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Tracktion F.’em Test

Es tut sich also was in der FM-Welt. Bei Hardware Synthesizern sorgte beispielsweise Opsix von Korg vergangenes Jahr für Furore. F.’em von Tracktion nimmt die etwas angestaubte Syntheseform mit ins 21. Jahrhundert mit gigantischen Layer-Instrumenten und Modulationsmöglichkeiten, dass einem schwindelig wird. Was F.’em kann, wie er klingt und sich bedienen lässt, lest ihr im Test.

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Tracktion werden die meisten von der DAW Waveform kennen. Aber auch auf dem Plugin-Markt sind sie aktiv, ob mit den „DAW Essentials“ oder Software-Instrumenten wie Biotek. Die Entwicklung von „F.’em“ konnten Tracktion-Fans im letzten Jahr im eigenen Forum mitverfolgen. Die Ankündigungen versprachen viel, die Entwicklung zog sich. Nun ist F.’em da. Ein FM-Riese.

Acht Oszillatoren, ein Noise-Modul, zwei Sample-Module und zwei Filter – alles über die Operator Matrix in typischer FM-Manier mit- und untereinander modulierbar. Und das Ganze auf vier Layern. F.’em liefert eine gigantische Palette an Möglichkeiten, was Sounddesign betrifft. Alle Module können in jedem Layer mit unterschiedlichen Einstellungen und FM-Routings genutzt werden. 

Details und Praxis

So klingt F.’em

Sind die Presets installiert, können diese im Browser nach Typ, Genre und Autor gefiltert werden. Eine Vorwarnung: Die Lautstärkeunterschiede der Presets habe ich so extrem in noch keinem Software Synthesizer erlebt. Bei gleicher Velocity sind manche Presets kaum über die -20 dBFS gekommen, während andere auf +17 dBFS übersteuerten. Setzt also vorsichtshalber einen Limiter hinter das Plugin.

Fotostrecke: 2 Bilder Falls ihr einzelne Sounds mit dem Sternsymbol als Favoriten markiert habt, könnt ihr diese oben rechts einzeln einblenden.
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Unter den 566 Presets sind viele Klassiker aus der FM-Welt dabei. Alles, was nach Xylophon, Glockenton, Marimba oder hölzernem Techno-Bass klingt, ist hier vertreten. Falls ein Sound zu plötzlich oder nicht plötzlich genug anspielt, könnt ihr im Preset-Browser unten über vier der Makroregler die Hüllkurven aller Operatoren (so nennt man in der FM-Welt Oszillatoren, Noise und Sampler) anpassen.

Der Workflow in F.’em

Wer es gerne brachial und Dubstep-angehaucht mag, sollte in den Sounds von Yuli Yolo stöbern. Hier kommt die Wucht, die FM entwickeln kann, besonders gut hervor. Auch komplexe Pad-Sounds sind en masse vorhanden. Dazu hat F.’em neun Effekte mit an Bord. Ihr findet sie in vier Slots im „Effects“-Bereich. Wer nur den Anteil der voreingestellten Effekte global anpassen möchte, kann das über den fünften Makroregler tun.

Fotostrecke: 2 Bilder Jeder Effektparameter kann moduliert werden.
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Ein echtes Highlight in F.’em ist die FM-Matrix. Wie in „FM8“ von Native Instruments kann man Modulationen in der Matrix durch einfaches Klicken und Ziehen zwischen zwei Operatoren einstellen und per Doppelklick auch wieder löschen. Selbstmodulation oder Feedback kann in den Operatoren selbst oder in der Matrix in der Mitte eingestellt werden. Rechts in der Hauptansicht werden zum Vergleich die Wellenformen und Hüllkurven aller Operatoren untereinander angezeigt.

FM-Sounds selbst erzeugen

FM kann man musikalisch gesehen quasi als extrem schnelles Vibrato beschreiben und lebt davon, dass Modulationen in Audio-Rate-Geschwindigkeit (also bei Note A4 mit 440 Hertz!) per Hüllkurve nur auf den Attack-Bereich eines Carriers angewandt werden. Ein Beispiel: In F.’em spielt Oszillator 2 eine Sinuswelle, Oszillator 1 ebenfalls. Oszillator 1 moduliert Oszillator 2. Die Modulation wird über die FM-Matrix angelegt. Die Hüllkurve von Oszillator 1 bekommt einen kurzen Attack, keinen Sustain und keinen Release. Der Decay-Regler bestimmt nun, wie die Modulation klingt. Fertig ist der Glockensound!

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Ein weiterer wichtiger Klangfaktor der FM-Synthese ist die Ratio, also quasi der Multiplikator in einem Modul. Hohe Werte können in extrem zackigen Attack-Sounds resultieren, entsprechende Hüllkurve vorausgesetzt. Die Ratio jedes Operators stellt ihr entweder im linken Bereich von F.’em ein, wo alle Operatoren untereinander gelistet sind, oder einzeln in der Detailansicht. Will man mehrere Operatoren nutzen, kann es sehr sinnvoll sein, die Hüllkurven aneinander anzupassen. Jede Hüllkurve kann daher kopiert und in anderen Operatoren eingefügt werden.

Hüllkurven und Layer in F.’em

Falls ein störendes Klicken am Anfang eines Sounds zu hören ist, liegt das an einer zu kurzen Attack-Zeit. Tracktion hat vorsichtshalber einen „Declick“-Button für jede Hüllkurve eingebaut. Dieser erscheint bei Attack-Zeiten unter 0,5 Millisekunden. Er passt die Attack-Zeit so an, dass das Klicken nicht mehr zu hören ist. Überhaupt sind die Hüllkurven der heimliche Star des Synthesizers. So sind sie waschechte MSEGs – Multi-Stage-Envelope-Generators. Das ermöglicht viel komplexere Hüllkurven als die Standard-ADSR-Variante. Per Doppelklick erzeugt ihr immer weitere Punkte und damit komplexe Modulationen.

Fotostrecke: 3 Bilder „Declick“ verschiebt zu kurze Attack-Einstellungen automatisch.
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Wer sich so richtig austoben will, kann Soundgiganten in F.’em erzeugen, in denen aus allen vier Layern unterschiedliche Soundanteile kommen. Also mit zweiunddreißig Oszillatoren, vier Noise-Modulen, acht Filtern und acht Sample-Modulen. Meist geht es dabei aber nicht darum, dass jeder Layer eigene Sounds erzeugt. Die Einstellungen aus dem ersten auf Layer zwei und drei zu kopieren und die beiden jeweils eine Oktave nach oben oder unten zu stimmen, kann schon vollkommen ausreichen, um einen mächtigen Bass-Sound zu erzeugen.  

Effekte, Arpeggiator und Modulatoren

Bei jedem der vier Layer können jeweils bis zu vier interne Effekte geladen werden. Dazu gibt es jeweils ein separates EQ-Modul. Falls eure CPU das schafft. Der Arpeggiator macht, was er soll – splittet die eingehenden MIDI-Noten entsprechend des eingestellten Rasters. Natürlich auch wieder pro Layer. Das wiederum lädt zu komplexen, polyrhythmischen Spielereien ein.

Fotostrecke: 3 Bilder Wie in Warlock von Tone2 gibt es verschiedene Reverb-Typen als einzelne Effekte.
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Als wäre es nicht schon genug der Modulation, hat jeder der dreizehn Module auch noch zwei eigene LFOs. Fest verknüpft mit jeweils Pitch (Cutoff bei den Filtern) und Lautstärke könnt ihr hier wahre Vibrato-WahWah-Monster erschaffen. Dazu gibt es noch zwei globale LFOs, sogenannte „Flow LFO“, die wiederum in der Modulationsmatrix auf 200 Ziele (pro Layer!) verteilt werden können. Wer sich gerne im Synthesizer-Sounddesign verliert, wird F.’em lieben. 

MPE und Samples

So langsam gehört MPE bei neuen Software Instrumenten zum guten Ton. Auch F.’em versteht nach Aktivierung in den Optionen die zusätzlichen MIDI-Signale. Timbre und AT  (Slide und Pressure bei anderen Herstellern) können als Modulatoren genutzt werden. Eine MPE-fähige DAW wie Live 11, Bitwig Studio oder Logic Pro-X vorausgesetzt, lassen sich damit viele Parameter gleichzeitig in F.’em mit entsprechendem MPE-Controller verändern.

Eine echte Besonderheit in F.’em ist die Möglichkeit auch Samples zu laden. Zwei Module sind pro Layer vorhanden. 91 Samples sind dabei, dazu können auch eigene Samples importiert werden. Leider geht das nicht einfach per Drag-’n’-drop aus der DAW oder einem Ordner, sondern über einen festen Sample-Import-Bereich. Dieser erlaubt nur das Laden eines Samples aus einem fest eingestellten Ordner. In diesen müssen die Wav-Dateien erst kopiert werden.

Fotostrecke: 2 Bilder Sample Start ist bei komplexen Samples ein hervorragendes Modulationsziel.
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Samples werden immer komplett abgespielt und in jeder Tonhöhe unterschiedlich schnell. Das macht F.’em eher zu einem recht unberechenbaren Sample-Instrument. Vor allem längere Audiodateien, mehrtaktige Loops beispielsweise, hören erst nach dem Auslaufen auf – außer ihr erzeugt eine Hüllkurve ohne Sustain. Andererseits sind lange Loops aber dafür als Modulationsquelle umso interessanter. Warum nicht den 30-sekündigen Jazz-Drums-Loop laden und ihn als Modulator nutzen für einen besonders perkussiven FM-Sound?

Installation und Demo

Die Installation von F.’em erfolgt am einfachsten über den Download-Manager von Tracktion. Dort loggt ihr euch ein und lasst das Programm Plugin und Samples installieren. Die Installation ist gute 700 Megabyte groß, der Download auch. Falls ihr die Samples nicht auf dem Systemlaufwerk installieren wollt, könnt ihr den Ordner verschieben und dann im Plugin in den Optionen den neuen Pfad anwählen. Wer neugierig geworden ist, kann sich hier eine Demo für 90 Tage herunterladen.

Fazit

F.’em bietet viel Sounddesign-Potenzial. Wer gerne selbst Sounds erstellt, sich stundenlang im Modulieren von modulierten Modulationen verliert, aber nicht auf Modular-Synthese steht, der findet momentan kaum etwas Besseres als diesen Synthesizer. Die Sounds variieren so in Lautstärke und CPU-Belastung, dass es teilweise zum Glücksspiel wird, ob es gut klingt und spielbar ist. Die Sample-Engine beherrscht selbst einfachste Einstellungen wie Loop-Bereich oder rudimentäres Time-Stretching nicht. Und auch bringt F.’em kein „Initialize“-Preset mit, in dem alle Operatoren zurückgesetzt sind.Die Idee, das Konzept von F.’em für komplexes Layering und die Kombination mit zwei Sample-Engines kommt zu einem Zeitpunkt, in dem individuelles Sounddesign immer wichtiger wird. Sollte Tracktion die genannten Punkte mit einigen Updates in den Griff bekommen, wird F.’em einer der mächtigsten Sounddesign-Synthesizer auf dem Markt. Und das sogar für Linux.

Unser Fazit:

Sternbewertung 4,0 / 5

Pro

  • komplexes Sounddesign mit vier Layern
  • zwei Sample Module
  • Arpeggiator, Modulation und Effekte pro Layer
  • mächtige Bass-Sounds in den Presets
  • Linuxversion

Contra

  • starke Lautstärkeschwankungen in den Presets
  • Samples können nicht per Drag-’n’-drop geladen werden
  • kein Time-Stretching bei Samples
  • kein Init-Preset
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Tracktion F.’em Test

  • FM Synthesizer mit 11 Operatoren (8 Oszillatoren, 1 Noise-Modul, 2 Sample-Module) und zwei Filtern pro Layer
  • Operator Matrix mit Feedback und Sync,
  • pro Oszillator: 11 Wellenformen, loopbarer MSEG, Pitch-LFO, Amp-LFO, Pitch-Envelope,
  • Noise-Modul: White Noise und Pink Noise, loopbarer MSEG, Pitch-LFO, Amp-LFO, Pitch-Envelope,
  • Sample-Module: Wav-Datei-Import über User-Sample-Ordner, loopbarer MSEG, Pitch-LFO, Amp-LFO, Pitch-Envelope,
  • Filter-Modul: 17 Filtertypen (diverse HP, LP und BP, Sallen-Key LP, Ladder LP), loopbarer MSEG, Cutoff-LFO, Amp-LFO, Pitch-Envelope,
  • 10 Effekte (pro Layer vier Slots): separater EQ (vier Bänder), Distortion, Chorus, Phaser, Compressor, Filter, Delay, Reverb Natural, Reverb Plate, Reverb Non-Linear
  • Arpeggiator (pro Layer unterschiedlich)
  • zwei “Flow“-LFOs
  • MPE-fähig
  • Modulationsmatrix: 200 Slots pro Layer

Preis

  • Tracktion F.’em 179,– $ (Straßenpreis 17.06.2021)
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von Julian Schmauch

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