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09.10.2016

Solos spielen mit Arpeggios #8 - Improvisieren mit Hexatonics

Gitarren-Workshop

Improvisations-Workshop

Hallo verehrte Gitarristen und Freunde des Dreiklangs. In der letzen Folge haben wir gelernt, wie wir Triadpaare zu neuen Tonfeldern organisieren können, nämlich zu sogenannten "Hexatonics". Exemplarisch für dieses Konzept haben wir die Durtonleiter durchforstet und einen Durdreiklang mit einem Molldreiklang eine große Sekunde darüber verknüpft.

Diese beiden Dreiklänge liefern uns ein sehr interessantes Tonfeld, um über m7 oder maj7 Akkorde zu solieren, womit wir bereits sehr weit kommen und unser Spiel in vollkommen neue Soundgefilde heben können. Allerdings steckt in der Idee noch einiges an Potenzial, dem wir auf den Grund gehen sollten.

In der letzten Zerlegungsform haben wir unsere Dreiklänge in der sogenannten "engen Lage" gespielt. Jeder Akkord wurde also so arpeggiert, dass zwischen die einzelnen Akkordtöne kein weiterer passen durfte und jeder Dreiklang das Intervall einer Quinte oder maximal einer Sexte umriss:

Dem gegenüber steht die sogenannte "weite Lage". Hier wird das Akkordbild sozusagen "auseinandergezogen" und wir bilden den Dreiklang so, dass wir zwischen jedem Akkordton noch Platz für einen weiteren Akkordton hätten. Hierdurch bilden sich Akkorde, die sich bis zu einer Undezime (11) erstrecken können, also ein sehr großes Intervall abstecken:

Übertragen wir dieses Konzept nun auf unsere Hexatonics, so entstehen sehr große Intervallsprünge, die uns als Gitarristen einiges an Links-Rechts-Synchronisation abverlangen. Und das ist gut, denn nichts ist besser als eine technische Übung, die auch musikalisch Sinn macht.

Übrigens werden Fans von Carl Verheyen oder Eric Johnson den einen oder anderen Sound wiedererkennen, der durch diese großen Intervalle entsteht.

Lasst uns die "weite Lage" auf die Hexatonic "G - Am" anwenden und alle Fingersatz-Pattern einzeln bearbeiten:

Das erste Pattern sähe dann folgendermaßen aus:

Exemplarisch am Pattern 1 möchte ich euch noch die anderen Zerlegungsrichtungen aufzeigen, die ihr natürlich mit allen fünf Pattern durchexerzieren solltet:

Die steigende Variante habe ich euch bereits demonstriert. Hier die fallende Zerlegung:

Diese ganzen Variationen können wir nun über einen Groove ausprobieren - hier einen Am7 Vamp in einem balladeskeren Tempo. Im folgenden Beispiel versuche ich alle Formen der Dreiklangszerlegungen, also enge Lage, weite Lage und alle Bewegungsrichtungen miteinander zu kombinieren:

und das Playback für euch:

Auch als komplett unarpeggierte Akkorde machen diese Voicings eine gute Figur.
Hier ein Beispiel über den obigen Am7-Groove:

Selbstverständlich funktioniert auch die weite Lage, wenn man die Dreiklänge nur auf zwei Töne reduziert (analog zur engen Lage in der Folge 7) und dann pendeln lässt -hier ein Beispiel im ersten Pattern in der aufsteigenden Variante:

Auch diese Zerlegung sollten wir früher oder später in allen Pattern mit allen Bewegungsrichtungen (aufsteigend, fallend, Zickzack und Zickzack invers) durchexerzieren.

Zum Abschluss dieses Hexatonictypus möchte ich euch noch ein Beispiel über einen Groove in Gm an die Hand geben - hier versuche ich alle möglichen Zerlegungen der Hexatonic "Gm-F" zu vermischen, verwende jedoch auch das bekannte Skalenmaterial wie Gm Pentatonik oder G-dorisch, um den Sound praxisnah darzustellen, wie er auch in einer freien Improvisation vorkommen kann:

Und das Playback für euch:

 Mit der obigen Hexatonic (Dur Dreiklang + Molldreiklang einen Ganzton höher) erreichen wir bereits sehr viel und können sehr lyrische und moderne Sounds erzeugen. Aus diesem Grund rate ich euch auch, diese Hexatonikform gut zu üben, denn sie ist extrem vielseitig anwendbar und alle anderen Dreiklangskombinationen werden euch viel leichter fallen, wenn ihr eine Variante mal auf Herz und Nieren abgecheckt und einstudiert habt.
Dennoch möchte ich euch gerne noch ein paar weitere Hexatonics vorstellen, die ihr bei Bedarf einüben könnt.
Bisher haben wir eine Möglichkeit entdeckt über maj7 und m7 Akkorde mit der bereits präsentierten Form zu üben. Der nächste logische Schritt wäre, sich den Dominantseptakkord vorzuknöpfen.

Wenden wir unsere Prämissen an, dass sich die Dreiklangspaare optimal ineinander verschachteln, also keine gemeinsame Noten haben sollten, und dabei gleichzeitig keine "Avoid Note" (im Falle des Dominantseptakkordes wäre das die Quarte) beinhalten darf, landen wir bei dem Paar : Vm - VIm - sprich, zwei Molldreiklänge, die einen Ganzton voneinander entfernt sind und auf der Quinte bzw. der Sexte des Dominantseptakkordes stehen. Im Falle eines G7 wären das Dm- und Em-Dreiklänge, die wir pendeln lassen.

Hier ein Beispiel für die steigende Zerlegungsform im ersten Pattern: 

Auch diese Dreiklangskombination lässt sich in allen Bewegungsrichtungen, "weiter Lage" und sowohl als drei- sowie zweitöniger Baustein üben.

Zum Einprägen dieses Sounds habe ich euch einen Track über einen steady Dominantseptakkord (im Beispiel ist das ein G7) vorbereitet - im Soundbeispiel benutze ich alle möglichen Kombinationen, um die Hexatonic "Dm - Em" auszufahren, danach dürft ihr euch im Playback austoben:

Um nichtalterierte Dominantseptakkorde auszuspielen, eignet sich dieses Molldreiklangspendel bereits hervorragend. Allerdings gibt es noch eine weitere Möglichkeit, die zwar eher ein 7/9sus4 Sound erzeugt, jedoch wunderbar über Dominantseptakkorde funktioniert. Dabei handelt es sich um zwei, einen Ganzton benachbarte Dur-Akkorde, im Beispiel G7 wären das ein F-Dur und ein G-Dur.

Interessanterweise klingt diese Kombination auch sehr gut über einen kompletten (Dur-) Blues in G. Hier ein kleines Beispiel für diesen Fall: Ein Blues in G, wobei ich ab und zu auch die Gm-Pentatonik einstreue:

und euer Playback:

Auch die Fusion und Jazzleser meiner Triadreihe sollen nicht zu kurz kommen, denn selbstverständlich begegnen uns im Jazz auch Akkorde wie mmaj7, Dom7#11, alterierte Dominanten oder m7/b5/9 Akkorde - sprich Akkorde, die im weitesten Sinne dem Tonfeld Melodisch Moll entspringen.

Jedem, der jetzt befürchtet, man müsste für jeden Akkordtyp wieder eine separate Hexatonic einstudieren, sei an dieser Stelle Entwarnung gegeben. In diesem Tonfeld reicht uns eine einzige Hexatonic aus, die wir über alle Akkorde aus Melodisch Moll anwenden können, nämlich ein Molldreiklang und einen Halbton darüber ein übermäßiger Dreiklang.

Diese Hexatonic müssen wir natürlich auf verschiedenen Stufen anwenden, wie ihr der folgenden Tabelle entnehmen könnt:

Akkord Hexatonic
Moll maj7 IIm - bIII+
Dom7#11 VIm - bVII+
m7/b5/9 IVm - bV+
7/alt bIIIm - III+

Konkret auf Grundtöne bezogen hieße das:

Akkord Hexatonic
Am maj7 Bm - C+
A Dom7 / #11 F#m - G+
Am7 / b5 / 9 Dm - Eb+
A7 / alt Cm - C#+

Auch diese Hexatonic möchte ich euch am Beispiel des ersten Patterns für "Bm - C+" aufzeigen:

 Um den Sound ins Gehör und die Fingersätze ins Gefühl zu bekommen, dürft ihr gerne die obigen Playbacks verwenden. Über das Gm-Playback lässt sich wunderbar der G Melodisch Moll-Sound austesten (mit Am - Bb+ Hexatonic).
Die Dominantplaybacks funktionieren, obwohl sie für mixolydische Sounds ausgelegt sind, auch hervorragend, wenn man sie als mixo#11 oder alteriert auffasst.
Da sich das Playback in G7 bewegt, wäre die Hexatonic Em - F+ für den mixo #11 Sound zuständig und die Hexatonic Bbm - B+ für den alterierten Sound.

Zum Abschluss möchte ich euch noch eine tabellarische Übersicht über alle behandelten Hexatonics und die dazugehörigen Akkorde aufzeigen: 

Akkordtyp Hexatonic
maj7 V - VIm
m7 bIIV - Im
Dom7 Vm – VIm
Dom7(sus4); Durbluesform bVII - I
Moll maj7 IIm - bIII+
Dom7#11 VIm - bVII+
m7/b5/9 IVm - bV+
7/alt bIIIm - III+

Und damit sind wir auch wieder am Ende einer Folge über die Dreiklänge angelangt. Ich gebe zu, das Thema hat es ganz schön in sich und es kristallisieren sich natürlich eine ganze Reihe an Hexatonikformen heraus, die man üben könnte - jedoch nicht muss.

Jeder sollte selbst für sich entscheiden, was er in sein Spiel integrieren will. Die zu Beginn vorgestellte Hexatonik Dur - Moll, bildet einen tollen Einstieg und die restlichen Formen sind nicht zwingend notwendig, es sei denn, man braucht noch mehr tonale Entfaltungsmöglichkeiten. Da das Tonfeld Melodisch Moll im Popbereich eher eine untergeordnete Rolle spielt, wird auch hier der eine oder andere eventuell eine Selektion vornehmen können. Wofür ihr euch auch immer entscheidet, wenn ihr interessante neue Sounds entdeckt habt, so hat der Workshop seine Aufgabe erfüllt.

In der nächsten Folge will ich euch zeigen, wie man Dreiklänge sehr elegant als einen Mittelweg zwischen Rhythmus- und Sologitarre in Form von Embellishments (Verzierungen) und Begleitformen anwenden kann.

In diesem Sinne, bis bald und stay tuned!

Haiko

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