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Test
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26.10.2021

Soma Laboratory Pulsar-23 Test

Analoger, semi-modularer Desktop-Drumsynthesizer

Klangelektronik-Experimentierbaukasten (für Erwachsene)

Es mag sein, dass es diesen Winter an russischem Gas mangeln wird, einen Mangel an innovativen analogen Klangerzeugern muss man dagegen nicht befürchten, denn die russisch/polnische Hardware-Manufaktur „Soma Laboratory“ sorgt in jüngerer Zeit verlässlich für einen stetigen Fluss an innovativer Analog-Hardware. Der neueste Coup von Mastermind Vlad Kreimer, der hier zum Test antritt, ist der Pulsar-23: Ein vierstimmiger, voll-analoger Drumsynthesizer mit (digitaler) Effektsektion, integriertem Loop-Recorder und – fraglos das Wichtigste – semi-modularem Aufbau. Denn aus der Frontplatte ragen mehr als 100 Metall-Pins, die mit Krokodilklemmen (oder jedem anderen leitenden Material) frei miteinander verschaltet werden können.

DETAILS

Der Pulsar-23 versteht sich selber als „multifunktionaler Analog-Synthesizer und Generator komplexer rhythmischer Strukturen“. Soweit so gut. Um das zu erreichen, ist er mit 23 verschiedenen Modulen ausgestattet. Allen voran mit vier analogen Klangerzeugungsmodulen mit gänzlich unterschiedlichen Synthese-Schaltungen, flankiert von vier Hüllkurvengeneratoren, vier autonomen Looper/Recordern, einem Clock-Generator mit Teilern, einem Pseudo-Zufalls-Generator mit binärer Logik und Sample/Hold-Funktion, einem LFO, der von 0.1 bis 5000 Hz schwingen kann. Ferner: Zwei spannungsgesteuerte digitale Effektprozessoren (Delay und Reverb), Distortion (Verzerrung), zwei spannungsgesteuerte Verstärker, ein Inverter (Umkehrer), ein spannungsgesteuerter Inverter und zwei spannungsgesteuerte analoge Schalter. Zusätzlich zu diesen 23 Haupteinheiten stehen noch 13 Hilfseinheiten parat. Darunter ein vierkanaliger MIDI-to-CV-Converter, ein Noise-Generator, vier Attenuatoren, zwei dynamische Steuerspannungs-Generatoren mit kapazitiven Sensorsteuerungsflächen (wie man sie schon vom Lyra-8 kennt) und zwei Impuls-Umwandler.

Auch die Kommunikation mit MIDI-Befehlsgebern beherrscht der Pulsar-23 und das sogar ausgesprochen souverän: Alle vier Klangmodule könne separat auf unterschiedlichen MIDI-Kanälen angesprochen und anschlagdynamisch gespielt werden. Dass Bassmodul erkennt zudem Pitchbend und Portamento-Befehle, zusätzlich können die Parameter „Shape“ und „Warp“ via Controller gesteuert werden. Clock-Divider und Looper/Recorder folgen auf Wunsch einer externen MIDI-Clock. Mehr noch: Es gibt vier MIDI-to-CC-Wandler, die dann als Signalquelle für jeden beliebigen Patchpunkt des Pulsar dienen können. Richtig elegant wird das durch den Umstand, dass jede MIDI-steuerbare Funktionseinheit von einem kleinen Learn-Taster flankiert wird und dessen Betätigung bewirkt, dass der folgende MIDI-Kontroll-Befehl automatisch auf die gewählte Funktion gemappt wird – klasse!

Organismischer Synthesizer

Damit aus dem Pulsar-23 am Ende dann der selbst betitelte „organismische Synthesizer“ wird, der nicht linear, sondern dynamisch agiert, zum Experimentieren einlädt, sich im Setup-Kontext zu einer gelegentlich unberechenbaren Inspirationsquelle entwickelt und vor allen Dingen das dynamische und haptische „Spielen“ wie ein Instrument ermöglicht, wurden entsprechend über hundert Kontaktpunkte in die Frontplatte integriert. Diese lassen sich mit jedem leitenden Gegenstand (Finger, Büroklammer, etc. etc.) untereinander (und extern) verbinden, ohne dass man Gefahr läuft, etwas falsch zu machen. Es gibt hier ausdrücklich keine Verbindung, die man nicht herstellen dürfte, weil sie etwa einen Kurzschluss verursacht. Alles ist möglich - ob es musikalisch/klanglich Sinn ergibt, steht auf einem anderen Blatt. Im Hintergrund arbeitet zudem eine elektrische Logik, die erkennt, womit ein Kontaktpunkt verbunden ist (Quelle/Ziel) und die dann selbstständig zwischen Senden und Empfangen umschaltet.

Die Verbindung stellt man typischerweise mit den mit gelieferten Patchkabeln mit Krokodilklemmen am Ende her (10 x 30 cm, 20 x 65 cm Länge, unterschiedliche Farben). Dass sich Soma hier für dieses etwas aus der Mode gekommene Verbindungssystem entschieden hat, hat verschiedene Gründe – hier nur einige: Der Entwickler wollte zum einen so viele Patchpunkte wie möglich realisieren, zum anderen die Möglichkeiten bieten, dass jeder Punkt problemlos gleichzeitig mit mehreren anderen Punkten verbunden sein kann und nicht zuletzt ging es ihm darum, dass einige der typischen Ziele beim Live-Circuit-Bending möglichst einfach und offen zugänglich sind, sodass sie sich unmittelbar mit den Händen oder anderen niederstromigen Quellen modulieren lassen. Ausdrücklich gewünscht ist dabei auch das versehentliche Berühren der Pins mit den Händen für unvorhergesehene „Happy Accidents“.

Auspacken

Nach dem Öffnen des schlichten braunen Kartons blickt man zunächst auf eine praktische, ziemlich hochwertig gestaltete Umhängetasche, in die sich der Soma Pulsar-23 passgenau schmiegt. Und sofort denke ich mir: Warum machen das eigentlich nicht viel mehr Hersteller mit ihren Geräten. Denn zum einen spart man sich so eine ganze Menge Verpackungsmüll, da das Case ja gewissermaßen schon der Transportschutz selber ist. Zum anderen ist es einfach super, direkt ein passendes Case für den nächsten Gig zur Hand zur haben. Zugegeben, der Gesamtpreis liegt auch in einer Region, wo solche exklusiven Extras schon mal dabei sein können. Trotzdem dürfen sich andere Hersteller da gerne ein Beispiel dran nehmen.

Praktischerweise hat das Case bereits eine Unterteilung mit Fächern für das Gerät selber, das Netzteil, sowie die Patchkabel. Und das ist dann auch bereits der Lieferumfang. Ein sehr gut geschriebenes Manual in verschiedenen Sprachen (auch Deutsch) findet sich auf der Soma-Webseite zum Herunterladen.

Erster Eindruck

Mit seinen vier Kilo Kampfgewicht bleibt der Pulsar-23 dort stehen, wo man ihn hinstellt, was insbesondere im hektischen Live-Betrieb sehr angenehm ist. Er ruht dabei auf vier im Gehäuse verschraubten Gummifüßen, die einen ordentlichen Grip haben. Das Design folgt in seinen Grundzügen der Farb- und Formensprache, die man bereits vom Lyra kennt. Auch die Potenziometerköpfe, Schalter und Metallkontakte sind identisch, ebenso wie der angenehm sachliche Farbcode in kontraststarkem Schwarz-/Weiß. Verarbeitung und Haptik wirken robust und dem harten Live-Elektronik-Geschäft gewachsen.

Beim Blick auf die Optik und das Layout der Bedienoberfläche sollten eigentlich das Herz jedes Synthesizer- und Patch-Liebhabers höherschlagen, besonders, wenn sie oder er einen leichten Hang zur Retromanie hat. Denn der Pulsar-23 sieht – entsprechend der Soma-Designsprache – aus wie ein komplexes Steuermodul, das irgendein Strolch in der Mitte des letzten Jahrhunderts aus einem U-Boot, Atomkraftwerk oder Labor geklaut haben könnte. Und so etwas finden wir ewig spielkindischen und entdeckungsfreudigen Synth-Afficinados grundsätzlich ja eigentlich immer ziemlich klasse. Dabei hält der Pulsar-23 eine erstaunlich gute Balance aus Ehrfurcht einflößender Komplexität und einladendem Layout, was im Wesentlichen daran liegt, dass die vier elementaren Klangmodule relativ exponiert im Zentrum angesiedelt sind, wohingegen ein Großteil der Patch-Stifte und komplexeren Module eher am linken und oberen Rand zu finden sind.

Anschlüsse

Die Anschlüsse sind - genau genommen - sämtliche der über hundert Kontaktstifte auf der Bedienoberfläche. Tatsächlich ist der direkte Abgriff und Einspeisung von der Bedienoberfläche aus das vielleicht mächtigste Feature der Pulsar-23, denn damit fügt er sich (abgesehen von der sehr guten MIDI-Implementierung) in fast jedes Steuerspannungsszenario ein. Soll das Zusammenspiel mit einem Modularsystem erfolgen, geht man entweder den Umweg über die insgesamt acht Miniklinke-auf-Pin-Adapter auf der linken Seite oder besorgt sich einfach ein Sortiment Krokodilklemmen-Kabel und lötet an der einen Seite eine Miniklinke dran. Zu beachten ist, dass der Pulsar-23 unipolar arbeitet (0 – 10 Volt). Ein Großteil der Eurorack-Hardware aber bipolar „spricht“ (-5 bis +5 Volt). Übersetzen kann hier prinzipiell jedes Eurorack-Modul, das über eine Offset-Funktion verfügt, wie z. B. „Blinds“ von Mutable Instruments oder der Doepfer A-183-Offset Generator.

Der Blick auf die Rückseite zeigt dennoch ein erfreulich vollständiges Bild: Der Anschlussreigen startet mit einem Power-Schieberegler, gefolgt von der Netzteil-Buchse und einem DIN-MIDI-In. Es folgen sechs Klinkenbuchsen, die über sechs zugehörige Pins auf der Frontseite, frei mit Signalen gespeist werden können. Den Abschluss bilden ein Mono-Klinken- und Kopfhörer-Miniklinken-Ausgang.

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