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Test
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21.10.2021

Studio Electronics SE-3X Test

Analoger Desktop/Rack-Synthesizer

Bassmonster aus einer anderen Zeit

Mit dem SE-3X präsentierte Studio Electronics in diesem Jahr eine Weiterentwicklung des Klassikers SE-1X. Der Analogsynthesizer verknüpft die bewährte, an den Minimoog angelehnte Klangerzeugung mit einigen neuen Funktionen und Ideen, wie einer erweiterten Filtersektion und zwei wählbaren Overdrive/Fuzz-Schaltungen. Auch in den Bereichen Software und Bedienung hat der Hersteller Verbesserungen vorgenommen. Kann der SE-3X die Erfolgsgeschichte fortschreiben?

Es ist kaum zu glauben, aber wahr: Der Studio Electronics SE-1 erschien vor fast drei Jahrzehnten. Auch der Nachfolger SE-1X erblickte schon vor etwa 20 Jahren das Licht der Welt. In der schnelllebigen Synthesizerwelt sind das Ewigkeiten. Der Rack-Synthesizer aus Kalifornien ist also mittlerweile selbst zu einem echten Klassiker geworden. Kann man so etwas überhaupt noch verbessern? Ja, meint der Hersteller und schickt mit dem SE-3X eine Neuauflage ins Rennen, in die viele Wünsche von Fans des SE-1(X) eingeflossen sind.

Details

Historie

Als er 1993 erschien, war der Studio Electronics SE-1 einer von nur ganz wenigen analogen Synthesizern, die es überhaupt neu zu kaufen gab – und von diesen einer der ambitioniertesten. Eine analoge Klangerzeugung im Minimoog-Stil mit drei Oszillatoren, jede Menge Regler und Knöpfe zum Schrauben und speicherbare Patches: Das war die Formel, die den SE-1 in den 1990ern einzigartig machte. Knapp eine Dekade später erschien mit dem SE-1X eine überarbeitete Version mit einer deutlich erweiterten MIDI-Steuerung, schnelleren Hüllkurven und weiteren Verbesserungen. Zusammen mit diesem genießt der SE-1 bis heute den Ruf, ein besonders bassgewaltiger Synthesizer zu sein – übertroffen wohl nur vom Minimoog selbst. Wohl auch deshalb steht er seit jeher bei Produzenten von Hip Hop, R&B und anderer basslastiger Musik hoch im Kurs.

Wir spulen vor ins Jahr 2021 und die Synthesizerwelt hat sich gründlich verändert. Nicht nur ist das Angebot an analogen Synthesizern so groß wie nie und das Etikett „analog“ taugt längst nicht mehr als Alleinstellungsmerkmal. Auch sind Rack-Synthesizer eine Seltenheit geworden. Wer keine Tastatur benötigt, greift heute in der Regel zu Desktop-Modulen; das 19-Zoll-Format spielt im Synthesizer-Bereich eigentlich keine Rolle mehr. Schon allein durch die Bauform ist der SE-3X also inzwischen ein Exot. Wie hat Studio Electronics den Klassiker erneuert, um ihn für die Zwanzigerjahre fit zu machen? Und gibt es in Zeiten von Behringers Model D und Rolands (zusammen mit Studio Electronics entwickelten) SE-02 heute noch einen Grund, sich den im Vergleich nicht sehr günstigen SE-3X ins Rack zu schrauben?

Äußeres

Schon auf den ersten Blick ist die Nähe zum SE-1X nicht zu übersehen. Wie dieser ist der SE-3X ein Synthesizer im 19-Zoll-Rackformat mit drei Höheneinheiten. Und auch das Bedienfeld entspricht – von einigen neuen Beschriftungen und exakt zwei neuen Bedienelementen einmal abgesehen – dem Vorgängermodell. Insgesamt macht der Synthesizer einen soliden, wertigen Eindruck. Allerdings sind die Drehregler leider nicht mit dem Gehäuse verschraubt und wackeln etwas. Also passt man besser auf, dass man nicht aus Versehen mit dem Knie gegen den ins Rack eingebauten Synthesizer bollert.

Sonst gibt es aber wenig zu meckern. Die edle Optik wird leider etwas vom Logo gestört, das geradewegs aus den frühen 1990ern zu stammen scheint. Die Regler sind angenehm groß und widersetzen sich wohltuend dem Trend zur Miniaturisierung. Ein Kritikpunkt wäre vielleicht noch die Ablesbarkeit des LC-Displays, wenn man nicht direkt von vorn darauf schaut. Die oberste Zeile des Displays lässt sich schon aus einem Winkel von schätzungsweise 30 Grad von oben nicht mehr richtig ablesen. Auch seitlich sieht es nicht viel besser aus. Gerade bei einem Synthesizer, der ins Rack eingebaut wird und den man deshalb häufig von der Seite oder von oben bedient, kann das je nach Einbauort etwas nerven.

SE-3X vs. SE-1X

Kommen wir zum Wichtigsten: Welche Neuheiten hat der Hersteller sich einfallen lassen, um den SE-1X zu modernisieren? Laut Studio Electronics gab ein befreundeter Händler den Anstoß, als er um die Anfertigung eines modifizierten SE-1X bat. Unter anderem wünschte er sich zwei zusätzliche Filter und einige Software-Anpassungen. Von dem Ergebnis war Studio Electronics offenbar so angetan, dass man sich entschloss, die Modifikation zum regulären Produkt zu machen.

Die Unterschiede zum SE-1X betreffen sowohl die analoge Hardware des Synthesizers als auch das Betriebssystem, das einige neue Funktionen bekommen hat. Hardwareseitig findet man die erste (und wichtigste) Neuheit in der Filtersektion. Beim SE-1 und SE-1X hatte man die Wahl zwischen einem 24-dB-Ladder-Filter im Moog-Stil und einem 12-dB-Filter nach Art des Oberheim SEM, das in Tiefpass- oder Bandpass-Modi betrieben werden konnte. Beim SE-3X findet man in der RFC-Abteilung (Resonant Filter Collection), die durch Drücken des entsprechenden Tasters aktiviert wird, neben dem Moog-Filter (M) nun einige weitere Optionen. Alternativ lassen sich mit einem Drehschalter ein dem ARP 2600 nachempfundenes Filter (A) und ein Roland-Juno-Filter auswählen. Letzteres sogar in drei Varianten: Mit 24 dB Flankensteilheit (R1), mit 6 dB Flankensteilheit (R2) und in einer Mix-Variante (R3), die die Charakteristiken der beiden vorangegangenen miteinander verbindet. Das 12-dB-SEM-Filter steht selbstverständlich weiterhin zur Verfügung und ist aktiv, wenn der Taster nicht leuchtet. Statt wie bisher zwei Filter bietet der SE-3X also vier, von denen eines in drei verschiedenen Modi betrieben werden kann.

Die zweite Hardware-Neuheit ist an einem kleinen Schalter zu erkennen, der in der Hüllkurven-Abteilung Platz gefunden hat. Mit ihm kann man aus zwei verschiedenen Overdrive- bzw. Fuzz-Schaltungen wählen, um den Sound des SE-3X analog aufzurauen bzw. anzudicken. Eine ähnliche Modifikation gab es bereits bei der 2019 erschienenen Neuauflage des SE-1X, bei dem der Schalter aber beim Filter untergebracht war und nur eine Fuzz-Variante bot.

Schon rein optisch wirken die beiden neuen Bedienelemente – der Filter-Wahlschalter und der willkürlich inmitten der Hüllkurven untergebrachte Overdrive-Schalter – wie nachträgliche Modifikationen. Und tatsächlich sind diese beiden neuen Hardware-Features so etwas wie ab Werk eingebaute Bastler-Mods. Das eigentliche Voice-Board des Synthesizers ist unverändert und entspricht dem SE-1X. Die neuen Filter und die beiden Overdrives wurden sozusagen obendrauf gepackt. Daraus ergeben sich in der Praxis einige Besonderheiten, die man bedenken sollte, doch dazu gleich mehr.

Softwareseitig hat Studio Electronics ebenfalls einige Neuerungen vorgenommen, die man zum Teil an den Beschriftungen des Bedienfelds erkennt. Über den Shift-Taster (Panel 2) lassen sich nun einige Funktionen erreichen, die es beim SE-1X nicht gab.

Vielleicht die wichtigste Neuheit: Die drei Oszillatoren des SE-3X lassen sich nun 3-stimmig paraphon spielen. Obwohl es keine echte Polyphonie ist, da die Filter, Hüllkurven und LFOs nur einmal vorhanden sind, ermöglicht diese Funktion das Spielen einfacher Akkorde.

Eine weitere Neuheit, mit der Studio Electronics einen bei den Vorgängermodellen oft genannten Kritikpunkt beseitigen möchte, ist der vereinfachte Zugriff auf die Mix-Lautstärken der drei Oszillatoren. Zwar gibt es immer noch keinen dedizierten Mixer, aber wenn man Shift gedrückt hält, dienen die drei Pulsbreiten-Potis zum Einstellen der Lautstärken. Das ist nicht optimal, aber deutlich einfacher als beim Vorgänger, bei dem man für diese grundlegende Einstellung ins Menü musste.

Weitere Neuerungen auf der Software-Seite sind die exponentielle Glide-Charakteristik aus dem Studio Electronics Omega, die sich statt der linearen auswählen lässt, eine vereinfachte Einstellung der Feinstimmung von Oszillator 2 und 3 sowie die LFO-Gate-Funktion aus der Boomstar-Serie. Dank letzterer kann LFO 3 die Filter- und Amp-Hüllkurven triggern, was viele interessante, rhythmische Klänge ermöglicht.

Klangerzeugung und Bedienfeld

An der grundlegenden Struktur der Klangerzeugung ist nichts verändert worden. Obwohl er sich im Wesentlichen am Minimoog orientiert, ist der SE-3X kein direkter „Klon“, denn es gibt doch einige wichtige Unterschiede.

Die drei VCOs liefern je drei Schwingungsformen, die per Taster wählbar sind – auf Wunsch auch gleichzeitig. Bei Oszillator 1 und 3 sind es Dreieck, Sägezahn und variable Pulsschwingung; Oszillator 2 ersetzt die Dreieckswelle durch eine Sinusschwingung. Pro Oszillator stehen ein Regler für die Stimmung und einer für die Pulsbreite bereit. Die VCOs 2 und 3 lassen sich zu Oszillator 1 synchronisieren. Der Sync-Schalter für VCO 2 dient in Verbindung mit Shift zur Aktivierung der 3-stimmigen Paraphonie; die drei Pulsbreitenregler übernehmen wie beschrieben zusätzlich die Funktion des Mixers.

Als weitere Klangquelle steht ein Rauschgenerator zur Verfügung, der nur über das Menü zugänglich ist. Das gilt auch für den Ringmodulator, der von Oszillator 2 und 3 gespeist wird.

In der Filtersektion gibt es neben den Potis für Cutoff und Resonance einen Regler für das Keytracking. Ein Taster schaltet zwischen dem 12-dB-SEM-Filter und der sogenannten „Resonant Filter Collection“ um, in der man die erwähnten Moog-, Arp- und Roland-Varianten findet. Diese werden mit einem kleinen Wahlschalter ausgewählt.

Der SE-3X bietet insgesamt vier ADSR-Hüllkurven, die sich zwei Sätze Bedienelemente teilen. Envelope 1 ist fest mit dem Filter verbunden; Envelope 2 mit dem VCA. Diese beiden Hüllkurven lassen sich nun wahlweise von LFO 3 triggern. Durch Druck auf einen Taster erreicht man die Envelopes 3 und 4, die sich im Menü verschiedenen Parametern zuweisen lassen, beispielsweise der Resonanz, der Pulsbreite oder den Oszillatorlautstärken. Für die Envelopes 1, 3 und 4 gibt es jeweils ein Poti für die Modulationsintensität; für die Amp-Hüllkurve lässt diese sich nicht einstellen.

Weitere Modulationsquellen sind die drei LFOs, die links von den VCOs zu finden sind. Auf dem Bedienfeld gibt es nur einen Rate- und einen Depth-Regler sowie zwei Taster, mit denen man die LFOs 2 und 3 erreicht. Alle weiteren Einstellungen wie Schwingungsformen (Dreieck, Rechteck, Sägezahn steigend und fallend, Noise oder S&H), Zuweisung zu Modulationszielen und Sync (intern oder MIDI-Clock, Key Sync) findet man im Menü.

Ganz links ist die Programmer-Sektion zu finden. Die kleine LED-Anzeige zeigt stets die Nummer des gewählten Patches innerhalb der gewählten Bank an. Wenn der Sound gegenüber der gespeicherten Version verändert wurde, weisen kleine Punkte darauf hin. Das darunterliegende LC-Display dient zum einen zur Anzeige der Bank und des Programmnamens. Zum anderen ermöglicht es zusammen mit den vier Cursor-Tastern und dem Q-Encoder die Einstellung aller Parameter, für die keine Regler oder Taster auf dem Bedienfeld existieren. Insgesamt zeigt das Display 11 Menüseiten – was nach meinem Empfinden gerade noch erträglich ist.

Für das Speichern von Sounds stehen im SE-3X acht Speicherbänke zu je 99 Plätzen, also insgesamt 792 Speicherplätze zur Verfügung. Die Bänke 1-4 sind nicht überschreibbare ROM-Bänke. In den übrigen Bänken kann man eigene Sounds speichern, wobei die Bänke 5-7 ab Werk mit den Soundsets „Scroggin’s Synquence“, „Diademer“ und „Infared“ gefüllt sind. Laut Studio Electronics soll Bank 8 das Set „PARAdizer“ enthalten; dieses war bei unserem Testgerät allerdings noch nicht vollständig vorhanden.

Anschlüsse

Das Thema Anschlüsse ist beim SE-3X schnell abgehakt. Rückseitig liefert der Rack-Synthesizer einen Mono-Audioausgang und MIDI In/Out/Thru. Auch im Jahr 2021 verzichtet Studio Electronics auf USB-MIDI und verbaut weiterhin nur die klassischen DIN-Buchsen. Mich persönlich stört das nicht, da USB-Verbindungen sich leider allzu oft durch unangenehme Störgeräusche bemerkbar machen und ich die traditionellen MIDI-Anschlüsse bevorzuge, wann immer es geht. Vielleicht wäre dies aber dennoch eine Gelegenheit zu einer behutsamen Modernisierung gewesen.

Außerdem steht ein Eingang für ein externes Audiosignal bereit. Wird dieser genutzt, tritt er an die Stelle des internen Rauschgenerators. Damit man das externe Signal hören kann, muss Envelope 2 getriggert werden, um den VCA zu öffnen. Es ist nicht möglich, den Amp sozusagen auf „Durchzug“ zu stellen und das Audiosignal ohne Auslösung der Hüllkurve durchzuschleifen. Ein weiterer Nachteil ist, dass der Rauschgenerator hardwareseitig deaktiviert wird, sobald ein Stecker in der Buchse steckt. Man kann also nicht zwischen Rauschen und externem Eingang umschalten, sondern muss hinter das Rack kriechen und den Stecker herausziehen, wenn man das Rauschen nutzen möchte. Gerade bei einem Rack-Synthesizer ist das natürlich ziemlich unpraktisch. Auch der externe Eingang wirkt also ein bisschen wie eine nachträgliche Modifikation, die man besser hätte umsetzen können, wenn sie von Anfang an Bestandteil des Designs gewesen wäre.

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