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02.11.2017

Spieltechnik für Drummer: Gordy Knudtson - The Open/Close Technique

Der Drummer der Steve Miller Band und seine Video-Tutorials

Das Netz ist voll mit Schlagzeug-Videos zur vermeintlich „richtigen“ Hand- und Fußtechnik. Und die Nachfrage ist ohne Zweifel da: Ob im Extreme Metal-Bereich oder in sämtlichen Gospel Chop Baller-Videos – höher, schneller, weiter scheint das Gebot des Jahrzehnts zu sein. Und dass es möglich ist, Dinge mit vier Gliedmaßen in früher unvorstellbaren Geschwindigkeiten anzustellen, bekommt man immer wieder bewiesen. Dazu braucht man nur ein paar Stunden in den einschlägigen YouTube Kanälen zu verbringen. 

Sicher, auch die Industrie hat nachgezogen. So hat fast jeder Hersteller Fußmaschinen im Programm, die viel stabiler, effektiver und leichtgängiger laufen, als es bei den betagten Modellen unserer Idole der Fall war. Doch auch schon damals gab es Trommler, die, trotz relativ einfach gestricktem Instrumentarium, einfach schneller und virtuoser als alle anderen waren. Man denke zum Beispiel an die Jazz-Drummer Buddy Rich oder Papa Jo Jones. Nur gab es damals leider keine Lehr-DVDs, die einen, egal wo auf der Welt man angesiedelt war, mit Expertenwissen aus erster Hand versorgten. In diesen Genuss kam die Drummer Community erst wesentlich später. Die effektiveren Bewegungsstudien, die auf den DVDs von Dave Weckl (How to Develop Technique) oder dem Meilenstein von JoJo Mayer (Secret Weapons for the Modern Drummer) erklärt werden, haben sicherlich dem einen oder anderen Drummer auf der Welt die Augen und ganz neue Möglichkeiten eröffnet. 

Die Open/Close Technik

Auch wenn man schon länger hinter diesem wunderbaren Instrument sitzt, gibt es immer noch Baustellen, die man schon lange angehen wollte, um dann allerdings festzustellen, dass man sich aus tausend anderen Gründen nicht dazu aufraffen kann, wieder in den regelmäßigen Übe-Modus der Jugend einzusteigen. Das wird sicher dem einen oder anderen von euch ähnlich gehen. Ich für meinen Teil suche dann nach neuen Inspirationen. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich die Videos von Gordy Knudtson zur Open/Close Technik entdeckt. Mr. Knudtson ist unter anderem Drummer der auch hierzulande nicht ganz unbekannten Steve Miller Band. Nebenbei ist er auch Leiter des Percussion Departements am McNally Smith College in Minnesota, so erfährt man es auf seiner Website. 

Die Open/Close Technik ist auch unter dem Begriff „Push/Pull Technik“ bekannt. Die Idee hinter der Technik ist an sich keine Neuheit, einige Jazz- und Latin-Drummer benutzten sie zum Beispiel als 2er Figur, um mit ihrer Führungshand schnelle Figuren auf dem Becken zu spielen. Gordy Knudtson hat die Technik weiterentwickelt und beide Hände miteinander verzahnt, um diese Technik auch für durchgehende Wirbel anwendbar zu machen. Das geschah übrigens bereits im Jahre 1999, also ein paar Jahre vor den eben zitierten Technik-DVDs. Wer mit der weit verbreiteten Moeller-Technik vertraut ist, für den ist die Open/Close-Technik wahrscheinlich erst einmal eine ziemliche Umstellung. Im Gegensatz zur „Moeller- Peitsche“ gibt es keine Schwungbewegung mit dem Unterarm für den Akzent, und der Stock bleibt nach dem Downstroke nicht in Ruheposition bis zur nächsten Ausholbewegung, sondern nutzt den Rebound, um wieder aus dem Fell heraus zu springen, wo sich die Hand dann schließt. Die komplette Bewegung wird aus Handgelenk und Fingern ausgeführt, mit dem Ziel, dass der Stock bei jeder Auf- und Abwärtsbewegung das Fell berührt.

Die Basis bilden Gruppen aus 2er, 3er oder 4er Figuren, die mit einem Open Stroke (Akzent aus dem Handgelenk), mehreren Taps (bei 3er und 4er Gruppen aus den Fingern) und dem Close Stroke, bei dem die Hand sich wieder schließt und der Stock aus dem Fell nach oben schnellt, gespielt werden. Diese können entweder als durchgehendes Ostinato - oder mit Pausen dazwischen - mit einer Hand oder synchron mit beiden Händen gespielt werden (das ist beides einfacher umzusetzen). Deutlich anspruchsvoller wird es, wenn beide Hände im Wechsel in verschiedenen Wirbeln miteinander verzahnt werden. Schaut’s euch mal im Video an, wie super Gordy Knudtson die einzelnen Abläufe erklärt und strukturiert. Den Unterschied zur Moeller-Technik erklärt er übrigens in diesem Video.

Das Video zur Open/Close Technik mit allen fünf Teilen: 

 

Noch ein paar Gedanken zur Präsentation: Was mir besonders gut gefällt, ist, dass es hier um das Mittel zum Zweck geht, und der besteht ganz klar darin, Musik zu machen und nicht Trommler mit irgendeiner Show zu beeindrucken. Schon die ersten paar Schläge im Intro des Videos demonstrieren, dass hier einer eine astreine, luftige Pocket spielt - es geht um den Groove! Gordy Knudtsons coole und gleichzeitig sehr sachliche Art, die Dinge und Abläufe zu demonstrieren und dabei nicht mehr als nötig zu erklären, finde ich ungemein erfrischend. Die Technik wird nicht als der einzig wahre Weg dargestellt, sondern als das, was sie ist: eine interessante und facettenreiche Ergänzung zu anderen bewährten und sicher auch bekannteren Spieltechniken.

Weiterführende Links und Infos

Wer noch Lust auf mehr hat: Auf seiner Website gibt es noch einige Technik-Videos, die in jüngerer Zeit entstanden sind: https://www.gk-music.com/free-video-lessons 

Zur weiteren Vertiefung gibt es noch zwei Bücher, in denen die Open/Close-Technik auch grafisch und mit zahlreichen Übungen erläutert wird. Im ersten Buch dreht es sich um den Single Stroke Roll, im zweiten Buch darum, die Brücke zwischen Double Strokes und alternierenden Flams zu schlagen. Beide Bücher sind auf seiner Website zu erwerben: https://www.gk-music.com/product-category/drum-method-books

Ich wünsche euch viel Spaß und inspiriertes Trommeln und Üben!

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