Anwender schnell zurechtfinden wird. Bevor wir uns die vielfältigen Workflow-Features genauer ansehen, werfen wir zunächst einen Blick auf die Sounds.

Die enthaltene Core Library ist etwa 2,5 GB groß und ähnlich wie beim EZdrummer 2 in die Bereiche Modern und Vintage unterteilt. Während der Modern Part Samples eines vielseitig einsetzbaren 5-Saiters vom amerikanischen Edel-Hersteller Alembic bietet, konzentriert sich der Vintage Part mit einem ebenfalls fünfsaitigen Fender Jazz Bass auf einen absoluten Klassiker der Musikgeschichte.

In beiden Fällen wurden Steg- und Hals-Pickups separat aufgenommen, was ein nachträgliches Mischen der Tonabnehmer und damit ein Formen des Klangs auf einer sehr grundlegenden Ebene erlaubt. Die weiteren Möglichkeiten zur Klangbearbeitung variieren mit den insgesamt 40 Presets (Modern: 24 Presets, Vintage: 16 Presets). EZbass konzentriert sich dabei ganz ähnlich wie der EZdrummer 2 auf die wesentlichsten Parameter und blendet unnötige Details aus. Man muss also kein studierter Tontechniker sein, um dem virtuellen Instrument einen guten Klang zu entlocken und die Ergebnisse an die eigenen Bedürfnisse anzupassen. Wer sich an diesem vereinfachten Konzept stört, der kann aber natürlich ein cleanes DI-Preset laden und seine eigenen Plugins im Mischer der DAW-Software verwenden.

Stimmige Artikulationsauswahl und ein interner Grid Editor

Meine persönlichen Fähigkeiten am E-Bass beschränken sich leider weitgehend darauf, Achtelnoten mit dem Zeigefinger zu zupfen. Der Tatsache, dass man mit dem Instrument natürlich weit mehr anstellen kann (wenn man denn wirklich darauf spielen kann), wird EZbass mit seinen unterschiedlichen Artikulationen gerecht.

Die Modern und Vintage Parts bieten zunächst verschiedene Presets für das Spiel mit den Fingern und einem Pick. Innerhalb dieser Presets finden sich jeweils sieben einheitliche Standard-Artikulationen für Zeige- und Mittelfinger bzw. Up- und Downstroke (mit Pick), Ghost-Notes, Harmonics und perkussive Sounds/Taps. Die Finger-Presets des Modern Parts enthalten zusätzlich drei Slap-Artikulationen. Im Vintage Part wird der slappende Daumen dagegen leider nicht ausgepackt. Weiterhin gibt es Scripts für Hammer-on/Pull-off sowie sechs Arten von Slides und Grace Notes, die allesamt ausgesprochen gut gesteuert und mit den übrigen Artikulationen kombiniert werden können. Wohlartikulierten Basslines steht also nichts im Weg.

Prinzipiell ist es durchaus möglich, EZbass beim Betrieb als Plugin vollständig von einem MIDI-Track einer DAW-Software zu steuern. Die Programmierung bzw. Bearbeitung von MIDI-Material gestaltet sich über die internen Features nach geringer Einarbeitungszeit aber wesentlich einfacher. So bietet der interne Grid Editor z. B. die Möglichkeit, einer Auswahl von MIDI-Noten kinderleicht unterschiedliche Artikulationen zuzuweisen oder Slides zu erzeugen. Auch die grafische Darstellung ist mit Farb- und Form-Kodierung der einzelnen Noten wesentlich übersichtlicher als jeder generische MIDI-Editor einer DAW. Wie man im weiteren Verlauf dieses Artikels sehen wird, kann man aber auch ganz ohne einen einzigen Griff zum Editor zu sehr guten Ergebnissen kommen.

Ein starkes Team: Der Song-Track und die Groove Library

Es gibt viele Möglichkeiten, mit EZbass zu arbeiten. Beispielsweise lässt sich der Grid Editor dazu nutzen, einen kompletten Bass-Track „from scratch“ mit der Maus zu programmieren, und natürlich kann man das virtuelle Instrument auch über ein Masterkeyboard spielen. Ein nicht ganz so traditioneller aber extrem zeiteffektiver Weg ist dagegen die Verwendung der enthaltenen Groove Library in Kombination mit dem Song-Track.

Die Groove Library bietet über 1200 Bass-Grooves aus den unterschiedlichsten musikalischen Bereichen und bleibt dank einer umfangreichen Filter- und Suchfunktion angenehm übersichtlich. Über Tap2Find ist es sogar möglich, nach Grooves zu suchen, indem man einen Rhythmus eintappt. Sobald man fündig geworden ist, lassen sich diese Grooves auf dem Song-Track anordnen und beispielsweise in Song-Parts organisieren. Die größte Stärke des Features liegt jedoch in der ebenfalls enthaltenen Akkordspur. Diese erlaubt es, das bestehende Material mit wenigen Mausklicks an die Akkordprogression eines Songs anzupassen. Auf diesem Weg lässt sich in kürzester Zeit ein funktionierender Bass-Track erstellen, der natürlich noch weiter ausgearbeitet werden kann.

Den Ansatz, vorgefertigte MIDI-Files durch Akkordvariationen zu jagen, kennt man aus den EZkeys. Gerade weil der E-Bass zusammen mit den Drums noch viel besser mit dem Konzept von Grooves vereinbar ist als das Piano, geht das Konzept bei EZbass aber noch wesentlich besser auf.

Workflowzauberei à la Toontrack

Schon an dieser Stelle ließe sich EZbass problemlos als ein kreatives Instrument zum schnellen Erzeugen von überzeugenden Bass-Tracks bezeichnen. Dass Toontrack nun noch eine ganze Schippe weiterer intelligenter und teils ungewöhnlicher Features obendrauf packt, sorgt für einen ausgeprägten Wow-Effekt.

Extrem hilfreich zum Auflockern des Materials ist eine Funktion zum automatischen Einfügen von Übergängen zwischen zwei Akkorden. So kann man mit wenigen Mausklicks für wesentlich organischere Ergebnisse mit mehr Fluss sorgen. Über Edit-Play-Style lässt sich die rhythmische Dichte eines Grooves anpassen und beispielsweise die Anzahl der Noten ausdünnen. Und auch das Abdämpfen und das Bearbeiten der Dauer von MIDI-Noten ist hier möglich. Wer mit einem Groove allgemein nicht mehr zufrieden ist, der kann ihn über Replace-MIDI ersetzen, ohne dabei die bereits erarbeitete Akkordprogression eines Songs zu verlieren.

Tatsächlich bekommt man bei der Kombination aus all diesen Features beinahe das Gefühl, dass sich irgendwo hinter der Benutzeroberfläche von EZbass ein echter Bassist versteckt, der sklavisch und schicksalsergeben seinen Anweisungen folgt. Aber es kommt noch besser!

Geniale Tracker-Funktionen

Tatsächlich ist EZbass mit zwei an irrwitzige Intelligenz grenzenden Tracker-Features ausgestattet, die man in dieser Form eher in einer DAW-Software als in einem virtuellen Instrument vermuten würde, die aber trotzdem kinderleicht zu bedienen sind.

Mit dem MIDI-Tracker ist es möglich, Bassbegleitungen für Drum-Grooves und Piano-Passagen zu generieren, die ganz einfach über Drag-and-drop aus der DAW oder z. B. auch direkt aus dem EZdrummer 2 eingeflogen werden können. EZbass bietet darauf unterschiedliche Konzepte zum Zusammenspiel mit dem Drummer oder Pianisten an und übernimmt im Fall eines Pianos auch die Harmonik.

In den folgenden Beispielen ist ein Drum-Groove aus der UK Pop EZX für den EZdrummer 2 mit allen vier automatisch von EZbass generierten Begleitungen und nachträglicher Bearbeitung über die Akkordfunktion zu hören. Diese Ergebnisse sind natürlich nur eine Grundlage und können in vielerlei Hinsicht weiter ausgearbeitet werden. Ein ganz wesentlicher Punkt ist, dass Drums und Bass in diesem Fall auch in Hinblick auf das Mikrotiming wirklich zusammenspielen und nicht wie zwei aneinander geklatschte Loops klingen.

Beim Audio-Tracker geht es dagegen eher um eine Übersetzung von Audio in MIDI (einschließlich Tonhöhenerkennung) als um das Generieren vollständig neuen Materials. Eine zugrundeliegende Audio-Aufnahme kommt idealerweise von Gitarre oder Bass (am besten DI-Signale) bzw. einem Percussion-Instrument und sollte rhythmisch möglichst eindeutig sein. Auf diesem Weg ist es beispielsweise extrem easy, eine bestehendes monophones Gitarren-Riff vom Bass doppeln zu lassen.

Audiomaterial ist natürlich nicht ganz so leicht zu analysieren wie MIDI-Daten, aber selbst wenn in der Erkennung hin und wieder kleine Fehler auftreten, lassen sich diese problemlos im Editor des Audio-Trackers korrigieren. Sehr hilfreich ist dabei, dass man dank eines entsprechenden Mix-Reglers nicht nur die Übersetzung aus EZbass, sondern gleichzeitig auch die zugrundeliegende Originalaufnahme hören kann. Im Fall einer von mir selbst eingespielten Bass-Spur (DI-Signal eines Fender Precision) arbeitete der Tracker sehr gut und auch Slides wurden erstaunlich gut übersetzt. Den Punkt, dass ich mangels Spieltechnik beim Zupfen ausschließlich den Zeigefinger verwendet habe, hat EZbass glücklicherweise nicht erkannt.

Fazit

Toontrack EZbass überzeugt auf der ganzen Linie. Dank der doppelten Library mit zwei E-Bässen, den jeweils separat gesampelten Pickups und der stimmigen Auswahl an Artikulationen kann man überzeugend realistische Ergebnisse mit einer angemessenen klanglichen Bandbreite erreichen. Ein Konglomerat aus verschiedenen Workflow-Features, die zum Teil neu sind und zum Teil vom EZdrummer 2 und den EZkeys umgemünzt wurden, sorgt dabei für kreativen Fluss beim Songwriting. Der MIDI-Tracker und der Audio-Tracker sind Paradebeispiele dafür, wie man in einer Software komplexe Funktionen auf anwenderfreundliche Art und Weise präsentieren kann.

Die größte Stärke von EZbass liegt meiner Meinung nach in dem Konzept, vorgefertigte Grooves über die Akkordspur in kürzester Zeit an einen Song anzupassen. Wie tief die weitere Bearbeitung im Grid Editor gehen soll, entscheidet jeder Anwender selbst. Es war tatsächlich noch nie so einfach, in kürzester Zeit einen kompletten und überzeugenden Bass-Track für einen Song zu erstellen – und das hat natürlich unsere Höchstwertung verdient.

  • Pro:

  • vielseitiger Klang (zwei Bässe, separat gesampelte Pickups)

  • umfangreiche Groove Library

  • Song-Track inkl. Akkordspur
  • 
interner Grid Editor
  • viele leicht zu bedienende Workflow-Tools

  • Generieren von Basslines auf Basis von Drums/Piano-MIDI

  • Audio-to-MIDI-Funktion
  • Contra:

  • Features:
  • Songwriting-Tool für E-Bass
  • ca. 2,5 GB große Sample-Library
  • zwei E-Bässe (Modern und Vintage)
  • 40 Presets
  • Groove Library mit über 1200 Grooves
  • viele kreative Workflow-Features
  • MIDI-Tracker zum Generieren von MIDI-Material
  • Audio-Tracker mit Audio-to-MIDI-Funktion
  • minimale Systemanforderungen: PC: Windows 7 oder neuer (64 Bit); Mac: macOS 10.9 oder neuer (64 Bit), 4 GB RAM (8 GB oder mehr empfohlen), 5 GB freier Festplattenspeicher
  • Preis:
  • 149,– EUR (Straßenpreis am 19.5.2020)

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