Hersteller_Solid_State_Logic_SSL
Test
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22.12.2015

Praxis

SSL ist SSL – auch beim VHD Pre

Wenn ein Preamp verspricht, eine weite Range von clean bis gefärbt anzubieten, dann ist es nur verständlich, wenn man mit dem Betrachten des Cleansounds beginnt, um die diesbezüglichen Möglichkeiten auszuloten. Daher mache ich es auch beim SSL VHD Pre für das API-Modulformat so. Die Kassette stecke ich in einen leeren Slot meiner Bento-Box und fahre das System hoch. Egal, welches Mikrofon ich aus der Grabbelkiste ziehe und an den Solid State Logic stöpsle, der Vorverstärker geht pflichtbewusst seiner Arbeit nach. Das Preamp-Modul zeigt klanglich genau, was die VHD-Schaltung darstellt, nämlich einen wirklich guten Pult-Preamp, der mit allen Anforderungen gut zurechtzukommen hat. Und das stimmt: Bändchen, Tauchspulen, Kondensatormikrofone, sie alle funktionieren hervorragend, auch dank der hohen Maximalverstärkung und der gleichzeitigen Rauscharmut. Und noch etwas stimmt: Der VHD ist der Duality-Konsole entliehen, und zwar zu einem höheren Grad, als es das „Marketing-Minimum“ notwendig machen würde: Die VHD-Schaltung in der Duality ist mit der aller Outboard-/Modulsysteme identisch. Es werden auch identische Komponenten benutzt, ja sogar der Herstellungsort ist der gleiche.

Klanglich ist der Preamp linear und transparent. Ohne aktivierte VHD-Schaltung wirkt er etwas charakterarm und unaufgeregt, aber nicht allzu blass und langweilig. Schließlich glaubt man, eine etwas verstärkte Griffigkeit in den Mitten ausmachen zu können. Bei der Umschaltbarkeit der Eingangsimpedanz hätte ich mir eher noch eine etwas geringere Stufe gewünscht, um eine Unteranpassung mit Bändchen und manchen Tauchspulen bewerkstelligen zu können. Bezüglich der Transientengeschwindigkeit konnte ihm mein True Systems P-Solo Ribbon aber den Rang ablaufen, weshalb dynamische Mikrofone insgesamt etwas feingliedriger wirkten. 

Das Handling mit getrenntem Gain und Trim liebe ich zwar, doch finde ich es angenehmer, wenn Gain dafür auch gerastert ist. Zwei Kanäle auf identisches Gain zu stellen, ist dabei eher fummelig. Aber sind wir mal ehrlich: Damit muss man bei einem durchaus preiswerten Preamp schlicht und einfach leben können. Und das kann man auch.

Variable Harmonic Drive

VHD steht für „Variable Harmonic Drive“. Genau diese Funktion hatte ich beim ersten Ausprobieren eines derartigen Preamps nicht ohne Ehrfurcht gedrückt, denn schließlich ist sie der Namenspate für eine komplettes Preamp-Schaltungsdesign. Erst, wenn man mit der Verstärkung in den höheren Pegelbereich kommt, werden die eingestellten Obertöne generiert. 

Die Anreicherung mit dritten Harmonischen, also Transistor-Zerrprodukten, gibt allen Signalen deutlich mehr Präsenz im Mix, schnell fühlt man sich an die späten 70er und die 80er erinnert. Die Signale werden durchsetzungsfähiger und schnittiger, ohne dabei direkt etwas von ihrer Hochwertigkeit einzubüßen. Oft ist es ja so, dass leicht angereicherte Signale dynamisch zusammenbrechen und ihre Feinheiten verlieren, das ist beim SSL definitiv nicht so. Nutzt man die röhrenähnlichen dritten Harmonischen, erhält man wie zu erwarten ein verbreitertes, voluminöses Signal, das natürlich Platz im Mix für sich beansprucht.

Klasse Standard-Amp – auch im Mixdown

Für Standardsignale, also am Drumkit, für viele Gitarren, besonders auch Keyboards ist die VHD-Möglichkeit absolut genial, besonders, wenn zweite und dritte Harmonische kombiniert werden. Sicher, wer mehrere dieser Preamps nutzen will, greift vielleicht lieber zur Rackversion Alpha VHD-Pre. Das ist nämlich preiswerter, aber selbst für ein oder zwei Klangquellen hat man mit dem 500er alle Anpassungsmöglichkeiten, die man gemeinhin benötigt. 

Natürlich kann der Preamp bei aller Flexibilität nicht alle Klangnuancen bedienen, und so gibt es verständlicherweise Unterschiede. Allerdings bewegt sich dennoch alles auf hohem Niveau. Röhrensättigung erhält man auch weiterhin in höchster Qualität von Röhrengeräten, so ist ein 610er-Preamp immer noch ein Stück bauchiger und wohliger, sodass ich für Hauptsignale wie Vocals im Zweifel eher auf diesen Typ zurückgreifen würde – sofern verfügbar. Dennoch kann man auch mit dem VHD als einzigem Preamp durchaus glücklich werden! Insofern ist der kleine Preamp aus Oxford eine gute Alternative zu anderen „anreicherbaren“ Amps wie den RNDs mit ihrer Silk-Schaltung, aber auch zu „echten“ Solid-State-/Röhrengeräten wie dem Twin-Finity von UA. 

Ach, und hatte ich das Hochpassfilter schon angesprochen? Hatte ich, aber bislang noch nicht in der Praxis: Es ist absolut hervorragend! Und es ist ein weiteres Argument dafür, den Preamp nicht als einzelnen Mikrofon-Preamp für die besondere Aufgabe zu sehen, sondern als perfekten Standard-Amp, der auch im Mixdown mit Line-Signalen seine vollen Stärken ausspielen kann. 

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