Workshop
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14.07.2016

Techno produzieren - Sounddesign, Arrangement und Beats

Workshop: Von der Idee bis zum fertigen Track

Beats produzieren am Beispiel von Broombecks Helicopter

Techno ist ein eigenständiges Genre der elektronischen Musik, das Mitte der achtziger Jahre in der Underground Clubszene geboren und verbreitet wurde. Mittlerweile gibt es unzählige Unterarten: Von kommerzielleren und poppigeren Titeln, über minimal gehaltene clubbige Tracks bis zu absolut unhörbaren Experimental-Interpretationen einiger Werke, die sehr der klassischen Musik ähneln. Diese sehr energiegeladene Musik lebt durch ihre Anhänger, die den "Vibe" des Tracks spüren und so die langen Clubnächte zum Tag werden lassen. 

Im folgenden Workshop zeigt der Techno Produzent und Autor Marcus Schmahl aka Broombreck seinen Ansatz einen Techno Track von der Pike auf zu produzieren. Hierzu gehören Sounddesign, Bass- und Melodie-Verläufe, Arrangement, Effekte, Mix - und das wichtigste: der treibende Beat. Besonders markant ist die durch alle Tracks laufende Kick mit dem tiefen Subbass-Anteil.

Techno Basics

Wie fast alle Titel der elektronischen Musik, gibt beim Techno der Vierviertel-Takt den Rhythmus an. Die Geschwindigkeit spielt sich je nach Subgenre zwischen 118 und 135 BPM ab. Die akzentuierten Kick Drums sitzen meist auf den vollen Zählzeiten, Snare Drums oder Claps betonen die Zwei und die Vier. HiHats spielen dagegen und werden auf die Und-Zählzeiten gesetzt. Um den Groove zu gestalten, setze ich gerne leisere Kicks, Toms und andere Percussion-Instrumente zwischen die geraden Taktstriche.

Die Kick Drum übernimmt sehr oft den Bass-Part. Viele monoton gehaltene Techno-Tracks verzichten auf eine Basslinie, sodass der langgezogene oder weit ausklingende Subbass-Anteil der Kick diese ersetzt. Bei angespielten Basslinien werden die Tiefen mit einem Equalizer beschnitten oder in der Tonhöhe angehoben. Weitere oft eingesetzte Stilelemente sind Gated Reverbs, die auf die Kick angewendet ein weiteres Rhythmus Element addieren. Hier muss natürlich akribisch aufgepasst werden, dass die tiefen Frequenzen noch monokompatibel bleiben. Denn Reverbs im Bassbereich können sehr schnell Auslöschungen durch Phasenprobleme erzeugen.

Typische Drumsounds basieren auf den legendären Maschinen aus dem Roland-Fuhrpark. Tiefe sinusartige TR-808 Kicks sorgen für den satten und warmen "Wumms", TR-909 Hihats, Rides, Snares und Claps liefern den Groove. Variationen der Sounds entstehen durch Mischungen und Überlagerungen verschiedener Samples mit Instrumenten oder auch durch nachträglicher Bearbeitung mit Effekten. Die alten Roland Drumsequenzer sorgten schon in den achtziger und neunziger Jahren für den Grundbeat der elektronischen Dance-Szene. Die Beats wurden komplett mit diesen Kisten und dem internen Sequenzer programmiert. Ein großes Plus ist der integrierte Shuffle-Drehregler dieser Maschinen. Denn Shuffle sorgt für den Groove, für den House Music steht. Techno dagegen ist eher geradliniger. Der Shuffle-Wert beträgt hier meist nur 3-10 Prozent.
Bei Drum-lastigen Stücken bleibt meist nur wenig Raum für weitere Instrumente. Deswegen reduzieren viele Techno-Produzenten die Sounds auf ein Minimum und setzen nur bedingt Effekt-Samples, industrielle Geräusche oder kurze vokale Passagen ein. Bei den eher melodischen Titeln werden gerne sich schnell wiederholende Arpeggios auf Synthesizer-Sounds losgelassen. Diese leben durch Filter- und Effektspielereien. In den Breaks, also den ruhigen Bereichen des Songs, wird fast immer das komplette Drumming heruntergefahren und oft sogar komplett ausgeschaltet. Hier können sich die Produzenten mit Effekten, Sounds und Automationen so richtig ausleben, bevor sie wieder mit einer musikalischen Explosion und dem Beat einsteigen.

Techno Beispiel

Um euch ein wenig meine Arbeitsweise näher zu bringen, zeige ich die Vorgehensweise zur Produktion des Titels „Broombeck - Helicopter“ (erschienen im Mai 2014 auf Florian Meindls Flash Recordings).

Hier ist ein kleiner Auszug aus dem Titel bei dem die meisten Instrumente zu hören sind:

Der hier angespielte Titel soll euch nur zeigen, wie ich starte und wie ein melodischer Techno Track entsteht. Fühlt euch animiert ähnliche oder auch minimalere Tracks aus den neuen Erkenntnissen zu erstellen, die ihr uns gerne in den Kommentaren präsentieren dürft.
Am Ende des Artikels befindet sich ein Video, in dem ich zeige, wie der Titel in meinem Studio entstanden ist. Als DAW nutze ich Ableton Live als Master. Alle Synthesizer und Sequenzer werden von Live gesteuert und bekommen ein MIDI-Clock Signal für ein einheitliches Tempo.

Aufbau eines Techno Tracks

Die Struktur eines Techno Tracks ist schnell und einfach erklärt:

Intro (ein minimierter Beatteil, mit dem der DJ gut anfangen oder mixen kann)
Beatpart 1
kleiner Break
Beatpart 2
Überleitung zum großen Break
großer Break
Beatpart 3
Outro

Ein Techno Track hat eigentlich keinen standardisierten Aufbau. Die meisten meiner Titel entstehen als Skizze in Ableton Lives Session Ansicht. Dort programmiere ich meine Drums, ein Mix aus analogen Sounds und digitalen Samples, spiele Basslines ein und entwickle meine Melodie, beziehungsweise Arpeggio-Linien. Für die Arpeggios nutze ich sehr gerne Max4Live Stepsequenzer, aber auch externe Controller (zum Beispiel Arturia Beatstep Pro, Ableton Push 2), oder Sequenzer (zum Beispiel MFB Urzwerg Pro, Elektron Analog Four). In einer zirka zehnminütigen Aufnahme werden die Sequenzen fest auf die Festplatte verbannt. So kann ich mir im Nachhinein die besten Passagen aussuchen und neu für das Arrangement passend zusammenstellen.

Sounddesign

Die Kickdrum besteht aus einem analog erzeugten Sinus-Sub, der mit einem Sample als Topping gemischt wurde. Dieses Sample wird in Live mit dem Simpler über ein Drum Rack wiedergegeben. Im Drum Rack programmiere ich mir meist einen Makro-Regler, der eine LowCut-Filter steuert und ganz leicht die Decay-Zeit des Sounds herunter regelt. Somit kann ich auf die Schnelle kleine Mini-Breaks automatisieren.

Die Hihats kommen aus meiner Roland TR-909 (CHH, OHH, Ride Cymbal). Da ich sehr gerne atmosphärische Sounds in den Hintergrund mische und auch Percussion-Instrumente live aufnehme, kommt für die Shaker und das Hintergrund-„Rauschen“ mein Stereo-Mikrofon-Paar von Sontronics (STC-1S) zum Einsatz. Durch nachträgliches Warping in Ableton Live baue ich bei diesen Spuren sehr schnell den richtigen Groove zum Rest des Songs. Hihats nutze ich meist mit einer kürzeren Decay Zeit, um den Track schneller wirken zu lassen. Die Rides sitzen recht spät im Arrangement und dienen lediglich zum letzten "anfeuern" der Tanzenden. Auf dem Ride Cymbal wende ich den Sidechain Effekt an. Dieses erzeugte Pumpen lässt den Song nochmals schneller wirken.

Die Bassline spielt ein Moog Slim Phatty. Der Sound besteht aus zwei um eine Oktave verstimmten Pulswellen. Das LowPass-Filter ist recht weit geschlossen, erhält aber über eine Hüllkurvenmodulation ein etwas offeneres Attack.

Die Melodie-Linien bestehen aus mehreren Klangerzeugern. Hier übernimmt ein Roland Juno-106 den flächigen Part. Alle Filterbewegungen, Hüllkurvenveränderungen und sonstige Reglereinstellungen habe ich live eingespielt und direkt aufgenommen. Oft passieren genau bei solchen Aufnahmen ungewöhnliche und ungewollte Reglerfahrten, die aber das "Leben" eines Songs ausmachen. Starres Einzeichnen der Automationen ist natürlich wiederum wichtig bei schnellen und rhythmischen Bewegungen. Als Ersatz finde ich die kostengünstige Juno-106 Emulation der Firma TAL sehr interessant.

Der zweite Synthesizer ist ein Oberheim SEM Pro. Er ist für die Hook-Melodie zuständig und sitzt im Frequenzspektrum über den anderen Melodien. Da dieser Synth nicht ferngesteuert werden kann, musste ich den SEM manuell automatisiert aufnehmen.

Die dritte Melodie-Linie spielt der Elektron Analog Four. Hier habe ich im Performance Modus mehrere Parameter auf einen Drehregler gelegt. Das bringt sehr viele überraschende Momente im Titel, die im Break sehr wichtig sind. Die vierte Synthesizer Linie ist von der Novation Bassstation 2, bestehend aus nur wenigen, über einen halben Takt geloopten Noten. Zusätzlich spielt noch eine weitere Arpeggio-Melodie des Waldorf Pulse 2. Das Zusammenspiel dieser Instrumente hört ihr in dem oben vorgestellten Auszug aus dem Track.

Weitere Effekt- und Hintergrund-Sounds kommen von dem pinken und kleinen digitalen Synthesizer Bolsa Bass von der Firma Critter & Guitari. Ein kleines Spielzeug mit unheimlich interessanten Klängen.

Effekte wie Reverb, Raum und Delay werden über Busse dazu gemischt. Send-Automationen dieser Effekte über das ganze Arrangement verstärken den Effekt, dass einzelne Spuren mehr in den Raum wandern oder auf einmal wieder in Mitte, also direkt vor dem Gesicht, stehen. Ich benutze gerne die Hall und Raum Effekte der Firma ValhallaDSP, die Reverb-Emulationen von Universal Audio (UAD2) und meine externen Hardware Effektgeräte von der Firma Strymon.

Das Arrangement entsteht bei mir eigentlich aus dem Bauch heraus. Einen Titel Live vor Freunden einspielen ist auch sehr oft eine gute und funktionierende Lösung, denn nur so merkt ihr, wann eine Passage langatmig wird oder sogar überhaupt nicht ankommt. Wer Probleme hat ein funktionierendes Ergebnis zu erstellen, soll einen fertigen und bekannten Song, der in eine ähnliche Richtung des eigenen Tracks geht, als Vorlage in das Arrangement ziehen. So könnt ihr mit einem A/B-Vergleich sehr schnell ein grobes Layout schnitzen. Einen Arbeitsschritt habt ihr euch hiermit schon erspart, denn diesen Vergleich benötigt ihr höchstwahrscheinlich für das nächste Thema: Mixing.

Techno produzieren: Mixing und Tipps & Tricks 

Ist das Arrangement erstellt, route ich alle zusammenpassenden Kanäle in separate Subgruppen. Hihats, Shaker, Percussions, etc. laufen hier zusammen. Melodie-Spuren bilden einen Strang, Kick und Bass gehen direkt in den Master. In den Gruppen kann ich besser Frequenzen beschneiden, die im Mix unnötig sind. Gerade analoge Kisten, wie die TR-909, liefern immer wieder ungewollte Bassanteile mit den Hihats. Diese Bassanteile sind wichtig, falls dieses Instrumente solo abgespielt werden. In der Summe stören sie aber. Eine leichte Kompression und vielleicht ein Sidechain-Ducking, das durch die Kick getriggert wird, ist ein oft eingesetzter Effekt im Techno.
Melodie-Gruppen bearbeite ich oft mit einem Mid-Side-Equalizer, um die oberen Mitten und Höhen ein wenig in die Breite zu ziehen. Bass und Kick sind sowieso mono und spielen sich absolut in der Mitte ab, wo sie im elektronischen Dance Genre auch hingehören.
Ein Sound-Vergleich mit eurem „Referenztitel“, den ihr natürlich auch so weit herunter regeln solltet, bis das Lautstärke-Verhältnis zwischen den beiden Titeln ungefähr gleich erscheint, zeigt euch, welche Frequenzen angehoben, beziehungsweise abgesenkt werden müssen. Hierzu eignet sich ein guter Equalizer, der vielleicht noch ein wenig eigenen Sound in den Mix einbringt, wie der Maag EQ4 von Plugin Alliance. Vertraut aber bitte euren Ohren während des Mix-Prozesses! Das ist sehr wichtig und oft die bessere Wahl.

Mit einem Analyzer messe ich selbst gerne noch einmal die endgültige Frequenzkurve meines Mixes. In der logarithmischen Anzeige sollte die Kurve ungefähr eine Gerade ergeben. Wer es bassig mag, kann gerne den unteren Bereich ein wenig anheben. Jetzt ziehe ich alle Kanäle, die in den Masterkanal laufen so weit herunter, dass sich der Peak des Masterpegels bei zirka -6 dB aufhält. Somit sollten wir genug Headroom für das Ausspielen des Pre-Masters haben. Der nächste Schritt ist das Mastering. Und das überlassen wir einem Profi mit frischen Ohren, der vielleicht mit anderem Equipment und Erfahrung hier und da Ideen hat, noch mehr aus dem Track herauszuholen.

Zu guter Letzt könnt ihr euch hier das Entstehungsvideo zu „Broombeck - Helicopter“ (Flash Recordings) anschauen. Entschuldigt den Sound-Abbruch im hinteren Teil des Videos. Hier ist die Aufnahme leider abgebrochen, aber mein Kameramikrofon hat den Rest glücklicherweise mitgeschnitten. Falls ihr Fragen zu dem Workshop habt oder weitere detailliertere Artikel über die Entstehung elektronischer Musiktitel lesen wollt, postet gerne einen Kommentar.

Besten Gruß
Euer Marcus aka Broombeck

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