Hersteller_Roland
Test
3
06.08.2010

Praxis

Der GAIA erklärt sich tatsächlich fast von selbst, der Blick in die Bedienungsanleitung erübrigt sich weitgehend. Für fast jede Funktion gibt es einen eigenen Button, Fader oder Drehregler. Die Parts lassen sich völlig unabhängig voneinander editieren. Möchte man bestimmte Einstellungen für alle Parts gleichzeitig vornehmen, muss man nur alle drei gleichzeitig anwählen. Dies ist sehr praktisch und konzeptionell gut durchdacht.

Die Fader und Poti kennen übrigens nur eine Betriebsart, nämlich "jump", d.h. dass der Wert auf die aktuelle Position springt wenn man einen Regler berührt. Abhol- oder Relativmodus, wie man sie von anderen Synths her kennt, kann man beim GAIA nicht einstellen, aber ich persönlich bevorzuge beim Programmieren sowieso den Jump-Mode. Leider gibt es keine Möglichkeit, den aktuellen Wert eines Reglers abzufragen, bevor man ihn berührt. Hier fehlt einem dann doch das Display, das solche Werte anzeigen könnte. Ruft man die Funktion "Manual" ab, so werden die aktuellen Positionen aller Regler abgefragt und alle Parameter entsprechend eingestellt. So kann man mit der Programmierung beginnen, ohne Parametersprünge zu erleben. Diese Funktion ist so sinnvoll, dass man sich fragt, warum es das bei keinem anderen (mir bekannten) Synth gibt!

Es gibt allerdings auch noch einige erweiterte Funktionen, die nur per „Shift“-Knopf zugänglich sind und die man auf dem Panel nicht findet. Die Velocityempfindlichkeit des Amps z.B. stellt man ein, indem man Shift drückt und dann am „Amp Level“-Knopf dreht. Seltsamerweise ist diese Funktion am „Amp Level“-Regler nicht ersichtlich. Man hätte die Mehrfachbelegung dieses Knopfes ruhig mal in grau daneben schreiben können. Dasselbe ist beim Regler „Filter Cutoff“ der Fall. Auch hier kann man nicht sehen, dass man mit „Shift“ die Velocityempfindlichkeit des Cutoffs einstellen kann. Also braucht man letztendlich doch die Anleitung, was insofern schade ist, als es sicher kein Problem gewesen wäre, die Regler entsprechend zu kennzeichnen.

Bei einigen erweiterten Funktionen wird es dann ziemlich kryptisch. Hier mal ein Beispiel aus dem Manual, wie man festlegt, ob das Master-Tempo intern oder extern erzeugt werden soll:

1. Hold down the [CANCEL/SHIFT] button and press the [V-LINK] button.

2. Hold down the LFO [TEMPO SYNC] button and press one of the effect buttons.

[DIST] button: PATCH

[FLANGER] button: SYSTEM

[DELAY] button: MIDI

[REVERB] button: USB

3.Press the [CANCEL/SHIFT] button.

Um die erweiterten Funktionen ohne Bedienungsanleitung beherrschbar zu machen wäre ein Display nützlich gewesen, aber dieses wurde offensichtlich aus Kostengründen eingespart.

Irgendwo muss der günstige Preis ja herkommen, von daher wollen wir das jetzt nicht weiter bemängeln. Vielleicht kann man auch irgendwann einmal alle Spezial-Tastenkombinationen auswendig.

Sound

Ich sag es mal gleich vorweg: der GAIA klingt spitze und kann mit teureren Konkurrenten locker mithalten. Vor allem die Flächen haben es mir angetan. Da ich in den Werksprogrammen keine Fläche gefunden habe, die mir gefällt, habe ich mir kurz selbst eine gebastelt. Dies geht mit dem GAIA sehr schnell und einfach.

Nehmen wir zunächst mal eine einfache Pulswelle. Dieses Audiobeispiel zeigt eine Pulswelle, die zunehmend stärker per LFO in der Pulsweite moduliert wird.

Nun die Pulswelle mit Pulsweitenmodulation (PWM), etwas heruntergefiltert.

Jetzt schalten wir Part 2 dazu, ebenso mit einer modulierten Pulswelle, und das ganze etwas verstimmt zu Part 1.

Und nun noch der dritte Part dazu. Wunderbar! Was für eine schöne, fette Fläche!


Leider gibt es unter den Effekten keinen Chorus, der würde jetzt gut passen.

Man kann zwar das Delay zum Chorus umfunktionieren, wenn man eine kurze Delayzeit und etwas Feedback benutzt, aber ein Chorus in alter Juno 60 Tradition wäre noch schön gewesen.

Da jeder Part seine eigene Verstärkerhüllkurve besitzt, lassen sich Sounds erstellen, wie sie nicht mit jedem Synthesizer möglich sind.

In diesem Beispiel sind alle drei Parts aktiv. Osc1 ist mit Sägezahn belegt, Osc2 mit Rechteck und Osc3 mit einer Dreieckwelle. Die Hüllkurven sind unterschiedlich schnell programmiert, so dass man in der kurzen Attackphase Osc1 hört, dann Osc2 und am Schluss Osc3.

Selbstverständlich kann der GAIA nicht nur Flächen produzieren, sondern auch vieles mehr. Allerdings sind die Hüllkurven nicht die allerschnellsten, so dass besonders perkussive, „clickige“ Sounds nicht seine Stärke sind.


Hören wir uns mal ein paar Werkssounds an. Hier ein Leadsound auf Basis der SuperSaw Wellenform:

Eine analog erzeugte Orgel. Gar nicht mal so schlecht.

Im Hard Sync Mode und bei Ringmodulation sind die Parts nicht voneinander unabhängig, sondern Osc 1 und Osc 2 arbeiten zusammen, indem Osc 2 als Modulator auf Osc1 wirkt. Im Hard Sync Betrieb arbeitet nur GAIA nur noch monophon, aus welchem Grund auch immer.


Auch Special Effects sind realisierbar:

Die Effekte klingen recht hochwertig. Hier mal ein Beispiel mit viel Hall:

Für den Live-Einsatz ist der Tap Tempo-Button eine sehr gute Sache. Sowohl die LFOs als auch die Delays und der Arpeggiator lassen sich per Tap Tempo zur Musik anpassen - das Tempo kann auch per Fußpedal getapt werden. Diese Möglichkeit vermisse ich bei sehr vielen anderen Synthesizern.

Unter den erweiterten Funktionen findet man auch Patch Remain, d.h. dass gehaltene Töne stehen bleiben, auch wenn man den Sound umschaltet. Man kann mit dem neuen Sound spielen und der alte klingt noch so lange weiter, wie man ihn gedrückt hält. Dies findet man bei VA-Synths in dieser Preisklasse sonst nirgendwo. Allerdings darf man vom Patch Remain des GAIA nicht zu viel erwarten, denn man hört beim Umschalten eine kurze Unterbrechung, und die Effekte schalten sofort um. Dies schränkt die Nützlichkeit dieser Funktion leider stark ein.

3 / 4
.

Verwandte Artikel

User Kommentare