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Test
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02.08.2018

Studio Electronics Boomstar 8106 MkII Test

Analoger, monophoner Desktopsynthesizer

Von Juno bis Jupiter ...

Mit dem Boomstar 8106 MkII liefert der amerikanische Hersteller Studio Electronics die zweite, überarbeitete Version seines vollanalogen, monophonen Desktop-Synthesizers. Wir nehmen diese Überarbeitung zum Anlass, uns den neuen Boomstar 8106 MkII genauer anzuschauen und uns zu fragen, womit er in einem engen Marktumfeld punkten kann.

Die Firma Studio Electronics gehört in Deutschland sicherlich nicht zu den bekannteren Herstellern. Wem der Name etwas sagt, der kennt ihn vermutlich durch den Roland SE-02, den Studio Electronics gemeinsam mit den Japanern entwickelt haben. Dass sich die Amerikaner hierzulande nicht so recht durchgesetzt haben, hat, wie man hört, nicht zuletzt mit der problematischen Preispolitik zu tun, welche die Geräte in Deutschland etwas unattraktiv macht. In den USA hingegen genießen die Synths von Studio Electronics einen exzellenten Ruf, unter anderem in der HipHop-Community.

Details

Unterschiedliche Ausführungen

Mit dem Boomstar wandte sich die Edelschmiede 2013 erstmals einer Klientel zu, die nicht, wie etwa professionelle Studios, ohne weiteres mehrere tausend Dollar für einen analogen Synthesizer ausgeben konnten. So ging die erste Reihe der Desktop-Geräte für unter 1.000 Euro über die Ladentheke, während wir mit den aktuellen Varianten leider deutlich über dieser Marke liegen. Wer nach dem Synthesizer googelt, wird schnell feststellen, dass es nicht nur *einen* Boomstar gibt, sondern gleich sechs verschiedene. Das liegt daran, dass er, wie eine teure Eiscreme, in verschiedenen Geschmacksrichtungen zu haben ist, wobei der Geschmack in diesem Fall bestimmt wird durch das verwendete Filter, das den einzigen Unterschied zwischen den Varianten bildet. Studio Electronics haben dabei nach eigenem Bekunden nicht etwa Filterschaltungen eins zu eins nachgebaut. Aber die Filtereigenkreationen treten an, um jeweils den Spirit eines berühmten Vorbilds einzufangen.

Auswählen kann man unter folgenden Filter-Ausführungen:

  • ARP 2600
  • Moog
  • Roland Jupiter/Juno (das ist die hier getestete Version)
  • Roland TB-303
  • Oberheim SEM
  • Yamaha CS-80

Zugegeben, eine Selektion, die Appetit macht.

Äußere Erscheinung und Ausführung

Bei der Überarbeitung des Boomstar Synths hat man sowohl bei den inneren wie auch den äußeren Werten Hand angelegt. Sehr auffällig sind die neuen Holzpanels an der Seite, die wirklich extrem schön und edel wirken und in der Realität noch weitaus hübscher erscheinen, als auf den meisten Fotos. Auch das Layout wurde stark verbessert und bietet nun nicht nur eine klarere Aufteilung, sondern auch hochwertige und in Form und Farbe differenzierte Potis. Auch am Signalweg wurde Finetuning betrieben, mit dem Ziel, einen noch klareren, durchsetzungsfähigeren Sound zu produzieren, was unter anderem durch mehr Headroom beim Verstärker bewerkstelligt wurde. Frisch überarbeitet ist zudem die – sehr gelungene – Feedback-Schaltung.

Heavy Metal

Der Boomstar wirkt, als sei er für die Ewigkeit gemacht. Nimmt man ihn das erste Mal in die Hand, fällt gleich sein beachtliches Gewicht auf, und das, obwohl er mit externem Netzteil betrieben wird. Solide, hochwertige Technik überall. Das Design ist klassisch gehalten, mit schwarzem Metallgehäuse, Kippschaltern und Potis in verschiedenen Farben und Größen sowie den fast schon zwingenden Holzseitenteilen, die raunen: "Ich bin edel und analog". Wobei man sagen muss, dass dieses Holz wirklich außergewöhnlich schön und hochwertig ist, weitaus schicker als jenes an meinem Prophet-6 zum Beispiel. Das Redesign des Panels kann man wirklich nur loben. Während die alten Boomstars ziemlich egalitär, eher langweilig und unübersichtlich wirken, hat man bei der MkII-Version alles fein säuberlich differenziert und logische Sektionen klar optisch gegliedert, so dass man sich sehr schnell zurechtfindet.

"Solide" ist fast schon ein zu schwaches Wort für den Eindruck, den der Boomstar hinterlässt. Die Range-Potis der Oszillatoren sind so stramm, dass ein versehentliches Verstellen absolut unmöglich scheint. Eine Ausnahme zu dieser Regel bilden die Potis in der untersten Reihe, welche als einfache Plastikstifte ausgeführt sind. Auch sie werden sicher lange ihren Dienst tun, wirken aber eher billig; von der Art, die man normalerweise verschämt auf der Geräterückseite versteckt. Im Grunde gibt es dafür jedoch nur Abzüge in der optischen Note, wobei ich gestehen muss, dass das Mastertune mit einem so kleinen Poti unnötig schwer präzise einzustellen ist.

Anschlüsse

Ein flotter Blick auf die Rückseite offenbart äußerste Schlichtheit: Es gibt einen Audioausgang, den Stromanschluss für das externe Netzteil sowie MIDI In und Out-Buchsen, die flankiert werden von zwei Druckschaltern, einen zum Kaskadieren mehrerer Boomstars (in diesem Fall werden MIDI-Stimmen, die nicht bedient werden können, an den nächsten in der Reihe durchgereicht) und einen zum Einstellen des MIDI-Kanals per MIDI learn.

Allerdings enthält auch das Bedienpanel auf der Oberseite einige Anschlüsse, die dort sicherlich gut aufgehoben sind. Dies sind – allesamt kleine Klinken: CV In, Gate In, Filter FM, Amp AM, Osc Out und Ext In.

Ausstattung

Als Hersteller ist man sicherlich versucht, dem Kunden so viel zu bieten, wie nur irgend möglich ist. Nicht selten findet man deshalb auch in kleinen analogen Kisten diverse Extras wie Arpeggiator, Step-Sequenzer, Effekte etc. Studio Electronics hingegen halten sich da beinahe schon zen-mäßig zurück und bleiben bei den absoluten Basics: 2 VCOs, Filter, 2 Envelopes und ein LFO. Das war's auch schon, wenn man von einigen – allerdings nicht unwichtigen – Subtilitäten absieht.

Die Oszillatoren

Für die Oszillatoren lassen sich jeweils stattliche sechs Fußlagen wählen, und natürlich können sie miteinander synchronisiert werden. Allerdings sind sie nicht identisch. Oszillator 1 ist klar die dominierende Figur und kann vier Schwingungsformen erzeugen, die zudem auch teilweise mischbar sind: Dreieck oder Sägezahn UND/ODER Sinus oder Rechteck. Die Pulsweite des Rechtecks ist frei einstellbar, und Oszillator 1 bietet zudem die Option, einen Suboszillator hinzuzuschalten, der als Rechteckschwingungsform eine Oktave tiefer mitarbeitet, wahlweise in voller oder halber Lautstärke. Oszillator 2 bietet nur Sägezahn, Dreieck oder Rechteck (mit fester Weite), besitzt dafür aber – wie üblich – einen Finetune-Poti sowie die Option der Modulation durch eine der Hüllkurven.

Komischerweise, und in einiger Entfernung zu den Oszillatoren, findet man zwei Puzzlestücke, die doch eng damit verknüpft sind. Dies ist zum einen die "XMOD" genannte Möglichkeit, Osc 1 durch Osc 2 zu modulieren, wobei der Grad per Poti stufenlos einstellbar ist und man zudem entscheiden kann, ob dies die Frequenz oder die Pulsweite betreffen soll. Noch ferner der Heimat, am unteren Rand des Gehäuses, findet sich zum anderen der Zugriff auf den Ringmodulator, bei dem bekanntlich die Signale der Oszillatoren multipliziert werden. Gut, dass das Ringmodulator-Poti an dieser Stelle verbaut ist. Das wundert nicht, da es in direkter Nachbarschaft zu den Lautstärke-Potis der Oszillatoren liegt. Allerdings kann man sich schon fragen, warum *diese* da unten zu finden (oder eher zu suchen) sind … Ebenfalls dort unten verbirgt sich das Poti für einen Rauschgenerator, der dem Signal hinzugemischt werden kann.

Filter

Das Filter – im Fall des Testgerätes ein 24dB Filter, angelehnt an das von Roland Juno- oder Jupiter-Synthesizern – bietet die üblichen Einstellmöglichkeiten. Neben der Cutoff-Frequenz und der Resonance, die bei diesem Exemplar bis zur Selbstoszillation führt, können mit dem Contour-Poti die Modulation durch die Filter-Envelope sowie mit einem Kippschalter das Tracking (ganz, halb, aus) bestimmt werden. Als kleine Besonderheit lassen sich zudem Modulationen der Filterfrequenz durch VCO 2 oder LFO stufenlos einstellen. Wobei zu erwähnen ist, dass der Boomstar auch über einen Miniklinkeneingang für die Filterfrequenz verfügt, so dass auch eine externe Modulationsquelle möglich ist.

Leicht übersehen kann man hingegen, dass das Gerät auch über ein Highpass-Filter verfügt, dessen Frequenzpoti unscheinbar und unschuldig am oberen Gehäuserand sitzt. Gleich daneben liegt zudem ein Schalter mit der Beschriftung "6dB ON". Zu ihm schweigt sich das ohnehin etwas sehr einfach gehaltene, und nur als Download verfügbare Manual aus. Gehör und Logik legen nahe, dass durch Umlegen die Filtergüte beider Filter von 24dB auf 6dB umgeschaltet wird – für meine Begriffe eine etwas ungewöhnliche Wahl bei der Flankensteilheit (warum nicht 12dB?), aber immerhin eine weitere gute Klangoption.

Hüllkurven

Bei den beiden Hüllkurven, die jeweils dem Filter und dem VCA zugeordnet sind, handelt es sich um Vertreter der Gattung ADSR. Allerdings haben Studio Electronics ihnen ein paar schöne Kniffe mitgegeben. So kann Env 1 (Filter) auch rückwärts oder im Loop durchlaufen werden. Bei Letzterem werden die Attack- und Decay-Phasen geloopt, so dass sich die Hüllkurve praktisch in einen LFO verwandelt. Auch Env 2 kann invertiert werden. Zudem bietet sie die Option, sie nicht vom Gate oder Tastenanschlag zu triggern, sondern vom LFO, was interessante Möglichkeiten eröffnet, insbesondere, weil der LFO zu MIDI synchronisierbar ist.

Auch kann man für Hüllkurve 2 zwischen Single- und Multi-Trigger wählen, eine Option, von der ich immer großer Fan bin, da man bei manchen Sounds trotz Legatospiel nur ungerne auf den Attack verzichtet. Weiterhin lässt sich Env 2 in den Modus "Drone" schalten, bei dem der letzte gespielte Ton endlos gehalten wird (und keiner der Hüllkurvenparameter Wirkung zeigt). Und schließlich kann diese Hüllkurve auch zum Master erklärt werden, so dass effektiv auch das Filter durch Env 1 moduliert wird – eben so, als gäbe es nur eine Hüllkurve für alles.

LFO

Der LFO besticht vor allem durch eine große Variabilität bei den Schwingungsformen, von denen er stolze neun Stück im Angebot hat. Diese sind: Drei Varianten Rechteck, Sägezahn steigend, Sägezahn fallend, Dreieck, Sinus und zwei Zufallskurven. Zudem ist er, wie erwähnt, zu einer einkommenden MIDI-Clock synchronisierbar. In diesem Fall dient der Rate-Poti zur Auswahl des Teilungsverhältnisses, welches mit stattlichen vier Takten beginnt und bis hin zu Sechzehntel-Triolen reicht.

Weitere Bedienelemente und Möglichkeiten

Leuchtend rot präsentiert sich schließlich der Lautstärkeknopf und neben ihm ein Schalter, mit dessen Hilfe das Signal durch eine Verzerrer-Stufe geschickt wird. Ganz unten auf dem Gehäuse fristen die erwähnten, unscheinbaren Plastik-Potis ihr Dasein, wobei nicht alle auch tatsächlich subalterne Funktionen ausführen. Die Mix-Potis für Oszillatoren, Ringmodulator und Noise hatte ich schon erwähnt, und weiterhin zu nennen wäre hier auch der Regler für die Feedback-Schaltung, die einen sehr wesentlichen Soundbeitrag leisten kann. In der Master-Sektion finden sich Potis für Mastertune, Bend (also die Weite des Pitchbendings) und Glide. Und zuletzt bleiben noch zwei Potis, mit deren Hilfe man regelt, inwieweit Env 1 in der Amplitude durch MIDI-Velocity beeinflusst wird und ob Env 1 nicht auch die Pulsweite von Oszillator 1 modulieren sollte.

Auf der beachtlich hohen Frontseite des Boomstar befinden sich etliche kleine Bohrungen im Metallgehäuse. Und die sind entweder für die mutigen oder die besonders fachkundigen unter den Benutzer*innen. Denn es handelt sich hierbei um Einlässe, hinter denen per Kreuzschlitzschraubenzieher diverse Feineinstellungen vorgenommen werden können. An die Feintemperierung der Oszillatoren wagt man sich vielleicht im Normalfall eher nicht, aber die Beschreibung zum zehnten Loch von links klingt doch ganz spannend: "Envelope Drive: Set to full for Minimoog; back off for more Oberheim like sound" ...

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