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Test
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27.01.2012

Shure SM58 Test

Tauschspulenmikrofon Klassiker

Keine Experimente!

Die Aufgabe, über das Testobjekt SM58 einen Einleitungstext zu schreiben, ist in etwa vergleichbar mit der Herausforderung, erklären zu müssen, wer eigentlich dieser Franz Beckenbauer ist oder womit das Unternehmen “Volkswagen” sein Geld verdient. Das Shure SM58 darf sich unbestritten als das bekannteste Mikrofon der Welt bezeichnen und sicher auch als das am weitesten verbreitete auf den Bühnen und in den Studios und Proberäumen dieser Welt.

Seit 1966 wird das 58er gebaut, die Veränderungen im Laufe der Zeit kann man vernachlässigen. Shure wirbt damit, dass jede Generation dieses Mikrofon neu entdecke. Das gilt zwar nicht so unbedingt für meine Großeltern, doch prinzipiell ist es richtig. Wie verhält es sich also mit dem Mythos 58?

Details

Nicht irgendein Mikrofon, sondern DAS Mikrofon!

Lasst Passanten in der Fußgängerzone “ein Mikrofon” auf ein Blatt Papier zeichnen, fast alle werden die “Eistüte” skizzieren: Sie werden ein konisches Handteil zu Papier bringen, auf welchem der Korb in Form einer Kugel thront. Damit wäre die äußerliche Beschreibung des SM58 schon fast abgeschlossen. Der Korb mit dem groben Gitter lässt sich abschrauben, damit der innenliegende Schaumstoff gereinigt oder der gesamte Korb ausgetauscht werden kann. Das Mikro ist zwar bekannt für seine Robustheit, doch gibt es mit dem Korb eine Knautschzone, die bei einem Sturz die eigentliche Kapsel schützt. Die Tauchspulenmembran ist durch ein Lochgitter auch rückseitig für den Schall erreichbar. Der Umweg, den er dabei durch das Laufzeitglied nehmen muss, beschert dem SM58 die Richtcharakteristik Niere.

Das SM58 ist für Gesang ausgerichtet und das wohl bekannteste Shure Modell

Bei 1 kHz gibt das Mikrofon 1,85 mV/Pa aus, was -54,5 dBV entspricht. Der grafische Frequenzgang beginnt bei 50 Hz mit etwa -6 dB im Vergleich zum 1kHz-Punkt. Jedoch kann der Nahbesprechungseffekt bei geringem Abstand zu Schallquelle ordentlich Bass liefern. Eine Oktave über 50 Hz – also bei 100 Hz – ist die Frequenzgangkurve “auf Niveau” und recht linear bis 1 kHz. Eine sanfte, breite Delle zwischen 0,5 und 1 kHz ist bei genauerem Hinsehen auszumachen. Es folgt ein sanfter Anstieg, der sein Maximum bei etwa 5 kHz mit annähernd 6 dB hat. 10 kHz sind ebenfalls gepeakt; im Hauptbereich scharfer S-Laute, der zwischen den beiden genannten Frequenzen liegt, gibt es eine kleine Einbuchtung. Darüber geht es wie bei eigentlich allen Tauchspulenmikros mit der Frequenzgangkurve wieder gen minus Unendlich. Der beschriebene S-Notch verdeutlicht, dass das Shure SM58 in erster Linie für Gesang ausgerichtet ist, doch das verbietet natürlich nicht automatisch den Einsatz an Instrumenten. Abseits der menschlichen Stimme hat sich typischerweise das SM57 etabliert, das einen prinzipiell ähnlichen Aufbau aufweist, jedoch auf den kugelförmigen Kopf verzichtet. Dass dieser nicht nur Zierrat oder wie oben angesprochen “Knautschzone” ist, dürfte sich von selbst verstehen: Vor allem die innenliegenden Schaumstoffschichten dienen als Popp- und Windschutz.

Praxis

Dieses Mikrofon steckt fast alles weg!

Die etwas unspektakulären Details machen es deutlich. An diesem Mikrofon ist im Grunde alles “normal”. Allerdings ist das kein Wunder für ein Werkzeug, das quasi die Norm darstellt. Doch bevor es zu dem geht, was das Mikro an seinem XLR-Output den nachfolgende Geräte weitergibt, möchte ich noch ein paar Worte zu einer Eigenschaft des SM58 verlieren, die nicht zuletzt für seinen Siegeszug verantwortlich ist: Dieses Mikrofon ist einfach unfassbar robust! Ich habe es nicht nur stürzen sehen, sondern war auch Zeuge, wie ein schwer betrunkener und durch Kritik in seiner Ehre gekränkter Metal-Sänger (eine konfliktbeladene Kombination!) ein SM58 mit voller Wucht gegen eine Proberaumwand warf. Der XLR-Stecker war verbogen. Hätte die andere Seite die Wand geknutscht, wäre der Korb deformiert gewesen. Als “Härtefall” würde ich schon bezeichnen, wenn er sich so stark verzogen hätte, dass man ihn nicht mehr vom Gewinde hätte drehen können. Es gibt bei Youtube einige witzige Clips über das “härteste Mikrofon der Welt”: Es wird gegen Wände und aus Hubschraubern geworfen, kopfüber in Wasser (und natürlich Bier!) gehalten, mit PKW und LKW überfahren, eingefroren, in Mikrowellen gesteckt und ein Jahr lang in der Erde vergraben. Wie sich das allerdings langfristig auf seine Funktionen auswirkt, ist eine andere Sache, denn auch Korrosion kann ein fieser Gegner für ein Mikro sein. Doch im Regelfall überleben 58er derartige Torturen. Ich habe ein Exemplar gesehen, das die deutschen Kulturbotschafter von Rammstein bei einer ihrer Bühnen-Zündeleien halb gegrillt hatten – es war kaum noch zu erkennen, funktionierte aber noch. Sicher: Hohe Temperaturen über einen längeren Zeitraum sind vor allem der Membran nicht gerade zuträglich, aber so etwas liegt zugegebenermaßen auch weit außerhalb des üblichen Einsatzzwecks. Da fällt mir noch eine SM58-Marter ein: Zwei Amerikaner haben das Wort “Shootout” wörtlich genommen und ein 58er – ganz dem Klischee entsprechend – mit Flinten von einem alten Ölfass heruntergeschossen. Ob sie “Oh mein Gott! Es kommt direkt auf uns zu!” gerufen haben, bevor sie auf den unbewaffneten Schallwandler gefeuert haben, ist mir nicht bekannt. Doch bewaffnet hin oder her: Die passive Armierung ist offenbar ordentlich.

Großartig im Nahbereich, etwas weniger ausgeprägtes Höhenband

Nicht nur die Bauweise ist bullig und kraftvoll, auch der Sound. Ein SM58 klingt vor allem in seinem Haupteinsatzgebiet Stimme gerne etwas dicker und kompakter als viele andere Mikrofone. Oft ist das angenehm, weil der Klang von Männern wie von Frauen dadurch “kerniger” und durchaus “amerikanischer” wirkt. Allerdings wird dafür einiges an Platz im Mix benötigt, sodass man vor allem am Live-Mischpult aufpassen muss, dass die Gitarren nicht mit dem Gesang ins Gehege kommen. Insgesamt klingt das Shure eher bauchig, aber dadurch auch etwas weicher als so manche “Präsenz-Säge”. Übertrieben scharfe S-Laute muss man nicht fürchten, das Mikrofon mit dem Kugelkopf ist in dieser Hinsicht recht behutsam. Für Stimmen mit wichtiger Textur im Höhenbereich wünsche ich mir oft ein etwas ausgeprägteres Höhenband. Etwas Luftigkeit vermisse ich manchmal besonders bei Frauenstimmen, dagegen ist es großartig bei naher Besprechung, denn dort kann man der Stimme ein ordentliches Fundament geben. Für Shoutings ist das Mikrofon hervorragend, vielleicht ein gutes Beispiel für Brüllaffen mit 58er sind die Krachbubis von Fugazi und MacGuyvers böser Bruder, Henry Rollins. Übrigens: Die Beatboxer unter euch werden diesen Text hier wahrscheinlich nur lesen, um auch sicher zu sein, dass ihre Kunst im Zusammenhang mit diesem Mikrofon genannt wird. Also: Wenn es ein Standardmikrofon dafür gibt, dann das SM58!

Was für die Stimme gut ist, muss für Instrumente nicht schlecht sein

Doch auch wenn es “echte” Instrumente sind, die aufgenommen werden müssen, ist ein Shure SM58 keine schlechte Wahl, obwohl es eindeutig als Vocal-Mike konzipiert wurde. Ich finde zwar, dass der Kugelkopf vor Amps, Bläsern und Schlaginstrumenten irgendwie deplatziert aussieht, aber schließlich ist das klangliche Ergebnis wichtig. Und wie man sich anhand der Audiofiles überzeugen kann, funktioniert das ganz gut. Die für Stimmen geltenden Eigenschaften sind natürlich an anderen Schallquellen ebenfalls zu finden. Will man also etwas breitere Sounds aus dem Amp holen, kann man durchaus zum Shure SM58 greifen, das besonders im Vergleich zum 57 ein klein wenig dicker klingt. Sehr deutlich wird der Unterschied bei dem “Chords”-File. Doch wie immer gilt beim SM58, dass es eben dieses angesprochene “klein wenig” ist, was es ausmacht. Daher ist es nicht verwunderlich, dass ein Song, dessen sämtliche Signale mit dem 58 aufgenommen wurden, immer noch ausgewogen und “rund” klingt.

Fazit

Mit dem SM58 hat das amerikanische Unternehmen Shure zweifelsohne einen Gründungspfahl in den Boden von Musik und Tontechnik gerammt. Zum Standard ist es nicht umsonst geworden: Ein wesentlicher Vorteil ist die hohe Verbreitung, denn kaum jemand kann sich bei Benutzung dieses Mikros verschätzen. Das 58 verträgt sich mit einer Vielzahl an Quellen, ist klanglich recht ausgewogen und dazu sehr robust, betriebssicher und langlebig. Eine weitere Voraussetzung für seinen Siegeszug erfüllt es noch heute: Es ist äußerst preisgünstig. Von der eigentlichen Ausrichtung als Gesangsmikro sollte man sich nicht täuschen lassen, wie sein Geschwisterchen SM57 kann auch das SM58 als Instrumentenmikrofon hervorragende Ergebnisse abliefern.

  • Pro
  • absoluter Standard, dessen Eigenschaften jeder Techniker und Musiker kennt
  • gutes Preis-Leistungsverhältnis
  • äusserst robust und betriebssicher
  • geringe Anfälligkeit für Handgeräusche, Popp und Zischlaute
  • Contra
  • Keins
  • Technische Spezifikationen
  • Empfängerprinzip: Druckgradientenempfänger (mit Laufzeitglied)
  • Richtcharakteristik: Niere
  • Wandlerprinzip: dynamisch (Tauchspule)
  • Frequenzgang: 40 Hz (ca. -12 dB) - 15 kHz (ca. -5 dB)
  • Übertragungsfaktor: 1,85 mV/Pa
  • Ausgang: XLR male
  • Preis: Euro 145,- (UVP)

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