Software
Test
10
16.05.2021

Tone2 Warlock Test

Software-Synthesizer

Harmonic Content Morphing & über 2000 Sounds!

Ein Flaggschiffsynthesizer zu diesem Preis? Ein Softwareinstrument mit so einer minimalistischen Oberfläche? Genau das liefert nun Tone2, dessen Softsynths Electra2 und Gladiator3 sich bereits großer Beliebtheit erfreuen. Warlock heißt der neue Synthesizer und umfasst eine gigantische Preset-Library, vereint alle Funktionen auf einer Oberfläche und hat außerdem eine mächtige Sound Engine unter der Haube. Wir haben uns den Synth im Test einmal näher angesehen. 

Der Trend zur eierlegenden Wollmichsau, zum Synthesizer, der ALLE Synthese-Arten, Sampling, Sequencing und Effekte mit an Bord hat, ist ungebrochen. So bieten Softsynths der Kategorie Omnisphere, Serum, Massive X, Pigments und Co. derart massenhaft Funktionen für Sounddesigner, dass man kaum noch zum Produzieren kommt. Dazu programmiert sich die VST-Welt quer durch die Synthesizergeschichte – bald sind wahrscheinlich alle Rolands, Moogs und Korgs perfekt emuliert. Und die Frickler können auch auf der Softwareseite auf der Modularwelle reiten und sich im virtuellen Kabelwirrwarr verlieren. Wer einfach nur produzieren will, hat es da nicht immer leicht.  

Verfolgt man aber den Workflow vieler Producer, geht es vor allem im kommerziellen Bereich selten um Details und Sounddesign. Da wird Presetbank über Presetbank durchprobiert. Maximal der Sound wird etwas angepasst. Warlock ist im Grunde genau für diese Art von Musiker prädestiniert: Er bringt von Haus aus 2140 (!) Sounds mit und alle Regler, die Einfluss auf den Sound haben, sind sofort sicht- und verfügbar.

Details & Praxis

Installation und Demo

Warlock läuft auf Windows 7, 8 und 10 als VST 2.4 (64 Bit), VST 3.7 (64 Bit) sowie als Stand-alone. Bei Macs ist mindestens MacOS 10.11 Voraussetzung und auch auf den neuen Macs mit M1 läuft das Instrument. Bis zum Redaktionsschluss gab es für Apple-Rechner nur eine VST 3.7-Version. An der AU-Version arbeitet Tone2 mit Hochdruck, Logic User müssen sich daher aber noch etwas gedulden. Tone2-Macher Markus Krause teilte uns auf unsere Nachfrage hin mit, dass die AU-Umsetzung absolute Priorität habe, er könne aber, was den konkreten Zeitpunkt betrifft, noch keine Aussage treffen. Wir drücken die Daumen!

Eine Demo für Windows- und Mac-Systeme könnt ihr euch hier herunterladen. Sie läuft einen Monat, beinhaltet 256 der 2140 Sounds und hat einige eingeschränkte Funktionen. Der Kopierschutz benötigt weder einen Dongle, noch ständiges Online-Sein. Nach dem Kauf bekommt ihr den Download und die Seriennummer zugeschickt, dann einmal eintragen und fertig. 

Gigantische Preset-Library 

Das Grundprinzip von Warlock: viel Sound, wenig Arbeit. Wer hier nach komplexer Modulationsmatrix, LFOs und Random-Modulatoren oder dem fünften Effektweg sucht, weil das ja Lieblingsplugin das auch schon immer konnte, ist auf dem Holzweg. Wer sich hingegen vor allem in elektronischen Genres bewegt, die durch die Synthesizer der Neunziger gefärbt wurden, der braucht nach Warlock eigentlich nicht mehr viel – und kann den Synth zudem in erstaunlich vielen Spuren laden, denn die CPU-Auslastung ist selbst bei komplexen Sounds kaum erwähnenswert.

2140 Presets sind dabei – sie sind von Krause selbst und einigen Sounddesignern gebaut. Dazu gibt es drei „User“- und drei „Empty“-Soundbanken. In den User-Banks speichert ihr die eigenen Sounds, die drei „Empty“-Bänke sollen sukzessive in den nächsten Updates befüllt werden. Geht man durch die mitgelieferten Sounds, findet man alles vom drückenden EDM-Bass, über peitschende Plucks und wabernde Pads bis hin zu Arpeggios und Trance-Gates. Die nächste Mayday kann kommen. 

Random-Funktion und minimale Optik 

Der eigentliche Star von Warlock aber ist der „Random“-Button. Dieser stellt alle Parameter auf zufällige Werte, bleibt dabei aber so musikalisch, dass nach fast jedem Klick hörbare Ergebnisse rauskommen. Damit hat Warlock quasi unendlich viele Sounds im Gepäck. Dabei aber das Abspeichern nicht vergessen, denn ihr könnt einen versehentlich getätigten „Random“-Klick nicht rückgängig machen!

Die Oberfläche von Warlock ist erfrischend einfach gehalten. Keine zweiten Seiten oder Tabs, keine Animationen der Modulation, kein Wavetable-Editor. Zwei Oszillatoren, ein Filter, zwei Hüllkurven, ein LFO, zwei Effekte und Arpeggiator – mehr braucht Warlock nicht. Wenn ihr doch einmal eigene Sounds in Warlock bauen wollt, ist der Weg ein leichter.

Harmonic Content Morphing und Workflow 

Tone2 nennt die Synthese-Form in Warlock Harmonic Content Morphing. Dazu wählt man in einem der Oszillatoren in Warlock eine der 84 Wellen aus, daneben einen der 25 Algorithmen und verbreitert den Sound mit einem der 37 Hypersaw-Modi. Alles ist mit einem Klick im Menü abrufbar, die Resultate klingen musikalisch.

Die 25 „Modifier-Algorithms“ könnt ihr euch vom Prinzip her ähnlich vorstellen wie Modulatoren in der FM-Synthese: Wellenformen, die die Obertonzusammensetzung der Hauptwelle beeinflussen. Genau diese Obertöne lassen sich dann über den Partials-Regler noch verändern, mit einem Ringmod-Oszillator metallischer klingen, und mit „Sub“ und „Breathy“ noch durch Bassoktave und Noise beeinflussen. Richtig riesig wird es durch „Hypersaw“. Ähnlich wie bei Unison-Reglern lassen sich hier die Oszillatoren vervielfachen und in die Breite ziehen, entweder verstimmt oder in Intervallen wie Oktave, Quinte oder Terz. 

Filter, LFO und Envelopes

Im Filter gibt es neben Standards wie Lowpass und Highpass, die auf verschiedene Analogvorbilder hinweisen, auch ungewöhnliche Ausführungen wie „Fractals“ und „Resample“. Dazu gibt es einen „Drive“-Regler, der alles hinter dem Filter noch einmal verzerrt. Was hier an wunderschön böser Verzerrung rauskommt, macht einfach Spaß.

Die zwei Hüllkurven schnappen sehr zügig auf und zu – hervorragend für Plucksounds. Der frei verfügbare LFO hat eine eher überschaubare Zahl an Zielen, die er ansteuern kann. Neben klassischen Wellenformen bringt er dazu einige voreingestellte Rhythmen mit, die temposynchron auf dem Cutoff fast schon Dubstep Feeling erzeugen können. Auch der Arpeggiator arbeitet nicht nur klassisch in geraden Notenwerten, sondern zusätzlich mit einer Vielzahl an fertigen Rhythmen.  

Zwei Effekte, zwei Parameter

Die beiden Effekte kommen in Warlock tatsächlich etwas zu kurz, fast fragt man sich, ob es nicht auch ein Effekt und dafür mehr Einstellungsmöglichkeiten getan hätten. Jeder der beiden Effekte hat immer nur zwei Parameter, die beide keine Werte anzeigen. Will man beispielsweise die Geschwindigkeit bei einer der sieben Delay-Varianten einstellen oder die Geschwindigkeit beim Chorus-Effekt auf das Track-Tempo anpassen, ist Raten und Ausprobieren angesagt. 

Es gibt insgesamt 18 Effekte, von denen sich bei genauerem Hinsehen aber eigentlich nur 10 tatsächlich voneinander unterscheiden. So gibt es „Reverb“ und „Delay“ als Kombination, verschiedene Reverb- und Delay-Arten und dazu einige Verzerrungs- und Modulationseffekte. 

Was wir uns wünschen 

Während des Tests sind uns einige arbeitsalltagsrelevante Dinge aufgefallen, über die der Warlock zwar (noch) nicht verfügt, die ihn aber ein Stück weit besser machen könnten: Parameter-Lock – der „Random“-Button ist schon eine echte Sounddesignwundertüte, den Parameter auf Wunsch aber von der Zufallsveränderung ausschließen zu können, würde das Ganze hier noch zielführender machen. MIDI-Mapping ist DAW-seitig möglich, ein simpler Rechtsklick im Plugin wäre aber noch einfacher. Bei der Modulation wären ein zweiter LFO und mehr Modulationsziele toll. Vielleicht gibt es diese Kniffe dann in der Warlock-Extended-Ausführung?

Fazit

Wir können Warlock fast uneingeschränkt empfehlen – für Produzenten. Selten hat ein Hersteller sich so auf Preset-Nutzer eingeschossen wie Tone2 bei Warlock. EDM, Rave, Trap: Alles, was große, knallende Synth-Sounds braucht, wird mit Warlock mehr als bedient. Ein paar Kleinigkeiten wünschen wir uns dennoch – auch wenn es natürlich bei dem im Vergleich zur weitaus teureren Konkurrenz fairen Preis nicht um große Features gehen kann, das ist uns klar. Trotzdem: Der Preset-Browser macht es einem mit seiner Windows-XP-Menüführung und bei dieser Masse an Presets nicht gerade leicht, einen Sound zu finden. Bei manchen Reglern wie dem Cutoff werden Werte angezeigt, bei anderen wie der Delay-Geschwindigkeit hingegen nicht. Das ist inkonsequent. Warlock geht den Weg des Preset-Synthesizers so weit wie kaum ein anderer – und ist damit auf Höhe der Zeit. Der Bedarf an fertigen Loops, Sounds und Presets wächst rasant, viele Producer brauchen für ihren Workflow kein ausgefeiltes Sounddesign, sondern schnell neue Sounds – und genau das bietet Warlock.

  • Pro
  • Extrem viele Presets
  • Random-Funktion für unendliche Soundvariationen
  • Simpler Workflow
  • CPU-Auslastung gering
  • Komplexe Rhythmen in LFO und Arpeggiator
  • Größe der Oberfläche auf bis zu 8K skalierbar
  • Contra
  • Preset-Menü ist umständlich
  • Nicht jeder Regler zeigt einen Wert an
  • Features
  • Software-Synthesizer mit Harmonic Content Morphing
  • 2140 Presets
  • Random-Funktion für unendlich viele neue Sounds
  • 2 Oszillatoren
  • 1 Noise-Oszillator („Breathy“)
  • 1 Sub-Oszillator
  • Ringmodulation für metallische Sounds
  • 84 Oszillator-Typen
  • 25 Algorithmen
  • 37 Hypersaw-Modi
  • 38 Filtertypen
  • 2 Effekt-Slots mit 18 Effekttypen (10 Effekte, die auch kombiniert werden)
  • Arpeggiator mit 22 Abspielmodi
  • Systemvoraussetzungen PC: Windows 7, 8, 10 (64 bit)
  • Formate: VST 2.4 (64 bit), VST 3.7 (64 bit), Stand-alone
  • Mac: MacOS 10.11 or higher, MacOS 11; Intel CPU or Apple M1 (native support), Supported formats: VST 3.7 (64 bit)
  • Preis
  • Vollversion im Tone2-Shop: 59 EUR (Straßenpreis 15.5.2021)

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